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Full text of "Sola fide [microform] : eine exegetische Studie über Jakobus 2 zur reformatorischen Rechtfertigunslehre"

M AX LACKMANN 



SOLA 
FIDE 



EINE EXEGETISCHE STUDIE 




CD 

V 



Beitrage zur 
Forderung christlicher Theologie 

^ 

Begriindet von Adolf Schlatter 
Herausgegeben von Paul Althaus 

2. Reihe 

Sammlung wissenschaftlicher Monographien 

50. Band 
Lackmann, Sola fide 



C- BERTELSMANN VERLAG GUTERSLOH 



MAX LACK MANN 



/ 

"SOLA FIDE 



Eine exegetische Studie iiber Jakobus 2 
zur reformatorischen Rechtfertigungslehre 



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I'- ' ____ 



C- BERTELSMANN VERLAG GUTERSLOH 






Copyright 1949 by C. Bertelsmann Giiteralob. 

Dfuck Mohn & Co GmbH Giitersloh 

Alle Rechtevorb eh a 1 1 e n 



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Inhalt 

Vorwort 9 

Erster Teil: Eine Auslegung von Jak. 2, 14 26 ....... 15 

Zweiter Teil: Das Problem 85 

1. .Spannungseinheit im Zeugnis der Schrift und in der Theologie der 
alten Kirche 85 

2. Theologischer Stillstand im mittelalterlichen Denken . . . . 89 

3. Der Ruf des Evangeliums nach personaler Existenz . . -. . . 91 

4. Verlust der urchristlichen Spannungseinheit in der spatmittelalter- 
lichen Kirche 92 

5. Der reformatorische Auftrag:, Riickkehr und Fortschritt .... 95 

6. Mangel der theologischen Verstandigung bei Luther 100 

7. Luthers MiBverstandnis von Jakobus 2 als Ausdruok eines theo- 

'i logischen KurzscHusses . 106 

8. Losungsversuche gegen und neben Luther . . .... . . 109 

9. Das Bingen um Wiedergewinnung der urchristlichen Antinomie in 
evangelischer Verantwortung (achtzehntes und neunzehntes Jahr- 

; hundert) .. : . . -. 116 

10. Die exegetische Bemiihung Adolf Schlatters . ... . . . 124 

: 11. Reformatorische Rechtfertigungdehre als bleibende Aufgabe des 

Wortes Gottes' .127 



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Justificat erga eos Christus tantummodo, qui novam vitam exemplo 
resurrectionis ipsius susceperunt." (Origenes, in Rom. IV, 7) 

,,Ex fidei libertate, iustificatur homo, non ex legis servitute, quia 
iustus ex fide vivit." (Tertullian, adv. Marc. V, 3) 

,,Fides impetrat, quod lex imperat." . (Augustinus, Enchir. xxxi, 11?) 

,,Sic enim per fidem Christus in nobis, imo Tmimn cum nobis est. At 
v Christus est iustus et omnia implens Dei mandata, quare et nos per 
ipsum omnia implemus, dum noster factus est per fidem." 

(Luther, Heidelberger Disputation, W. A. I, 364, Probatio zu Conclusio XXVI) 

,,Lerne Christum, und zwar den Gekreuzigten! Lerne ihm lobsingen 
und an dir selber verzweifelnd sprechen: ,Du, Herr Jesu, bist meine 
Gereehtigkeit, ich aber bin deine Siinde; du nahmst an dich, was 
mein war, und hast mir gegeben, was dein ist; du hast an dich ge- 
nommen, was du nicht warst, und hast mir gegeben, was ich nicht 
war!'Nimm dich nur in acht, dafi du nicht eine solche Reinheit er- 
strebst, daB du nicht mehr als ein Sunder erscheinen oder gar nicht 
mehr ein Sunder sein willst! Denn nur in Siindern wohnt Christus." 

(Luther, an Georg Spenleln, 8. April 1516) 

t 

,,Duplici ratione amovetur peccatum: vel quia non imputatur ac 
perinde habetur ac si nunquam fuisset, vel quia peccatum ipsum 
*revera aufertur, nee amplius peccatur. . . Utraque haec amovendi 
peccati ratio in iustificatione coram Deo'nostra conspicitur. Ut autem 
cavendum est, ne, ut hodie plerique faciunt, vitaesanctitatem atque 
innocentiam effectum iustificationis nostrae coram Deo esse dicamus, 
sic diligenter cavere debemus, ne ipsam sanctitatem atque inno- 
centiam iustificationem nostram coram Deo esse credamus, neve 
illam nostrae coram Deo iustificationis causam efficientem aut impul- 
sivam esse affirmemus, sed tantummodo causam, sine qua earn 
, iustificationem non contingere decrevit Deus." 

(Socin, de iustificatione, Opp. II, S. 603) 

: ' ' ^ 

! ,,Sine operibus fides mortua et ad iustificationem inefficax est." 

(Pbilipp von Limborch, Theologia Christiana, VI. 4, 22) 







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1 



Vorwort 

Unter den Fragen, die mich seit dem Studium der Bekenntnis- 
schriften der Lutherisclien Kirche und seit der tJbernahme seelsorger- 
lichen Dienstes in der Gemeinde beschaftigen, steht an erster Stelle die 
nach der Lehre von der Rechtfertigung des Menschen durch Gott. 
D. h. zunachst ein Ausschnitt dieser Lehre: die Frage nach den ,,Be- 
dingungen", die erfiillt sein nriissen, wenn Gott den Mensehen als ,,Gott- 
gerecht" annehmen und der Mensch Gottes als seines Freundes und 
seiner selbst als 33 Gott-gerecht" gewiB sein soil. 

Das Studium der Heiligen Schrift und der Geschichte der JKirche,. 
aber auch die eigene geistliche Erfahrung bestarkten mich von Jahr zu 
Jahr mehr in der GewiBheit, daB jener ,,articulus stantis .et cadentis 
ecclesiae" sowohl nach seinem Lehrgehalt wie nach seiner Stellung, die 
er in der dogmatischen Tradition der Elirche seit der Reformation ein- 
nimmt, einer theologischen Naherbestimmung bediirfe. 

Diese Behauptung bedeutet nicht, daB das normative Dogma der 
Kirche falsch sei und die Kirche bei der Aufstellung des Bekenntnisses 
in<iieser Sache geirrt habe. Aber sie bedeutet die Anerkennung dreier 
Tatsachen, die jedes lehrhafte Bekenntnis der Kirche bestimmen und 
begleiten: 

1. Die Beziehung auf eine einmalige geistige und geistliche Lage der 
Zeit und der Kirche in ihr. Das 1st Wiirde und Grenze jeder Bekenntnis- 
fbrmel, der die Kirche verpflichtet ist. ' 

2. Die theologische Erlaaterung und das Bekenntnis zur gottlichen 
Sache sind zu unterscheiden. 

3. Die Neigung der Geistes- und Kirchengeschichte, jene Relation 
und Distinktion zu iibersehen. 1 ) 

Die Beriicksichtigung dieser drei Tatsachen ist fiir unser Problem 
um so wichtiger, als die Frage nach der, 3 ,Rechtfertigung" einen 

x ) ,,Die Zustimmung zu einem Dogma bezieht sich nicht auf die wissenschaft- 

UcHe Technik seiner Formulierung, sondern bezeichnet die Billigung der Verwerfung 

des Gegensatzes, wider den das Dogma sich wendet, sowie die t5bereinstimmung 

! mit der religiosen Tendenz, um derentwillen jene Verwerfung erfolgt" (Beiohold 

Seeberg, GrundrLB der Dogmengeschichte, 6. Aufl., 1934, S. 1). 

9 



Erfahrungskomplex der Kirclie mit ihrem Herrn umfafit, den zu bewalti- 
geu ihr erst im spatmittelalterliehen und reformatorischen Stadium der 
Kirchen-, aber auch der allgemeinen Geistes- und Kulturgeschichte auf- 
gegeben wurde. DaB die reformatorische Losung nicht den Anspruch 
erheben daff, mehr als ein Ausschnitt, namlich die Bewaltigung des 
entdeckten ,,Neulandes" der ,,R>echtfertigung des Menschen durch Gott 
zu sein, legten mir (abgesehen von dem Geist- und Kulturprobleni der 
,,Neuzeit" iiberhaupt, dessen Thema das reformatorische und kein 
anderes ist!) zwei Beobachtungen nahe: 

1. Die Heilige Schrift sagt mehr als die reformatorische Formel des 
Dogmas von der ,,Rechtfertigung allein durch den Glauben". Mcht das 
,,sola fide", aber das Verstaudnis des ,,sola fide" im reformatorischen 
Denken wird durch die Heilige Schrift iiberholt. 

2. Das seit dem Mittelalter die Geistesgeschichte der europaischen 
Lander bewegende Problem des Jndividuums, der Personlichkeit, der 
individuellen ,,Lebendigkeit" und Verantwortung, der subjektiven Er- 
fahrung (samt semen zwangslaufigen Gegen-Satzen) laBt sich nicht 
losen, solange die Kirche nicht iiber die reformatorische Autwort hinaus 
zu einer neuen, die alte enthaltenden Antwort fortschreitet. Denn die 
Not des modernen Menschen ist nicht nur die Not seines Abfalls von 
Gott und der Kirche, sondern zuerst und urspriinglich die Not unvoll- 
standiger Antworten der Kirche. 1 ) 

x ) Karl Holls Verstandnis fiir diese Problematik im Eingen um das rechte 
Reclitfertiguiigsverstandiiis heute ist leider mit der Absage an seinen Losxmgsver- 
Buch wie oft bei theologisclier Wertung zu gescb.eb.en pflegt im theologischen 
Denken der Gegenwart auBer acbt gelassen worden: ,,Der machtvolle Gottes- 
gedanke (der Bef onnation) stoBt beute zusammen mit dem modernen Individualis- 
mus, der gleicbfalls ein genuines Produkt der stetigen gescbicbtlichen Ent- 
wicklung ist ... Die Satze, dafi alles geistige Leben individuelles Leben und dafi 
Personlicbkeit das bochste Gliick der Erdenkinder ist, sind heute Axiome; Be- 
rechtigung hat jedoch dieser Individualismus letztlich nur, wo er religios begriindet 
ist. Nur der darf den Mut haben, sich als ein Ich gegen eine Welt zu behaupten, der 
als Ich vor Gott existiert. Wo aber der Personlichkeitsdrang mit dem Gottes- 
gedanken ernstlich zusammentrifft, da entsteht auch notwendig das Rechtferti- 
gungsproblem. Denn unabweisbar schiebt sich dann fiir den Menschen die Frage ein, 
welches Recht er hat, sich an Gott heranzudrangen und vor Gott existieren zu 
wollen. Vor Gott dasein konnte nur ein Ich, das in seiner Besonderheit fiir ihn Wert 
hat" (Karl Holl, Die Rechtfertigungslehre im Licht der Geschichte des Protestantis- 
mus, 1906, S. 41). Von einer heute sich ,,lutherisch" und ,,reformatorisch" ge- 
bardenden Theologie, die sich mit einer einfachen Verwerfung und Uberspringung i 
aufklarerischen und idealistischen Gedankenguts als ,,kirchlich" und ,,biblisch" |_J 

/ 
I 

10 



Als sich diese Beobachtungeri bei der Pruf ung anderer Fragen 
komplexe das Sakrament des Altars, die Taufe, die Beichte, das geist- 
Kche Amt, die Predigt, das liturgische Handeln, die Kirche wieder- 
holten, war mir die Methode des Arbeitens aufgegeben. Jch horte die 
Heilige Schrift zmn Thema ,,Die Rechtfertigung des Menschen durch 
Gott" und die Auslegung der Fachtheologen zum Alten and Neuen 
Testament, versuchte aber auch gleichzeitig in die geistige Atmosphare 
der spatmittelalterlichen Kirche einzudringen, die der konkrete gott- 
lich wie menschlich bedingte R/aum fiir jene Erfahrung war, die Luther 
und das Bekenntnis der Kirche als ,,Reehtfertigung allein durch den 
Glauben" bezeichneten. 

Als ich von Januar bis April 1938 in einer Untersuchungshaft nur die 
deutsche Bibel und den griechischen Urtext des Neuen Testaments 
benutzen durfte, begann ich mit der Niederschrift einer sorgsamen 
Auslegung von Jakob us 2. Sie wurde inir nahegelgt durch eine An- 
fechtong seitens gewisser Kreise und Amtstrager der Kirche, die meinten, 
sich im Kirchenkampf auf eine vornehme und gesicherte Innerlichkeit 
des Rechtfertigungsglaubens beschranken zu diirfen. Jch habe damals 
Satz fiir Satz jenes Kapitels oft tagelang bei einem Vers festgehalten 
in der besonderen Studierstube der Gefangniszelle auszulegen versucht. 

Am 11. Februar 1942 Melt ich auf dem Pfarrkonvent der Synode 
Herford einen Vortrag iiber das ,,Zeugnis von der Rechtfertigung bei 
Jakobus". Zwei Tage spater begann meine Haft mit anschlieBender 
Verbringung in das Konzentrationslager Dachau. Aber das Thema 



auszuweisen vermeint, durfte nach unserer Meinuhg kein Heil zu erwarten sein; 
der Kenner "wird auch in der nachstehenden Studie den deutlichen Abstand von 
ihr spiiren, nicht weil wir ihre Arbeit verachten, aber weil die Methode u. E. die 
Gesetze geistigen Lebens, geschichtlicher Entwicklung und der gotth'chen Ent- 
faltung des EvangeHums im ,,Fortschritt" der Kirche ,,von einer Klarheit zur 
anderen" auBer acht lafit. Wer Luthers Eechtfertigungslehre heute ,,besitzen" 
will, kann sie nicht ihm einfach ab- und fiir sich iibernehmen; er muB sie schon 
,,erwerben" mit den ganz neuen Belastungen, Fragen und Erkenntnissen von Kirche 
und Welt im zwanzigsten Jahrhundert, dafi sie ihm so neu Gottes Botschaft 
wird wie dem Reformator im sechzehnten Jahrhundert. Damit ist nicht behauptet, 
die Kirche mtisse zu jeder Zeit mit ihrer Heilserkenntnis wieder von vorne anfangen 
und es gebe keinen geistlichen Besitz der Wahrheit in Dogma und Bekenntnis. 
Aber sie muB diesen gottlichen Besitz jeweils an ihrem Orte als Gottes freie und 
ewig neue Gnade erwerben, um sie zu besitzen, Gottes Wahrheit laBt sich Gott 
f,ei Lob und Dank dafiir, wie bliebe er sonst Gott und wiirde er unser Gott heute ? 
4 nicht auf Flaschen ziehen! 

11 



arbeitete in mir welter. Nicht nur darum, well man die HeUige Schrift unter 
neuen Umstanden mit neuem Ernst und Eifer las. Man muBte auch aus 
ganz personlichen Griinden nicht nur um der Wissenschaft und der 
Kirche willen mit dieser Sache zu Ende kommen, wenn man seines 
Weges in Ohmnacht, Angst und Hoffnungslosigkeit gewiB sein wollte. 
Jch lernte noch besser das Vilmarwort verstehen, daB man der Lehre 
von der Reehtfertigung ,,auf rein theoretischem oder gar speculativem 
Wege gar nicht nahe zu kommen" vermoge und daB sie ,,keine Doktrin, 
sondern eine Disciplin" sei. 1 ) Hinzu kam eine Wohn- und Lebens- 
gemeinscliaft mit katholischen Geistlichen fur bald drei Jahre, die ich 
im Blick auf die mich bewegenden Fragen nur als providentiell betrachten 
kann. Denn iiber die schon seltene Gemeinschaft geistigen und theo- 
logischen Austausches hinaus wurde mir mit katholischen Welt- und 
Ordensgeistliehen eine Gemeinschaft des Leidens, des Glaubens, der 
Geduld, des Gebetes und der Anbetung zuteil, die mehr voranhilft, als 
wissenschaftliches Bemiihen das ich wahrlich nicht unterschatze 
es je vermag. - 

Was ich hiermit vorlege, soil eine Vorarbeit sein, ein Versuch, das 
Rechtfertigungsdogma der Kirche zu beleuchten durch eine Auslegung 
von Jakobus 2, 1426 unter Verwendung reformatorischer und neuer 
Exegesen (auch romisch-katholischer). Der Brief des Jakobus hat sich 
von Anbeginn als Warnung und Korrektiv gemeldet. Es diirfte in der 
,,Kirche des Wortes" hochste Zeit sein, ihn zu Worte kommen zu lassen. 
Der angefiigte geschichtliche Uberblick mochte darlegen, daB diesem 
Drangen des apostolischen Zeugnisses die gleiche heilige GesetzmaBigkeit 
der Wahrheit innewohnt, die die Kirche vor 400 Jahren durch das Wort 
des Paulus zum Bekenntnis bewegte: der Geist, der die Kirche ,,in alle 
Wahrheit leitet". Oft wird nur angedeutet werden konnen, was ohnehin 
bekannt ist oder auch noch einer umfassenden Darstellung bedurfte. 
Was mich bewegt und auf den verschlungenen Wegen meines Dienstes 
nicht nur nicht losgelassen, sondern sehr zielstrebig vorwartsgetrieben 
hat, ist der Wunsch, ja, die Forderung, daB die Kirche die Frage nach 
der gottlichen Reehtfertigung des Menschen, deren Beantwortung sie 
vor vierhundert Jahren verantwortHch und vollmachtig begann, im 



l ) Ahnlich Karl Holl: ,,Die Rechtfertigungslehre, die die allerindividuellste 
Erfahrung zum Ausdruck bringen will, kann iiberhaupt nur lebendig bleiben durch 
eine Eeihe personlicher Zeugen, die sie andern vorleben" (Die Rechtfertigungslehre 

im licht der Gescbichte des Protestantismus, 1906, S. 20). - i 

i 

12 . ' 



zwanzigsten Jahrhundert ebenso vollmachtig und verantwortlich zu 

Ende beantworte. Die geistige Lage uriseres Volkes und aller europaischen 

Volker ruft nach einer Verantwortung der Kirche, die sich zu der all- 

- gemeinen seelischen Not der Menschheit als Verschuldung ihres Hirten- 
amtes bekennt wie es die ref ormatorische Kirche tat ! und ihr den 
gottlichen Weg aus dieser Not heraus zeigt und vorangeht. 1 ) Die Voll- 
macht soleh verantwortlichen Handelns wird der Kirche in dem MaJSe 
"geschenkt werden, als sie sich dem apostolischen Zeugnis der Heiligen 
Schrift und der ganzen apostolischen Kirche offnet und so heute neu 
. und anders (nicht Anderes!) ohne ihrem Horen und Gehorchen vor 
vierhundert Jahren untreu werden zu mtissen vernimmt, wie der 
Mensch Gott recht und seiner selbst als Gerechter im Glauben gewiB 
werde. 3 ,Ecclesiae constitutioni respondet tractatio Scripturae" (Bengel). 
Von dem Vorhandensein oder Mangel dieser Vollmacht diirfte nicht nur 
viel fur die Zukunft der Kirche Jesu Christi, sondern auch viel fur die 
Zukunft der Volker Europas abhangen, deren Schicksal es sein wifd, 
wie sie die Frage nach der Rechtfertigung des Menschen von der Kirche 
beantwortet bekommen und dann selbst beantworten werden. ,,Heute, 
wo die Welt in den Fugen kracht, ist deuthch geworden : wir alle brau- 

. chen, um zu leben, die GewiBheit, daB Gott auf unserer Seite ist." 2 ) 

Was die Lehrer der Kirche zu dem Vorgelegten zu-sagen haben, ist abzu- 

warten. Fur alle Belehrung, die in der Heiligen Schrift griindet, bin ich 

-offen. Auch bin ich dankbar, wenn nachgewiesen werden konnte, daB 

x ) Die Anleitung zum Verstandnis des gottlichen Faktums der ,,Rech.tfertigung 
durch Glauben" ist indirekt der politische Beitrag der Kirclie zu alien politischen, 
wirtschaftlichen und kulturellen Krisen der Gegenwart, indem sie dadurch die 
Volker anleitet, wie der Einzelne in seinem Volke Gottes Gebot an ihn erkennen 
und verwirklichen konne. ,,Es gibt keine an sich besten Gesetze, keine an sich 
beste Wirtschaftsform, kein gottliches Eigentumsrecht und keinen gottlichen 
Sozialismus. Es gibt. nur: das Gebot der Stunde . . . Nie kann das von Gott Ge- 
botene'von den Personen abgelost werden, denen es geboten ist ... Gott fordert 
immer Menschen in seinen Dienst an den groBeren Aufgaben. Er fordert nicht den 
Sozialismus und nicht den Kapitalismus. Sondern er "fordert vom Arbeiter und 
vom Unternehmer, vom Staatsbiirger und vom verantwortlichen Staatsmann, daB 
jeder an seinem Ort Gottes Willen tue . . . Darum ist ... die Umwandlung der 
Personen durch Glauben das Entscheidende auch im Hinblick auf die grofien 
Weltprobleme. Das Abschieben der Verantwortlichkeit auf kollektive, unperson- 
"liche GroBen ist selbst schon eine Manifestation der Glaubenslosigkeit" (Einil 
Brunner, Gott und Mensch, 1930, Der Rechtfertigungsglaube und das Problem der 
Ethik, S.45). 

2 ) Helhnuth Frey, Das Buch des Glaubens, zu Genesis 15, 6. 1938. 



Luther und die Reformationsbekenntnisse dem wahren Jakobus naher- 
stehen, als ich zu erkennen vermag. Nur fiber eine Wahrheit gedenke ich 
nicht mit mir reden zu lassen: daB das Werk in die Rechtfertigung ge- 
hort und dieser Satz kein Verlassen des reformatorischen ,,sola fide" 
bedeutet. Eines ist: als Wirkender Gott recht werden, ein Anderes ist: 
auf das Wirken sein Vertrauen setzen. Dieses ist gottlos, jenes ist die 
Seinsweise des Gottesfiirchtigen, der Gott kennt und von ihm erkannt 
ist. 1 ) Diese Wahrheit ist fur mich bewahrt. Nicht nur weil sie von der 
HeUigen Schrift bezeugt wird. Man kann damit in das Leiden und in den 
Tod gehen. Ja, man muB so gehen, wenn man Jesus nachfolgen will. 
,,Ich glaube, darum rede ich" (Ps. 116, 10). 

Ich widme die Arbeit in Ehrerbietung meinem Freunde und Lehrer 
Superintendent Hermann Kunst, Herford, dem ich nachst memen 
akademischen Lehrern Prof. D. Karl Earth, Basel, und Prof. D. Dr. Hans 
Emil Weber, Bonn, Dank und Verehrung schulde fur die Gaben, die ich 
in bewegender Gemeinschaft des Dienstes und der Sorge um die rechte 
Ausrichtung und Verwaltung des Evangeliums und der heiligen Sakra- 
mente von ihm empfangen habe. 

Herrn Prof. D. Paul Althaus, Erlangen, schulde ich Dank, daB er 
sich in schwerer Zeit zur Aufnahme der Arbeit in die ,,Beitrage zur 
Porderung christlicher Theologie" bereit erklart hat. 

Max Lackmann 



*) Meine unverhohlene Zustimmung zu gewissen fruhkatholischen und 
augustinischen Gedanken gilt den in ihnen bewahrten biblischen Tendenzen, 
nicht dem Verstandnis und den Begriffen derselben, ebensowenig den onto- 
logischen, nomistischen, conditionalistischen, pelagianistischen und synergistischen 
Systemen des Augustinismus, Thomismus und Nominalismus (vgl. W. Link, 
Das Ringen Luthers um die Freiheit der Theologie von der Phi osophie, 1940). 
Das G tt gefallende Wirken ist weder der Rechtfertigung vorangehende causa 
efficiens noch der aus ihr folgende effectus, sondern ein innerhalb des gott- 
lichen Rechtfertigungsprozesses durch Gottes Geist und Wort gewirkter Moment, 
kein ,,vorher" und kein ,,nachher", aber ein ,,zugleich", das mit unserem 
Kausalitats- und Zeitdenken nicht zu fassen ist. Es ist in dem prengenden", 
neu anfangenden, aber auch weiterzufiihrenden Nach-Denken des Wortes bei 
Luther begriindet, wenn die unbefriedigenden Deutungsversuche seines justitia- 
und iustificatio-Begriffs bei Holl, Loofs, Hirsch und Vogelsang in eine Richtung 
weisen, in welcher uns heute ohne Verlust des imputatio- und non-imputatio- 
Gedankens weiterzudenken durch die Schrift aufgegeben ist. 

14 



Erster Teil 

Eine Auslegung von Jakobus 2,14-26 



1. Sind Jakobus und Paulus gleich verbindliche, well vom aposto- 
lischen Geist getriebene, in der Urzelle des Leibes Christ! tatige Zeugen 
Jesu ? Wir stellen damit die Frage nach der Kanonizitat, nach dem Ver- 
fasser, nacb. Zeit und Gemeinde des Jakobusbriefes. Die Erorterung 
dieses Spezialproblems miissen wir uns im Rahmen unserer Arbeit ver- 
sagen. Jakobus ist die am widersprechendsten datierte Schrift des 
Neuen Testaments" (Paul Feine). Die Kirche vermag bis heute noch 
keine absolut einheitliche Aussage dariiber zu geben. Won! aber haben 
Leben und Forschung der Kirche sowohl evangelischer- wie katho- 
lischerseits sehr eng die Grenzen abgesteckt, innerhalb deren sich 
Aussagen iiber den Jakobusbrief bewegen miissen, wenn sie von der 
Kirche gehort werden sollen. Ich fasse nachstehend zusammen, was 
innerhalb dieser von Leben und Lehre der Kirche gezogenen Grenzen 
mein personliches Urteil ist. Es kommt nahe dem, was evangelischerseits 
Adolf Schlatter, katholischerseits Max Meinertz dazu gesagt haben. 
Die apostolische Herkunft des Jakobusbriefes ist 367 in der griechischen 
Kirche durch Athanasius, 382 in der lateinischen Kirche auf einer 
romischen. Synode festgestellt worden. Seine Zuordnung zu den sogenann- 
ten ,,Antilegomena", die historisch und psychologisch leicht verstand- 
Hch ist, hat weder seine Aufnahme in den Kanon verhindern noch bis 
heute die AusschlieBung aus dem Kanon begriinden konnen. Luthers 
Neigung dazu ist von der Kirche nicht aufgenommen worden. 

Damit ist auch die Verfasserfrage grundsatzlich beantwortet. Der 
Verfasser ist ein Apostel Jakobus, und zwar kommt nur in Betracht der 
Herrenbruder Jakobus,' der, als ,,Saule" der judenchristHchen Ur- 
gemeinde allgemein in der Urkirche bekannt und verehrt (mit dem 
Beinamen ,,der Gerechte"), das geisthche Haupt der Gemeinde zu 
Jerusalem gewesen und 61-62 wahrend des romischen Statthalter- 
interregnums in Palastina durch den Hohenpriester Ananus II. 

15 



gesteinigt worden 1st. 1 ) Dieser Apostel Jakobus hat die Vefkiindigung des 
Apostels Paulus anerkannt und ist wiederum von Paulus als geistliche 
Autoritat anerkannt worden (vgl. Gal. 1, 19; 2, 9. 12; Act. 12, 17; 15, 3; 
21, 18; 1. Kor. 15, 7; Matth. 13, 55; Judas 1). Als Leserkreis sind die 
judenehristlichen Gemeinden aufierhalb Jerusalems, also in Palastina 
und Syrien anzunehmen, und zwar in ihrem friihesten Stadium des 
ungeschiedenen Lebens inmitten der altjiidischen Volksgemeinde. 2 ) Die 
Abfassungszeit ist vor die Konferenz des Jakobus mit Paulus zwischen 
40 und 48 zu setzen, also vor das sogenannte Apostelkonzil. Die Samm- 
lung von Paranesen des Apostels durch einen Hellenisten, der sie grie- 
chisch niederschrieb und in des Apostels Auftrag verbreitete, ist nicht 
ausgeschlossen, andert aber an Zeit und Ort der Abfassung nichts. Der 
Versuch der gattungsgesehichtlichen Forschung, den Brief von auBer- 
christliclien Paranesen her zu verstehen, ist m. E. abzulehnen, da hin- 
reichende Beziehungen zum neutestamentliehen und jiidischen Schrift- 
tum festzustellen sind; die spate Datierung (80 130) laBt sich mit den 
historiscnen und religiosen Voraussetzungen des Schreibers nicht ver- 
einigen. 3 ) Der Apostel Petrus hat den Brief gekannt und ist von ihm bei 
der Abfassung seines ersten Briefes (64) beeinfluBt worden. Eine iiber 50 
hinaus liegende Abfassung scheidet wegen der veranderten Lage der 
judenehristlichen Kirche und wegen des Wandels der theologischen 
Denkweise vollig aus. 

Wir haben es also mit dem altesten Stiick des neutestamentliehen 
Kanons zu tun, das formal und inhaltlich mit einem Zeugnis der-apo.- 
stohschen Christenheit engste Verwandtschaft zeigt: mit dem Evan- 
gehum def judenehristlichen Kirche, dem Evangelium des Matthaus. 
Als Ort der Abfassung wird Jerusalem anzunehmen sein. 4 ) 

Wir miissen also horen auf Jakobus, wie wir auf Matthaus, Johannes 
und Paulus horen, wenn wir denn auf die Stimme des guten Hirten, des 
Evangeliums der Kirche horen wollen. Besagt auch das Alter dieses 
neutestamentliehen Zeugnisses nichts iiber ein Mehr des Heihgen Geistes, 



*) A. Schlatter, Der Brief dea Jakobus, S. 7. 

*) Schlatter, a. a. 0. S. 67. 

a ) Vgl. Martin Dibelius in ,,Kritiseh-exegetischer Kommentar fiber das N. T.", 
ed. H. A. W. Meyer, zum Jakobusbrief, 1921. 

4 ) Vgl. Eobert Kubel, Der Brief St. Jakobi in ,,Bibelwerk fiir die Gemeinde", 
ed. Grau. 1880, Bd. II, S. 794ff . : ,,Dieser Brief ist das wahrscheinlicb. alteste 
Denkmal aus der apostolischen Gemeinde." ,,Die Abfassung ist sicher vor das 
Jahr 50 zu legen." 

16 



\. 



so tritt es uns doch aus dem innersten Zentrum der apostolischen Offen- 
barungszeit Jerusalem, "Urgemeinde, Bruder des Herrn! entgegen 
und verlangt ganzen Glauben und ganzen Gehorsam. 

2. Der Abscliiiitt 2, 1426 steht im Zusammenhang mit den voran- 
gehenden Versen 1 13. . 

Der ganze Brief des Jakobus lebt von der Enderwartung und Voll- 
endung des Gottesmenschen her. Das heiBt fiir Jakobus : vom endgiiltigen 
Richterspruch im Weltgericht und yon der Vollenduhg der Gottes- 
gemeinde her. Das war der innerste Lebenstrieb der Urgemeinde. 
,,Deutlich zeigt der Brief, daB ihre Eschatologie das ihren Willen for- 
meride Motiv gewesen ist" (Schlatter). Gericht und Vollendung vollzieht 
Jesus Christus, ,,unser Herr der Herrlichkeit" (2, 1). "Aber der MaBstab 
seines Gerichtes und seiner Anteilgabe an der Vollendung 1st der Wille 
Gottes, wie er dem Juden durch das Gesetz Israels bekannt ist. Das ist 
gemeinapostolische Lehre (Matth. 5, 19. 20; Rom. 2, 12. 13). Gott sieht 
durch semen Sachwalter Christus nach der Ubereinstimmung unseres 
Willens und Handelns mit seinem Willen und Handeln (vgl. Bom. 2 3 6). 
Jakobus hat in den Versen 1 11 den Widerspruch der Gemeinde zu 
dem Inhalt des gottlichen Willens, zum ,,k6niglichen Gebot" (V. 8) der 
Liebe, an bestimmten Erscheinungen des Gemeindelebens (Gering- 
schatzung der Armen, Bevorzugung der Heichen) aufgedeckt. Dieses 
Handehi kann nicht zugleich mit dem ,, Glauben an Jesus Christus" 
sein(V. 1). Denn es ist ja ein Zuwiderhandeln dem Gebot Gottes, das in 
Christus seine fleischgewordene Erfiillung gefunden hat und darum von 
ihm an den Seinen, die im Glauben seines Wesens sein soUten, als 
Siinde gestraft werden wird (V. 811; vgl. 1. Joh. 2, 28). Darum muB 
sich das Handehi der Gemeinde in Wort und Tat andern (V. 12). Denn 
sie will ja (beachte das ^eXXovrsc;!) durch ein Gebot Gottes einmal 
gemessen werden, das nicht ihre Unfreiheit fiir Gottes Willen aufdeckt 
und ihr Gebundensein in ewiger Versklavung als gottliches Urtei^, dus- 
spricht, sondern ihre Freiheit , namlich die Freiheit, die Christus durch 
, den -Heiligen Geist als Erfullung des Gesetzes gibt, fiir Gottes Willen 
feststellt und ihnen darum die gebuhrende Freiheit des ewigen Lebens 
schenkt. (,,Preis, Ehre und unvergangliches Wesen" nennt Paulus diese 
Freiheit in ahnlichem Zusammenhang, Rom. 2, 7). Das bedeutet die 
konkrete seelsorgerliche Weisung an die Gemeinden: bleibt ihr Handeln 
unbarmherziges Handehi, erliegt sie im Gericht der Anklage Gottes; 
wird ihr Handehi barmherzig, besteht sie im Gericht als Gott-recht. 
Dasselbe hat Matthaus als Spruch Jesu (Matth. 5, 6). ,, Nicht der Glaube 

2 Lacfanann, Sola fide 17 



riihmt sich gegen das Gericlit, sonderh die Barmlierzigkeit" (Schlatter, 
Der Brief des Jakobus, 1932, S. 185). Nicht weil der Glaube ,,unwesent- 
lich" ware, aber weil der Glaubehde ,,west" als Wirkender. ,,Der Ge- 
reclite lebt aus dem Glauben." Darin wird ,,offenbart die Gerechtigkeit 
Gottes" (d. h. die Gerechtigkeit, die Gott ist, schenkt und fordert), 
,,welche kommt aus Glauben in Glauben". ,,Die Wiedergeburt will das 
ganze Gesetz gehalten wissen" (Vilmar, Coll. Bibl. zu V. 10 13). Der 
Glaube ist die Betatigung der Wiedergeburt, indem er den Willen Gottes 
tut. ,, Fides impetrat, quod lex imperat." ,,Was nicht Gerechtigkeit 
wirkt, fallt unter das Gesetz" (Schlatter). 

,,Was nutzt's, meine Bruder, wenn einer sagt, er habe Glauben, Werke 
aber nicht hat ? Kann etwa der Glaube ihn erretten ?" (V. 14). 

Von Beginn seines Briefes bis zu dieser Stelle hat Jakobus die Ge- 
meinden immer wieder auf ein Gott gemaBes Handeln aufmerksam ge- 
macht. Das Verhalten in den Anfechtungen, der Umgang mit der Welt, 
der Dienst an den Unansehnlichen, die innere Freiheit gegenuber dem 
Ansehen der Ansehnlichen, das barmherzige Wirken und Reden: das 
waren die seelsorgerlichen Themen. Immer wieder der Hinweis: mit 
diesem oder jenem Tun und Nichttun fallt die Entscheidung, wie Gott 
uber euch im Gericht urteilen wird. ,, Jakobus bleibt mit seinen Formehi 
vollstandig innerhalb der judischen Denkweise" (Schlatter a. a. 0., S. 55). 
Er redet als Judenchrist zu Judenchristen. Aber freilich als Juden chr ist I 1 ) 
Die Paranese V. 14ff. scheint nach dem Zusammenhang dem Apostel 
notwendig, weil die Gemeinde offensichtlich falsche Vorstellungen iiber 
die Bedingungen ihrer Rettung aus dem Gericht und aus der Welt in 
das Reich Gottes hat. Klar ist ihr: wir sind Christen, um gerettetzu 
werden. Unklar ist ihr: was ,,hilft" zu diesem Ziel ? Klar ist der juden- 
christh'chen Gemeinde wiederum: geschehen muB etwas durch uns 

x ) Darum geht Vilmars Urteil zu weit: ,,sein Standpunkt ist ein verhaltnis- 
maBig gesetzlicher . . ., er setzt das Alte Testament in eigentlich gesetzlicher Be- 
ziehung voraus," wenn damit eine unterchristliche Abwertung ausgesprochen 
sein soil. Noch unmogliclier Paul Feine: Jakobus hat den judischen Begriff 
der Rechtf ertigung beibehalten . . . ; das Judentum kannte die Rechtfertigung als 
Endurteil Gottes iiber den Menschen. Es war iTim selbstverstandlich, daB dies 
Urteil das Ergebnis aus dem gesamten Tun des Menschen ziehe, aus semen Werken 
wie aus seinem glaubigen Verhalten . . ., die Zusammenordnung der drei Begriff e: 
Glaube, Werke, Rechtfertigung, ist iiberall und jederzeit moglich, wo diese jiidische 
Rechtfertigung besteht oder nachwirkt" (Theologie d. N. T., 1934, S. 408). Hier 
wird das Stehen des Apostels Jesu Christi auf dem Boden der alttestamentlichen 
Offenbarung mit dem ,,Judentum" gleichgestellt. 

18 



Menschen. Die ,,Seligkeit" muB (mit Paulus zu reden) ,,geschafft werden 
durch uns" (Phil. 2, 12). Das ist nicht ,,judisch", das ist alttestamentlich 
und neutestamentlich. Der Mensch Gottes wird gerettet, weil er es 
will und vollbringt (durch Gottes Wirken freilich!, Phil. 2, 13), nicht 
weil es ,,so ist". Unklar aber ist: was muB geschehen ? 

In der Gemeinde ist der Standpunkt verbreitet: ,,Glauben" muB 
geschehen. Der Mensch muB sich zum Glauben an den Retter der Sunder 
Jesus Christus bekennen. Wie das vor der Taufe im Hauflein der Juden- 
christen inmitten des unbekehrten Volkes Israels zur Zeit des Jakobus 
geschah. Er muB offentlich seine Herzensgesinnung und den Willens- 
entschluB in der Glaubensformel der Gemeinde kundtun: ,,Ich glaube, 
daB Jesus Christus Gottes Sohn ist" (vgl. Act. 8, 37). D. h. inhaltlich 
ausgefiihrt: Ich eigne mir Christus, die Heilsgabe Gottes, an. X^P^ T & v 
epycov TOU vo^ou ist meine Rettung der Jesus von Nazareth, der Christus 
Gottes. 

Das muB geschehen, wenn das Menschenleben sich ,,lohnen" soil 
am Gerichtstage Gottes: das empfangende, den Christus wollende 
Verhalten des Glaubens, das im Glaubensbekenntnis vor der Gemeinde 
und den unglaubigen Juden bezeugt wird. 

Dieser Standpunkt wird von Jakobus nicht bestritten. Die Frage, 
,,ob der Glaube die Rettung, also die Gerechtigkeit bringe . . ., wird 
von Paulus und Jakobus bejaht" (Schlatter). Der Glaube ist das vom 
Menschen geforderte Verhalten, das ihn innerhalb des Bundes- und 
Gnadenverhaltnisses Gottes Gott-recht macht und in den GenuB der 
gottlichen BundesverheiBungen kommen laBt. Dieser christliehe Grund- 
satz wird von der judenchristlichen Gemeinde gerade in ihrem ,,Anspruch, 
auf den Glauben bin gerechtfertigt zu werden, in der hochsten Starke" 
geltend gemacht. 1 ) Jakobus wendet sich gegen ein Verstandnis und einen 

x ) Vgl. Schlatter, Theologie der Apostel, 1933, S. 97. Jakobus denkt gar nicht 
daran, diesen Grundsatz zu beseitigen. Das beweist die ganze Paranese. Ebenso 
fern liegb ihm, den Gemeinden den Glauben zu bestreiten. Seine Auseinander- 
setzung geht gerade davon aus, daft ihnen Glauben geschenkt und seine Heils- 
bedeutung bekannt ist. Die Behauptungen fast aller Ausleger seit der Refor- 
mationszeit: den Angeredeten habe der Glaube iiberhaupt gefehlt, Jakobus be- 
ziehe sich gar nicht auf den neutestamentlichen Glauben, wie ihn Paulus kenne; 
nur der ,,leere Begriff des Glaubens . . ., blofie kalte Erkenntnis Gottes" (Calvin, 
Auslegung d. BQg. Schrift, zu V. 14, S. 29 30). ,,Notitia historiae seu professio 
articulorum fidei" (Melanchthon, Loci theol., 1535). ,,Externa professio fidei" 
( J. Gerhard, Loci theol., Tom. Ill, Loc. 16, 191), ,,non dicit, si quis habeat, sed si 
quis putet" (Bengel, Gnomon zu V. 14), nur ein Glaube, der ,,Augenlust" und 

2* in 



Gebrauch des Glaubens, den die Christen haben. ,,Er redet nicht gegen, 
sondern fur den Glauben, niclit weil der Glaube nutzlos ist, vielmehr 
gerade dazu, damit er niclit nutzlos sei" (Schlatter, Der Jakobusbrief 
ausgelegt fiir Bibelleser, 1893, S. 49). Die Gemeinde hat einen falschen 
Begriff des ihr geschenkten und von ihr geforderten Glaubens. Das ergab 
sich aus der Situation der judenchristlichen Gemeinde innerhalb des 
allein am Gesetz orientierten 3 ,gesetzlichen" unglaubigen Israel. Es liegt 
ein Gebrauch des Glaubens nahe, der das Wirken des Christen als Be- 
dingung seiner Annahme durch Gott ausscheidet. Christus ist des ,,Ge- 
setzes Ende" fiir das empfangende Verhalten des Glaubenden, damit 
aber des wirkenden Verhaltens zur Erlangung des Rechtfertigungs- 
urteils Gottes iiberhaupt. Die Aneignung der Gnade (das Kennzeichen. 
des offentlich zum Messias sich bekehrenden Juden) rettet ^copl? TCOV 
epyoov TOU v6[jiou, ja, ^copti; epycov. Dennwo spyocsind, ist fiir den frommen 
Juden vojjioc;. So entsteht der Judenchrist, der sagt, er habe Glauben, 
aber Werke nicht hat. Der Blick auf den Christus dispensiert den Glau- 
benden vorn verantwortlichen Wirken des Rechten. Der Glaube wird 
als Ersatz fiir das Werk verstanden und betatigt. ,,War einmal das 
Xwpl? To5v spyoov TOU vo^ou ausgesprochen, so stand fiir die jiidische 
Logik das x w pk spy&>v unmittelbar vor der Tiire" (Schlatter, Der Brief 
des Jakobus, S. 55-56) - 1 ) Man wird also fehlgehen, wenn man den 
Glaubenden, der kerne Werke hat, einfach als ,,Heuchler" anspricht 

,,Furwahrhalten" ist (Vilmar, a. a. O. zu V. 14), werde diskutiert, sieht an der Be- 
trachtungsweise des Jakobus vorbei, der zwar Glaube niclit in dem Sinne ge- 
braucht, wie Paulus das Wort braucht" (Vilmar, auch Gerhard), aber dennoch 
von der gleichen Sache in anderer Betrachtungsweise spricht. Wir miissen uns beim 
Lesen dieses apostolischen Zeugnisses gegenwartig halten, dafi es ,,die Fragen, die 
Paulus aufs tiefste bewegen, fiir Jakobus noch nicht gab," und seine Paranese 
ganz aufier Beziehung zur Paulinischen Bechtfertigungslehre steht (H. Josephon, 
Die Briefe d. Jakobus u. Judas 1908, S. 17). Auch des Jakobus Rechtfertigungs- 
lehre ist samt ihrer Betrachtung des Glaubensvorgangs eine ,,eigene, dem Ver- 
fasser gehorende Denkleistung", die einfach nicht in eine ,,Paulinische" Schablone 
paBt. Bellarmin hatte schon recht, wenn er gegen die lutherische Jakobus-Exegese 
seiner Zeit darauf beharrte: ,,Jacobum non loqui de umbra quadem fidei, sed de 
vera fide, quae omnino iustificat, si non desint-cetera requisita." (Bellarmin, nach 
Gerhard, Loci theol. Tom. Ill, LOG. 16, 191). 

x ) Vgl. Josephon: ,,Hatte das Gesetz des Alten Bundes vor allem Werke ge- 
fordert und predigte das Evangeliuni des Neuen Bundes vor allem Glauben, so 
war es kein Wunder, daB das Verhaltnis des Glaubens zu den Werken und umgekehrt 
schon friih im SchoB der christlichen Gemeinde erwogen und so oder so beantwortet 
wurde" (a. a. 0. S. 17). 

20 



und jhm den Glauben abspricht. Er meint es ganz ernst mit der Nutz- 
losigkeit seines gesetzlichen Wirkens und mit der Hoffnung auf den 
Herrn der Herrlichkeit. Er-ist im Glauben gewiB und bekennt es mit 
dem Munde in der Gemeinde, daB in keinem andern Rettung ist als in 
Jesus. Jede andere Moglichkeit, ger^ettet zu werden aus Gericht und 
Verderben, ist fur ihn ausgeschlossen. 

Hier setzt des Apostels Jakobus Frage ein: darf sich die Gemeinde 
Jesu fiir ihre Rettung etwas von einem Glauben versprechen, der nur 
die. GewiBheit und das Bekenntnis der Gerechtigkeit Jesu Christi 
X^pu; spy&jv ist ? Rechtfertigt, d. h. setzt Gott in den Stand der Sohn- 
schaf t . und Teilhabe an alien himmlischen Giitern (heute durch den 
Heih'gen Geist, einst sichtbar, enthiillt!) den Glaubenden, der auf das 
Werk des Glaubenden verzichtet ? Kann etwa die Zuversicht und das 
Bekenntnis zur Gnade Jesu (Glauben) abgesehen, getrennt vom glaubi- 
gen Einsatz des Willens zum Handeln erretten ? Mcht dem Glauben, 
aber dem Glauben, der ,,nicht die Werke hat", steht der Apostel kritisch 
gegeniiber. 1 ) Die Kritik an dem. Glaubensgebraucb. und Glaubens- 
verstandnis der Judenchristen wird Jakobus nicht nur von Jesus, 
sondern auch von der Frommigkeit des Alten Bundes (nicht des Juden- 
tums) nahegelegt. Nach dem Zeugnis des Alten Testaments macht die 
glaubige Hingabe des, Menschen Handeln recht und ihn darum zum 
Teilhaber an Gottes BundesverheiBungen. Der Mensch kann Wesent- 
liches oder Unwesentliches, Vergangh'ches oder Unvergangliches, Niitz- 
liches oder Unniitzes fiir den ewigen 1/Eenschen tun. Niemals interessiert 
den alttestamentlichen Frommen ein Glaube oder Unglaube ,,an sich". 
Das Alte Testament lobt den Glauben, weil er im gottlichen Bundes- 
verhaltnis das Tun des Menschen recht macht und den Menschen 
dadurch seiner gottlichen Bestimmung zufiihrt; es verurteilt den 
Unglauben, well er das Tun des Menschen verdirbt und ihn seiner gott- 
lichen Bestimmung so'entzieht. 2 ) Man muB die psychologische Denk- 

1 ) Vgl. hier. Luther: ,, Fides nisi sit sine ullis etiam mim'Tnia operibus, non 
, iustificat, imo non est fides . . . Impossible est fidem esse sine assiduis, multis et 

magnis operibus" (W. A. 7, 231, 7). Dieser Satz ist richtig, wenn er den Glauben, 
der rechtfertigt, als frei von jedem opus legis bestimmen soil. 1st er auch. richtig, 
w,enn er die ,,assidua, multa et magna opera" des Glaubens aus der Rechtfertigung 
ausschliefit, weil sie opera, aber nicht fides sind? 

2 ) ,,Der Gott, der den Propheten mit seinem ganzen Denken und Wollen in 
Beschlag nahm und sich irr seinem Handeha mit ihm als der richtende und neu- 
schaffende Personwille erwies, hatte auch bei seinem Herrschaftsanspruch auf 
sein Volk kein geringeres Ziel, als alle Volksgh'eder mit ganzer AusschlieBlichkeit 

21 



bewegung des Jakobus richtig mitvollziehen, wenn man seine Gegen- 
uberstellung von Glaube und Werk im Rahmen des Offenbarungs- 
zeugnisses der ganzen Schrift reclit verstehen will. Glauben ist nicht 
Wirken und Wirken ist nicht Glauben. Aber ist das Rettende durch den 
Christen im Gnadenverhaltnis geschehen, wenn empfangendes und be- 
kennendes Verhalten des Glaubens ohne das wirkende Verhalten des 
Tuns geschieht ? Eines Tuns, das verantwortlich aus Glauben vom 
wollenden Menschen vollzogen wird ? Rechtfertigung durch Gott, wo 
nur Glauben ohne Werk ist ? 

Das ist die Fragestellung des Jakobus, ,,wie die Gemeinde den 
Glauben habe, wozu sie ihn verwende, ob sie ihn so habe, daB er ihr die 
Rettung und Rechtfertigung verschaffe". . . . ob nicht das Wirken 
iiberhaupt bedeutungslos geworden sei". 1 ) In den Versen 15 17 gibt 
Jakobus die Antwort nach Erlauterung durch ein Gleichnis: 



an sich zu biaden, d. h. aber, sie mit ikren Gedanken und Entschliissen, kurz mit 
ihrem tiefsten Person willen sich zu unterwerfen . . . Wenn Jesaja . . . die rechte 
Haltung des Erommen auf die Formel , Glaube' bringt, so faBt er damit konzentrierte 
geistige Aktivitat in einem Wort von ungeheurer Pragnanz zusammen, das als das 
Erfassen der unsichtbaren Hand Gottes zur Bezeichnung der zentralen religiosen 
Funktion geworden ist. Wenn Hosea und Jeremia so stark die Gotteserkenntnis 
betonen, so ist ... nicht die denkende Betrachtung und theoretische Kenntnis 
des gottlichen Willens gemeint, sondern ein Aufnehmen des offenbar gewordenen 
gottlichen Wesens und Willens in das eigene geistige Sein, das nun von der gott- 
lichen Wesenheit durchdrungen und bestimmt erscheint" (W. Eichrodt, Theologie 
des Alten Testamentes, Band 1, S. 188f.). 

1 ) Schlatter, Der Brief d. Jakobus, S. 52. 55; Die Theologie der Apostel, S. 97. 
,,Der Mangel des Glaubens, den Jakobus vorhebt, besteht darin, daB der Mensch 
seinen Willen von seiner GewiBheit trennt und seine Beziehung zu Gott auf den 
Glauben allein zu beschranken versucht" (Theologie d. Apostel, S. 97 f.). ,,Die Ver- 
herrlichung des Glaubens, das ,sola' hat dann unheilvoll gewirkt, wenn mit ihm 
jene Verkiirzung des Lebens vollzogen wurde, die das Handeln aus ihrn ausscheidet 
und nichts als das Glauben ubriglaBt. Diesen unmoglichen Menschen, der nichts 
tut, sondern einzig glaubt und folgerichtig nicht leben kann, sondern bloB auf sein' 
Sterben wartet, hat aber Paulus nicht erfunden" (Gottes Gerechtigkeit 1935, 
S. 153). Die Bemerkung Bengels: ,,hic ergo Jacobus ut Paulus ubique, fidem 
veram et vivam innuit . . . sed mox hoc versu sub fidei vocabulo intelligit fidem 
hypocritam, paralogismo nixam. Non docet fidem posse esse sine operibus, sed 
potius fidem sine operibus esse non posse. Non opponit fidem et opera" (Gnomon 
zu V. 14) verrat, daB bier ein systematischer Sprachgebrauch von fides der psycho- 
logischen Betrachtungsweise des christlichen Israeliten Jakobus untergeschoben 
wird, die den menschlichen Akt des Glaubens und den des Wirkens unterscheidet. 
Es ist Sache des menschlichen Willens, den Akt des Glaubens im Akt des Wirkens 

22 



,,Wenn ein Bruder oder eine Schwester keine Kleidung hat und an der 
tdglichen Nahrung Mangel leidet und einer von euch zu ihnen sagt: ,,Gehet 
in Frieden, kleidet euch warm und esset euch satt!", ihr gebt ihnen after 
nicht, was des Leibes Notdurft ist; was hilft ihnen das ? Ebenso verhalt es 
sich auch mit dem Glauben, wenn er nicht Werke hat', er ist fur sich allein 
tot" (V. 15-17). 

Der Vorgang aus V. 15. 16 ist in der Auslegung oft mifideutet wor- 
den. Jakobus will kein Beispiel des werkelosen Glaubens aus dem Ge- 
meindeleben herausgreifen. Der Apostel gebraucht echt israelitisch ein 
Gleichnis, um ein en Gedanken zu veranschaulichen und beinah 
sokratisch aus dem Munde seiner Horer herauszulocken, namlich den 
Gedanken von der Nutzlosigkeit eines Glaubens, der nicht im Handeln 
,,west". ,,Was hilft's ?" (V. 14) soil erlautert, nicht etwa mit dem Mangel 
an Liebe, sozialer Gesinnung usw. begriindet werden. Der Glaube soil 
vor dem richtenden Urteil Gottes dem Menschen etwas niitzen, niitzt er 
ihm aort nichts, ist er wertlos. } ,Ein Vergleich aus dem Leben dient 
ihm zur Illustration" (Josephon) des Nutzens bzw. der Wertlosigkeit. 
(Bengel: 3 ,hinc siravaXe^K;, quae utilitas ?") Aber ,,Nutzen" und 
Wertlosigkeit" liegen in verschiedenen ,,Ebenen" fiir Gleichnis und 
Sache : im Gleichnis geht es um zeitlichen und materiellen, in der Sache 
um ewigen und geistlichen Nutzen im RechtfertigungsprozeB Gottes. 
Aber die Sache wird nun ganz klar durch diese Veranschaulichung: 
Glauben und Glaubensbekenntnis, das nicht vom Wirken begleitet ist, 
ist sinn- und wertlos fiir die gottliche Rechtsprechung. ,,Ohne Nutzen 
ist das Bekenntnis ,Ich habe Glauben' dann, wenn der, der sich als 
glaubig beschreibt, ,nicht Werke hat'" (Schlatter). Von guten Worten 
und Gefuhlen einer freundlichen Gesinnung wird der Magen des Hun- 
gernden nicht satt und der frierende Leib nicht warm. Wort, Gesinnung, 
gutes Herz ,,an und fiir sich" niitzt dem Bediirftigen absolut nichts. 



sich ,,auswirken" zu lassen. Geschieht das nicht, ist der Glaube immer noch Glaube, 
sogar von Christus geschenkter Glaube. Aber ob er ,,nutzt", ,,errettet" das ist 
die Frage. Nach Gottes Heilsordnung sollte es keinen Glauben ohne Werke geben, 
aber es gibt ihn praktisch in der Gemeinde, weil Menschen dem Glauben das Han- 
deln entziehen. (Die Griinde dafiir konnen verschiedene sein: falsche Erkenntnis, 
Schwachheit oder Bosheit des Willens.).Vgl. auch dazu Schlatter: ,,Alles wollen 
wir Ihm geben, den Glauben und das Werk, ohne Spaltung die ganze Ilebe; darum 
ist der Glaube noch nicht unsere Gerechtigkeit, faUs wir bloB glauben und Gott 
das Werk, somit den Gehorsam und die Liebe verweigern" (Theologie d. Apostel, 
S. 113). 

23 



Ebenso absolut wertlos 1st dem Christen im gottlichen Gerichtsverfahren 
(sei es nun das gegenwartige oder zukunftige !) sein Glauben, sein Empfan- 
gen und Bekennen des Christus, der Gnade, der Vergebung und des 
neuen Lebens, das nicht zum Handeln, zum ,,Werk" wird. Christus 
umfangendes und empfangendes Verhalten (Glauben) macht nur dann 
Gott recht, sofern es zum wirkenden Verhalten wird. Das ist ,,die An- 
wendung des Bildes" ( Josephon) aus V. 15 und 16. Des Jakobui. .^Ant- 
wort auf die Erage von V. 14 ist, , 3 daB der Glaube die Heilsamkeit nicht 
in sich selber habe, sondern sie durch das Wirken erhalte" (Schlatter, 
a. a. O., S. 192). . . 

Man beaehte aber die Wendung vom Glauben, der Werke hat". 
Das Wirken des Gott-rechten ist zwar Funktion seines Willens, aber eines 
Willens, der sich vom Glauben regulieren laBt und somit durch den 
empfangenen Christus und seinen Zuspruch im Geist frei und willig 
wird zum Wirken des Willens Gottes. So glaubend entspricht der Mensch 
des Neuen Bundes der Norm Gottes, hat er Gott fur sich und Gott ihn 
fur sich. Gott spricht ihn frei als Gerechten. 1 ) Die ,,selbstgewahlten 
Werke" des Gesetzes, die Luther mit Recht so gehaBt hat, scheiden auch 
fur Jakobus aus. Aber bleibt die Hingabe des wirkenden Willens an den 
Glaubensinhalt und Glaubensgegenstand Jesus Christus und an die 
Intention des Heiligen Geistes im Glaubenden aus, so bleibt das Glauben 
,,fiir sich allein" und ist in seiner Isolierung , 3 tot", etwas Verwesendes, 
,,Unwesentliches", das nicht ,,west" im Werk, im Tun des gottliehen 
Willens und somit nichts schafft fur die Rettung und Rechtfertigung des 
Christen. ** ' . 

Diese Beschreibung des Glaubens ohne Werke als ,,tot" hat nun 
groBe Verwirrung in der Auslegung hervorgerufen. Past allgemein wird 
der Gedankengang des Apostels vom Nutzen des Glaubens ohne Werke 
im Gericht Gottes verlassen und die Eigenschaft des ,,tot" als die Be- 
hauptung verstanden, die Gemeinde habe iiberhaupt nicht Glauben, 
sondern nur das Schattenbild eines ,,toten" Glaubens, das diesen Namen 
zu Unrecht tragt. Ist der Glaube , 3 fur sich allein tot" schlieBt man , 
so mangelt dem Christen das, was das iibrige Neue Testament den 



1 ) Der Glaubende ,,ist Leibeigener eines anderen geworden. Es ist sein Schick- 
sal, dafi er als Mitwirkender in das Werk dieses anderen hineingestellt ist. Glaube 
ist Ergreifen der Lebenskrafte Chiisti: ist die unweigerliche Verantwortuag dafur, 
daB die Werke Christi geschehen" (Half Luther, Neutestamentlicb.es Worterbuch, 
S.63). 

24 



rettenden Glauben nennt. 1 ) Diese Auslegung 1st ein Kurzschlufi, be- 
wirkt durch das tbeologische Vorverstandnis des Glaubens und des 
Glaubenden im reformatorischen Denken, das in den Jakobustext hinein- 
getragen wird. Jakobus wertet nicht den Glaubensakt und das Glaubens- 
verhaltnis als soleh.es. das die Angeredeten von Gott empf angen haben 
wie alle geistlichen Gaben der Gemeinde; er wertet seinen Nutzen vor 
dem gottlichen Urteil. Im Blick darauf , was die Gemeinde mit dem ver- 
liehenen Glauben ,,schaffen" soil, namlich ihrer ,,Seelen Rettung", ist 
ihr Glauben ,,tot", etwas ,,Verwesliches", weil er ,,fur sich allein" sich 
nicht ,,regt" im Werk. Das liegt aber nicht am Glauben oder daran, 
daB der Glaube f ehlt es liegt daran, was der Christ aus dem verliehenen 
Glauben macht; wie er ihn gebraucht; ob er den Glauben sich regen 
lafit im Werk des Glaubens dann ,,schafft" der Glaube sein Ziel, der 
Seelen Seligkeit (1. Petr. 1, 9) , oder ob er dem Glauben diese Regung 
versagt dann ist der Glaube ,,regungslos", ,,tot" und erreicht nicht 
sein Ziel. Jakobus bestreitet der Gemeinde nicht, daB sie Glauben habe, 
d. h. das Zeugnis des Evangeliums von Christus annehme und Christus 

x ) ,,Non est vera, viva et iustificans fides sed inane quoddam simulacrum, 
fides nominalis non realis, putativa non vera, cadaver fidei, non ipsa vera et viva 
fides" (Gerhard, Loci theol., Tom. Ill, Loc. 16, 191). ,,Die blofle kalte Erkenntnis 
Gottes bringt uns nicht im geringsten das Heil" (Calvin zu V. 14). ,,Fides est mortua, 
id est, homo qui se fidem habere dicit, non habet illam vitam, quae ipsa est fides . . . 
Fides non secundum semet ipsam viva est" (Bengel zu V. 17). ,,Zu Leuten, die sich 
auf einen sogenannten Glauben steifen, spricht Jakobus: euer toter Glaube ohne 
Kraft und Leben tuts nicht, sondern die lebendigen Werke miissen aus dem Glauben 
kommen" (Stier, zu V. 17). In semen fruhsten Vorlesungen, in denen Luther noch 
unbefangen den Jakobusbrief als apostolische Schrift zitiert, erklart er die ,,fides 
mortua" als die ,,inefficax fides", ,,fides mformis, quando solum sciuntur 
credenda, sed vktutem fidei non operantur" (W. A. 3, S. 490), also als das 
,,credere Deum" der fides infusa et acquisita un Gegensatz zum ,,credere hi 
Deum". ,,Ficta vero est, quam Theologi nostri acquisitam vocant, turn quae, 
"et si infusa est, sine charitate est" (W. A. 2,566, Galater-Kommentar 1519). 
,,Fides enim infnrmia non est fides, sed potius obiectum fidei. Non enim 
credo, quod quis fide informi possit credere, sed hoc potest bene sc. videre, 
quae sint credenda et ita suspensus manere" (Bomerbriefvorlesung 1517 Ijl8. 
Luthers Werke, ed. Vogelsang, 5. Bd., S. 224; vgl. auch aus der Hebraerbriefr 
vorlesung 15171518, ebenda S. 371- 372). Diese Erklarung wird dann spater 
von Melanchthon und der orthodoxen Tradition mit positiverer Wertung ala 
,,notitia historiae" und ,,opus bonum" aufgenoninien: ,,Ut enim Jacobus cum 
notitia historiae seu professionis requirit bona opera sic et Paulus hater cetera 
bona opra requirit et notitiam historiae seu professionem articulorum fidei" 
(Melanchthon, Loci theologici 1535). 

25 



empfange samt den Gaben des Heiligen Geistes. Aber sie hat nichts 
davon im gottlichen Gericht, weil sie nicht im Geist und Glauben 
wandelt. Das 1st auch fur Paulus zweierlei: Geist und Glauben haben 
und darin wandeln! (vgl. Gal. 5, 25; Rom. 8, 4). Erst der ,,Wandel nach 
dem Geist" (d. h. der Glaube, der Werke hat) ist die Erfiillung der Ge- 
rechtigkeit, ,,vom Gesetz erfordert" in uns, und ihm wird die gottliche 
Anerkennung des rechtfertigenden Urteils. Aber der Begnadete und 
Glaubende hat freilich die Moglichkeit, dem Glauben und seinen Kraften 
die Herrschaft in alien seelischen Bezirken zu beschranken und ihn so 
fiir die Rettung und Rechtfertigung zu entkraften, zu j/boten". 1 ) Es 
ist doch nicht ,,torichte Spitzfindigkeit, darauf zu bestehen, daB bier 
doch immer noch ein gewisser Glaube vorausgesetzt werde" (Calvin, 
a. a. O., zu V. 17, S. 30), sondern trifft allein das seelsorgerliche und 
theologische Anliegen des Jakobus. Es ist ein ahnlicher Sachverhalt, 
wie ihn Matthaus 7, 21 aus dem SchluB der Bergrede Jesu berichtet. 
Die ,,vielen" (!) ,,Herr-Herr!"-Sager sind im Besitz groBter Glaubens- 
krafte und Gnadengaben als Glieder der Gemeinde Jesu gewesen 
(Matth. 7, 22!). Sie haben im Namen Jesu ,,geweissagt", ,,Teufel aus- 
getrieben", ,,viele Taten" getan und tun diirfen. Aber der Eingang in 
das Himmelreich wird ihnen von Christus verwehrt, weil sie den ihnen 
geschenkten Glauben und ihr Glaubensbekenntnis nicht dazu gebraucht 
haben, den Willen des Vaters im Himmel zu tun. Christus wird ihnen 
eroffnen: ,,Ich habe euch noch nie erkannt," d. h. er hat sich nicht mit 
ihnen zur rettenden Liebes-, Willens- und Werkgemeinschaft vermahlen 
diirfen, weil ihr Wille dem Glaubenswerk in der Christusgemeinschaft, 
deren sie durch den Glauben teilhaftig waren, widerstanden hat. So 
haben sie den Glauben fur die gottliche Rechtfertigung 3 ,wesenlos" 
vexpa gemacht. Man macht sich die Sache zu einfach in der Exegese 
wie im seelsorgerlichen Problem, wenn man bei Matthaus wie bei 
Jakobus von Scheinglauben spricht. Beide Apostel sagen nicht aus- 
driicklich, wie sie bzw. der Herr sich den Vorgang denken, daB sich das 
Handeln vom geschenkten Glauben trennt und den Glauben fur das 
gottliche Gerichtsurteil ,,verwest" macht. Es gibt nur eine Deutung 
nach den Andeutungen der Schrift : die Siinde wider den Heiligen Geist, 
die nicht vergeben wird. Der Christ kann sich am Werk Gottes in ihm 



x ) ,,Das dem Mensehen verliehene Glauben ist Kraft, die ihm das Gott dar- 
zubringende Opfer moglich macht, die er aber aucb. entkraften xmd abtoten kann" 
(Schlatter, summarisch zu Jak. 2, 14 26). 

26 



verschulden. Er kann die durch. das Glauben verliehene Kraft Christi 
,,toten". Stier bemerkt zu V. 17: ,,In der Begnadigung selbst, im Wort 
der Vergebung das der Glaube hinnimmt 1st die Aufrichtung zum 
neiien Leben enthalten" (Der Brief Jakobi, 1860, S. 148). Aber diese 
,,Aufriclitting zum neuen Leben" vollzieht sich nicht automatisch, in 
einer Art gottlicher Vergewaltigung des menscbJichen Seelenlebens. Der 
Glaubende muB das Werk Gottes bewuBt und verantwortlich in seinen > 
Willen , 3 einlassen", muB Christus ,,anziehen" 3 mit Paulus zu reden. Die 
Transformation des gottlichen Kraftwerkes, der S^va^u? -8-eou (Rom. 
1, 16), das der Glaubende sich zu eigen macht, in seinen Gott liebenden 
Willen hinein, der sein Handeln regiert, muB als bewuBter Akt voll- 
zogen werden. 1 ) Wird aber die Durchsetzung der richtenden und heilen- 

x ) Die Untersuchungen E. Brunners iiber das ,,personhafte Sein" scheinen 
mir geradezu Auftrag fiir evangelische Theologie zu bedeuten, zwischen der Scylla 
und Charybdis magischen und moralischen Gnadenverstandnisses hindurchzu- 
fuhren und damit der reformatorischen Aneignung neutestamentlichen Wortes ein 
tiichtiges Stiick naherzubringen. ,,Gott ist als personhafter Geist ansprechender, 
in Anspruch nebmender, die personhafte Antwort des Jasagens berausfordernder 
Geist. Jn seinem personhaften Ansprecben, in seinem Wort baben wir selbst unsere 
personbafte Existenz . . . Im Wort Gottes sein ist nicht ein passives, sachenbaftes, 
sondern ein personhaftes Sein, d. b. aber ein Sein in der Verantwortung . . . Weil 
unsere Existenz . . . im Angesprochensein durch das Wort Gottes besteht, darum 
ist unsere Existenz in jedem Moment als eine verantwortliche oder entscheidungs- 
volle wir konnten auch sagen: als ehie geschichtlicbe, bestimmt" (Gott und 
Mensch, S. 55). ,,Den BuBgedanken, wie ibn Jesus gab, bielt Jakobiis aucb in 
seiner Formel fiir die Rechtfertigung fest. Weil die Umkehr zu Gott in der Tat be- 
steht, die den bosen Willen verwirft und so Gottes Gnade erlangt, entsteht fiir 
Jakobus an der Bufie kein Zweifel, ob der Mensch gehorchen konne. Das ist iTrrn 
ja dadurch, dafi er zur BuBeberufen wird, gesagt, und damit ist zugleicb festgestellt, 
daB er dann in die Gnade Gottes tritt, wenn er sich zum Werk entschlieBt" (Theo- 
logie der Apostel, S. 113. 114 und 118). Im Buck auf die Paulinische Formulierung 
vom ,,in Christo Jesu" allein machtigen Glauben, der durch Liebe wirksam ist, 
als der Realisierung der von Gott geforderten und geschenkten Eeehtschaffenheit 
des Gerechten (Gal. 5, 5f.) diirfte von Jakobus und Paulus her heute die Prage 
erlaubt sein, ob mit der Augustiniscb-Thomistischen fides caritate formata heute 
nicht eme andere Auseinandersetzung geboten ist, als sie im Zeitalter der Be- 
drohung der fides durch eme falsch verstandene caritas gefordert war. Auch fiir 
Luther gehorte die Gottesk'ebe zum Wesen des rechtfertigenden Glaubens, was 
hinreichend zu belegen ist. Nur seine Polemik gegen ontisches und der christlicben 
Umwandlung entgangenes Aristotelisches Denken lieB das bei ibm zuriicktreten. 
Freilich wird seine Anthropologie vor allem ist bier an seine Darstellung der Lehre 
von der Erbsiinde zu denken nicht einfach iibernommen werden konnen, um 
die ayocKT) (gegen Gott und Menscben) im Geschehen der Recbtf ertigung durch den 

27 



den Gnade im Willen und Handeln verweigert, dann wird der Inhalt 
des Glaubens, der gegenwartige Christus und der Heilige Geist, ab- 
gestoBen und entkraftet fiir das Sein des Christen vor Gott. 1st die ' 
Kezeptivitat des Glaubenden nicht verbunden mit der Aufnahme 
Gottes in den Gott liebenden Willen und das Gott dienende Werk, kann 
der Glaube nicht erretten. Denn er tut nicht den Willen Gottes. So ist 
der Mangel am Werk fiir den Glaubenden Verschuldung an der empf an- 
genen Gnade fiir die Gottlosen. Der ,,fiir sich allein" tote Glaube ist 
immer Anklage dessen, der ihn dazu macht. Gott gibt keinen ,,toten" 
Glauben. 1 ) Damit steht das Ergebnis fest: Glauben ohne Werk macht 
Gott nicht recht und rettet darum nicht aus dem Gericht des gottlichen 
Urteils. Gott muB unser Werk sehen, wenn er uns sehen und beurteilen 
will, ob Er unser Gott und wir das Volk seiner Weide sind und sein kon- 
nen. Das gilt fiir die heimliche und fiir die offenbare Rechtfertigung 
aller Glaubigen. Der Apostel Paulus driickt den gleichen Tatbestarid 
mit dem Satz aus: ,,Aus Gnade seid ihr gerettet worden durch den 
Glauben und das nicht aus euch : Gottes Gabe ist es , nicht aus 
Werken, auf dafi sich nicht jemand riihme. Denn wir sind sein Werk, 
geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, zu welchen Gott uns zuvor 
bereitet hat, daB wir darin wandeln sollen" (Eph. 2, 810; vgl. auch 
Rom. 12, 1. 2). 2 ) 

Glauben so zur Geltung zu bringen, wie das neutestamentliche Zeugnis es fordert. 
DaB der dyaTr/] Gottes in der Christusgemeinschaft des Menschen eine groBere Be- 
deutung zukomme, als iibliche Darstellung der Konzeption Luthers vom Glauben, 
aber auch reformatorische Theologie selbst ihr zuerkennt, hat der schwedische 
Theologe Nygren in seinemWerk,,Eros und Agape" (2Bde., deutsch 1930 u. 1937) 
einsichtig gemacht. Der Jakobusbrief ist aueh an dieser Stelle reformatorischer 
Theologie ein unuberhorbarer Aufruf zur Revision. Er vertritt eine beachtlich 
andere Einschatzung des Glaubensaktes, des Willens, des Werkes und der Gnade 
des Wiedergeborenen, als sie bei Luther zu finden ist. 

a ) Hingewiesen sei auf die bestechende Bemerkung Calvins zu unserem Ab- 
schnitt: ,,Darum wird uns das Heil aus dem Glauben zuteil, weil derselbe uns mit 
Gott verbindet. Das geschieht aber nicht anders, als wenn wir in den Leib Christi 
eingepflanzt werden, so daB wir aus Seinem Geiste die Lebenskrafte zieheri und 
dadurch auch von Ihm regiert werden. Jn jenem toten Schatten des Glaubens gibt 
es etwas Derartiges nicht." 

2 ) Die Deutung der Orthodoxie: ,,Fides apud Jacobum non accipitur absolute 
pro fide iustificante, sedpro externa fidei professione . . ., docet externam 
illam fidei prof essionem, si non sit coniuncta cum propriis fidei iustif icantis 
effectis, scilicet operibus bonis, non iustificare," und es handele sich bei Jakobus 
uberhaupt nicht um die ,,iustificatio coram Deo, sed de iustitiae declarations 

28 



Jakobus rechnet mit einem Einwand aiis der Gemeinde auf seine 
Behauptung, Glauben ohne" Werke 1st unwesentlich fiir Gott und be- 
deutet nichts fin* die Rechtfertigung des Menschen: 

,,Aber es mochle jemand sagen: Du hast Glauben; und ich habe 
Werke" (V. 18 a). 1 ) 

Jakobus legt rhetorisch einem zweiten Sprecher aus der Gemeinde 
einen Einwand in den Mund, der sich an beide bisherigen Gesprachspartner, 
an den Sprecher von Vers 14 und an den Apostel richtet. Jakobus kon- 
struiert also aus seiner seelsorgerlichen Erkenntnis des judenchristliclien 
Gemeindelebens jener Zeit die wahrscheinliche Reaktion auf seine Herab- 
setzung des Glaubens ohne Werke. Man wird einwenden : Der eine Christ 
(von Vers 14) hat eben Glauben, Glaubenshaltung, Glaubensbekenntnis, 
Glaubenserkenntnis, Glaubenskraft, der andere Christ (Jakobus) hat 
Werke, den geheiligten Willen, das von Gott geformte Handehi. Das 
sind verschiedene gottliche Charismata, die nun einmal so verteilt sind 
(vgl. 1. Kor. 12, 4ff. 9!). Damit gilt es sich abzufinden und von keinem 
mehr zu verlangen, als er durch die Gnadenwirkungen des Heiligen 
Geistes haben darf. 

Man darf wohl annehmen, daB der Apostel mit diesem Einwand 
jiidisches Denken zur Sprache bringen will, das sich im christliehen 
Gewande in der Judenchristenheit zu behaupten versucht. Glauben und 
.gutes Werk sind der Synagoge als die zwei Verhaltensweisen frommen 
Judentums vertraut. Jiidisches Denken will das christliche Ineinander 
von Glauben und Wirken beim Apostel Jesu wieder als traditionelles 
Nebeneuiander zweier frommer Verhaltensweisen verstehen, ohne daB 
damit der Gedanke eigener Leistung und eigenen Ruhms mitgedacht 
:zu sein braucht. Wir befinden uns in jenem Zeitalter der judenchrist- 
lichen Kirche, da christh'ches Denken alttestamentliches Gedankengut 
verarbeitet, aber auch sich gegen die Durchsetzung mit traditionellen 



coram hominibus per opera" 1st exegetisch .einfacli uahaltbar. (Vgl. Johann 
Gerhard, Loci theol., Tom. Ill, Loc. 16 u. Tom. IV, Loc. 17, Cap. 82.) 

1 ) Dibelius bezeichnet diesen Vers als ,,eine der schwierigsten neutestament- 
lichen Stellen iiberhaupt", und das mag zutreffen, sofern man nach dem genauen 
-und urspriingliclien Wortlaut fragt. SacbJicb laufen doch. wobl alle Lesarten und 
.Deutungen auf einen Gedanken binaus, der den bisberigen fortfuhrt. Ich entscheide 
mich fiir die Lesart, die am wenigsten andert: der Einwand von zweiter Seite aus 
der Gemeinde rhetorisch vorgebracht ist das erste kleine Satzchen des Verses 
18, hinter eyoi ist mitWestcott und Hort euiPunkt zu setzen. Der Best des Verses 
:ist bereits Antwort des Apostels auf den Einwand. 

29 



theologischen Vorstellungen der Synagoge zu sichern hat. AHes befindet 
sich noch im MuB und Austausch, die auBere und innere Scheidung 1st 
noch nicht endgiiltig vollzogen. Die ,,Sprecher" von V. 14 und V. 18 
beweisen es. 

Jakobus weist die fiir christlicb.es Denken iiberholte Vorstellung 
eines beziehungslosen Nebeneinander von Glauben" und Werke" im 
Gemeindeleben zuriick. Das ist der Inhalt des Restes von Vers 18. 1 ) 

,,Zeige mir deinen Glauben ohne Werke (oder: ,,aus den Werken" 
nach der Koine), und ich werde dir aus meinen Werken meinen Glauben 
zeigen." 

Der Apostel verlangt einen rechtfertigenden Glauben mit Werken 
und rechtfertigende Werke, die Darstellung des Glaubens sind. 

Der Verteidiger des Sprechers von V. 14 behauptet den Besitz des 
Glaubens, der im gottlichen Gericht rettet. Diese Behauptung muB be- 
wiesen werden vor Jakobus wie vor Gott. Jakobus denkt nicht daran, 
dem christlichen Bruder zu bestreiten, daB er Glauben habe. Seine 
Redeweise ist nicht ironisch (so Calvin zu V. 18). Der Glaube ist zu- 
nachst ein unsichtbares Verhaltnis des seelischen Menschen zu dem sich 
offenbarenden Gott in der Gemeinde. Das kann auch ein Apostel dem 
Bruder, der sich dazu bekennt, in diesem Verhaltnis zu stehen, nicht 
einfach absprechen. Aber er kann darum bitten, daB dieses Glaubens- 
verhaltnis zu Gott sichtbar gemacht werde. ,,Zeige mir!" Das ist 
durchaus kein ,,Unding" (so Stier). Es ist die Offenbarung dessen, was 
in der Seele des Glaubenden verborgen geschieht: seine Gemeinschaft 
mit dem innewohnenden Christus, seine Anerkennung des gottlichen 
Wortes. Auf diese Offenbarung seines Glaubens ,,ohne Werke" muB der 
Glaubende hinweisen konnen. Denn ,,der Zeuge fiir meinen Glauben ist 
die Weise, wie ich handle. Weil ich mich redlich auf Gott stiitze, darum 
handle ich so, wie es nur der kann, der ihn vor Augen hat und sich tragen 
laBt von seinem Wort und in seiner Gnade den festen Standort hat, in 
welchem seine Seele ruht" (Schlatter, Der Jakobusbrief ausgelegt fur 
Bibelleser, S. 54). Was man als Glaubender besitzt und ist, das muB man 
auch ,,zeigen" konnen. Das ist freilich ein ganz ungriechisches, jeder Gnosis 

J ) Aus dieser Zuriickweisung und Auseinandersetzung ist wiederum nicht der 
SchluB zu ziehen, die Gemeinde kenne keine Christus-Gaben und Christus-Er- 
fahrungen. Ihr Denken dariiber ist nocb. nicht christlich geklart und gefestigt. 
Das ist ein ProzeB, der den Gaben und Erfabrungen f olgt! Hatte man das nur in 
der Jakobusbrief -Auslegung und in der Behandlung des Rechtfertigungsproblems 
in der Kirche geniigend beriicksichtigt! 

30 



alter und moderner Art unverstandliches, aber reclit alttestamentliches 
und neutestamentliches Verlangen. Das Glauben der biblischen Menschen 
1st nicht nur existent im Begriff , im Denken, in der Idee oder im Gefiihl. 
Der Glaube existiert als die Ganzheit und Einheit leib-seelischer Hingabe 
an den offenbarten Gott im Gott ahnlichen, handgreiflichen Wirken 
des Menschen. Gott muB zu ,,greifen" sein im Glaubenden. Fur einen 
Juden christen kein unbilliges Verlangen, dem die Gegenwart Jahves 
und seines Geistes immer etwas Handgreifliches ist. 1 ) Dem Israel des 
Alten und des Neuen Bundes gilt nur ein Glaube als gottliche Wirklich- 
keit, der sich fur menschliche Sinne und Wahrnehmung greifbar und 
anschaulich machen laBt; denn so greifbar und anschaulich steht der 
Mensch vor Gott, seinem Richter, und will Gott ihn sehen. Darum 
ist die Bitte des Apostels: sage nicht nur, daB du glaubst; beschreibe 
mir das leibhaftige ,,Aussehen" denies Glaubens, nicht AnmaBung und 
Vorwitz, sondern die Bitte an den Glaubenden, sich ihm, dem Apostel, 
so vorzustellen, wie er gegenwartig verborgen vor Gott steht und zu- 
kunftig offenbar Gott vorgestellt werden wird: als ein Glaubender mit 
seinen Werken. Das aber ist die Situation der Rechtfertigung. ,,Solange 
wir uns nicht ans Werk machen, ist unser Glaube ein verstecktes Ge- 
heimnis" (Schlatter, a. a. O., S. 54), auf Grund dessen uns Gott nicht 
als die Seinen erkennen und anerkennen kann. Er kann nichts sehen, 
weil wir nichts ,,zeigen". Eben das ,,Zeigen" liegt aber an uns, wie das 
,,lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daB sie cure guten Werke 
sehen und euren Vater im Himmel preisen" eine Aufforderung Jesu an 
die Glaubenden ist, verantwortlich und willentlich zu ,,zeigen", was sie 
haben und was sie sind. Das Licht im Glaubenden scheint nicht ein- 
fach ,,von selbst", der Glaubende muB es als ,,gutes Werk" scheinen 
lassen, er kann es auch ,,unter einen Scheffel stellen" und sich so 
am Besitz des Lichtes im Glauben versundigen! 2 ) Die Ganzheit der 

a ) Man erinnere sich an dieser Stelle dessen, was alttestamentliche Forschung 
als das Wesen des 1^, das doch auch gerade Luther und lutherische Theologie 
als den ,,Sitz" des Glaubens bezeichnet, herausgestellt hat: ,,was von ^ ausgeht, 
ist recht eigentlich Sache des ganzen inneren Menschen, das ihn darum als bewufit 
handelndes Ich verantwortlich macht ... So verschafft sich hier die in der hebra- 
ischen Psychologic entscheidende Dominante des Willens, und zwar des sittlich 
bestimmten und verantwortlichen Willens, beredten Ausdruck . . ." (Walther 
Eichrodt, Theologie des Alten Testamentes, II, S. 73; vgl. iiberhaupt das ganze 
Kapitel ,,Die Bestandteile des menschlichen Wesens", S. 65 ff. !). 

2 ) Diesen bibhschen Tatbestand hat Luther bei der Bildung seines Glaubens- 
und Werkbegriffs iibersehen, wie seine bekannte Auslassung in der Vorrede zum 

31 



christlichen Existenz vor Gott wird sichtbar in dem Miteinander von 
Glauben und Handeln. Zuriickziehen auf ein vom Werk isoKertes, 
Charisma ,, Glauben" ware Spaltung der menschlichen Seele. Darum 
1st Jakobus auch bereit, fur seine Person den Beweis dieser Ganzheit 
christlicher Existenz anzutreten. Sein Wirken ist Demonstration seines 
Glaubensverhaltnisses, nicht ein am Gesetz orientiertes ,,naturliehes" 
oder durch magische Eingebung gewirktes Verhalten. Der Apostel ist 
in der Lage, an seinem Handeln die Spuren des ,,Geistes und der Kraft" 
aufzuzeigen, die allein dem Glaubenden eingepragt werden, der Christus 
vertraut und sich anvertraut. Als solches Handeln aus dem Glauben ist 
christliches Werk sichtbar zu machen, weil es offenkundig Anschauungen 
und Krafte natiirlichen Handelns iibersteigt und nur aus einer Gottes- 
anschauung und Geistesgemeinschaft zu erklaren ist, die allein dem 
aus der Herablassung und Offenbarung Gottes gewonnenen Glauben 
eigen ist. So aber erweist sich der Apostel, der ,,Werke hat", als einer, 
der tatsachlich durch den Glauben und nicht ,,aus den Werken" 
fiir Gottes Reich sich hat retten lassen und sich gerettet hat. S o glaubend 
hat er Gottes Ja fiir sich. Jakobus koordiniert also.weder den Glauben 
und die Werke noch bevorzugt er das eine vor dem anderen. Aber er 
sieht auf zwei Verhaltensweisen des lebendigen Menschen vor Gott, die 
in ihrer Einheit AnlaB fiir das gottliche Urteil sind, daB hier ein Mensch 
vor Gott und fiir Gott existiert und darum als ein Bundesgenosse ihm 
recht ist, zu dem Gottes Gnade ihn erwahlt und berufen hat. Damit ist 
,jdie religiose Gleichwertigkeit des Glaubens mit den Werken" (Hauck) 

Romerbrief in der Bibelausgabe von 1545 zeigt, wonach es ,,unm6glich ist, Werke 
vom Glauben zu scheiden, ja, so unmoglich, als Brennen und Leuchten vom Feuer 
geschieden werden kann. Der Glaube fragt nicht, ob gute Werke zu tun seien, 
sondern ehe man fragt, hat er sie getan und ist immer im Tun. Wer aber solche 
Werke nicht tut, der ist ein glaubensloser Mensch, tappet und siehet um sich nach 
dem Glauben und guten Werken und weiB weder, was Glaube, noch was gute 
Werke sind, waschet und schwatzet doch viele Worte vom Glauben und guten 
Werken" (W. A., Deutsche Bibel, 7. Bd., S. 10). So verstandlich diese Darlegungen 
als Abwehr der spatmittelalterlichen EVommigkeit und eines Glaubensverstand- 
nisses als ,,menschlich Gedicht und Gedanke, den des Herzens Grund nimmer 
erfahrt" sind, die Anthropologie, die dahinter steht, ist nicht die des Jakobus und 
des Matthaus und auch nicht wie noch spater darzulegen ist die des Paulus. 
Auch die Bemerkungen Calvins zu V. 18: ,,kannst du kerne Friichte des Glaubens 
beibringen, so spreche ich ihn dir ab . . ., ohne das Zeugnis der guten Werke wird 
der Besitz des Glaubens vergeblich in Anspruch genommen," treffen nicht den 
neutestamentlichen Gedanken der Versehuldung und der Verantwortung vor der 
gesehenkten Gnade und dem angeziindeten licht im Glaubenden. 

32 



als im Raum der Gemeinde Jesu unhaltbarer Einwand (V. 18 a) zuruck- 
gewiesen und zum zweitenmal die Frage von V. 14, ,,ob es einen retten- 
den, Rechtfertigung erlangenden Glauben gebe, der frei von jeder Pflicht 
einzig in dem ruhe, was die Gnade des Christus dem Glaubenden gewahrt" 
(Schlatter, Der Brief des Jakobus, S. 195), mit einem klaren Nein be- 
antwortet. Das Empfangen und Bekennen der Gnade Christi recht- 
f ertigt, indem es den totalen leib-seelischen Menschen Gott recht macht : 
er tut den Willen Gottes, indem er seine Schuld bekennt, Gottes Gnade 
ergreift, sich s^elbst richtet und das konkrete Werk des Glaubens tut, daa 
von ihm, dem zum Gehorsam erwahlten und berufenen Sunder, ge-. 
fordert wird. Gott rechtfertigt nur ,,Heilige", d. h. ihm Horige aus den 
Siindern. DaB das geschehen kann im Blick auf die Heiligkeit Gottes 
und auf die Unheiligkeit des Menschen , das ist das unfaBliche, nur 
anzubetende Geheimnis seiner Gnadenwahl ,,in Christo", ,,ehe der Welt 
Grund gelegt war, daB wir sollten sein heilig und unstraflieh vor ihm" 
(Eph. 1, 4), ,,zu Lob seiner herrlichen Gnade, durch welche er uns hat 
angenehm gemacht in dem Geliebten" (Eph. 1, 6). 1 ) 

x ) ,,Wird in deinen Werken nicht dein Glaube sichtbar, so sind deine Werke 
keine Werke, die dir Rettung und Rechtfertigung bereiten. Der, der wirklich 
Werke bat, erweist sich durcb sie als einen Glaubenden" (Schlatter, a. a. O., S. 196). 
Die emphatische Art, mit der Hermann Sasse in ,,Was ist lutberisch?" (1936) 
sich mit dem Glaubensbegriff der reformierten Kirche bzw. Karl Earths ausein- 
andersetzt (vgl. S. 129ff.), scheint mir denn doch reichlich weit iiber das Ziel einer 
,,Darstellung des Sinnes der alten Konfessionsbezeichnungen" hinauszugehen. 
Ob wirklich ,,kein Zweifel daran bestehen kann", daB die Glaubensdefinition der 
reformierten Kirche und Karl Earths ,,dem Glaubensbegriff des Vatikanums naher 
steht als demjenigen Luthers" (S. 133), ist ja als Privatmeinung Sasses zu dis- 
kutieren. Aber wenn im Namen lutherischer Kirche ein Glaube abgelehnt wird, 
der ,,nicht mehr nur das Trauen auf die Zusage der gottlichen Barmherzigkeit ist," 
sondern sich ,,dem Begriff des Gehorsams nahert" (S. 130), so ist das eine akute 
Gefahr fiir den Glauben und das Evangelium der lutherischen Kirche! Wir setzen 
uns wahrhaftig fiir die Erneuerung der bekenntnisgebundenen lutherischen Kirche 
ein. Wir sind auch nieht der Meinung, daB das reformierte Bekenntnis mit dem 
lutherischen ubereinstimme und daB Karl Earth ein Lehrer lutherischer Dogmatik 
und lutherischer Kirche sei sowenig er selbst dieser Meinung ist ! , aber wir 
wehren uns energisch um der lutherischen Kirche willen gegen einen Kon- 
fessionalismus, der die Kirche gegen die Herrschaft und den Angriff des lebendigen 
,,Wortes" hinter alten Begriffen der Bekenntnisse vom Glauben und vom Evan- 
gelium verschanzt, nur darum, weil ihm neues Zeugnis vom Glauben und Gehorsam 
,,reformiert" oder ,,kathoUsch" oder ,,pietistisch" klingt. Als wenn wir nichts 
anderes zu tun batten, als vorhandene Definitionen zu sichern! Als wenn die Una 
Sancta derart mit der lutherischen Kirche zusammenfiele, daB ,,auBerordentliche" 

3 Lackmann, Sola fide 33 



Der Apostel fahrt fort mit einer harten Liebe, die dem irrenden 
Bruder keine Demiitigung und Erschiittening seiner SelbstgewiBheit 
ersparen darf, dem hartnackigen Sprecher von V. 14 zuzusetzen. Er 
sieht es also als seine seelsorgerliche Aufgabe an, eine ,,HeilsgewiBheit" 
zum Zusammenbruch zu bringen, die sich derart ,,iin Wort" grundet, 
daB der ,,Glaube fur sich allein" bleibt. Jakobus geht dabei mit einet 
Scharfe vor, die an Luthers grimmigen Streit gegen die securitas der 
,,Werkgerechten" erinnert: 

,,Du glaubst, daft ein einiger Gott ist ? Du tust wohl daran; auch die 
Teufel glauben's und zittern" (V. 19). 

Eine ganze Anzahl alter und neuer Kommentatoren behaupten, 
an dieser Stelle verlasse Jakobus offensichtlich den christlichen und 
apostolischen Glaubensbegriff ; vollends mit dem des Paulus habe er 
nur das auBerliche Wort gemein. Sie stellen von diesem Vers riick- 
schliefiend dann auch die Tcicm? der Auseinandersetzung von V. 14 18 
als christlich vollwertig in Frage. Diese Auslegung hat auszuscheiden. 
Hat der Apostel bisher apostolisch und christlich vom ,,Glauben" ge- 
redet und das ist unbestreitbar , dann tut er es auch in Vers 19. Wir 
werden uns bemuhen miissen, statt fertige systematische Schulbegriffe 
vom ,,Glauben" an das Wort Gottes heranzubringen, den apostolischen 

Lehrer der reformierten oder katholischen Kirche fiir die Gestaltung des Glaubens- 
begriffs undenkbar waren! Als wenn die Kirche jemals sich auf eine Patentlosung 
fiir das ,,Geheimnis des Glaubens" zuriickziehen konnte! Als wenn zwischen 1530 
und 1930 die Kirche Jesu Christi nichts anderes als die lutherischen Bekenntnisse 
und den Abfall von ihnen erlebt hatte ! Als wenn es ein ernsthafteres Horen auf das 
Zeugnis vom Glauben der Vater geben konnte, als dem von ihnen erfahrenen Wort 
und Sakrament sich mit ganzer Hingabe zu offnen, wenn denn auch daruber ein 
neuer und andersartiger Glaubensbegriff zustande kommen sollte, als ihn 
D. Luther oder ein moderner Professor fiir lutherische Dogmatik fiir moglich und 
tragbar halten konnte. Unsere konfessionellen Vater im neunzehnten Jahrhundert 
ich denke etwa an Vilmar, Scheibel und Lohe die doch wohl unverdachtige 
Zeugen einer lutherischen Kirche sind, haben durchgehend den Standpunkt ver- 
treten, daB die Herrlichkeit ihrer Kirche in der steten Fortarbeit des Herrn an 
seinem Leibe und darum im steten Wachstum seiner Gemeinde, ihm einzuwohnen 
und ihn zu ,,erkennen", bestehe, wobei denn immer wieder ,,die Erde" unserer 
Lehrformen ,,vergeht", ,,veraltet wie ein Gewand" und ,,verwandelt wird wie ein 
Kleid", wenn er sie verwandelt. ,,Du aber bleibst, wie du bist, und deine Jahre 
nehmen kein Ende" (Psahn 102, 28). Man ist eben urn der Erhaltung der bathe-- 
rischen Kirche willen! versucht, den SpieB, den Hermann Sasse Karl Earth 
vorhielt, umzudrehen und zu fragen: wird hier nicht der lutherische Glaubens- 
begriff im Sinne romisch-kathoUscher Auffassung des Dogmas vertreten, wonach 
auch die Formulienmg des Dogmas Of f enbarung ist ? Ich frage ! Ich sage nicht," daB 
,,kein Zweifel daran bestehen kann". 

34 



. r f, . I . .. - , . . . - 

,,Sehakt" wiederzugewinnen, aus dem der Apbstel so zur prchristenheit 
spreehen konnte. DaB er nicht } ,paulinisch" spricht, sollte den nicht 
verwundern, der die Apostelgeschichte kennt und Sinn fiir historische 
und geistige Zusammenhange hat ; ihn darum als christlichen Theologen 
abzulehnen und als Gegner des'Paulus und seiner Schau des 3 ,Glaubens" 
zu.bezeichnen, ist ein Fehlurteil, das nur yon einer bedenklichen , Christ- 
lichen" und 33 paulinisehen" Theologie gefallt werden kann. 1 ) 

Der Zusammenhang von V. 19 mit V. 18b wird meist iibersehen. 
Jakobus hat das Sichtbarmachen des behaupteten Glaubens (V. 18 a), 
der ,,ohne Werke" ist, erbeten. Se^ov; ja Seixvu^i laBt er den Sprecher 
von V. 14 zwischen V. 18 und 19 antworten: ich 33 zeige" dir meinen 
Glauben, ich weise dir das Wahrzeichen des Glaubens, das CTiS[x[3oXov 
vor, an dem sich die Christen gegenseitig als Christen erkennen und mit 
dem sie sich von den Unglaubigen als Glaubige unterscheiden, das Be- 
kenntnis des'Volkes Gottes zu dem Gott Israels. Es hat seinen Grund, 
wenn Jakobus den Sprecher das ^K^l V^^ a ls Wahrzeichen des Glaubens 
zitieren lafit. Das ist fiir den Judenchristen das bleibende Kennzeichen 
seiner Aussonderung aus der Heidenwelt. Auch Jesus hat das Bekennt- 
nis zu Jahve als dem einen verpflichtenden Gott als das Wahrzeichen 
des wahrhaf t glaubigen Israel an erster Stelle genannt und den Israeliten, 
der sich zu diesem Wahrzeichen bekannte, ,,nicht feme vom Reich 
Gottes" geheiBen. Daran andert sich auch in der judenchristlichen 
Gememde nichts. NaturHch ist fiir Jakobus und die Gemeinde mit dem 
^^1 y$ ( v gl- 5. Mos. 6, 4; Jes. 44, 6) nicht der ganze Inhalt umschrie- 
ben, den der Glaube der Judenchristen als Gabe Gottes empfangt 
(vgl. Jak. 2, 1!). Aber unter den damaligen kirchengeschichtlichen Um- 
standen die Judenchristen leben mit den unbekehrten Juden noch 
in der Gemeinschaft der Synagoge und wollen in ihrer Mitte das rechte 
Israel darstellen! war das heilige ^J?^ 1 ) ^01^ das gemeinsame, vom 
verlorenen Heiden unterscheidende Wahrzeichen des Glaubens. Im 
iibrigen besteht zu Hecht Bengels Bemerkung an dieser Stelle: ,,funda- 
mentalis ille articulus, qui semper fideles ab infidehbus diremit," das 

a ) Schon Johann Gottfried Scheibel, der Streiter fiir lutherische Ejrche und 
LeKre in Schlesien, forderte von der neutestamentlichen Wissenschaft, daB ,,die 
Individualitat der einzelnen Schriftsteller starker herausgearbeitet werde" (In 
,,Biblische Belebxungen iiber lutherischen und reformierten Lehrbegriff und Union 
beider^Konfessionen", 1832, nach Martin Kiunke, Johann Gottfried Scheibel 
und sein Eingen um die Kirche der lutherischen Eeformation", Dissertation 1941^ 
S..382). 

s* 35 



,,Panier des Judentums und der christliclien Gemeinde gegenuber dem 
Heidentum" (Hauck), das freilich durch beliebige Artikel des Credo der 
Kirche erganzt werden kann. Nun stoBt sich die Auslegung daran, daB 
das Wahrzeichen des Glaubens, das Credo der Kirche hier als das Credere 
selbst bezeichnet werde, und f olgert : die ganze Auseinandersetzung des 
Abschnittes setzt nicht den eigentlichen, gottgewirkten, empfangenden 
Glauben des Christen, sondern nur ein religioses Wissen und Begreifen, 
die ,,tiberzeugung von der Objektivitat der gottlichen Dinge" (Vilmar), 
die ,,fides historica" (so schon Melanchthon zu V. 10) voraus. 1 ) Das 
ist aber keine wirklich am Text gewonnene Wahrnehmung; zugleich 
tragt man rationalistische Wertung des religiosen Wissens und kirch- 
lichen Credos in das apostolische Zeugnis und in die Urgemeinde. 

Der Vertreter des ,, Glaubens fur sich allein" macht sein Glauben" 
sichtbar im Credo Israels. Er meint damit dem Wunsche des Apostels, 
sein behauptetes ., Glauben" sichtbar zu machen, zu entsprechen. So- 
wenig Jakobus seine Demonstration des Glaubens im Werk mit dem 
Glauben gleichsetzt, so wenig besteht AnlaB zu der Annahme, der Spre- 
cher aus der Gemeinde identifiziere sein ,,Zeichen" des Glaubens, das 
Bekenntnis zum ^'NI&'J JJ)?!^ mit dem gottlichen Geheimnis des Glaubens. 
Dariiber bietet der Wortlaut keine Andeutung, auch aus der Antwort 
des Apostels ist nicht zu entnehmen, daB er sich gegen eine unerlaubte 
Gleichsetzung des Credos der Gemeinde mit dem rettenden Credere des 
Christen wende. Sein Einwand in V. 19 wendet sich lediglich gegen den 
Anspruch des Sprechers, im Ausspruch des israehtischen Credo das 
Wahrzeichen seines verborgenen Glaubens sichtbar zu machen, das 
ihn als Glaubigen vor Gott ausweist und ihm die gottliche Rechtfertigung 
erwirkt. Fur den Vorgang des Glaubens und des Glaubensbekenntnisses 
der Kirche nur ein Wortbild, namlich TUCTTI? und mcrreiSsiv zu be- 
nutzen, ist bis heute Sprachgebrauch der Kirche, der nicht nur Irrtiimer 
erzeugen kann, sondern auch irrtumliche Auffassungen vom Credere 
des Christen und vom Credo des Volkes Gottes abwehren soil. Das gleiche 
Wort raaTis, ,, Glauben", fiir die zwei zu unterscheidenden Vorgange 
(vgl. etwa Hebr. 11, 6 und Rom. 5, 1 und den Gebrauch in den Pastoral- 
briefen) ist bekanntlich nicht zufallig oder gar eine Schwache der bibli- 
schen Schriftsteller. Fiir den Frommen Israels und die urchristliche Ge- 
meinde ist das religiose Wissen und das Glaubensbekenntnis eine heilige 

1 ) ,,Denn wir nennen das nicht Glauben, daB man die schlechte Historieu 
wisse von Christo" (Melanchthon, Apologie der C. A., Art. IV). 

36 



Wirkiing des im glaubenden Umgang empf angenen Gottes und seines 
Wortes. Wer das Bekenntnis spricht, hat Anteil an den gottlichen Gaben 
der auserwahlten Gemeinde und die Wahrheit ist in ilrm. Man lese einmal 
5. Mose 6 den feierlichen Bericht von der gottlichen Kennzeichnung des 
Bundesvolkes mit dem ewigen Wahrzeichen des JJfcl^'-Bekenntnisses, 
so empfangt man einen Eindruck, was fur den Frommen Israels der 
Ausspruch des ,,Credo" seiner Gemeinde bedeuten muBte. Sowenig 
Petrus das Christusbekenntnis sprechen kann, ohne sich der Gabe des 
himmKschen Vaters glaubend geoffnet zu haben, so wenig kann die 
judenchristliche Gemeinde das Wahrzeichen des J?D$ tragen, ohne mit 
Gott glaubigen Umgang gehabt zu haben. Moderne Profanierung kirch- 
lichen Wissens und Bekenntnisses, das jeder Unglaubige sich rational 
aneignen und in Gebrauch nehmen kann, war der Urgemeinde (es sei 
in diesem Zusammenhang nur an die Arkandisziplin erinnert!) und erst 
recht der Judenchristenheit nicht vertraut. Es ist schon etwas, das tat- 
sachlich mit Glauben zu tun hat, wenn der Sprecher das Credo Israels 
in den Mund nimmt oder ein Christ sich zum Credo der Kirche Jesu 
Christi bekennt. Eine Welt der aufgetanen gottlichen Herrlichkeit und 
Gnade wird damit beschworen! Auch bei dem Judenchristen Paulus 
steht zu lesen: ,,mit dem Munde wird bekannt zur Rettung" (Rom. 10, 
10) ; und der Apostel Jakobus hat denn auch der feierlichen Inanspruch- 
nahme des israelitischen Glaubensbekenntnisses nicht die Anerkennung 
und Zustimmung versagt. Er war kein ,,Protestant", dem das Credo 
der Kirche etwas Gleichgiiltiges oderNebensachliches ist. Darum reagiert 
Jakobus auf diese Demonstration des Glaubens mit einem Lob. xocXoi? TCOI- 
s!<;, um freilich im gleichen Atemzug das Argument des Sprechers zu 
entkraften. Denn nicht das Bekenntnis und seine Wiirde als Wahrzeichen 
des Glaubens will er entwerten, aber seine Beweiskraft fiir den Glauben, 
der ohne Werke Rechtfertigung und Rettung verschaffen soil! Mit 
dem Glaubensbekenntnis getrennt vom Werk ist der Glaube noch 
nicht sichtbar gemacht, der Gott recht macht und rettet. Das beweist 
der Apostel mit dem Hinweis auf die Anerkennung der gottlichen Wirk- 
lichkeit und Wahrheit, die das israelitische ,,Credo" bezeugt, durch die 
Damonen. Auch sie sprechen das Bekenntnis zur gottlichen Wahrheit 
unter dem uberwaltigenden Eindruck des sich offenbarenden Gottes. 
Der Damon lebt geradezu darum seine damonische Existenz, weil er 
die Gotteswirklichkeit erfahren hat und dessen durch und durch ,,inne" 
ist, was es um sie ist. Der Damon ist schlagendster Gottesbeweis. Aber 
,,sie zittern" vor Gottes Heiligkeit und seinem Gericht, weil sie der 

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erfahrenen und erkannten Gottesmacht niit ihrem Wttlen sich versagen. 
So verzehren sie sich an Gott statt aus ihm zu leben. 1 ) 3 ,Ich liefi den 
Augenblick verstreichen ..." das sind die Teufel, die um die ganze 
Herrliehkeit Gottes wissen aus gottgewirkter Erfahrung und ,,zit- 
tern". Ereignisse wie die in Matth. 8, 28 ff. und Lukas 4, 34 geschilderten, 
da Damonen im Banne der Wirkmacht des gegenwartigen Herrn ihn 
als den Sohn und Heiligen Gottes anerkennen und anrufen und als ihren 
Richter fiirchten bis zur Selbstvernichtung, hat Jakobus moglicherweise 
selbst miterlebt und kann er in der Gemeinde als bekannt voraussetzen. 
Nein, Glaubenserkenntnis und -bekenntnis ist nicht ausreichendes 
Wahrzeichen fur den Glaubigen, den Gott als Gerechten bestatigt und 
der Gottes als seines Vaters und Freundes gewiB sein kann. Es kann sogar 
Erkennungszeichen eines gottlichen Geschopfes sein, das von seineni 
Schopfer als gottlos verworfen wird, weil es sich selbst im Anblick und 
Besitz der Gnade verworfen hat. 2 ) Verschiedene Ausleger nehmen es 
dem Verfasser des Briefes ubel, daB er die Anerkenntnis des wahren 
Gottes durch die Damonen mit , 3 Glauben" bezeichnet hat. Man mufi 
das aus dem Zusammenhang und aus der seelsorgerlichen Absicht ver- 
stehen. Den Sprecher aus den ,,lieben Briidern" (V. 14) mit den Teufeln 
auf eine Stufe zu stellen und das Bekenntnis der Teufel dem Glauben 



1 ) ,,Icli war dabei, als das am Kreuze verschiedene ,Wort' zum Himmel auf- 
fuhr, in seinen Armen haltend die Seele, des ihm zur Rechten gekreuzigten Baubers, 
ich. horte das frohe Jauchzen der Cherubim, die sangen und jubelten ,Hosiaima!' 
und den lauten Aufschrei des Entziickens der Seraphim, und der Himmel erbebte 
davon und das ganze Weltgebaude. Und da, ich schwore es dir bei allem Heiligen, 
was es gibt, ich wollte mich dem Chore anschlieBen und mit alien ,Hosianna!' 
schreien. Schon wollte der Ruf empordringen in mir, schon rang er sich aus meiner 
Brust hervor . . . Aber die gesunde Vernunft oh, das ist die allerunseligste 
Eigenart meiner Natur hielt mich auch da in den gebotenen Grenzen zuriick, 
und ich liefi den Augenblick verstreichen! . . . Ohne Leiden, was ware da im Leben 
fur ein Vergniigen; alles wiirde sich in einen einzigen endlosen Gottesdienst ver- 
wandehi; das ware heilig, aber recht langweilig. Nun aber ich? Ich leide, aber. 
trotzdem lebe ich nicht. Ich bin das x in einer unbestimmten Gleichung, ich bin 
eine Art Gespenst des Lebens, das alle Enden und Anfange verier . . .," so lafit 
Dostojewski den Teufel im Fiebertraum des Iwan Fjedorowitsch sprechen, jenes 
Gottesleugners und Anstifters zum Vatermord, der ,,vom Wesen Gottes sehr viel- 
mehr weiB als die meisten Glaubigen" (Karl Notzel, Das Evangelium 'in Dosto- 
jeweski, 1927, S. 234). 

2 ) ,,Daemonia sentiunt et intelligunt et meminerunt, Deum esse et-unum esse. 
Usque adeo fides ilia nee iustificat nee salvat: et tamen efficaciam aliquam habet, 
sed in contrarium" (Bengel). 

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; und dem Glaubensbekenntnis der Gemeinde gleichzusetzen, diirfte dem 
Apostel wohl nicht in den Sinn kommen. Teuf eln ^geht man aus dem' 
Wege oder treibt sie fort, aber man iibt keine Seelsorge an ihnen. Der 
Apostel schreibt an irrende und falsch orientierte Christen, die 
Christen sein wollen, nicht an bewuBt und entschieden dem Teufel 
verfallene Antichristen. 

Das Gemeinsame des Sprechers tmd der Damonen, auf das es dem 
Apostel in seiner harten Seelsorge rettender Liebe ankommt, ist aber : 
auf beiden Seiten ist das von Gott gewirkte Bekenntnis, das den Inhalt 
des Glaubens (fides quae creditur) ausspricht und darum ,,fides" heiBt, 
auBerlich sichtbar! Mit diesem Aufweis kann er die securitas des 
Bruders zerschlagen, er mache sich doch fiir den Apostel und fur Gott 
als den Glaubenden sichtbar mit seinem Ausspruch des Credo. Damit, 
daB wir Gott und die Wahrheit besitzen, sind wir noch nieht gerettet. 
Die Damonen besitzen, -aber -lassen sich nicht besitzen, gehorchen der 
Wahrheit nicht, die ihnen nahe ist, und darum sterben sie an Gott, 
statt zu genesen. 1 ) Es geniigt eben nicht, daB Christus als die Gabe 
Gottes in uns ist; wir miissen ,,in Christo" sein und sein wollen, indem 
wir uns ihm mit unserem Willen und Handeln gelobend (glaubend) und 
liebend hingeben; indem wir ,,abtreten von der Ungerechtigkeit", 
die unser ist, und ,,anziehen den neuen Menschen, der nach Gott ge- 
schaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit" (Eph. 4, 24) 
und Christi ist. ,,Was wir nicht fiir Gott tun, miissen wir gegen ihn tun" 
(Schlatter, a. a. O., S. 56). Der Glaube bekennt zwar, daB wir ,,ohne ihn" 
nichts tun konnen, womit wir Gottes Wohlgef alien erreichen. Er setzt 
uns aber zugleich instand, fiir Gott zu tun, was wir tun sollen. Darum 
ist der Glaube unsere Gerechtigkeit und Rettung. Der Glaube, der nur, 
besitzt und am Besitz sich freut, aber nicht schaffen macht im Dienste 
des gottUchen Besitzes, wird dem Christen zum Quell der Unseligkeit. 2 ) 
Jakobus antwortet dem Sprecher mit Glauben und Glaubensbekenntnis, 
aber ,,ohne Werke", im Sinne des Gleichnisses Jesu von den anvertrauten 
Zentnern: ,,Wer aber nicht hat, dem wird auch; was er hat, genommen 
werden." Der Sprecher und seine Gesinnungsgenossen haben das GroB- 

x ) ,,Der teuflisch. zerriittete Geist hat sicb. yom Gehorsam der Wahrheit los- 
gesagt . . ., er ist selber nicht in der Wahrheit, well er sich ihr nicht tmtergibt" 
(Schlatter, Der Jakobusbrief ausgelegt fiir Bibelleser, S. 56). 

2 ) ,,Wenn du an Jesum Christum also glaubst, daB du seine Gnade nimmst fiir 
dich, sollst du ihn lieben, ihm freudig dienen und gehorchen" (Stier, a. a. O., 
S.151). 

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kapital Gottes: die Gegenwart Christ! und des Heiligen Geistes, Ver- 
gebung der Siinden, Leben, Hoffnung, Glauben; aber das alles wird 
ihnen verlorengehen, wenn sie nicht die Zinsen im Werk dazubringen. 
Wer glaubend nur Glauben und im Glauben Christus ohne sein Dank- 
opfer vor Gott bringt v hat nichts vor Gott. ,,Da wird sein Heulen und 
Zahneklappen" wie bei den zitternden bekennenden Teufeln. Wohl 
nimmt Jesus die Sunder an; aber wer ihn aufnimmt, ist ein Sunder, 
der sich selbst vor Gott richtet, darum kann Gott Gemeinschaft mit 
ihm halten, der Heilige mit den Geheiligten, und seine Gemeinschaft 
ist die Rechtfertigung, die dem glaubend Wirkenden und dem wirkend 
Glaubenden geschenkt wird und nur ihm. Alles ist an diesem Gerichts- 
und HeilsprozeB Gottes Gerechtigkeit und dennoch als die seine auch 
die unsere. Ware sie nicht die unsere, ware sie auch nicht die seine, die 
er an uns sehen will, und dafiir gibt es nur eine Erklarung: unsere Ver- 
schuldung an der Gnade. 1 ) Eine grauenvolle Moglichkeit hat der Apostel 
der Gemeinde vor die Augen gemalt : mit Glauben, Glaubensbesitz und 
Glaubensbekenntnis nicht Gottes Eigentum zu sein, nicht im ,,Glauben 
der Auserwahlten Gottes" zu stehen, der aus der massa perditionis 
rettet und ,,bewahrt zur Rettung" (1. Petr. 1, 5). Um der Gemeinde 
aber durchschlagende Heilserkenntnis fur ihre geistliche Lage zu ver- 
mittehi, die nicht nur aus seiner apostolischen Erfahrung und Theologie, 
sondern auch aus der Erfahrung der ,,Vater" und aus der Theologie der 
i Schrift gewonnen ist, setzt er unter semen personlichen seelsorgerlichen 
Zuspruch das Siegel des Wortes Gottes. Alle Erfahrung und theologische 
tJberlegung eines Hirten muB sich vor dem Worte Gottes ausweisen 
konnen als gottlich und richtig; so wird sie fur seine Gemeinde zum 
lebendigen Zuspruch und Anspruch Gottes, der sie bessert oder ver- 
stockt. 

,,Willst du aber erkennen, du eitler Mensch, dap der Glaube ohne 
Werke wertlos ist ? Ist nicht Abraham unser Vater auf Grund von Werken 
gerechtfertigt worden, well er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opfertel" 
(V. 2021). 

Das von Jakobus gebrauchte Wort fur ,,erkennen" ist das israelitisch- 
alttestamentliche Spezialwort fiir eine aus dem Wort Gottes vermittelte 
Einsicht. Sie ist der Apostel dem Sprecher noch schuldig, aber auch der 



J ) ,,Du warst ein Mensch, der von der versohnenden Liebe zum Lieben er- 
neuerb werden konnte und sollte, aber du hast nicht gewollt, obgleich du wuB- 
test . . .; und das ist deine Verdammnis mit den Teufeln." (Stier, a. a. 0., S. 152). 

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judenchristliche Sprecher darf ihr nicht ausweichen. Die Auseinander- 
setzung erreicht ihren Hohepunkt und wird zum leidenschaftlichen 
Ringen des Apostels mit irrenden Briidern. Der Wille des Gottes- 
menschen, sich Ton Gottes Wort belehren zu lassen, wird energisch auf- 
gerufen. Das palastinensische Schimpfwort 1 xevoc; (das hebraische pi*!, 
vgl. Matth. 5, 22 ,,R,acha") wird in seelsorgerlicher Strenge auf den 
Gegner angewandt: sein Denken und Widerspruch ist Unverstand im 
Volke Gottes. Noch einmal wird das Gespraehsthema von V. 14 f or- 
muliert: wertlos fiir das gottliche Urteil ist der Glaube, der nicht zum 
Handeln wird. 1 ) Als Schriftbeweis wird der leibliche und geistliche 
Stammvater der Judenehristen, Abraham, zum Zeugen fiir die Wahrheit 
der apostolischen Lehre aufgerufen, wie spater von Paulus Horn. 4 und 
Gal. 3. Abraham ist der Kronzeuge fur jeden frommen Juden und 
Judenchristen. 2 ) Was will Jakobus aus der Schrift beweisen ? Calvin 
fordert: ,,Hier muB man die Fragestellung fest im Auge behalten . . . 
Niemals und nirgendwo wird das rechte Verstandnis und Urteil iiber 
. einen Abschnitt moglich sein, wenn man sich nicht die eigentliche 
Absicht des Schriftstellers klarmacht." Wir wiederholen ,,die eigentliche 
Absicht des Schriftstellers": wertlos fiir das gottliche Urteil der Gerecht- 
erklarung (die Gottes Urteil und Anteilgabe an seinen BundesverheiBun- 
gen seitens Gottes, ,,Empfang" des Pneuma, Wachstum in der 
iustitia Christi, das SelbstbewuBtsein der Gotteskindschaft ,,Friede 
und Freude im Heiligen Geist" und Erntritt in die Erbschaft Christi 
seitens der Menschen in sich sehlieBt!) ist ein Glaube, der nicht 
vom Handeln begleitet ist, das , 3 aus dem Glauben kommt". 3 ) Wie 



x ) Fiir vexpa wird trotz der guten Bezeugung dpy/) zu lesen sein (so auch 
Bengel). Im urspriinglichen Vulgatatext stand auch. ,,otiosa" und wich. spater 
,,mortua". Mit dpyr] wird das oqieXo? von V. 14f. wieder aufgenommen. 

2 ) Vielleicht hat auch ein nachtridentinischer katholischer Kommentator 
nicht unrecht, wenn er meint, die ,,Glaubensgerechtigkeit" Abrahams nach Gen. 
15, 6 sei wahrscheinlich von jenen unverstandigen Judenchristen usurpiert worden. 
Gegen diese Deckung hinter dem Gotteswort lauft der Apostel nun Sturm mit 
einem anderen Gotteswort, in V. 23 wird dann diese f alsche Deckung mit Gen. 15, 6 
ausdrucklich umgeworfen (Estius). 

3 ) Calvin dagegen hehauptet: ,,Hier ist namlich nicht eine Auseinandersetzung 
fiber die Ursache der Eechtfertigung, sondern nur dariiber, was das Erkennen des 
Glaubens ohne begleitende Werke vermoge und wie es zu werten sei. Die handeln 
also verkehrt, die sich darauf versteifen, dafi dieses Wort die Rechtfertigung aus 
den Werken belege: nichts derart hat Jakobus im Auge. Seine Beweisgrunde sind 
nur darauf angelegt, daB kein Glaube hochstens aber ein toter ohne Werke ist" 

41 



beweist Jakobus sein Glaubens- und Bechtfertigungsverstandnis aus 
der Schrift ? Nach Gen. 22, 12 und 16 18 empfing Abraham auf Grund 
der Darbringung Isaaks das Urteil Gottes, daB er ihm recht sei, well 
er es Gott recht macht : er furchtet Gott, er gehorcht Gottes Befehl, er 
tut Gottes Willen, so 1st er p^S, der es Gott reeht macht als Partner 
der rTHilj die Gott mit Abraham geschlossen hat. Er 1st also p" 1 ^, well 
er es sein darf, aber auch weil er es sein will. Darum empfangt Abraham 
von Gott das Rechtfertigungsurteil : Gott nennt ihn den Gerechten, der 
die zugesicherten Heilsgaben der lY 1 *]! zu empfangen wiirdig und be- 
rechtigt ist. 1 ) sStxaico^Y) will also sagen: Gott stellt fest, daB Abraham 



(a. a. O., S. 32). Hier wird besonders deutlich, \vie das reformatorische General- 
thema der AUeinwirksamkeit Gottes die beste Absicht, auf das Wort Gottes zu 
horen, in dem Augenblick umwirft, wenn das Wort diese Alleinwirksamkeit Gottes 
als ein Wirken des- Menschen mit Gott beschreibt, an dem Gott sein Handeln 
orientiert. Man kann die biblische Antinomie nicht ertragen. Vom gleichen Denken 
bewegt. kann denn auch Luther das aufschluBreiche, bedenkliche Wort sprechen: 
,,Hoc certo scio, quod humana non suadeo, sed divina,_hoc est, quod Deo omnia 
tribuo, hominibus nihil. Multo autem tutius est tribuere nimium Deo, quam 
hominibus . . . Hie peccare non possum, quia utrisque tribuo, et Deo et homi- 
nibus, quod proprie et vere ipsis debetur" (W. A. 40, 1, 131 f .). Vgl. dazu die 
Warming von Paul Althaus: ,,Wir konnen Gott nicht anders denken als den 
AUwirksamen, und doch gibt er uns die Freiheit der Entscheidung; und wir haben 
kein Recht, es als Anthropomorphismus zu behandeln, wenn die Bibel Gott urn die 
Entscheidung des Menschen mit ihm ringen, Gott auf den Menschen warten laBt. 
Es geht nicht an, diese Urantinomie unseres Lebens vor .Gott aufzuheben, indem 
wir der Betrachtung des Menschen eine angebliche Betrachtung vom Standorte 
Gottes aus iiberordnen . . . Der Ernst der Geschichte wird nur so gewahrt, daB auch 
da, wo man von Gottes Ansicht der Geschichte reden will, die Antinomie unserer 
Existenz zur Geltung kommt . . . Der Mensch kann die Geschichte nicht nur von 
Gottes Allwirksamkeit aus, er muB sie auch von dem Freiheits-, dem Verantwor- 
tungscharakter seines eigenen Lebens aus ansehen" (TheologischeAufsatze Bd. II, 
S.42). 

x ) 8txai.6o> ist die richterliche Bestatigung einer vorhandenen Rechtschaffen- 
heit, die der giiltigen Sixir) entspricht. Man muB nur dies griechische Wort mit dem 
alttestamentlichen Inhalt der Hj?'!^ Gottes fiillenj wenn man es theologisch ver- 
stehen will. Gottes rij?"]^ ist namlich ,,sein bundesgemaBer Schutz des Rechts . . ., 
kein formal-abstrakter Begriff, der unter den der objektiven Norm einzureihen 
ware und erne allgemeine Idee der Gerechtigkeit voraussetzen wiirde . . .," sondern 
- ,,ein Verhaltnisbegriff , der auf ein wirkliches Verhaltnis zwischen zweien sich be- 
zieht und ein Verhalten memt, das den aus diesen Verhaltnissen hervor- 
gehenden Anspriichen entspricht oder gerecht wird" (Eichrodt, Theologie des 
Alten Testamentes, I, S. 121). Wenn Abraham also fur Gottes Urteil ein p^S ist, 
so bedeutet das : er verhalt sich so, wie Gott es unter der Voraussetzung der Bundes- 
gnade von Abraham erwartet; wenn Gott Abraham darum rechtfertigt, so bedeutet 

* 

42 



sieh, dem Bundesreeht entsprecherid, das allein Gottes Belange ver- 

tritt, , rechtmaBig verhalten hat mit der Opferung Isaaks, und damm 

laBt ihm Gott. auch sein Recht werden, das ihm innerhalb des Gnaden- 

bundes zukommt. VeranlaBt wurde Gott zu dieser Feststellung seiner 

,,Rechtheit" und zu der Mitteilung der rechtmaBigen Bundesgnaden 

! pyo>v, auf Grund der Werke. ,,Nun weiB ieh . . ." (Gen. 22, 12), 

,,dieweil du solches getan hast" (Gen. 22, 16), ,,darum daB du ..." 

(Gen. 22, 18). Gott rechtfertigt den Menschen, der .sich von seiner 

Bundesgnade rechtfertigen lassen will; ja, der es will, ist im gleichen 

Augenblick gerechtfertigt; den Willen aber, fiir Gott und sein Reich 

dazusein, erkennt Gott im Werk, nicht im Werk des Gesetzes, aber im 

Werk, das. den Willen Gottes tut, wie ihn das Gnadenyerhaltnis fordert, 

d. h. aber im Werk des Glaubens! ,,Durch den Glauben opferte 

Abraham den Isaak, da er versucht ward, und gab dahin den Eingebore- 

nen . . . und dachte, Gott kann auch wohl von den Toten erwecken" 

(Hebr. 11, 171). So denken (und entsprechend wollen und tun) kann 

nur der Bundesglaube, der aus der umschaffenden Kraft des gottlichen 

Gnadenwortes geboren wird, zu ihr hinstrebt mit alien Kraften mensch- 

lichen Personlebens und so den Menschen zum Eigentum Gottes macht, 

wie er es vom Anbeginn seines Gnadenhandelns vorgesehen hat. Aber 

das: er stellt die bundesgemafie Beehtheit des Verhaltens Abrahams fest und laBt 
ihm widerfahren, was. innerhalb des Bundes der Gnade ,,rechtens" ist. Zwei neuere 
Ausleger von 1. Tim. 6, 11: SLCOXE 8s Si.xatoo6v7)v, erklaren Stxatoouvvj folgen- 
dermaBen: ,,,Gerechtigkeit' bedeutet das rechte Verhalten vor Gott, dem Gott 
nach den Mafistaben seiner .BundesschlieBung und seines Wortes sein , Ja' geben 
kann. Paulus hat unermudlich verkundigt: dieses ,rechte Verhalten' schenkt 
Gott in seiner ,Gerechtigkeit', d. h. in seinem bundesmaBigen Verhalten, dem 
Menschen. Das ist der Sinn des ,Neuen Bundes', der durch Jesus Christus ver- 
wirkh'cht ist" (Wilhehn Brandt, Apostolische Anweisung fiir den Mrchlichen Dienst. 
Eine Einfuhrung in die Brief e an Timotheus und Titu?, 1941, S. 90). ,,Voran.steht, 
wie wir nach dem Eomerbrief zu erwarten haben, die Gerechtigkeit, die alle Ver- 
haltnisse des Menschen, das zu Gott und das zu den Menschen, nach dem Willen 
;Gottes ordnet . . . Wie hat Paulus den Genetiv dySva rfc, TrtoTsto? empfunden ? . . . 
Auch hier ist mit dem Glauben das genannt, was der auf den Kampfplatz Tretende 
tut . . . Glaubend kann sich der Mensch nur dann verhalten, wenn er seine ganze 
Willenskraft einsetzt . . . Wenn Timotheus einzig nach dem begehrt, worin die 
Gerechtigkeit sichtbar und wirksam wird, so ist damit jene totale Anspannung des 
Willens von ihm verlangt, die die Teilnehmer am sportlichen Wettkampf leisten. 
Damit.,ist in kekier Weise verdunkelt, daB der Glaube empfangen wird; vielmehr 
- spannt er eben deshalb, weil er Gottes Wirkung und Gabe ist, den Willen zur ganzen 
Energie" (A. Schlatter, Die Kirche der Griechen im Urteil des Paulus, 1936, 
S. 166f.). 

43 



erst wenn der Begnadete zu dieser willentlichen und wirkenden Hingabe- 
an die Gnade gekommen 1st, dann 1st Gott zu seinem Ort im Menschen 
und der Mensch zu seinem Ort in Gott gekommen. Er ist gerecht- 
fertigt, er ist fur Gott und hat Gott fiir sich. Davon predigt die Opferung 
Isaaks durch Abraham. , 3 Das war eine Tat, welche die ganze Hingabe 
des Herzens an Gott in sich hatte. Und dadurch wurde er der vor Gott 
Gerechtfertigte . . ., darum gab ihm Gott das Zeugnis, daB er vor ihm 
gerecht sei und seinen Willen getan habe und seine Gaben empfangen 
werde" (Schlatter, Der Jakobusbrief, S.56 57). 1 ) Der Sprecher von V. 14 

x ) Wir meinen damit genau das, was E. Brunner grundsatzlich als die 
,,Biblische Psychologie" des Mensehen darstellt: ,,Der Mensch ist vor aller Kreatur 
dadurch ausgezeichnet, daB er das, wozu er geschaffen ist, nur werden kann, 
indem er sich selbst dazu bestimmt, indem er Gott antwortet. Er ist so von Gott 
geschaffen, daB Gott dabei des Menschen Selbsttatigkeit in Anspruch nimmt . . . 
Er ist Ich . . ., das nicht nur weiB, was es ist, sondern erst, indem es sich will als das, 
was es ist, es selbst wird, also das Ich mit der Selbsterkenntnis und Selbstbestim- 
mung. Aber der Mensch ist dieses Selbst in der Weise, daB diesem Sichselbstwissen 
das Sagen oder zu Wissengeben Gottes vorausgeht und diesem Sichselbstbestimmen 
die gottliche Bestimmung . . ." (Gott und Mensch, S. 84). Vgl. auch die Erlauterun- 
gen S tiers zu V. 21 (a. a. O., 153 157): ,,Der Glaube, welchem die Schrift Ge- 
rechtigkeit und Seligkeit ausspricht, ist ein wirksamsr Glaube. Einen anderen hat 
auch Luther nicht gemeint, obwohl er wegen seines gut und recht gemeinten System- 
wortes ,der Glaube allein' das er nur nicht in das noch weitere System der 
Schrift hatte einschieben sollen sich in die Lehre der Epistel Jakobi nicht zu 
finden vermochte . . . Das erste Gnadenwort des Herrn, an das wir glauben, ,Ich 
bin dein Gott', schlieBt allerdings auch schon ein ,So sei du mein'. Der erste 
Glaube, welcher das annimmt, hat sich schon dazu verbunden . . ." Und Josephon 
zur gleichen Stelle (a. a. 0., S. 19) : ,,Die Opferung Isaaks ist das Werk, das, 
Abrahams Glauben entstammend, seiner Rechtfertigung voraufging." Dagegen 
handelt nach Calvin (a. a. 0., S. 32 f.) Jakobus hier gar nicht davon, ,,woher 
und auf welche Weise die Menschen Gerechtigkeit erlangen, sondern daB er nur die 
standige Verbindung der guten Werke mit dem Glauben im Auge hat." Ebenso 
J. Gerhard (a. a. 0., Tom. IV, Loc. 17, 84): ,,Loquitur non de vera f ide interiori 
sed de externa fidei professione, cooperata est Abrahae operibus"; der Verhand- 
lungsgegenstand des Verses ist die ,,declaratio iustitiae coram hominibus per 
opera". Dagegen hat denn freilich Bellarmin (nach J. Gerhard, a. a. O., Tom. IV, 
Loc. 17, 84) das Recht auf seiner Seite: Jacobus dicit, fidem Abrahae cooperatam 
esse operibus ad eum iustificandum . . ., non ad iustitiae declarationem." Auch 
Thomas von Aquino (nach J. Gerhard, a. a. O., Tom. HI, Loc. 16, 191) kommt 
mit Jakobus nicht zurecht ein Hinweis auf die theologische Ungeklartheit des 
ganzen Problems in der mittelalterlichen Kirche! , er gibt auf die Frage: ,,nonne 
Abraham iustificatus est ex operibus?" die Auskunft: ,,iustificare potest accipi 
dupliciter, vel quantum ad exsecutionem et manifestationem iustitiae, et hoc modo 
iustificatur homo, h. e. iustus ostenditur ex operibus operatis . . . Opera non sunt 

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miifite nach seiner Theologie behaupten, Gott wiirde auch die ver- 
trauensvolle Hinnahme seines Wortes und seiner VerheiBungen ohne 
die Opf erung Isaaks geniigt haben, Abraham gerecht zu sprechen. 
Aber dagegen spricbt nun der Bench/even Gen. 22, 1: ,,Nach diesen 
Geschichten versuchte Gott Abraham"; Gott stellt die ,,Rechtheit" 
des glaubenden Abraham mit der Aufforderung zum Opfer Isaaks auf 
die Probe: bist du, was du glaubst ? Gottes Eigentum ? Sonst ware ja 
das Gnadenwort des Bundes (Gen. 12) ein leeres Wort firr Abraham. 
Aber er ist, was er glaubt, und darum empfangt er Gottes Zuspruch: 
du bist mein Eigentum und ich werde dich als mein Eigentum behandeLa. 
,,Der, den sein Glaube zum Tater des gottlichen Worts gemacht hat, 
ist gerechtfertigt" (Schlatter). Hatte der Gegner den Romerbrief ge- 
kannt, wiirde er vielleicht eingewandt haben: ,,Und wie vertragt sich 
mit dieser Sicht Abrahams Rom. 4, 2 ?" Dieselben Begriffe, dasselbe 
Schriftbeispiel ! Es wird auch dieselbe eine Rechtfertigung des Menschen 
durch Gott behandelt, aber die theologische Fragestellung und die 
Sicht des Vorganges ist eine andere als bei Jakobus. Paulus der die 
,,Christenheit von der Judenschaft losmacht" fragt: wie wird der 
Mensch Gott-recht, indem er Gott die ,,Werke des Gesetzes", das 
fromme Miihen urn die Erfiillung der gottlichen Satzungen bringt 
oder, indem er sich glaubend als ein Verschuldeter und Gottloser dem 
gekreuzigten und lebendigen Christus Gottes ergibt ? Paulus sieht von 
den spya TOO v6[Aou weg auf Christus, ,,des Gesetzes Ende" und sieht 
so den Menschen Gott-recht werden. Darum gilt Rom. 4, 2 : Abraham 
ist Vater des Glaubens. Dagegen Jakobus der die ,,Judenschaft 
und die Christenheit beisammenhalt" fragt: wie wird der Mensch 
Gott-recht, indem er sich dem Christus glaubend ergibt und der Glaube 
vom Werk getrennt ist oder, indem ,,Christus des Gesetzes Erfiillung" 

causa, quod aliquis sit iustus apud Deum, sed potius exsecutiones et manifestationes 
:iustitiae . . . Abraham per opera quae fecit, iustus non fuit, sed sola fide; oblatio 
vero eius est opus et testimonium fidei et iustitiae" (im Kommentar zum Galater- 
brief, Cap. 3 und in Gloss, ord. zu Jak. 2). Paul Feine behauptet sogar: ,,Dem 
Jakobus ist Abraham Typus der Werkgerechtigkeit auf Grand von Gen. 22 . . .; 
er hat den judischen Begriff der Rechtfertigung beibehalten" (Theologie des Neuen 
Testaments, 1934, S. 408); wogegen Priedrich Hauck schlecht und recht kom- 
mentiert: ,,daB Glaube ohne Werk nimmermehr den Rechtfertigungsspruch 
Gottes vermittehi kann und darum unkraftig zur Rettung ist" (Die Katholischen 
Briefe S. 19). Die Denkschwierigkeit ist eben allgemein, das rechtfertigende Han- 
deln Gottes zugleich in seinem und im Wirken des Menschen zu begriinden, ohne 
. dadurch abzuschwachen, daB Gott Gott und der Mensch Mensch ist. 

45 



den ,,Gehorsam des Glaubens" in dem Begnadeten hervorruft ? Jakobiis 
sieht von dem Christus weg auf die epya dessen, der ,,in Christo" ist 
und sieht so den Menschen Gott-recht werden. Darum gilt Jak. 2, 2.1: 
Abraham tmser Vater iE, epytov eSixaico-ib]. Beide Anschauungen sind 
zwei Seiten ein und derselben Sache, aber der seelsorgerliehe und 
theologische Auftrag beider Apostel war grundverschieden. Die Recht^ 
fertigung kann man mehr vom Standpunkt des begnadigten Sunders 
dann wird man gern die ,,synthetische Rechtfertigung" vertreten 
und man kann sie mehr vom Standpunkt des begnadigten Sunders, 
aus entfalten dann wird man auf die 3 ,analytisehe Rechtfertigung" 
schworen. Jede Schau hat ihr Recht, aber erst beide vereint bringen das^ 
Wunder der Rechtfertigung zur Anschauung. Es ist die Not der Aus- 
legung und der Dogmatik, daB ihr diese Anschauung der Rechtfertigung 
erst in Anfangen geschenkt ist. 1 ) 

x ) Calvin (a. a. 0., S. 33) will zwar nicht Jakobus und Paulus als Gegner ver- 
standen wissen, bringt aber diese Synthese nur durch die Behauptung eines ,,Doppel- 
sinns des Wortes Rechtfertigung" zustande. Sein BKck ist vollig durch den refor- 
matorischen Auftrag gebunden. ,,Sicherlich hat Jakobus bier nicht lehren wollen, 
wo die HeilsgewiCheit ihren Ruhepunkt suchen muB, was doch das einzige (!) 
Interesse des Paulus in der Rechtfertigungslehre ist ... Fiir Paulus besteht sie in 
der geschenkweisen Zuerkennung der Gereehtigkeit vor Gottes Richterstuhl, fiir 
Jakobus aber in dem Erweis der Gereehtigkeit aus ihren Wirkungen und zwar 
fiir das Urteil der Menschen ( !), wie man aus den vorhergehenden Worten schlieBen 
kann: zeige mir deinen Glauben . . ." In der gleichen Linie gibt J. Gerhard aus- 
fuhrh'che Gegeniiberstellungen: ,,Paulus agit de iustificatione adhuc consequenda, 
Jacobus de demonstranda hominibus iustificatione iamdum per fidem obtenta . . . 
Paulus agit de iustificationis causis, Jacobus de iustificationis effectis et testi- 
moniis. Paulus agit de fide in actu iustificationis apprehensione Christi occupata, 
Jacobus urget fidei exercitia in operibus pietatis"; Paulus behandelt ,,hominem 
iustificandum, Jacobus hominem iustificatum in foro soli . . ." Und G. bemerkt 
dann sehr selbstbewufit: ,,Atque haec est genuina interpretatio huius secundi 
capitis" (Loci theol., Tom. Ill, Loc. 16). Ahnlieh, wenn auch bereits mit scharierem. 
Auge fiir die verschiedenen ,,Sehakte" der beiden Apostel, Bengel: ,,,verbum 
iustificari' non eodem quo Paulus significatu adhibet . . . hunc unum et eundem 
significatum vocis iustificae, Paulus restrictius adhibet Jacobus latius, Paulus 
loqui solet de actu iustificationis, qui maxime constat in remissione peccatorum,. 
hie, quod apprime notandum, de statu loquitur eiusdem iustificationis, quum> 
homo in iustitia, quae fidei est, perstat; in ea, quae operum est, progreditur." 
Die neueren Kommentatoren kommen dem wahren Jakobus immer naher. Robert 
Kiibel erklart: ,,Mit lediglich Nichts ist angedeutet, daB es die paulinische Recht- 
fertigungslehre oder deren MiBbrauch ist, wogegen Jakobus sich wendet 
Jakobus steht sicher ganz auf dem allgemeinchristlichen Boden . . . Jakobus hat. 
sicher eine andere Anschauung als Paulus, aber eine Anschauung, welche dieser 

46 



Jakobus hat das Beispiel aus der Heiligen Schrift zitiert und illu- 
striert nun daran die Richtigkeit seines theologischen Denkens und 
seiner seelsorgerlichen Zurechtweisung der Gemeinde: 

', nicht entgegengesetzt ist, sondern welche sich mit ikr gegenseitig erganzt, von 
welcher also nicht mit Luther zu sagen ist, sie treibe Christum nicht recht . . . 
Rechtfertigen heifit bei Jakobus freilich so gut wie bei Paulus ,als gerecht an- 
erkennen' ; aber nach Paulus erklart Gott und erkennt Gott den fur gerecht, der es 
nicht selber ist, sondern der ein Gottloser ist, aber an Christus glaubt, den ,Christus 
fur una' sich angeeignet hat; nach Jakobus dagegen erkennt Gott nur den fur gerecht 
an, der es tatsachlich ist . . . Pauli Blick ist beim Glauben auf das Blut Christi, 
Jakobi Blick auf das Leben des Glaubigen selbst gerichtet . . ." (Der Brief St. Jakobi 
i. Bibelwerk fur die Gemeinde, ed. Grau, 1880, Bd. II, S. 796ff.). DaB bei Jakobus 
und Paulus von dem gleichen Rechtfertigungsurteil Gottes die Rede ist, setzt sich 
immer mehr durch, so in der kleinen ausgezeichneten Arbeit von P. H. Josephon, 
Die Brief e des Jakobus und Judas, 1908, (S. 19 f.): ,,Auch bei Jakobus bedeutet 
das Wort ,rechtfertigen' fur gerecht erklaren, gerechtsprechen wie im ganzen Neuen 
Testament. Nur daB es bei Paulus eine Gerechterklarung des Gottlosen bezeichnet, 
ein Erklaren fur etwas, was derMensch an und fiir sich nicht ist: Jakobus dagegen 
braucht das Wort (im vorpaulinischen und alttestamentlichen Sinne!) als ein Er- 
klaren fiir das, was der Mensch in der Tat ist. So erhellt, daB nach ihm der Glaubige 
ohne Werke, d. h. ohne dafi er seinen Gehorsam gegen Gottes Willen durch die Tat 
erweist, nicht von Gott fiir gerecht erklart werden kann. So erhellt auch, dafi diese 
Lehre weder sich mit der des Paulus deckt nbch sie bekampft, sondern aufier Zu- 
sammenhang mit ihr steht . . . Werke sind fiir Jakobus die Erfullung des gottlichen 
Willens, die Taten der Gerechtigkeit im Sinne der Bergpredigt; Paulus unter- 
scheidet zwischen den ,Werken- des Gesetzes' und den ,Friichten des Geistes't 
jene sind ihm Leistungen eigener Kraft, die niemanden rechtfertigen konnen, 
diese sind ihm Inbegriff des neuen Lebens, das der im Glauben ergriffene Christus 
in seinen Glaubigen wirkt und ohne das es auch f iir Paulus keine Heilsvollendung 
gibt" (vgl. Rom. 6, 21f.; 1. Kor. 6, 9 11; Gal. 5, 6). Zum erstenmal wird das 
Problem als Klarung theologischen Denkens uber den gleichen Vorgang erkannt: 
Die Verschiedenheit von Jakobus und Paulus ist ein Zeugnis ,,fur die allxnahliche, 
gescbichtliche Entwicklung und Ausreifung evangelischer Heilserkenntnis und 
Heilserfahrung, fiir die mannigfaltige Art und Weise, in der der lebendige Gott sein 
Heil die Menschen erkennen und ergreifen laBt". Bei Schlatter wird schlieBlich 
die Einheit in der Verschiedenheit mit befreiender Deutlichkeit ausgesprochen. 
,,Der Reehtfertigungsbegriff bekommt in dieser Heilslehre (des Jakobus) eine._ 
zentrale Stelle. Wie Sunde und Tod, so shid Gerechtigkeit und Leben beisammen. 
Der Gerechte empfangt Gottes Gabe, der, der die Frucht der Gerechtigkeit gesat 
hat, der, der der Gerechtigkeit Gottes diente und sie durch sein Handeln vollzog. 
Eine deuth'che Beziehung auf Paulus enthalten seine (des Jakobus) Worte nicht." 
Aber bei Jakobus wie bei Paulus findet sich das ,,klare BewuBtsein, daB er am guten 
Werk die unerlaBliche Bedingung fur seinen Anteil an der Gnade hat. Das ist aber 
nicht eine Verkurzung der gottlichen Gnade, sondern ihr Empfang." Die ver- 
schiedene Betrachtungsweise ist nicht Schwachheit, sondern Reichtum gottlichen 

47 



,,Du siehst, daf3 der Glaube mil seinen Werken wirksam war, und 
auf Gnmd der Werke wurde er~vollstandig und wurde die Schrift erfullt: 
die sagt: ,,Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit 
gerechnet"; er ivard ein Freund Gottes geheifien" (V. 22 23). 

Lebens in derUrcliristenheit: ,,Fiir die Kraft, mit der das erste christliche Ge- 
schleclit liebte und glaubte und darum auch dachte, ist die Ausbildung der ent- 
gegengesetzten Formeln fur die Rechtfertigung und die Fahigkeit der Gemeinde, 
beide miteinander zu gebrauchen ( !), ein besonders deutlicher Beleg" (Die Theologie 
der Apostel, 1922, S. 101. 114f .). ,,Man kann das Werk falsch lehren und betreiben 
in unglaubigem Sinn, man kann auch falsch vom Glauben reden und den Glauben 
haben mit bosem Sinn, und diese Gefahr ist der Kirche immer nah; und damit wir 
nicht in sie fallen, dazu ist Jakobus da" (Jakobusbrief f. Bibelleser ausgelegt, 
1893, S. 62f.). Allein die Gleichzeitigkeit, die Rechtfertigung des Menschen jako- 
bisch und paulinisch zu betrachten, wird einer Darstellung des Menschen vor Gott 
in theologischem Denken gerecht; mit solcher Erkenntnis ist aber die unbedingte 
Korrektur des reformatorischen Systems gefordert (vgl. Gottes Gerechtigkeit", 
1935, S. 154, zu Rom. 3, 28 30). Man mag von der Lutherforschung und vom 
systematischen Denken aus Karl Holls Rechtfertigungsverstandnis zuriickweisen 
oder korrigieren miissen, die neuere Exegese Alten und Neuen Testamentes gibt 
seinem Anliegen recht: ,,Man kann dem Rechtfertigungsurteil Gottes die Form 
geben: Gott spricht darin den Sunder gerecht aber auch: Gott spricht den Ge- 
rechten gerecht, ja, letztere Form ist sub specie aeternitatis die richtigere Fassung . . . 
Das ,propter Christum' hat fiir die Rechtfertigung entscheidende Bedeutung. 
Aber es ist dabei vor allem an die Erneuerungsmacht des lebendigen Christus zu 
denken. Christus kommt fiir Gottes Rechtfertigungsurteil nicht nur als der in Be- 
tracht, der fiir den Menschen stirbt, sondern zugleich als der, der ihn erneuert" 
(nach Paul Althaus, Theol. Aufsatze, II, S. 33. Man vergleiche dazu auch bei 
Edmund Schlink, Theologie der luth. Bekenntnisschriften, 1940, den Abschnitt 
,,Anleitung zur dogmatischen Arbeit", S. 408 u. 405, und Otto Schmitz, Die Chri- 
stusgemeinschaft des Paulus im Lichte seines Genitivgebrauchs, 1924). SchlieBlich 
sei noeh auf die ausgeglichene Darstellung des Jakobus-Paulus-Problems bei 
Hauck hingewiesen, die ungefahr den modernen Stand der exegetischen Frage 
wiedergibt. Nach H. ist es moglich, daB Jakobus ,,miBverstandene Paulinische 
Satze angriff. Unbedingt notwendig ist diese Armahme nicht." Jakobus will die 
,,Zusammengehorigkeit von Glaube und Sitth'chkeit betonen, die sachlich ja auch 
Paulus ebenso entschieden vertritt. Wahrend jedoch Jakobus die jiidischen For- 
meha weitertragt, ist Paulus derjenige, welcher ganz neue, inhaltlich unjiidische 
Formehi pragt, indem er seine besondere Erfahrung und seine eigenste Erkenntnis 
in ganz neuen Satzen ausspricht, die doch an die alten Formehi (Rechtfertigung) ' 
ankniipfen . . . Jakobus vertritt eine Wahrheit, die in der israelitischen jiidischen 
Religion, im Denken Jesu wie in dem des Paulus gleichermaBen betont worden ist . . . 
Die Rechtfertigung vor Gott kniipft an den Gesamtvorgang an, kommt aber an 
dem Endteil desselben, dem ,Werk, zur Entscheidung ... Es ist gut, daB beide, 
Jakobus und Paulus, im Neuen Testament mit ihren gegensatzlichen und doch 
beiderseits wahren Formulierungen Platz haben, damit der Eine fortwahrend 

48 



,,Du siehst!" Dreierlei 1st an dem Glauben Abrahams fiir den 
Sprecher zu sehen, der mit Glauben ohne Werke im Gottesgericht ge 
rettet werden will. 

1. Mit seinen Werken, nieht ohne Werke war (Schlatter ent 
scheidet sich fiir ,,ist") der Glaube tatig, lebendig tmd wirksam zur 
Rettung, namlich zur gottliehen Rechtfertigung. Der Glaubende will 
vor Gott sein Verhalten so regeln, daB ihm Gottes Wohlgefallen und 
Gnadengabe zuteil werden kann. Abrahams Verhalten laBt dieses Wirken 
aus Glauben und dessen Wirkung auf Gott erkennen. So hat auch ,,in 
Christo Jesu" nur der Glaube Gewicht fiir Gottes Urteil, der mit der 
,,Energie" der Gottesliebe (als Genitivus subj. und objekt. verstanden) 
wirksam 1st (Gal. 5, 6). Nicht indem ,,der Glaube fiir sich allein 1st" 
(V. 17), sondern indem er in den Werken des Glaubigen zur Geltung 
gebracht wird durch den Gott iiberlassenen Willen, wird die Rettung 
bewirkt. 1 ) 

warnen kann, die Wahrheit des Anderen zu ubersehen" (Das Neue Testament 
Deutsch, 10. Bd., S. 20f.). Deutlich 1st: die Wahrheit der ,,synthetischen" 
Bechtfertigungslehre erhalt erst durch die ,,analytische" Schau ihr theologisches 
und biblisches Becht. Ohne den Gebrauch dieser beiden Denkkriicken ist es 
schlechterdings unmoglich, auf dem Boden der gottlichen Offenbarung zu stehen. 
Wollten wir im Bilde zu bleiben nur die erste ,,Krucke" gebrauchen, wiirden 
wir notwendig ,,schief" laufen und schlieBlich ganz ,,umkippen" und in der Tat 
jener ,,Karikatur" reformatorischer Existenz gleichen Karikatur ist betonte 
Sichtbarmachung des Eigenartigen! > , die Adolf Schlatter etwas bissig wie alle 
Karikaturisten mit den Worten gezeichnet hat: ,,Diesen unmoglichen Menschen, 
dernichts tut, sondern einzigglaubt und folgerichtig nicht lebenkann, sondern blofi 
auf sein Sterben wartet, hat aber Paulus nicht erfunden" (Gottes Gerechtigkeit, zu 
Rom. 3, 28, S. 153). Das gleiche Umkippen wird sich auch dort ereignen, wo man 
dazu neigt, sich- nur des analytischen und kausalen Denkens zu bedienen, wie es in 
der spatmittelalterlichen Theologie und Frommigkeit geschehen und in evange- 
lis'cher Theologie neu bei Schleiermacher und auch bei Karl Holl "versucht worden 
ist. Paul Althaus hat schon recht: es war kein ,,besonders gliicklicher Gedanke, 
auf Gottes Bechtfertigungsurteil die logische Alternative ,analytisch' oder 
,synthetisch' anzuwenden" (Theologische Aufsatze, II, S. 37). Die Synthese beider 
Denkformen ,,begreift" die Wahrheit. (Vgl. dagegen Paul Feine, a. a. 0. S. 408J. 
x ) Der traditionelle reformatorische Glaubens- und Erbsiindebegriff laBt die 
Auslegung immer wieder an der Schau des Jakobus vorbeisehen, wonach das Mit- 
einander von Glaube und Werk durch einen personalen Willensakt und nicht durch 
eine unpersonliche Dynamik des Glaubens zustande kommt, die der Mensch rein 
passiv uber sich ergehen lafit. Z. B. Bengels Bemerkung zu V. 22: ,,fides habet 
aliam energeiam, efficaciam et operationem, aliam opera: ilia ante haec et cum 
his," steht ganz in der Linie von Luthers ,,0, es ist ein lebendig, geschaftig, taoig, 
machtig Ding um den Glauben, daB es unmoglich ist, daB er nicht ohne UnterlaB 

4, Lackmann, Sola fide 49 



den ,,Gehorsam des Glaubens" in dem Begnadeten hervorruft ? Jakobiis 
sieht von dem Christus weg auf die e'pycc dessen, der ,,in Christo" ist 
und sieht so den Menschen Gott-recht werden. Darum gilt Jak. 2, 2.1: 
Abraham unser Vater it, epyov sSixotieo-ih). Beide Anschauungen sind 
zwei Seiten ein und derselben Sache, aber der seelsorgerliche und 
theologische Auftrag beider Apostel war grundverschieden. Die ReebU 
fertigung kann man mehr vom Standpunkt des begnadigten Sunders 
dann wird man gern die 3 ,synthetische Rechtfertigung" vertreten 
und man kann sie mehr vom Standpunkt des begnadigten Sunders, 
aus entfalten dann wird man auf die ,,analytische Rechtfertigung" 
schworen. Jede Schau hat ihr Recht, aber erst beide vereint bringen das; 
Wunder der Rechtfertigung zur Anschauung. Es is^ die Not der Aus- 
legung und der Dogmatik, daB ihr diese Anschauung der Rechtfertigung 
erst in Anfangen geschenkt ist. 1 ) 

x ) Calvin (a. a. O., S. 33) will zwar nicht Jakobus und Paulus als Gegner ver- 
standen wissen, bringt aber diese Synthese nuf durch dieBehauptung eines ,,Doppel-. 
sinns des Wortes Reehtfertigung" zustande. Sein Blick ist vollig durch den refor- 
matorischen Auftrag gebunden. ,,Sicherlieh hat Jakobus hier nicht lehren wollen, 
wo die HeilsgewiBheit ihren Ruhepunkt suchen mufi, was doch das einzige (!) 
Interesse des Paulus in der Reehtfertigungslehre ist ... Fur Paulus besteht sie in 
der geschenkweisen Zuerkennung der Gerechtigkeit vor Gottes Richterstuhl, fur 
Jakobus aber in dem Erweis der Gerechtigkeit aus ihren Wirkungen und zwar 
fur das Urteil der Menschen ( !), wie man aus den vorhergehenden Worten schlieBen 
kann: zeige mir deinen Glauben . . ." In der gleichen Linie gibt J. Gerhard aus- 
fuhrliche Gegeniiberstellungen: ,,Paulus agit de iustificatione adhuc consequenda, 
Jacobus de demonstranda hominibus iustificatione iamdum per fidem obtenta 
Paulus agit de iustificationis causis, Jacobus de iustificationis effectis et testi- 
moniis. Paulus agit de fide in actu iustificationis apprehensione Christi occupata, 
Jacobus urget fidei exercitia in operibus pietatis"; Paulus behandelt ,,hominem 
. iustificandum, Jacobus hominem iustificatum in foro soli . . ." Und G. bemerkt 
dann sehr selbstbewuBt: ,,Atque haec est genuina interpretatio huius secundi. 
capitis" (Loci theol., Tom. Ill, Loc. 16). Ahnlieh, wenn auch bereits mit scharferem. 
Auge fur die versehiedenen ,,Sehakte" der beiden Apostel, Ben gel: ,,,verbum 
iustificari' non eodem quo Paulus significatu adhibet . . . hunc unum et eundem 
signification vocis iustificae, Paulus restrictius adhibet Jacobus lathis, Paulus, 
loqui solet de actu iustificationis, qui maxime constat in remissione peccatorum,. 
hie, quod apprime notandumj de statu loquitur eiusdem iustificationis, quunv 
homo in iustitia, quae fidei est, perstat; in ea, quae operum est, progreditur." 
Die neueren Kommentatoren kommen dem wahren Jakobus immer riaher. Robert 
Kubel erklart: ,,Mit lediglich Nichts ist angedeutet, daB es die paulinische Recht- 
f ertigungslehre oder deren MiBbrauch ist, wogegen Jakobus sich wendet 
Jakobus steht sicher ganz auf dem allgememehristlichen Boden . . . Jakobus hat 
richer eine andere Anschauung als Paulus, aber erne Anschauung, welche dieser 

46 



Jakobus hat das Beispiel aus der'Heiligen Schrift zitiert und illu- 
striert nun daran die Richtigkeit seines theologischen Denkens und 
seiner seelsorgerlichen Zurechtweisung der Gemeinde: 

nicht entgegengesetzt ist, sondern welche sich mit ihr gegenseitig erganzt, von 
welcher also nicht mit Luther zu sagen ist, sie treibe Christum nicht recht . . . 
Rechtf ertigen heiBt bei Jakobus freilich so gut wie bei Paulus ,als gerecht an- 
erkenrien'; aber nach Paulus erklart Gott und erkennt Gott den fur gerecht, der es 

1 nicht selber ist, sondern der ein Gottloser ist, aber an Christus glaubt, den ,Christus 
fiir uns' sich angeeignet hat; nach Jakobus dagegen erkennt Gott nur den fiir gerecht 

an, der es tatsachlich ist . . . Pauli Blick ist beim Glauben auf das Blut Christi, 
Jakobi Blick auf das Leben des Glaubigen selbst gerichtet ..." (Der Brief St. Jakobi 
i. Bibelwerk fiir die Gemeinde, ed. Grau, 1880, Bd. II, S. 796ff.). DaB bei Jakobus 
und Paulus von dem gleichen Rechtf ertigungsurteil Gottes die Rede ist, setzt sich 
immer mehr durch, so in der kleinen ausgezeichneten Arbeit von P. H. Josephon, 
Die Brief e des Jakobus und Judas, 1908, (S. 19 f.): ,,Auch bei Jakobus bedeutet 
das Wort ,rechtf ertigen' fiir gerecht erklaren, gerechtsprechen wie im ganzen Neuen 
Testament. Nur daB es bei Paulus eine Gerechterklarung des Gottlosen bezeichnet, 
ein Erklaren fur etwas, was derMensch an und fiir sich nicht ist: Jakobus dagegen 
braucht das Wort (im vorpaulinisehen und alttestamentlichen Sinne!) als ein Er- 
klaren fiir das, was der Menseh in der Tat ist. So erheCt, daB nach inTn der Glaubige 
ohne Werke, d. h. ohne daB er seinen Gehorsam gegei Gottes Willen durch die Tat 
erweist, nicht von Gott fur gerecht erklart werden kann. So erhellt auch, daB diese 
Lehre weder sich mit der des Paulus deckt noch sie bekampft, sondern auBer Zu- 
aa.mTnp.nria.ng mit ihr steht . . . Werke sind fiir Jakobus die Erfullung des gottlichen 
Willens, die Taten der Gerechtigkeit im Sinne der Bergpredigt; Paulus unter- 
scheidet zwischen den ,Werken- des Gesetzes' und den ,Friichten des Geistes't- 
jene sind ihm Leistungen eigener Kraft, die niemanden rechtfertigen konnen, 
diese sind ihm Inbegriff des neuen Lebens, das der im Glauben ergriffene Christus 
in seinen Glaubigen wirkt und ohne das es auch fiir Paulus keine Heilsvollendung 
gibt" (vgl. Rom. 6, 21f.; 1. Kor. 6, 9 11; Gal. 5, 6). Zum erstenmal wird das 
Problem als Klarung theologischen Denkens iiber den gleichen Vorgang erkannt: 
Die Verschiedenheit von Jakobus und Paulus ist ein Zeugnis ,,fur die allmahliche, 
geschichtliche Entwicklung und Ausreifung evangelischer Heilserkenntnis und 
Heilserfahrung, fiir die mannigfaltige Art und Weise, in der der lebendige Gott sein 
Heil die Menschen erkennen und ergreifen laBt". Bei Schlatter wird schlieBlich 
die Einheit in der Verschiedenheit mit befreiender Deutlichkeit ausgesprochen. 
,,Der Rechtfertigungsbegriff bekommt in dieser Heilslehre (des Jakobus) eine_ 
zentrale Stelle. Wie Sunde und Tod, so sind Gerechtigkeit und Leben beisammen. 
Der Gerechte empfangt Gottes Gabe, der, der die Frucht der Gerechtigkeit gesat 
hat, der, der der Gerechtigkeit Gottes diente und sie durch sein Handeln vollzog. 
Eine deutliche Beziehung auf Paulus enthalten seine (des Jakobus) Worte nicht." 
Aber bei Jakobus wie bei Paulus findet sich das ,,klare BewuBtsein, daB er am guten 
Werk die unerlafiliche Bedingung fiir seinen Anteil an der Gnade hat. Das ist aber 
nicht eine Verkurzung der gottlichen Gnade, sondern ihr Empfang." Die ver- 
schiedene Betrachtungsweise ist nicht Schwachheit, sondern Reichtum gottlichen 

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,,Du siehst, dap der Glaube mit seinen Werken wirksam war, und 
auf Grund der Werke wurde er~vollstdndig und wurde die Schrift erfullt: 
die sagt: Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit 
gerechnet"', er ward ein Freund Gottes geheifien" (V. 2223). 

Lebens in derUrchristenheit: ,,Fur die Kraft, mit der das erste christliche Ge- 
schlecht liebte und glaubte und darum auch dachte, ist die Ausbildung der ent- 
gegengesetzten Formeba fur die Rechtfertigung und die Fahigkeit der Gemeinde, 
beide miteinander zu gebraucben ( !), ein besonders deutlicber Beleg" (Die Theologie 
der Apostel, 1922, S. 101. 114f.). ,,Man kann das Werk falscb lehren und betreiben 
in unglaubigem Sinn, man kann aucb falsch vom Glauben reden und den Glauben 
haben mit bosem Sinn, und diese Gefabr ist der Kirche immer nab; und damit wir 
nicht in sie fallen, dazu ist Jakobus da" (Jakobusbrief f. Bibelleser ausgelegt, 
1893, S. 62f.). Allein die Gleicbzeitigkeit, die Rechtfertigung des MenscHen jako- 
biscb und paulinisch zu betracbten, wird einer Darstellung des Menschen vor Gott 
in theologiscbem Denken gerecbt; mit solcher Erkenntnis ist aber die unbedingte 
Korrektur des reformatorischen Systems gefordert (vgl. Gottes Gerechtigkeit", 
1935, S. 154, zu Rom. 3, 28 30). Man mag von der Lutberforscbung und vom 
systematischen Denken aus Karl Holls Rechtfertigungsverstandnis zuriickweisen 
oder korrigieren miissen, die neuere Exegese Alten und Neuen Testamentes gibt 
seinem Anliegen recbt: ,,Man kann dem Rechtfertigungsurteil Gottes die Form 
geben: Gott spricbt darin den Sunder gerecht aber auch: Gott spricht den Ge- 
recbten gerecbt, ja, letztere Form ist sub specie aeternitatis die richtigere Fassung . . . 
Das ,propter Christum' hat fur die Rechtfertigung entscheidende Bedeutung. 
Aber es ist dabei vor allem an die Erneuerungsmacht des lebendigen Christus zu 
denken. Christus kommt fiir Gottes Rechtfertigungsurteil nicht nur als der in Be- 
tracht, der fiir den Menschen stirbt, sondern zugleich als der, der ihn erneuert" 
(nach Paul Althaus, Theol. Aufsatze, II, S. 33. Man vergleiche dazu auch bei 
Edmund Schlink, Theologie der luth. Bekenntnisschriften, 1940, den Abschnitt 
,,Anleitung zur dogmatischen Arbeit", S. 408 u. 405, und Otto Schmitz, Die Chri- 
stusgemeinschaft des Paulus im Lichte seines Genitivgebrauchs, 1924). SchlieBlich 
sei noch auf die ausgeglichene Darstellung des Jakobus-Paulus-Problems bei 
Hauck hingewiesen, die ungefahr den modernen Stand der exegetischen Frage 
wiedergibt. Nach H. ist es moglich, daB Jakobus ,,mifiverstandene Paulinische 
Satze angriff. Unbedingt notwendig ist diese Annahme nicht." Jakobus will die 
,,Zusammengehorigkeit von Glaube und Sittlichkeit betonen, die sachlich ja aucb 
Paulus ebenso entschieden vertritt. Wahrend jedoch Jakobus die jiidischen For- 
mebi weitertragt, ist Paulus derjenige, welcber ganz neue, inhaltlich unjiidische 
Formeba pragt, indem er seine besondere Erfahrung und seine eigenste Erkenntnis 
in ganz neuen Satzen ausspricht, die doch an die alten Formehi (Rechtfertigung) ' 
ankniipfen . . . Jakobus vertritt eine Wahrheit, die in der israelitischen judischen 
Religion, im Denken Jesu wie in dem des Paulus gleichennafien betont worden ist . . . 
Die Rechtfertigung vor Gott kniipft an den Gesamtvorgang an, kommt aber an 
dem Endteil desselben, dem Werk, zur Entscheidung ... Es ist gut, dafi beide, 
Jakobus und Paulus, im Neuen Testament mit ihren gegensatzlichen und doch 

beiderseits wahren Formulierungen Platz haben, damit der Eine fortwahrend 

. j 

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,,Du siehstl" Dreierlei 1st an dem Glauben Abrahams fiir den 
Sprecher zu senen, der mit Glauben ohne Werke im Gottesgericht ge 
rettet werden will. 

1. Mit seinen Werken, nicht ohne Werke war (Schlatter ent 
scheidet sich fiir ,,ist") der Glaube tatig, lebendig tind wirksam zur 
Rettung, namlich zur gottlichen Rechtfertigung. Der Glaubende will 
vor Gott sein Verhalten so regehi, daB ihrn Gottes Wohlgefallen und 
Gnadengabe zuteil werden kann. Abrahams Verhalten lafit dieses Wirken 
aus Glauben und dessen Wirkung auf Gott erkennen. So hat auch ,,in 
Christo Jesu" nur der Glaube Gewicht fur Gottes Urteil, der mit der 
,,Energie" der Gottesh'ebe (als Genitivus subj. und objekt. verstanden) 
wirksam ist (Gal. 5, 6). Nicht indem ,,der Glaube fur sich allein ist" 
(V. 17), sondern indem er in den Werken des Glaubigen zur Geltung 
vgebracht wird durch den Gott uberlassenen Willen, wird die Rettung 
bewirkt. 1 ) 

warnen kann, die Wahrheit des Anderen zu ubersehen" (Das Neue Testament 
Deutsch, 10. Bd., S. 20f.). Deuth'ch ist: die Wahrheit der ,,synthetischen" 
Rechtfertigungslehre erhalt erst durch die ,,analytische" Schau ihr theologisches 
und biblisches Recht. Ohne den Gebrauch dieser beiden Denkkriicken ist es 
schlechterdings unmoglich, auf dem Boden der gottlichen Offenbarung zu stehen. 
Wollten wir im Bilde zu bleiben nur die erste ,,Kriicke" gebrauchen, wurden 
\vir notwendig ,,schief" laufen und schlieBlich ganz ,,umkippen" und in der Tat 
jener ,,Karikatur" reformatorischer Existenz gleichen - Karikatur ist betonte 
Sichtbarmachung des Eigenartigen! , die Adolf Schlatter etwas bissig wie alle 
Karikaturisten mit den Worten gezeichnet hat: ,,Diesen unmoglichen Menschen, 
dernichts tut, sondern einzigglaubt und folgerichtig nicht leben kann, sondern bloB 
auf sein Sterben wartet, hat aber Paulus nicht erfunden" (Gottes Gerechtigkeit, zu 
Bom. 3, 28, S. 153). Das gleiehe Umkippen wird sicK auch dort ereignen, wo man 
dazu neigt, sich- nur des analytischen und kausalen Denkens zu bedienen, wie es in 
der spatmittelalterlichen Theologie und Frommigkeit geschehen und in evange- 
lischer Theologie neu bei Schleiermacher und auch bei Karl Holl 'versucht worden 
ist. Paul Althaus hat schon recht: es war kein ,,besonders gluckh'cher Gedanke, 
auf Gottes Rechtfertigungsurteil die logische Alternative ,analytisch' oder 
,synthetisch' anzuwenden" (Theologische Aufsatze, II, S. 37). Die Synthese beider 
Denkformen ,,begreift" die Wahrheit. (Vgl. dagegen Paul Feine, a. a. 0. S. 40). 
x ) Der traditionelle reformatorische Glaubens- und Erbsiindebegriff laBt die 
Auslegung immer wieder an der Schau des Jakobus vorbeisehen, wonach das Mit- 
einander von Glaube und Werk durch einen personalen Willensakt und nicht durch 
eine unpersonliche Dynamik des Glaubens zustande kommt, die der Mensch rein 
passiv iiber sich ergehen laBt. Z. B. Bengels Bemerkung zu V. 22: ,,fides habet 
aliam energeiam, efficaciam et operationem, aliam opera: ilia ante haec et cum 
his," steht ganz in der Linie von Luthers ,,0, es ist ein lebendig, geschaftig, taoig, 
machtig Ding um den Glauben, daB es unmoglich ist, daB er nicht ohne UnterlaB 

4 Lackmann, Sola fide 49 



2. Durch das Handeln nun kann man eTeXsict>-9-7] zweifach iiber- 
setzen: kam der Glaube zum ,,Zier , oder: wurde der Glaube )} voll- 
kommen". TeXo? und TeXsio? sind wichtige Lieblingsbegriffe des 
Jakobus im ganzen Brief (1, 4. 15. 25; 3, 2; 5, 11). Beide Ubersetzungen 
sind moglich : der Glaube kam zum Ziel durch das Werk, d. h. sein Be- 
gehren, das reclitfertigende Urteil und die Heilsgaben Gottes zu empfan- 
gen, fand Erfulmng durch das gehorsame Tun. HeilsgewiBheit und Heils- 
genuB werden nur dem Glauben zuteil, der das Opfer des Liebesgehor- 
sams bei sich hat: Ihm gibt Jesus die gewisse Zusage der Teilhabe an 
Gottes Herrlichkeit : S3 Siehe, wir haben alles verlassen . . . Ich sage euch, 
ihr werdet sitzen auf zwolf Stuhlen und richten die zwolf Geschleehter 
Israels . . ." (Matth. 19, 27f.). Freispruch, HeilsgewiBheit und Gnaden- 
besitz die Inhalte der gottlichen Rechtfertigung darf nur der 
Diener Gottes genieBen, dessen Glaube mit dem glaubigen Werk ver- 
bunden ist. 1 ) Moglich ist aueh die andere Deutung: durch das Handeln 

sollte Gutes wirken. Er fragt auch nicht, ob gute Werke zu tun seien, sondern elie 
man fragt, hat er sie getan und ist immer im Tun' (Vorrede zum Romerbrief); aber 
nach des Jakobus Meinung sind die Werke Abrahams ,,seine Werke", die Zeugnis 
fur die Bereitschaft seines Willens hingebender Gottesliebe sind, den Glauben an 
seinen Werken teilhaben, ihn ,,mitwirken'' zu lassen. Der glaubende Abraham 
hort nieht auf, in eigener Spontaneitat und Verantwortlichkeit dariiber zu ent- 
scheiden, ob an seinem Handeln der Glaube beteiligt oder nicht beteiligt sein soil. 
DaB mit Paulus zu reden ein Handehi ,,aus dem Glauben geht" (Rom. 14, 23), 
ist Entscheid des fur Gottes Belange befreiten Willens, nicht ,,automatische" 
Auswirkung eines Glaubens, der uns nach Luther insofern ,,zu ganz anderen 
Menschen von Herzen, Mut, Sum und alien Kraften macht", als er Gott allein zum 
Wirkenden, den Menschen aber zum passiven Instrument Gottes macht, da ja 
,,in ipsa fide Christus adest". Luther meinte die Wandlung und Neugeburt des 
Glaubigen aus Gott ( Joh. 1, 13 wird a. a. O. von ihm zitiert !) so verstehen zu miissen, 
um dem Irrtum des Semipelagianismus und Synergismus zu entgehen, der spricht: 
,,der Glaube sei nicht genug; man mtisse Werke tun, soil man fromm und selig 
werden." Aber Jakobus spricht so und ist dochkein Synergistund Semipelagianist! 
*) ,,Hatte Abraham Gott bloB geglaubt . . . und ihm den Gehorsam versagt, 
dann ware er von Gott nicht gerechtfertigt, sondern verworfen worden. Weil aber 
der Glaube mit dem Werk zusammentrat, darum empfing er Gottes Lob und Ge- 
rechtsprechung" (Schlatter, vgl. auch Brief des Jakobus, S. 202). Calvin muB 
natiirlich feststellen: ,,hier bildet nicht die Ursaehe unseres Heils den Gegenstand 
der Frage" (zu V. 22), womit freilich die apostoHsche Meinung,. daB der Mensch 
nicht sich nur von Gott retten lassen, sondern auch sich selbst zu Gott retten miisse, 
ungebuhrlich in den Hintergrund gedrangt wird. Das Apostelwort von Johannes 
dem Taufer: ,,er gab Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glau- 
ben," enthalt beide Gedanken. Auch bei Gerhard der gleiche Gedanke wie bei 
Calvin: ,,non solum opera liberi arbitrii, sed etiam opera pietatis a renatis facta 

50 



wurde der Glaube ,,voUkommen". Ein katholischer Exeget bemerkt 
dazu: ,,Niclit so, wie wenn der Glaube erst durch die Werke vollig zum 
Glauben geworden sei" (Bardenhewer). Man darf nicht die apostolische 
Kontroverse von V. 18 aus den Augen verlieren: Die Einheit von Glaube 
und Werk alsVoraussetzung der gottlichen Rechtfertigung soil bewiesen 
werden. Bei Abraham war der Glaube vom Handeln begleitet; aber durch 
das Handeln wurde der Glaube nach seinem gottlichen Sinngehalt und 
Wesen als Glaube offenbar und verwirklicht. Da war der Glaube schon 
vor der Opferung Isaaks, aber erst im Opfer Isaaks wurde er fur mensch- 
liches Sein und fur Gottes Augen ,,vollstandig", ,,als Wahrheit recht- 
maBig und tatsachlich bestatigt" (Stier). Der Glaube waehst sich durch 
das Werk zu dem reifen Wesen aus, das Gott bei der Schopfung des 
Glaubens sich gedacht hat. Nicht nur das Handehi kommt bei Abraham 
aus dem Glauben, auch sein Glaube wird groB und reich aus dem, was 
er tut. Der Gehorsam des Glaubens mehrt den Glauben, indem der 
Gehorsam ganz das wird, was sein Glaube will : Gottes Eigentum durch 
den Glauben. 1 ) 

ab actu iustificationis excludi." Wie vertragt sich nxit dieser Auffassung die 
liturgische Praxis der Kirche, die vor Empfang des rechtfertigenden gottlichen 
Handelns in der heiligen Taufe die Paten, fur den Taufling das Taufgeliibde im 
Taufbund sprechen laBt: ,,Ich entsage dem Teufel und alien seinen Werken und 
allem seinem Wesen und ergebe mich Dir, Du dreieiniger Gott, Vater, Sohn und 
Heiliger Geist, im Glauben und Gehorsam Dir treu zu sein bis an mein letztes 
Ende." Sind das ,,katholische" Eeste oder ist das Mrchliches und biblisches Denken 
iiber die Bedingungen Gottes, sein rechtfertigendes Handeln in der heiligen Taufe 
zu erlangen? (Vgl. Apg. 2, 37 f.). 

1 ) Thomas Auslegung: ,,Fides ex operibus fuit consummata id est augmentata 
et comprobata et ostensa," und die Bellarmins: ,,iustitiam inchoatam per fidem 
accepisse incrementum et perfectionem opera," haben schon Hand und FuB im 
Text: zur ,,iustificatio secunda per opera" braucht man deshalb nicht zu greifen. 
Calvins polemische Auslegung spricht nur die halbe Wahrheit aus: ,,Aus den 
Werken vollkommen geworden heiBt der Glaube nicht daher, daB er von dorther 
seine Vollkommenheit empfmge, sondern deshalb, weil er von daher den Beweis 
seiner Wahrheit erhalt." Noch ferner dem Gedanken des Jakobus ist J. Gerhard 
(nach Dionysius Carthus.): ,,tunc publice et quasi consummate innotuit (sc. fides!), 
quod antea Deo et Abrahamo fere soli notum erat, Abrahamum nimirum tantopere" 
Deo fidere posse. Perficitur fides per bona opera, sed perfectione externa sive 
demonstra,tiva, non vera essentiah"." Naher kommt der Sache wieder Bengel: 
,,Vigor fidei qui opera parit, ex illo partu et auctu augetur, excitatur, uti calor 
nativus corporis labore." Schlatter erklart: ,,Darin, daB nicht nur der Glaube 
dem Werk, sondern auch das Werk dem Glauben dient, erweist sich ihre Ver- 
bundenheit als wahr und ganz." Ahnlich Hauck: ,,Es ist Jakobus wertvoll, daB 

4* 51 



3. Mit diesem 'Ereignis des Glaubensgehorsams wurde erst der 
Gottesspruch von der Glaubensgerechtigkeit Abrahams, den die Schrift 
an anderer Stelle iibefmittelt, die gottliche Verleihung des Ehrennamens 
,,Freund Gottes" erfiillt. Diese iiberraschende Wendung der Beweis- 
fiihrung die allerdings ,,buchstablich genommen wider die Ansicht 
des Jakobus vom Glauben lauft" (Vilmar), wenn man den Buchstaben 
von Gen. 15, 6 und Jak. 2, 22 nicht buchstablich versteht, wie er ver- 
standen sein will! sichert zunachst, daB Jakobus Gen. 15, 6, also die 
Gerechtigkeit, die des Glaubens ist und dem Glaubenden zuerkannt 
wird, und damit die Theologie des Paulus fiber diesen Satz, wie er sie 
spater in Rom. 4 und Gal. 3 entwickelt hat, nicht nur nicht bestreitet, 
sondern voraussetzt. Sein Umgang mit Paulus auf dem Apostelkonzil und 
der BeschluB desselben sind auch die historische Bestatigung dafiir. 
Es ist erstaunlich, wie lange die Auslegung an dieser naheliegenden Fest- 
stellung vorubergegangen ist. Was ist nach dem hebraischen Urtext 
bzw. nach der Septuaginta danach ist vor dem Blick auf die Ver- 
wendung des Wortes im Gedankengang des Apostels Paulus zu fragen 
mit dem Satz aus Gen. 15, 6 gemeint ? ,,Abraham glaubte Gott", 
HliT'S IP^rn > 7UGTsu<jsv T& -freco ? Abraham hat das alle erfahrene und 
erfahrbare Wirklichkeit seiner Welt ubersteigende Wort Jahves, seines 
Bundesgottes, mit seinen uberschwenglichen VerheiBungen. Dieser Um- 
gang Gottes mit ihm bewegt ihn, Gott zu glauben, Gott mit seiner Wahrheit 
und Macht recht zu geben, sich ihm anzuvertrauen, seine leib-seehsche 
Existenz aus sich heraus in Gott selbst hinein zu verlagern, nicht so, 
daB er aufhort, damit der denkende und wollende Abraham zu sein; 
.aber er ist nunmehr der ,,in Gott" denkende und wollende Abraham, der . 
Jahves Bundesplan denkt und will und lebt, der eben mit Gott jjeins" 
ist. 1 ) tiber dieses Verhalten des Glaubens spricht Jahve ein Urteil: 
,,Er rechnete ihm das zur Gerechtigkeit," H^'l^'l^ri^I^nm, eXoyta-8-Y) 
et? Stxaioa6v7)v. Jahve bucht das glaubende Verhalten Abrahams 



bei diesem Beispiel Glaube und Tat erkennbar verbunden sind . . . ; der Glaube 
fuhrt zum Werk, und im Werk vollendet sich der Glaube. Mt innerer Notwendig- 
keit hat die Frommigkeit diese beiden Seiten." 

x ) Die theologische Formulierung jONiT fiir ,,er glaubte", ,,er setzte seine 
GemBheit auf den Herrn" tragt selbstverstandlich das Kennzeichen der stufen- 
weisen Entwicklung des alttestamentliehen Glaubensbegriffs an sich, wie das auch 
im Neuen Testament zu beobachten ist. Damit mrd aber nicht bestritten, daB dieser 
Vorgang jenem Geheimnis der Gottesgemeinschaft zugehort, welches der Glaube 
des Christen meint. . 

52 



als das der in der JVp gesehenkten Gottesgemeinschaft entsprechende 
rechtmaBige Verhalten seines Bundespartners Abraham, es 1st n"]2 ge- 
wonnen.aus der ng"!^ des gottlichen Bundes, die voranging, aber auch 
belolint mit n|5"$, die nun folgt. Denn der Glaubende ob er gleich 
wie alle Menschen an Gott verschuldeter Gottloser 1st kommt um 
der Glatibensgemeinschaft willen in den vollen GenuB der heilschaffenden 
Gerechtigkeit Jahves. Der glaubende Abraham empfangt in Jahves 
Urteilsspruch die gottliche Annahme als sein Bundespartner, der nun 
alle Kechte desselben beanspruchen und genieBen darf. Sein Glauben 
ist die , 3 normale Haltung", die ihren Lohn in sich hat. 1 ) Rechtfertigung 
ist also nach diesem Schriftbeispiel das Zu-Stand-und-Wesen-Kommen 
des neuen Gottesverhaltnisses, das zwar Gott langst zuvor durch sein 
objektives Bundeshandeln am Gottlosen (Wort und Sakrament im 
Neuen Bunde!) geschaffen hat, das aber erst durch das daraus hervor- 
gehende subjektive Verhalten des Glaubens seine Rechtskraft und 
.Richtigkeit und die fur Gott verbindliche Ordnung einer neuen Lebens- 
und Gutergemeinsehaft zwischen ihm und dem Glaubenden erhalt. 2 ) 
Dieser Tatbestand von Gen. 15, 6 : durch den Glauben kam Gott zu 
seinem Becht bei Abraham, seinem Bundespartner, und Abraham zu 
seinem Recht bei dem Gott seines Bundes, behauptet nun Jakobus , 
ist erst durch das Ereignis von Gen. 22 (Abrahams Glaubensgehorsam 
und Gottes Urteil) zur ,,ErfuIhing gekommen", eine Feststellung, die 
von Luther an bis in die Neuzeit viel Kopfzerbrechen bereitet hat. ,,Ob 
nun dieser Epistel wohl geholfen werden mochte und fiir solche Gerechtig- 
keit aus den Werken eine Erklarung gefunden werden konnte, so kann 
man sie doch darin nicht in Schutz nehmen, daB sie den Spruch 1. Mose 15 
(der allein von Abrahams Glauben und nicht von semen Werken redet; 
wie Paulus Rom. 4 darlegt) dennoch auf die Werke bezieht. Dieser 
Mangel zwingt also zu dem SchluB, daB sie von keinem Apostel sei" 
(W. A. Deutsche Bibel, 7. Bd., S. 385). Darf man verlangen, daB Jakobus 



x ) ei? bei eXoytC'8-'] bezeichnet ,,die Wandlung, welche dem Objekt durcb. das 
Urteil widerfahrt" (Heidland im Theol. Worterbuch z. N. T. zu XoyL^eCT^ai). 

*) Damm kann Paulus im alt- und neutestamentlichen Geiste die Kecht- 
fertigung als ,,Empfang" des Heiligen Geistes beschreiben und als Scnriftbeweis 
dafiir Gen. 15, 6 zitieren. Der von seiner Siinde sicb. abkenrende, mit seiner Schuld 
und Armut zu Christus sich Mnkehrende Glaube verhalt sich. dem Neuen Bunde 
gemafi, den Gott durch Wort und Sakrament mit ihm geschlossen hat, und empfangt 
darum die Kindschaftgabe des Heiligen Geistes zu bewuBtem und vollem GenuB. 
Das ist die Rechtfertigung: Spruch und Gabe. 

63 



Gen. 15 so verwendet, ,,wie Paulus Rom. 4 darlegt ?" Wird wirklich 
Gen. 15, 6 von Jakobus ,,auf die Werke bezogen ?" eTcXvjpfo&T] man 
denke an die Parallelen bei Matthaus: ,,auf daB erfullt wiirde, was da 
gesagt 1st" bezeichnet die ,,Fleischwerdung", das Eintreten eines 
Tatbestandes in die sichtbare Wirklichkeit, der auch zuvor schon exi- 
stent, aber erst heimlich, noch nicht greifbar und somit ,,tatsaehlich" 
existent war. Dann will Jakobus mit der Verwendung des Begriffs 
e7t?OQpco-9"]r) sagen: erst indem Abraham den konkreten Willen Gottes 
mit der Hingabe Isaaks tat und den gottlichen Zuspruch empfing: 
,,durch deinen Samen sollen alle Volker auf Erden gesegnet werden, 
darum daB du meiner Stimme gehorcht hast" (Gen. 22, 18), wurde das 
von der Schrift Behauptete und Ausgesprochene Erfiillung, fur Gott und 
Menschen greifbare Tatsachlichkeit : Abraham glaubte Gott und das 
rechnete er ihm zur Gerechtigkeit. Weil der Glaube von Gen. 15 
der Glaube von Gen. 22 war das festzustellen, stellte inn Gott eben 
auf die Probe (Gen. 22, 1) , darum empfing er Gottes Rechtfertigung 
in Gen. 15, wie sie in Genesis 22 als ,,ausgesprochene" gottliche Wirklich- 
keit sichtbar, ,,erfullt" wird. Die Schrift hat recht mit dem Satz von 
Gen. 15, 6, weil sie den Bericht von Gen. 22 enthalt. Der Glaube, der 
den Willen zum Gehorsam bei sich hat, empfangt das rechtfertigende 
Urteil und seme Gaben. ,,Eben dadurch, daB Abraham im Glauben die 
Kraft zur Darbringung des Opfers hatte, bekam das gottliche Urteil, 
das ihn einen Glaubenden und durch seinen Glauben Gerechten nannte, 
die Wahrheit" (Schlatter, Der Brief des Jakobus, S. 203). DaB ,,der 
Tatbeweis von l.Mos. 22 den Rechtfertigungsspruch Gottes ausloste" 
(Hauck), darf zwar nicht so verstanden werden, als sei das Urteil von 
jGen. 15 nicht voll zu nehmen. Jakobus denkt nicht daran, Gottes Wort 
in Gen. 15 irgendwie abzuschwachen und zu unterhohlen. Aber das ist 
allerdings seine Meinung: die Giiltigkeit des Satzes von der Glaubens- 
gerechtigkeit und von der Rechtfertigung des Glaubens kann nur aus 
der Geschichte von Abrahams Glaubensgehorsam und dem darauf 
folgenden Zuspruch Gottes abgelesen werden. Ohne sie ware das Wort 
Gottes von Gen. 15 nicht wahr, nicht ,,voll" zu nehmen. Mit ihr ist es 
,,erfullt cc fur den Horer. Nicht bezieht also Jakobus 1. Mos. 15 ,,auf 
die Werke" wie Luther meinte , aber er deckt die Beziehung von 
Gen. 15 zu dem Werk von Gen. 22 auf, die konstitutiv ist fur den recht- 
fertigenden Glauben Abrahams, wie ihn Gott und der Apostel Jesu 
Christi fur ,,voll" und gultig zur Rechtfertigung achten. Die zwei Vor- 
gange verhalten sich nicht wie Ursache und Wirkung, werden auch nicht 

64 



identifiziert von Jakobus; sie beschreiben den Glaubenden in der gott- 
lichen Gnadengemeinschaft mit zwei Betrachtungsweisen, die sich 
gegenseitig bedingen, und erfassen so den ganzen von Gott geschaffenen 
und neugeschaffenen Menschen des Gnadenverhaltnisses, dem Gott sein 
Heil (die imputatio und non-imputatio und vivificatio) gewiB macht, 
und der auch Gott seiner gewiB werden laBt; d. h. den Menschen, den 
Gott rechtfertigt, weil er glaubt. 1 ) 

. !',. 

*) Der reformatorischen Auslegung bleibt an dieser Stelle nichts anderes 
iibrig, als des Jakobus Meinung schlecht und recht zu verdrehen. ,,Wer roit dem 
Zeugnis des Jakobus beweisen will, daB Abrahams Werke zur Gerechtigkeit an- 
gerechnet sind, der muB notwendigerweise gestehen, daB die Schrift von ihm bose 
verdreht werde." Sollte die Wirkung eher als die Ursache sein ? ,,Die Anrechnung 
zur Gerechtigkeit ging um mehr als dreiBig Jahre jenem Werke, durch das man ihn 
gerechtfertigt sein lafit, voraus. Wenn funfzehn Jahre vor Isaaks Geburfc der Glaube 
dem Abraham zur Gerechtigkeit angerechnet worden war, so kann diese Anrech- 
nung sicherlich nicht erst durch Isaaks Opferung geschehen sein. In einem unlos- 
lichen Knoten durften sich die Ausleger vers /icken, die Abrahams Gerechtigkeit 
vor Gott zugerechnet sein lassen infolge der Opferung seines Sohnes Isaak, der noch 
nicht geboren war, als der Heilige Geist schon verkiindete, Abraham sei gerecht," 
schreibt Calvin; nicht nur Calvins MiBverstandnis, auch die Unklarheit der 
zeitgenossischen katholischen Auslegung wird hier sichtbar. Die Orthodoxie ver- 
sucht die crux exegetica des Verses 23 in der Weise zu bewaltigen, wie Luther 
gelegentlich die ,,Rechtfertigung durch Werke" zu denken versucht hat: ,,Opera 
iustificant, hoc est, ostendunt, nos esse iustificatos, quemadmodum fructus 
ostendunt hominem esse christianum et credere in Christum, quia non habet 
fictam fidem et vitam coram hominibus. Opera enim indicant, utrum fidem 
haberem. Ergo conclude, eum esse iustum, quando video eum facere bona opera. 
Coram Deo non est opus ilia distinetione" (W.A. 39, 1, 92, 4). Und an anderer 
Stelle: ,,Coram Deo opus est fide, non operibus; coram hominibus opus est operibus 
et dilectione, quae declarat nos iustos coram nobis ipsis et coram mundo. Concedi- 
mus ergo finaliter, quod homo se ipsum iustificat, quod ad effectivam causam, 
non quod ad efficientem" (W. A. 39, 1, 93, 10). DaB die ,,effectiva causa" als 
,,causa efficiens" von Gott gesucht werde an dem zur Eechtfertigung Erwahlten 
und Berufenen (womit er in der Lime Augustins weitergedacht hatte) war 
ihm bei seinem Verstandnis der Alleinwirksamkeit Gottes und des glaubenden 
Sunders vor Gott zuzugestehen bzw. einzusehenverwehrt: Augustin auBert sich 
zum Opfer Abrahams: ,,Magnum opus, sed ex fide, video fundamentum, laudo 
fructum boni operis, sed in fide agnosco radicem. Nemo iactet bona opera sua ante 
fidem, nemo piger in operibus accepta fide" (Enarrat., Psalm 31), Glaube und Werk 
sind die Einheit von ,,Fracht" und ,,Wurzel", aber das Werden dieser Einheit 
kommt durch die ,,Tragheit" oder den FleiB des Menschen zustande oder nicht 
zustande; dennoch ist; festzuhalten: ,,nemo meritis priorum bonorum operum 
arbitretur se pervenisse ad donum iustificationis, quae est in fide!" Die Glaubens- 
gerechtigkeit ist das logische Paradox von freier Gnade Gottes und freier Verant- 

55 



Noch ein anderes Schriftwort aufier Gen. 15, 6 wurde mit Abrahams 
Glaubensgehorsam und der darauf folgenden gottlichen Rechtfertigung 
ein ,,erfulltes", tatsachlich.es Geschehen : Jes. 41, 8 bzw. 2. Chron. 20, 7, 

wortung des Menschen: seine ,,Antwort" ist das Zusichselbstkommen des ,,Ur- 
wortes", das Gott selbst ist, in ihm, d. h. seine ,,Rechtfertigung", ,,Preilassung", 
,,HeUigung". Dagegen sucht Gerhard fiir Gen. 15, 6 die das Paradox auf- 
losende Erklarung: Gott halt den, dem die Gerechtigkeit vor Gott mangelt, fiir 
gerecht, weil er dem Wort der VerheiBungen, dem gesegneten Samen, in dem uns 
Gerechtigkeit und Segen angeboten wird, geglaubt hat, denn ,,fides et credere in 
dicto mosaico et apostolico accipiuntur relative, quatenus respiciunt Christum, 
qui est Jehovah nostra iustitia" (Loc. theol., Tom. IV, loc. 17). Wenn Bellarmin 
dieser protestantischen Auffassung von Gen. 15, 6 entgegenhalt: ,,Si verba Hebraea 
diligenter inspiciantur, hunc habere sensum, quod actus ille credendi fuerit opus 
iustum et meritorium et pro tali sita Deo iudicatum et acceptum, ut hae fide 
Abraham non sit f actus iustus ex impio sed iustior ex iusto," so trifft er damit 
freilich durchaus nicht den Sinn des hebraischen Textes, versteht ihn viehnehr so, 
wie spatjudische Theologie das Werk des Abrahamglaubens verstanden hat; aber 
mit der Zuriickweisung des reformatorischen Theologumenons: ,,das Rechtferti- 
gungsbekenntnis sagt nicht, wie der Glaubende aussieht, sondern wo der Glaubende 
hinsieht" (Wilhebn Link, Das Bingen Luthers um die Freiheit der Theologie von 
der Philosophic, 1940, S. 99) aus Gen. 15, 6 bzw. Jakobus 2, 23 hat er recht. DaB 
das ,,Hinsehen" des Glaubenden ein ganz bestimmtes ,,Aussehen" bedeutet, welches 
Gott zum AnlaB des personlicheri Zuspruchs Seines ,,Ja", d. i. der Vergebung der 
Siinden und der Kindschaftsrechte (= Rechtfertigung) nimmt, ist gesichertes 
Ergebnis der neueren Schrifterforschung, sofern sie aus der Ganzheit des Schrift- 
zeugnisses ihre Erkenntnisse gewinnt und mit ,,Rechtfertigung" den Vorgang 
meint, den biblisches Denken und biblisehe Erfahrung innerhalb des gottlichen 
Heilswerkes am Sunder beschreiben will. Bengel bezieht das ercXTipco&Y) statt 
auf das Schriftwort, wie es der Text fordert, auf die Rechtfertigung Abrahams und 
kommt trotz offensichtlicher Bemiihung, dem Wortlaut gerecht zu werden, noch 
nicht zur Sache: ,,Quo tempore Abrahae impletum? quum primum credidit an 
postea quum immolavit ? utroque tempore : sed ad tempus immolationis maxime 
refert Jacobus, de statu quippe Abrahami iustificati loquens .'. . hiric probat 
iustificationem ex operibus, illinc iustificationem ex fide." Ahnlich geht es auch 
Stier nicht um die Gultigkeit des Schriftwortes von Gen. 15, 6, das mit Gen. 22 
als ,,vollgultig" erwiesen wird: weil Abraham Isaak opfert, ist sein Glaube der 
Glaube von Gen. 15, 6, den Gott als Gerechtigkeit bucht; die ,,Erfullung" der 
Rechtfertigung ist nach Stier gemeint: ,,Werden wir gerecht durch den Glau- 
ben, so erweist und erfiillt sich diese Gerechtigkeit doch nur durch die Werke . . . 
So wurde Abrahams erster Beruf in seinen letzten Werken f est und das zuvor schon 
ihm zugesprochene Wort von der Gerechtigkeit aus dem Glauben als eine Wahrheit 
rechtmaiMg und tatsachlich bestatigt ... Da, wo Mose bereits im Anfang dies 
gerechtsprechende Urteil Gottes iiber Abraham berichtet und verzeichnet, ist 
kein Werk dabei; der Glaube faBt Gottes Wort . . ., aber es folgt in diesem neuen 
Leben voll Werk und Wirkung des Glaubens die Erfullung." Schlatter fafit 

56 



wonach Abraham ,,ein Freund Gottes geheiBen wurde" O^rji* steht im 
Hebraischen). An der Zitierung dieser Schriftworte, die bereits eine 
fromme Tradition uber Abraham in Israel wiedergeben und nicht vor den 

seine Erklarung von eTrXYjp ooi&r, in dem Gedankengang von VerheiBung und Erf iillung 
zusammen: ,,Der Spruch (Gen. 15, 6) wartete noch auf seine Erfullung . . . Als er 
jetzt dem Worte Gottes fest anhing, da war das Wort zu seiner Erfiillung gekom- 
men, das ihn glaubig und um seines Glaubens wiUen gerecht genannt hat . . ." 
,,Erfullt wird der die Gerechtigkeit gewahrende Spruch dadurch, daB der Mensch " 
das von ihm Gebotene tut." Damit denkt Schlatter bedeutend mehr den Gedanken 
des Jakobus nach, als es bisherige Auslegung vermochte. Aber es bleibt doch die 
Frage: will das l7rX7)p<o-&7] sagen, der Vorgang von Gen. 15, 6 war noch nicht das 
vollgultige Geschehen des Glaubens und der Rechtfertigung, sondern erst ein An- 
bruch? Dann wiirde Jak. 2, 23 eine Abschwachung von Gen. 15, 6 bedeuten: es 
geschah dort noch nicht wirklich, was gesagt wird: namlich Glauben und Recht- 
fertigung. Das diirfte nicht die Auffassung des Apostels sein. Gen. 22 tut nichts zu 
dem Vorgang von Gen. 15 hinzu, das nicht schon in ihm enthalten gewesen ware: 
Gen. 22 macht offenbar und handgreiflich, was es um Gen. 15 war. Das ist eTrXvjpto-th] 
^j ypacpT) Xeyouoa. Robert Kiibel kommt dieser Auffassung mit seiner Exegese , 
von Jak. 2, 23 am nachsten. Jenes iiber Abraham bloB wegen semes Glaubens 
gesprochene Rechtfertigungsurteil gilt eben deswegen, weil dieser Glaube die Werke 
im ELeim in sich trug und diese garantierte . ., . und Gott voraus in Anschlag bringt, 
was in der Zeit erst hintendrein sich erweist . . ." Der Blick des Jakobus ist auf den 
Anfang des Heilslebens gerichtet, insofern ,,als derselbe die Entwicklung und den 
in dieser stattfindenden Ausweis der Gerechtigkeit begriindet und garantiert. 
Der Glaube Abrahams, der nach Gen. 15, 6 Gottes Rechtfertigungsurteil empfing, 
war nicht vom Werk des Glaubens begleitet, aber er war zum Werk des Glaubens 
bereit; als solch einen Glaubenden erkannte Gott Abraham und gab ihm sein 
Recht. Der Apostel Petrus bezeugt den gleichen Sachverhalt, wenn nach ihm 
Gott den Heiligen Geist denen gegeben hat, ,,die ibrn gehorchen" (Acta 5, 32). 
Auch die Erforschung neutestamentlicher Begriffe hat der Exegese unseres Schrift- 
wortes ein erhebliches Stuck weitergeholfen, ohne das Problem allerdings zu be- 
waltigen. Gottlob Schrenk kommentiert im Artikel Smatocuvv] bei Jakobus, 
Theol. Worterbuch zum N. T. II, Vers 23 mit der wichtigen Peststellung: ,,Der ' 
jiidische Verdienstgedanke liegt ebenso fern wie die griechische Tugendauffassung." 
Bei der Frage nach dem Glaubensverstandnis des Jakobus ,,muB die ganze Glau- 
benshaltung sehier Spruchsammlung angefragt werden. Diese Grundhaltung aber 
zeigt nicht nur den Glaubensbegriff reiner Lehrorthodoxie" (gegen welche nach 
Schrenk Jakobus polemisiert). Unverhohlen wird zugestanden: ,,Abraham wu-d 
nach V. 23 damit vor Gott gerecht, dafi der durch das Werk sich erganzende, mit 
diesem zusammeriwirkende Glaube ihm angerechnet wird." Dabei steht nicht etwa 
der Gegensatz von y&pis und epya^eo^at im Hintergrunde. Aber V. 23 ist doch 
eine ,,theologisch anfechtbareFormel", weil hier ,,das eXoyta^T] nicht an den Glau- 
ben allein, sondern auch an das menschliche Wirken angeschlossen wird". Das sei 
eine Auffassung, ,,die Paulus niemals hatte vertreten konnen. Die Krisis, durch , 
die jegliches Werk, auch das nicht gesetzliche Werk, hindurchzugehen hat, ist 

57 



Ereignissen aus Gen. 22 anzusetzen sind, wie es wenigstens auBer- 
lich bei Gen. 15, 6 der Fall 1st, 1st besonders deutlich zu erkennen, 
daB Jakobus das e7cXi)p<oa)"y) im Sinne von ,,das Wort wurde tatsachlich.es 

von Jakobus bei dieser Pragung nicht in Betracht gezogen." Es kann bier nicht 
erortert werden, ob diese Auffassung des ,,nicht gesetzlichen Werkes" von dem 
Paulus vertreten wird, der schreibt: ,,Wa3 aber nicht aus dem Glauben geht, das 
ist Siinde" (Rom. 14, 23). Reformatorisch ist sie zweifellos. Aber dies Thema gehort 
in die Verhandlung dessen, was die Schrift fiber die Erbsunde und iiber das Wirken 
des Heiligen Geistes sagt. Was des Apostels Paulus Verwendung von Gen. 15, 6 
in Rom. 4, 3 und Gal. 3, 5, angeht, so gehort sie bei ihm in die Fragestellung, was 
die Ipya TOU v6[/.ou fur den Juden zur Erlangung des rechtfertigenden Urteils ver- 
mogen, eine Fragestellung, die das seelsorgerliche Anliegen des Jakobus uberhaupt 
nicht beruhrt. ,,Die Frage nach dem Verhaltnis von Glaube und Werken wird 
(in Jak. 2, 14ff.) ohne Bezugnahme auf das Gesetz gestellt und beantwortet. Das 
Thema ist spezifisch das Verhaltnis von Glaube und Werk, nicht, wie bei Paulus 
und seinen Gegnern, das von Glaube und Gesetz" (Gutbrod im Artikel v6(jto? im 
Jakobusbrief, Theol. Worterbuch z. N.T. IV). Den Gedanken, den Jakobus voraus- 
setzt, behauptet und beweist Paulus: der an der Gnade des Christus gewonnene 
Glaube, nicht das am Gesetz gewonnene Werk, macht den nach seinem eigenen 
Wesen Gottlosen Gott recht. Paulus und Jakobus nahern sich der Glaubens- 
gerechtigkeit Abrahams von verschiedenen Seiten. Der eine sieht auf die Glau- 
bensgerechtigkeit, zu der der Gottlose nichts hat aus seinem eigenen Leisten brin- 
gen, die er nur (sola fide!) hat empfangen konnen. Der andere sieht auf die Glau- 
bensgerechtigkeit, die er als der Glaubende Gott hat bringen mussen und 
bringen diirfen. Denn heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das 
sei feme, sondern wir ,,richten das Gesetz auf,'' sagt Paulus zu Beginn seines 
Exkurses iiber die Glaubensgerechtigkeit (Rom. 3, 31). Beide Betrachtungs- 
weisen sind apostolischerKampf um das rechteGott ,,inChristo" die Ehre geben, 
die ihm gebuhrt, und damit um den Zugang zu dem gottlichen Wohlgefallen, das 
den Zuspruch der Vergebung ad hominem erteilt und alle Gebrechen heilt, d. h. 
rechtfertigt. Denn Gottes Ehre wird gleichermaCen von uns verletzt, wenn wir 
tun wollen, was wir ohne Christus nieht tun konnen, oder: nicht tun, was wir mit 
Christus tun konnen und tun sollen. Das 1st die biblische Lehre vom Menschen, wie 
ihn Gott sieht. Paulus und Jakobus zeigen beide auf den Vater des Glaubens, um 
diesen Menschen, wie ihn Gott sieht und im Gericht Christi einmal offenbaren wird, 
in seiner Armut und in seinem Reichtum der Urgemeinde sichtbar zu machen. In 
diesem leidenschafth'chen Eifer ihrer Gottesliebe ist der Grand fur die Scharfe 
ihrer theologischen Formulierung zu suchen, mit der ein Paulus ohne spya 
(Rom. 4, 5) ein Jakobus mit den spya der Gerechtigkeit Gott nachjagten und 
nachzujagen ermahnten. Reformatorischer Theologie ist diese doppelte Sieht des 
Menschen vor Gott durch die pointierte Herausstellung des Gegensatzes von Ge- 
setz" und ,,Evangelium", die ihrerseits wiederum von dem Gottesbegriff nomi- 
naUstiseher Theologie mit (nicht allein!) beeinfluBt ist, verwehrt worden. Man 
sollte sich dariiber nicht iiber Gebuhr aufregen, sofern man weiB, dafi Theologie 
der Versuch ist, mit unzulanglichen Mitteln das ,,Geheimnis.des Evangeh'ums" zu 

58 



Ereignis" und nieht ein Angekiindigtes wurde ,,Erfullung" gebraucht 
hat. Jes. 41, 8 1st tatsachlich zu Recht geschrieben, dafiir zeugt die 
Opferung Isaaks und Gottes Antwort darauf das will Jakobus sagen, 
Abraham war in der Tat als Glaubender ein Liebender und Geliebter 
Gottes. 1 ) Rechtfertigender Glaube quillt aus der Liebe Gottes zu uns 
(,,Darin steht die Liebe: nicht, daB wir Gott geliebt haben, sondern da8 
er uns geliebt hat . . ." 1. Joh. 4, 10), ist wirksam ,,in Christo Jesu" 
durch unsere Liebe zu Gott bzw. den Menschen und empfangt die 
liebende Betatigung von Gott als Freundesverhalten, die Rechtfertigung 
( s ,Ihr seid meine Freunde, so ihr tut, was ich euch gebiete," Joh. 15, 14). 
In dem Satz : ,,er ward ein Freund Gottes geheiBen," ist die Anschauung 
der Schrift vom Glauben Abrahams und von dem Ja Gottes zu ihm ent- 
halten, man muB sie sich nur dureh Gen. 22 richtig entfalten lassen. 
Da aber der Glaube von Gen. 22 der rechtfertigende Glaube von Gen. 
15, 6 ist, gilt auch von dem glaubenden Abraham Gen. 15, 6 : er war ver- 



umschreiben, und es immer eine offene Frage in der Kirche bleiben muB, an welcher 
Stelle dieser Versuch miBgliickt oder verbesserungsbedtirftig ist. Reformatorische 
Theologie korrigieren braucht ja und wenn es sich auch um ihr Herzstuck, die 
Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben handeln sollte nicht zu 
bedeuten, ,,ihre lebendige Mitte, daB sie den Namen Christus verkiindigt" (Link) 
zu bestreiten und zu verlieren. Denn nicht in der geschichtlichen Gestalt ihrer 
Denkkategorien und Vorstellungen ,,h'egt die Herrliehkeit der theologischen Aus- 
sage, sondern in dem Einfachen, WirkMchen, das vor aller Gestalt und aller Be- 
schreibung ist, in dem Namen. Er ist die ungestaltete, die der menschlichen Ge- 
staltung entnommene Aussage. In dem Namen ist aUes beschlossen, was in der 
theologischen Aussage entfaltet und gestaltet werden kann" (link, a. a. O. S. 383). 
Die Frage aber stellt das Wort des Jakobus refonnatorischer Theologie, ob sie in 
ihrer theologischen Aussage von der ,,Rechtfertigung allein durch den Glauben" 
das entfaltet und gestaltet hat, was iiber dies Geheimnis des Glaubens in Jesus 
Christus enthalten ist. Vgl. dazu Ernst Wolf in tJbereinsthnmung mit H. E. We- 
bers SchluBfolgerungen aus der Analyse des orthodoxen Systems (in ,,Reformation, 
Orthodoxie und Rationalismus", 2. Bd., 1940) : Die Rechtfertigungslehre wird als 
die Form zu erfassen sein, in der sich reformatorischer Christusglaube und refor- 
matorische Christus verkiindigung die Sache selbst also!, und ihr, nicht der 
Rechtfertigungslehre als solcher gilt die Wertung als articulus stantis et cadentis 
ecclesiae im Sinne der Schmalkaldischen Artikel (Verkiindigung und Forschung, 
Theol. Jahresbericht 1940, S. 169) gegen papstlichen und schwarmerischen 
Enthusiasmus verbindlich aussprach. 

' x ) ,,Der Freund Gottes ist nicht willenloses Geschopf , das Fuhrung und Liebe 
erleidet, sondern ,Liebender Gottes' . . . Die Freiheit und der Reiehtum personlicher 
Gemeinschaft Hegt in diesem Verhaltnis" (HeUmut Frey, Das Buch der Weltpolitik 
Gottes, Jes. 4055, S. 49). 

59 



eint mit der dyauY) wenn auch fur Menschenaugen nicht sichtbar , . 
der von Gott umworbene Liebhaber Gottes, dem Gott sich in der Recht- 
fertigung als ,,Freund" zu erkennen gab (vgl. z. B. Gen. 18, 17 19 1). 1 ) 
,jLiegt nicht vielleicht doch ein gewisses Recht in der von Luther so 
bekampften These, daB die Liebe und die Werke der Liebe zum Glauben 
hinzukommen miissen, damit der Glaube den Mensehen vor Gott an- 
genehm mache ? Also Rechtfertigung gewiB aus dem Glauben, aber nicht 
aus dem Glauben allein ? Miissen wir das nicht einmal als Frage an uns 
von der anderen Seite her horen ? Denn die katholische Kirche halt ja 
bis heute daran fest, daB nur der Glaube den Mensehen gerecht macht, 
der durch die Liebe wirksam ist, der sich also in Werken der Liebe als 
echt und lebendig ausweist" so fragt Hans Iwand in seiner Dar- 
stellung der ,,Glaubensgerechtigkeit nach Luthers Lehre" (S. 35). Ja! 
Wir fragen danach. Nein: Jakobus fragt uns danach, und die Zeiten 
sind vorbei, da wir ihm ausweichen konnten mit der Behauptung, er 
habe ,,doch keine evangelische Art an sich" und ,,treibe nicht Christum". 
Rechtfertigender Glaube ohne Liebe ? Jakobus kennt ihn nicht, so wenig 
wie die anderen Apostel und Evangelisten und die ganze Heilige Schrift 
vom ersten bis zum letzten Blatt, auch dann nicht, wenn vom Glauben 
allein geredet wird, der uns Gottes Rechtfertigung gewahrt. 2 ) Jakobus 

1 ) ,,Fuerat amicus Dei Abraham, jam ante obitum, et post obi turn ita appelatus 
est a posteris et a Deo ipso. Amicus erat, active, amator Dei, id quod pertinet 
ad opera; et passive, amatus a Deo, id quod pertinet ad iustificationem ex operi- 
bus" (Bengel). ,,K6nnte Gottes Liebe bleiben denen, die ihn nicht lieben, ihm 
nicht in ganzer Liebe nunmehr sich selbst und Alles geben ? Ist Gott ein Freund und 
Seligmacher der in Siinden bleibenden Sunder?" (Stier). 

2 ) Als ein Beispiel dafur, wie gleichzeitiges Ernstnehmen reformatorischen 
Ansatzes und des immer neuen Anrufs im Evangelium des gegenwartigen Christus 
(,,das das kirchliche System schafft und doch dariiber erhaben bleibt" denn eine 
,,Theologie der Bekenntnisschriften" ist nicht ,,der evangeKsche Glaube" ) 
Verstandnis fur die neue ,,Begegnung" evangelischer und katholischer Theologie 
gerade auch in der Frage des Rechtfertigungsbegriffs gewinnen darf, seien noch 
einmal Hans Emil Webers griindliche Aufsatze ,,Katholischer und evangelischer 
Gottesglaube" und ,,Der Mensch in katholischer und evangelischer Auffassung" 
in der Sammlung ,,Begegnung" (1941) genannt: ,,In der leidenschaftlich sich selber 
erlebenden Krisis der Gegenwart macht das reformatorische Zeugnis seinen An- 
spruch gebieterisch geltend und in ilmi., mit ihm, ja schon vor ihm und uber seine 
Grenzen hinaus das neutestamentliche Wort, als apostolische Botschaft, als das 
Christuswort, als lebendiges Gotteswort" (S. 13). ,,E\angeUsche Theologie hat den 
Unterschied von Dogma und Glaube, Lehre und Frommigkeit, kirchlichem System 
und Evangelium durchdenken miissen: daB die Lehre dem Leben des Glaubens 
dient und sich dabei in mancherlei Spannung von ibm ablest." Jenseits ,,rationa- 

60 



hat den Schriftbeweis fur die Richtigkeit seiner theologischen These 
und seiner seelsorgerlichen Paranese an dem Vater des Glaubens ge- 
fuhrt und spricht nun fiir die ganze Gemeinde mit heiliger Einseitigkeit 
das theologische Fazit aus: 

listischer Auflosung des Bekenntnisses" und eines ,,Konfessionalismus, dem das 
Geheimnis rational erstarrt ist in seinem Lehr- und Kirchensystem", 1st heute ,,die 
Aufgabe neu, anders, schwerer, groBer gestellt" (S. 11). Aus der modemen Ausein- 
andersetzung ,,refonnatorischer" Theologie mit der ,,ethischen Wendung" der 
Rechtfertigungslehre bei Bahnbrechern der Luther-Benaissance (Karl Holl, Rein- 
hold Seeberg) wachst der neue Ertrag, ,,wie es das Evangelium der freien Gnade 
ist; das dem Ernstnehmen des Gotteswillens, in alien Schranken eines der eschatolo- 
gischen Befreiung harrenden ,verdeckten' Anfanges, im Glauben Erf iillung des 
Lebens, Verwirklichung bringt. Das zu bedenken, zu klaren, fiir die theolo- 
, gische Existenz, fiir den Dienst der Kirche bleibt verantwortungsschwere Aufgabe. 
Sie ist uns gerade auch neu zugewachsen aus dem Eindringen in das Bibelwort - 
wie hat der BuBruf Jesu, die Bergpredigt, das Leben aus dem Geist, die Christus- 
mystik auch als Kreuzesmystik, die Agape die Forschung in den letzten Jahrzehnten 
bewegt! wie aus neuem Verstehen der Reformation. Und in ihr shad wir der 
Ganzheit der Christenexistenz, damit ,evangelischer Katholizitat' verpflichtet" 
(S. 39). 

Evangelische Theologie der Rechtfertigung ist heute gewiesen, vom Wort her 
das a\te katholische"~Anliegen der ,,Ich-Du-Beziehung" neu zu verarbeiten. Es 
hat ,,die Ich-Du-Formel ihre Wahrheit fiir das Gottesverhaltnis, indem sie eingeht 
hi die alte biblisehe Formel, die hi dem Rechtfertigungsglauben lebendig ist, die 
auch das ,mystische' Geheimnis des Glaubens hi sieh bh*gt, die Formel ,vor Gott'. 
In der Bezogenheit auf das Du , hi der es selber Du wird, kann das Ich sich finden 
als das, was es ist. So wird die Theologie auch die Geistigkeit, den Subjekt- und 
Tatcharakter, die Freiheit und Personhaftigkeit, die ubershmHche Innerhchkeit 
wiirdigen als die ,Formbestimmtheit' (Entelechie!), wie sie personhafte Entschei- 
dung, die Liebe Gottes als Lebenshihalt fordert. Sie wird vor allem die Verant- 
wortung des ,Existierens', die personliche Entscheidung betonen und so ein 
,existentielles' Denken pflegen" (S. 113). 

!Mit H. E: Weber ist hi diesem Zusammenhang auch an die- evangehsche 

Anthropologie Emil B runners (Der Mensch hn Widerspruch, 1937) zu erinnern, 

die gewichtiger Beitrag zu neuer Aneignung reformatorischer Rechtfertigungslehre 

ist. Menschhches Sem ist ,,antwortendes, antwortliches, verantworthches Sem", 

hi der ,,Aktualitat und Du-Bezogenheit", m der der Mensch ,,besthnmt ist, hi 

.glaubender Gegenliebe Gott zu antworten, seine ihrn von Gott zugerufene Be- 

sthnmung hi dankbarer Abhangigkeit als sein Leben hinzunehmen" (zitiert nach 

Weber, a. a. 0., S. 109). DaB mit diesem Seinsverhaltnis der Mensch- ,,ist" 

;nicht so, wie der Elefant ein Saugetier ,,ist" oder die Winkelsumme des Dreiecks 

180 Grad ,,ist" . . . Im ,,ist" ,,steckt das ganze Problem des Menschseins, wahrend 

-die Philosophen und Theologen es meistens hn Pradikat suchten" (Brunner, 

^a. a. O. S. 142) nicht nur der traditionelle Begriff der Rechtfertigung des Glau- 

henden und des Gerechtfertigten, sondern auch die traditionelle historische Fassuhg' 

61 



,,So sehet ihr nun, daft der Mensch auf Grund von Werken gerecht- 
fertigt wird und nicht auf Grund von Glauben allein" (V. 24). 

Was fiir Abraham gilt, gilt fiir den glavMsren Menschen der Gemeinde 
Jesu. Auf Grund des vom Glauben gelenkten, von der Liebe befohlenen 

der Erbsiinde und des Siinders (als naturhafte-kausale Determination: Siindersein 
hat dieselbe Seinsart wie das ,,Blauaugigsein eines Kindes, dessen Vater auch blau- 
augig war") korrigiert wird, sei bier nur am Rande vermerkt. 

Luther mit seiner Scheu vor der ,,Reflexion auf den menschlichen Akt" 
(Link, a. a. O S. 264) im Rechtfertigungsgeschehen hat gerade auch bei der Aus- 
legung von Gen. 15, 6 seinen Kampf gegen die ,,fides caritate formata" gefuhrt. 
Luther hatte seine guten Griinde fiir diesen Kampf. Er sah das Gesetzeswerk sich 
in den Rechtfertigungsvorgang einschleichen. Der Mensch drohte eine Rolle zu 
spielen, die ihm als Mensch und als Sunder vor Gott nicht zusteht. Der Glaube 
wurde als Glaube gefahrdet und das Werk Christi als das Gott bewegende Werk der 
Liebe und der Erfullung dessen, was das Gesetz fordert. Darum meinte er sich von 
Augustins Verstandnis des rechtfertigenden Glaubens absetzen und der thomisti- 
echen Auffassung von der caritas als der Entelechie der fides widersprechen zu 
miissen. Die philosophische ,,Umklammerung" des Rechtfertigungsglaubens bzw. 
des ganzen Christushandelns durch das Augustinische und Thomistische System, 
die eben auf mehr als eine ,,anciUa"-Stellung der Philosophie im theologischen 
Denken hindeutet, ist zuzugeben; auch die seelsorgerliche Verantwortung der Ver- 
kundigung, gegen das Verstandnis der caritas in der Frommigkeit der Zeit das 
Werk Christi und die Herrlichkeit des Glaubens zu riihmen. Aber das theologische 
Anliegen ist mehr als das zeitgenossische oder friihere Verstandnis, es ist 
,,Gehalt" des Christusgeheimnisses und seiner Bezeugung im Wort Gottes; und wir 
werden darum ringen miissen, diesen Gehalt in neuer Weise ,,fassen" zu diirfen, 
wohl kaum mit augusthiischer und thomistischer Methode, aber auch nicht 
lutherisch als nicht in die Wahrheit des Christusgeheimnisses gehorend und nicht 
aus ihr stammend ihn einfach ausscheidend. Da ist einfach das Wort heute 
gegen den Reformator, und es miifite mit dem Teufel in unserer evangelischen 
Theologie und Kirche zugehen, wenn wir darauf nicht mehr gut lutherisch horen 
wollten! Denn wenn Luther zu Gen. 15, 6 diese Schriftstelle nur von ihrer 
Zitierung bei Paulus und von dessen Gedankenkreis ,,Gesetz und Evangelium" 
her verstehend ausfiihrt: ,,De verbo (Haschab) non valde repugno, sive id pro 
reputare, sive cogitare accipias, nam res eodem redit. Cum enim divina maiestas 
de me cogitet, me esse iustum, mihi esse remissa peccata, me liberum esse a morte 
aeterna, et ego cum gratiarum actione in fide hanc cogitationem Dei de me appre- 
hendo, vere sum iustus, non meis operibus, sed fide, qua apprehendo cogitationem 
divinam. Relativa enim haec sunt, cogitatio Dei seu promissio et fides, qua pro- 
missionem Dei apprehendo. Neque hie vel Legis vel circumcisionis vel sacri- 
ficiorum fit mentio, quod ea Deus dignari velit iustitia: Sola sua reputatio, sola 
ilia gratiae de nobis cogitatio haec facit. Datur enim iustitia Abrahae non operanti 
sed credenti : Neque autem fidei ut nostri operi, datur, sed propter cogitationem 
Dei, quam fides apprehendit (W. A. 42, S. 563 f .). ,,Apprehensio autem promissionis 
certa vocatur fides, et iustificat, non, tanquam opus nostrum, sed tanquam Dei 

62 



willentlichen und wirkenden Stehens im Blutsbunde Jesu ,,voluntas 
prompta ad opera, dum opus est exercenda," bemerkt Estius sehr 
richtig zur Stelle; das ,,promptus ad opera" machte schon den recht- 

opus. Promissio enim est donatio, est cogitatio divina, qua Deus nobis aliquid 
offert: non est nostrum aliquod opus, cum nos Deo facimus aut damus aliquid, sed 
accipimus aKquid a Deo, idque tantum per ipsius misericordiam. Si autem hie 
assensus reputatur pro iustitia, cur, insane sophista, asseris dilectionem, spem et 
alias virtutes? Scio has esse insignia Dei dona divinitus mandata, per spiritum 
sanctum in nostris cordibus excitari et ali: Scio fidem sine his donia non exi- 
stere. Sola autem fides apprehendit promissionem, credit promittenti Deo, 
Deo porrigente aliquid admovet manum, et id accipit. Hoc proprium solius fidei 
opus est. Charitas, spes, patientia habent alias materias . . . Non enim amplectuntur 
promissionem, sed mandata exsequuntur. Audiunt Deum mandantem et iubentem, 
non audiunt Deum promittentem, id fides facit" (W.A.42, S.565f.). ,,Retinenda 
igitur distinctio haec est, quod fides, quae agit cum Deo promittente, et eius pro- 
missionem accipit, haec sola iustificat. Charitas autem, quae agit cum Deo iubente 
et mandante, ea mandata exsequitur et paret Deo. Sicut autem promissio et lex, sic 
fides et charitas, sic finis fidei et charitatis est distinguendus, etpestilens illaglossa 
explodenda de fide formata charitate, quae charitati tribuit omnia, fidei adimit 
omnia. Disce igitur iustitiam tribuere non tuae dileetioni, non tuis operibus et 
meritis . . ., sed soli misericordiae, soli promissioni de Christo, quam fides accipit, 
et se ea in iudicio Dei contra conscientiam tuetur ac defendit. Haec est sana et 
vera doctrina. Contra ilia sophistica doctrina de fide informi et formata est ex 
diabolo et extinguit fidei doctrinam nosque involvit in Turcicos et Judaicos errores. 
Abiiciamus igitur earn tanquam pestem infernalem" (W. A. 42, S. 566). Wenn 
Luther diese Gedanken zu Gen. 15, 6 ausfuhrt, so ist damit offensichtlich Ent- 
scheidendes und Notwendiges gegen das Rechtfertigungs-, Glaubens- und Liebes- 
verstandnis seiner Zeit und der romisch-katholischen Kirche ausgesprochen, aber 
ebenso offensichtlich ist hier nicht genau auf Gen. 15, 6 gehort und wird hier nicht 
der Glaube, die Gerechtigkeit und die Rechtfertigung Abrahams dargestellt, die 
Jakobus als das Miteinander von Glaube und Glaubensgehorsam, von Glaube und 
Liebe, von Liebe zu Gott und Gottes Freundschaft beschreibt. Luther vermochte 
noch nicht zu erkennen, daB bei Jakobus ein rechtfertigender Glaube Abrahams 
vertreten wurde, der jenseits von Augustins Anschauungen und der Pariser 
Schultheologie der Gottesliebe einen festen Platz im Rechtfertigungsvorgang 
zuwies, ohne daB damit dem Glauben etwas oder gar alles genommen wiirde, 
ohne daB damit gesetzlichem Wesen Vorschub geleistet wird, ohne daB damit 
der Mensch in unerlaubter Weise sich selbst wichtig nehme und ohne daB die Liebe 
Christi als die Erfullung des Gesetzes dadurch abgeschwacht wiirde. Kein recht- 
fertigender Glaube ohne die liebende Hingabe des Willens an Gott, keine liebende 
Hingabe des Willens an Gott ohne Glauben wir miissen heute Jakobus und Pau- 
lus, die sich beide als ,,Knechte Jesu Christi" bezeichnet haben, darin neu begreifen 
und damit der Christus-Gehaltenheit und dem Christusgehalt katholischer Reeht- 
fertigungslehre stamme sie von Augustin oder von Thomas gerecht werden. 
Die scholastische Verhandlurig zur Reformationszeit, ob nun die Liebe die Ente- 

63 



fertigenden Abrahamsglauben von Gen. 15, 6 aus, bevor es zum gott- 

^ ' - 

lichen Gebot des ,,exercenda" in Gen. 22, 1 kam! , nicht auf Grund 
der im Glauben angeeigneten Gnade ,,an und fur sich", ,,abgesehen" 
von dem, was wir wollen und tun, sieht uns Gott als sich rechtmaBig 
verhaltende Partner des Neuen Bundes an und gibt uns Anteil an dem 
GenuB aller BundesverheiBungen : ,,Gerechtigkeit, Friede und Freude 
im Heiligen Geist" (Rom. 14, 17) und im Endgericht 5 ,die Auferstehung 
des Lebens" (Joh. 5, 28f.). Das Ziel des Evangeliums und seiner Ver- 
waltung ist nach gemeinapostolischer Anschauung ,,Liebe aus reinem 
Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben" (1. Tim. 1, 5, 
vgl. auch 1, 14). 1 ) Nur wer sich Gott ganz bringt mit seinem Denken 
und Wollen und Wirken in der Christusgemeinschaft des Glaubens, 
empfangt das freisprechende Urteil der Vergebung, die GewiBheit der 
Versohnung und ,,Freilassung", steht in der neuen ,,0rdnung" des 
Reiches Gottes, im , 3 Frieden mit Gott" (Rom. 5, 1). An dem ,,in Christo 
Jesu" Glaubenden ist nichts ,,Verdammliches", nicht, weil es Gott nicht 
sehen will, sondern weil es fiir Gott nichts mehr zu sehen gibt; denn die 
,,Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, ist erfiillt" in dem Glaubenden, 
der ,,mit Christo" sich selbst stirbt und Gott lebt (Rom. 8, 4). Er und 
nur er! empfangt die GewiBheit des Heiligen Geistes, daB Gott fiir 
ihn und er in Gott ist und in Gott den unverganglichen Reichtum des 
Lebens hat. Er ist gerechtfertigt. Gott erkennt in ihm sein Bild wieder, 
das Bild seines Sohnes. Die Herrlichkeit gottlichen Personlebens spiegelt 
sich in dem geheiligten Personleben des Glaubenden, dem die Einheit 
von Sollen und Sein wiedergeschenkt ist, erkennbar fiir Gottes Augen 
und ware es ein Schacher am Kreuz. Gott geht den Unheiligen nach, 

leebie des Glaubens oder der Glaube die Entelecbie der Liebe sei, durfte angesichts 
des Gebotes, erst einmal das Wort bei Jakobus und sodann vielleicht das ganze 
Wort Gottes neu zu horen, heute sekundare Bedeutung haben, so unvermeidlich 
nach der neuen Christus-Begegnung im Wort ahnliche Bestimmungen sein werden, 
tun den neugewonnenen Christusgehalt zu ,,fassen" und zu schiitzen, ,,definire". 
Verbauen wir uns nur nicht mit der Ablehnung und Annahme alter Definitionen 
den vom Wort ausgelosten VorstoB zur Sache. 

J ) ,,Keiner, dem Gott sein rechtfertigendes Wohlgef alien gibt, hat einzig 
Glauben . . . Glauben will ich und Seine Gnade als unendlich achten und Sein 
Werk an mir preisen als die vollkommene Beseitigung meiner Siinde und meine 
vollkommene Erneuerung zu Seinem Bild in lauterer Gerechtigkeit, aber ebenso 
sehr will ich tun, was mich Gott wirken heifit, damit mein Werk ein Dienst sei und 
mir nicht zur Verdammung diene, sondern zur Rechtfertigung" (Schlatter, Der 
Brief des Jakobus, S. 204, und Der Jakobusbrief, S. 61). 

64 



aber indem er das tut, sind sie in die Entscheidung gestellt, Heilige zu 
werden oder Unlieilige.zu bleiben. Entscheidet sich der Berufene, sein 
Denken und Wollen der Gnade Gottes aufzuopfern, hat er sich fiir die 
Umgestaltung des Unheiligen zu Heiligem entschieden.und steht schon 
in dem Gottesverhaltnis, in dem er Gott recht ist, weil er von der Gnade 
zu leben bereit ist. Seiche Bereitschaft kann aber Gott am Menschen 
nur da erkennen, wo er ihm mit seinem ganzen Personleben als Glauben- 
der ergeben ist: an der Bereitschaft zum Werk des Glaubens. Luther 
hat e epycov iibersetzt ,,durch die Werke" an Stelle des wortlichen 
j,durch Werke"/ Mit dieser tJbersetzung wird der Gedankengang des 
Jakobus entstellt. Der Apostel Jesu ist weder ein Heide noch ein Christus 
sich verweigernder Jude, daB er an eine Aufrechnung der bosen und guten 
Werke durch Gott denken wiirde, die iiber die Rechtfertigung des Men- 
schen entscheidet. Fiir ihn steht der Mensch im Gnaden- und nicht im 
Pflichtverhaltnis. D. h. er ist ein Glaubender, der das Schuld- und 
Siihnopfer des Christus fur sich in Anspruch nimmt, das ihn von Schuld 
und Macht seines gottfernen Wesens reinigt und heiligt zum Gehorsam 
des Glaubens. Innerhalb dieses Gnadenverhaltnisses rechtfertigt, d. i. 
spricht Gott iiber den Glaubenden das Urteil, er sei ein Entschuldeter, 
Versohnter, Gereinigter, Geheiligter, also das, was in der Bundesgemein- 
schaft im Namen und Blut Jesu rechtens ist, und erkennt thro Namen 
und Heebie der ,,S6hne Gottes" zu. Der Erkenntnisgrund fur dies Urteil 
und diese Zuerkennung ist die Bereitschaft fiir das Tun des gottlichen 
Willens, nicht nur die Bereitschaft, ein die Gnade Empfangender, d. h. 
ein Glaubender zu sein. 1 ) Zu der Frage, wie Jak. 2, 24 und Bom. 3, 28 
in ein em Kanon der Kirche stehen konnen, ist nach dem bereits iiber 
das Verhaltnis der beiden Apostel Ausgefuhrten nicht mehr viel zu 
sagen. Sie belehren die Gemeinde iiber den gleichen Vorgang in ver- 
schiedener seelsorgerlicher Verantwortung. Beide Apostel sind orthodoxe 
Judenchristen, die von der Frage nach dem Gott-gemaflen Handehi, 
das im Endgericht iiber das ewige Schicksal des Menschen entscheidet, 
bewegt sind (vgl. Jak. 2, 13; Rom. 2, 1 16). Paulus streitet einmal 



,, 



,DaB der Artikel bei ! spytov fehlt, hat einen erkennbaren Grand . . . Er 
fehlte nicht,. wenn Jakobus die Gerechtigkeit als die Folge aus der Sunune ttnserer 
Handlungen entstehen liefie . . . Wir miissen glauben, denn Gott lebt und Jesus 
lebt . . . wir miissen handeln, denn \vir sind lebendige Wesen, lebendig nicht nur 
durch Gottes Schopfung, sondern auch durch Christi Erlosung, und aus dem Leben 
entspringt die Tat" (Schlatter, Der Brief der Jakobus, S. 203). ,,Nur die Ver- 
bundenheit von Glaube und Werk erwirbt das Lob Gottes" (Hauck). 

5 Lackmann, Sola f ! de 65 



I*-"-- 1 



ganz summarisch formuliert gegen das Handeln ohne und wider 
Christus, fiir das Handeln ,,in Christus" (Rom. 3, 28 1st von Kap. 2 her 
und mit 58 zusammen zu lesen!). Jakobus streitet gegen den Verzicht 
auf das Handeln mit Christus, fiir das Handeln in Christus. Darum 
das harte {JLOVOV bei Jakobus (aber eben keine Exklusivformel bei 
e epycov) und das durch Luther sinngemaB eingefiigte ,,sola" bei Paulus. 
(Bekanntlich schon von Thomas gebraucht.) Aber ,,sola" und JJLOVOV 
sind nur in ihrer jeweiligen gedanklichen Relation recht zu begreifen, 
die die seelsorgerliche Aufgabe dem Verfasser vorschrieb. ,,Allein" 
,,Mcht allein" in bezug auf welches Zweite und Andere ? ,,Sola 
fide" gegenuber jeder Art von Gerechtigkeit, die aus dem Umgang 
mit dem v6[xo<; gewonnen ist. oux ex mcrreox; [AOVOV gegenuber einem 
Verzicht auf das Tun des gottlichen Willens, wahrend geglaubt wird. 
Der Mensch soil weder Pharisaer noch Gnostiker sein, weder einer, der 
,,mit Werken umgeht" (Rom. 4, 4), noch einer, der ,,Werke nicht hat" 
(Jak. 2, 14), wenn er Gottes rechtfertigendes Urteil empfangen will; 
aber einer und das ist ein Drittes, beide Gegen- Satze Uberholendes ! , 
der das Gesetz erfiillt, den Willen Gottes tut, und ,,die Erftillung 
des Gesetzes ist die Liebe" (Rom. 13, 10), die der Glaubende aus dem 
,,Felsen" Christus gewinnt, dem ,,Milch und Honig" entquillt. ,,In 
Christo Jesu valet fides, quae per dilectionem operator." 1 ) Der Sunder 

J ) Gal. 5, 6 fordert doch wohl den Vergleich mit der Aussage von Gal. 6, 15 
und die Feststellung, dafi.hier wie dort von einem Objekt geredet wird, namlich . 
von dem Gott-gerechten Menschen der Christusgemeinschaft, dem Gottes Recht- 
fertigungsspruch zu eigen wird und der Gottes Frieden geniefit. Die xouvv) XTIOK; 
ist der Mensch ev XpioTw ITJOOU mit der TCicmc; 8i y dydcTrrii; evepyou^svT). ,,Alle 
Tat Gottes, die Schopfung so gut wie die Erlosung, setzt die Moglichkeit zugleich 
und die Notwendigkeit menschlichen Tuns. Gottes Wille schliefit des Menschen 
Wollen nicht aus, sondern ein, verwirkliclit sich am reinsten in der auBersten An- 
spannung des Menschenwillens. Gottes herrischer Euf ist der Ruf zur Freiheit. 
Gott will den freien Menschen, eben weil er den neuen Menschen will . . . Gott 
schafft uns das Leben, das uns erst wirklich zu lebendig wollenden und handelnden 
Menschen macht. Gott weckt den Glauben im Menschen, mit dem der Mensch 
ganz und gar auf Gott gestellt ist. Die TrCoTi? aber kommt erst zur Wirkung und 
vollen Verwirklichung St.' aydcTCT]?. Gott senkt das 7iveu[za in seine Auserwahlten. 
Wieder ist der Mensch der Passive. Das Trveufjia befreit den Menschen zur hochsten 
Aktivitat in der Liebe. Die Freiheit bindet und vollendet sich in der Liebe" 
(Stauffer, zu dyaTraco imTheol. Worterb. z. N.T. I, S. 50). ,,Das hi der Verkiindigung 
des Schopfers liegende Gegenuber von Schopfung und Geschopf macht dieses zu 
einem wollenden; denn Geschopf sein heiBt gewollt sein, gewollt sein schliefit in 
sich: zu einem Ziel gewollt sein, zum Wpllen aufgerufen sein, zu dem Wollen namlich, 

66 



wird Gott recht, weil er ,,in Ghristo" Glauben hat, der den Menschen 
so innig mit Christus ,,eint", da6 er sieh selbst haBt (,,abnegatio sui", 
,,mortificatio carnis"), die Siinde laBt und den Willen Gottes tut. Die 

zu dem es geschaffen ist. So fafit Paulus in sachlicher Notwendigkeit in seinen. 
zusammenfassenden Aussagen das ,,von her" und ,,zu hin" zusammen" (W. Foerster 
zu ,,xrttX' im Theol. Worterb. zum N. T. Ill, S. 1028). 

Daneben halte man die auBerlich oft so ahnlichen und doch theologisch 
anders orientierten Aussagen Luthers: zu Gal. 5,2: ,,Libertas humana est, 
quando mutatis non hominibus leges mutantur. At Christiana libertas est, quando 
non mutata lege mutantur homines, ut lex eadem, quae prius libero arbitrio odiosa 
fuit, iam diffusa per spiritum sanctum charitate in cordibus nostris iucunda fiat. 
Hac libertate fortiter et pertinaciter standum docet, quia Christus, pro nobis legem 
adimplens et peccatum exuperans, spiritum charitatis in corda eorum qui credunt 
in eum, mittit quo ef f iciuntur iusti et legis amatores, non suis operibus, sed gratuita 
Christi largitione. A qua si recedas, et ingratus es. Christo et superbus in teipso, 
volens teipsum sine Christo iustificare et a lege liberare" (W. A. 2, S. 560). 
,,Si autem fiant (opera legis) pietate charitatis et fiducia ac libertate, iam per 
fidem "adeptae iustitiae merita sunt" (W.A. 2, S. 562). Zu Gal. 5, 4: ,,Vides 
ergo, quam. constanter Apostolus sola fide nos iustificari contendat et opera non . 
esse iustitiae parandae principia sed iam partae officia et augendae ministeria . . . 
Qui credit in Christum, evacuatur a seipso, fit otiosus ab operibus -suis, ut vival et 
operetur in eo Christus" (W.A. 2, S. 564). Zu Gal. 5, 5: ,,Fides ideo sit iustitia 
dei, quia divinae iustitiae et veritati adhaeret et consentit: quod gratiae est non 
naturae" (W.A. 2, S. 565). Zu Gal. 5,6: ,,Igitur qui verbum Christi synceriter 
audit et fideliter adhaeret, mox quoque spiritu eharitatis induitur . . . Neque enim 
fieri potest, si Christum sincere audias, non etiam mox eum diligas . . . Sin autem 
non diligis certum est, quod haee. nee sincere audis nee. pure credis pro te facta 
esse . . . fides quae charitate operatur, id est . . . efficax est, non quae per acquisitionem 
sui stertit . . . sed quae per charitatem efficax est" (W.A. 2, S. 567). Zu Gal. 5, 13 
,jFides autem facit, ut accepta charitate neque coacti neque alleeti temporaliter 
sed libere ac stabiliter legem faciamus" (W. A. 2, S. 574). Zu Gal. 6, 15: 
,,Nova oreatura, id est novus homo, qui secundum deum creatus est in iustitia 
et sanctitate veritatis . . . , veritatis' dicit contra iustitiam et sanctitatem specie! 
et simulationis, quae ex lege sunt nee faciunt novum hominem" (W.A. 2, S. 614). 
Vgl. dazu zu 4, 19: W.A. 40, 1 (Galaterkommentar 1531 ff.), S. 650: ,,habeatis 
formam et similitudinem- Christi . . . Imago Christi, dei: ita sentire, affici, velle, in- 
telligere, cogitare sicut Christus vel ipsum Christum . . . Das ist novus homo, qui 
generatur . . ." Die Vorstellung, die reformatorisches, aber auch mittelalterHch- 
katholisches Denkeri mit dem Vorgang ,,die Gerechtigkeit erlangen" verbindet 
(vgl. auch C. A. IV: ,,daB wir Vergebung der Siinde und Gerechtigkeit vor Gott nicht 
erlangen mogen" etc.)^ entspricht nicht der neutestamentlichen Denkungsweise, 
wonach das ,,erlangen" und ,,bekommen" nicht als der Empfang einer bisher 
f ernen Gabe, sondern als das lebendige Zusichselbstkommen der bereits mitgeteilten 
Christusgemeinschaft durch die subjektiven Akte des Glaubens aus der Liebe und 
der liebe aus dem Glauben gedacht wird. Das subjektive ,,Erlangen" ist die- 

5* " - - ' r ' '. ' ." "6T 



\ 

heutige Erkenntnis der verschiedenen Standorte des Jakobus und des I 
Paulus gegeniiber dem einen Problem der Rechtfertigung maclit die ( 
Bahn frei fur die Einsicht, da8 die Augustinische Fassung der Recht- 
fertigungslehre grundsatzlich den vollen Tatbestand des biblischen 
Zeugnisses wiedergibt, mag sie auch in einzelnen Distinktionen zu 
korrigieren sein und hinsichtlich der ref ormatorischen Fragestellung nach 
der Gottes- und SelbstgewiBheit des Subjektes Mensch erganzt werden 
miissen. Luthers Verzicht auf die vollstandige Ubernahme der Augu- 
stinischen Rechtfertigungslehre ist aus seiner historischen, seelsorger- 
liehen Situation und aus der elementaren Spannung, in die inn sein 
Auftrag gegeniiber aller vorgefundenen Denkarbeit und geistlichen 
Erfahrung der Kirche versetzte, zu verstehen; seinen Verzicht uber- 
* 

,Fleischwerdung" der objektiv sohon mitgeteilten Gabe im personalen Denken, 
Wollen und Handeln. des Christen. ,,Empfang der Gerechtigkeit" ist ein Lebens- 
vorgang, ,,ent-stehend" an der gottlichen Gnadengegenwart, sich zusammen- 
setzend (aber als Einheit gescb.eb.end) aus gottlichem und menschlichem Handeln 
und Wollen, wobei das menscbliche Wollen und Handeln das Schopfungsgeheimnis 
der Antwort auf Gottes Ruf ist. GewiB ist dieser aus- Gott geborene Lebensrorgang 
der Rechtfertigung gerade auch ein Anliegen Lutherscber Theologie. ,,Vita cbri- 
stiananonestipsius, sed Cbristi viventis in eo . . . Hie etiam notandum est: licet 
verum est Christum personaliter in nullo prorsus formari ac sic glossa ilia recta 
quidem est, soil, fidem seu cognitionem Christi pro Christo hie (Gal. 4, 19) accipi 
atque intelligi, summe tamen cavendum est, ne ista cognitio accipiatur speculative, 
qua Christus tantum obiective cognoscitur . . . sed est accipienda ipsa practica/ 
scil. vita, essentia et experientia ad exemplum et imagbaem Christi, ut iam Christus 
non sit obiectum nostrae cognitionis sed nos potius obiectum cognitionis eius ... 
nam hoc est, quod prius deus factus est caro quam caro fieret deus. Ita oportet in 
omnibus prius deum incarnari quam eos in deo indivinari (Galaterbrief-Vorlesung 
1516-1517, zu Gal. 4, 19, Luthers Werke, 5. Bd., ed. E. Vogelsang, S. 339), aber 
die Zusammensetzung dieses Lebensvorgangs wird verkannt und der ,,Empfang" 
unter Verzicht auf die personalistische Komponente seines Charakters als Schop- 
fungsgeheimnis beraubt und in den starren, das ganze orthodoxe und ,,protestan- 
tische" System in sich enthaltenden Begriff reiner Passivitat gegeniiber einer mit- 
geteilten Gabe verwandelt, der notwendig sowohl die Gabe Gottes Gerechtigkeit 
wie den Empf anger der Gabe den Glaubenden und den ,,Empfang" der 
Gabe die Rechtfertigung rationalisiert, d. h. aus dem gottlichen Wunder des 
Lebens einen theologischen oder besser: philosophischen Gedanken macht, der das 
Leben vernichtet. Es ist kein Wort dariiber zu verlieren, dafi Luther eben das 
nicht gewollt hat und damit kein Wort gegen den Auftrag reformatorischer Ver- 
kiindigung gesagt ist. Aber sein'Versuch der theologischen Verstandigung enthalt 
im Keim jene Entwicklung ,,protestantischen" Rechtfertigungs-, Christen-, 
Kirchen- und Geschichtsverstandnisses, die heute durch das Zeugnis der Schriffr 
und der Kirche als Entleerung des ,,Wortes" empfunden wird. 

68 



nehmen wiirde bedeuten, dem jenseits seiner Gebundenheit und Span* 
nung in gottlicher lYeiheit und Mannigfaltigkeit uns heute neu begeg- 
nenden Wort des Christus bei Paulus und Jakobus das Gehor ver- 
weigern. 1 ) 

Wir gewinnen aus dem theologischen Fazit des Verses 24 fur den 
Heilsweg des heutigen Christen, der durch das Sakrament der Heiligen 
Taufe ,,in Christum eingesenkt und mit seinem Geist beschenkt" wird, 
die Anschauung von der Rechtf ertigung : die in der Heiligen Taufe voll- 
zogene regeneratio, iustificatio und sanctificatio des Christen wird 
erst in dem Augenblick Wirklichkeit und Wahrheit fur Gott und den 
Mensehen, in dem der Christ in personaler Entscheidung und Verant- 
wortung dieses Geheimnis seines Wesens im Glauben bejaht und voll- 
zieht. 2 ) Der ,,Vollzug" seiner Wiedergeburt ist die Hingabe seines 
derkenden und wollenden Personenzentrums an den in ibm ,,wesenden" 
Christus durch den Glauben mit seinen Werken des liebenden Gehorsams. 
So lebt der Mensch als Wiedergeborener. Immer ist Leben die Einheit 
von Gabe und Aufgabe, von Ruf und Antwort. ,,Dureh den Glauben 
wohnt Christus" in unseren Herzen (Eph. 3, 17). So , 3 empfangt" der 
Mensch den gottlichen Zuspruch der Versohnung und die filiatio. Er 
ist gerechtfertigt. Gottes Wort ist erst dann Gottes Wort an uns und 
in uns, wenn wir es durch Glauben und Gehorsam zu unserem Wort 
gemacht haben. So ,,west" der Mensch ,,in Gott" und ,,west" ,,Gott 
in ihm", er ist ein sanctificatus durch die ,,unio mystica" mit Christus 
und durch die Teilnahme an der Fulle der Gaben des Heiligen Geistes, 

x ) ,,Das Auge zu echter Wahmenmung an die Vorgange heraribringen" 
nannte Adolf Schlatter das neue Gebot unserer Stunde. Auch katholische Warnung 
aus jiingster Zeit ist bier zu horen: ,,Die Offenbarung Gottes an die Menscben im 
Alten und Neuen Testament ist, Tvie gerade Luther es ja erkannt hat, nicbt ein 
jtheoldgisches' Lehr- System. Sie ist in ibrer vieles umfassenden Ausbreitung 
lebendige Verkundigung Gottes, ausgesprochen unter den verschiedensten Ge- 
sichtspunkten an die verschiedensten konkreten Verhaltnisse. So umfassend, daB 
wirldich alle Lagerungen des Mensehlichen beriicksicbtigt und ergriffen sind" 
(Josef Lortz, Die Eeformation in Deutschland, I, S. 179). 

2 ) ,,Das ist der neue Lebensstand: daB derMenscb sein Leben nicht mehr 
im Sollen hat, sondern im Sein, namlich in dem gottgeschenkten Sein . . . Sub- 
jektiv heiBt dieses neue Sein, d. h. das sich ins Sein bei Gott gestellt "wissen: der 
Glaube . . . Im Glauben geschieht das freiwillig, was Gott will . . . Sofern ich glaube, 
heifit Gottes Anrede an mich: du bist, du hast" (Emil Brunner , Gott und Mensch, 
vier Untersuchungen iiber das personhafte Sein, 1930: Der Eechtfertigungsglau.be 
und das Problem der Ethik, S. 32ff.). 

69 



eine ,,Behausung Gottes" (Eph. 2, 22). Das Jawort unseres Glaubens 
und Glaubensgehorsams verschafft uns die gewisse Erfahrung und den 
vollen GenuB des Jawortes, das der dreieinige Gott in der Taufhandlung 
zu uns gesprochen und uns ,,eingepflanzt" (Jak. 1, 21) hat mit dem 
Willen, da6 es uns durch unseren Glauben und Gehorsam ,,erreiche" 
urid wirklich sein Wort an uns werde. 1 ) Jak. 2, 24 sichert die altkirch- 

*) Die HeilsgewiBheit griindet also nicht entweder in dem objektiven Gnaden- 
handeln Gottes im Wort und Sakrament o der in der subjektiven Bereitschaft des 
Glaubens und des Glaubensgehorsams fur die Gnade, sie ist das Gnadengeschenk 
lebendiger Gottesgerneinschaft, aus beiden Bewegungen ,,erzeugt", die Bewegun- 
gen des Menschen in Gott und Gottes im Menschen sind. In beiden Bewegungen 
stehend wird dem Christen die GewiBheit des Heiligen Geistes als Gabe verliehen: 
Ich bin gemeint von Gott, hier und jetzt! 

Vgl. die geschichtlich zutreffende Beobachtung Karl Holls zu diesem 
Problem der LutherschenReehtfertigungslehre: wiekommt konkret der Einzelne 
zur GewiBheit seiner Rechtfertigung ? ,,Die sogenannten Schwarmer seit Karl- 
stadt und Miinzer . . . vermissen in seiner Lehre eine tJberleitung zu der GewiBheit, 
daB die gottliche Gnade gerade mir gilt, und namentlich dazu, daB sie mir gerade 
jetzt gilt. Und mit letztem jedenfalls trafen sie einen wunden Punkt. Denn wenn 
Luther auch erwidert, daB jeder Einzehie sich in die allgemeine VerheiBung ein- 
geschlossen halten diirfte, so bleibt doch immer noch die Frage, wann ich sie auf 
mich beziehen darf. In jedem Augenblick kann und darf ich mich doch nicht fur 
gerechtfertigt betrachten. Indirekt hat Luther selbst auch zugestanden, daB seme 
Theorie hier nicht vollig zureicht. Die Bedeutung, die er der Kindertaufe gibt, auch 
seine Abendmahlslehre, die Sympathie, die er der Privatbeichte entgegenbringt, 
ruhen auf diesem Gefuhl. Und es ist nicht zufallig, daB das konfessionelle Luther- 
turn immer wieder gerade diese Dinge hervorgeholt hat. Die starke Betonung der 
Bedeutung des geistlichen Amtes und seiner Schliisselgewalt, der Sakramente 
neben dem Wort, die Empfehlung der Beiehte bei den Lutheranern des neunzehn- 
ten Jahrhunderts ist nicht lediglich als romantische oder hierarchische Laune zu 
beurteilen. Das tiefste Interesse ist ein religioses, aus ihrer Rechtfertigungs- 
lehre entspringendes : die Verantwortung dafiir, daB die Gnade in der rechten 
Weise und im rechten Moment angeeignet wird, eine Verantwortung, die das 
Subjekt selbst zu ubernehmen sich nicht getraut ( !), soil ubertragen werden auf 
einen andern, der kraft seiner Stellung dazu berufen ist" (Die Rechtfertigungslehre 
im Lichte der Geschichte des Protestantismus, S. 16). 

EvangeUsche Theologie wird gut daran tun, die Rechtfertigungslehre des 
Jakobus nun mit der Lutherschen Lehre vom objektiven Gnadenhandeln Gottes 
im Predigtwort und in den Sakramenten der Kirche zusammen zu verstehen, wenn 
sie denn das Offenbarungszeugnis des Jakobus nicht ,,jiidisch", sondern apoBtoUsch 
verarbeiten will. Gute Dienste wiirde ihr dazu vor alien A. F. Vilmar tun, ins- 
besondere seine ,,Dogmatik" und seme ,,Theologisch-kirchh'chen Aufsatze", 
ed. Karl Ramge, besonders der Beitrag ,,Heilsordnung", S. 29ff. Unausgespro- 
' chen steht die Paranese des Jakobus und die Frage an die reformatorische Recht- 

70 



liche Anschauung und .Kirchenzucht enristlieher Gemeinde als riehtig, 
daB nur Christus sich aufopfernder Glaube und Gehorsam das Wort 
der Vergebung und der GottesMndschaft, d. h. der gottlichen Recht- 
fertigung, empfangt und unverkiirzt, durch keine Dialektik verwandelt 
das alttestamentliche Psalmwort in der Kirche Jesu Christi gilt: ,,Wer 
wird wohnen in deiner Hiitte ? Wer ohne Tadel einhergeht und recht 
tut und redet die Wahrheit von Herzen" (Ps. 15, If.). Dieses Recht- 
fertigungsverstandnis diirfte sehr entscheidende Folgen fur die Tauf-, 
Beicht- und Abendmahlspraxis der Kirehe haben, wie sie gegenwartig 
iiblich ist. 1 ) 



fertigungslehre hinter dem ganzen Saminelwerk ,,Rechtglaubigkeit und Frommig- 
keit, Das Gesprach der Kirche um die reclite Nachfolge Christi", 3 Bd., 1938, 
ed. Hans Asmussen; das Problem aller evangelischen Sekten und Gemeinschafts- 
kreise: Wiedergeburt, Bekehrung, Gehorsam, Heiligung usw., wird nicht eher zur 
Ruhe kommen, als bis die Kirche die Rechtfertigungslehre des Jakobus in ihre 
Dogmatik und Verkundigung aufgenommen und soroit auch Paulus und die ganze 
Schrift neu wird haben verstehen diirfen. Darauf will Joch wohl auch H. E. Web er 
in seinem Beitrag zu dem genannten Sammelwerk ,,Rechtglaubigkeit und Frommig- 
keit" hinweisen: ,,Wir konnen nicht einfach aufnehmen und fortfuhren, weder die 
alte Orthodoxie noch den alten Pietismus." In neuer Aneignung der Schrift ,,durfen 
wir das Unsere tun, das Erbe frei zu machen fiir unsere Zeit . . . Wir haben theo- 
logisch zu durchdenken, in christlicher Existenz zu erproben, im Dienste der Kirche 
zu bewahren, wie das Wort, das die Kirche in ihrem Bekenntnis bezeugt, als 
Geisteswort Gotteskraft zur Errettung ist, wie es gerade als das Gnadenwort der 
Rechtfertigung das Lebenswort der Heiligung ist, wie Christus in seinem Wort 
fiir den betenden Glauben der Herr wird, der die Versohnung durch sein Kreuz 
wirksam macht in dem Wandel vor Gott, in dem Leben aus der Christusgemein- 
schaft und darum in der Nachfolge und ihrem mannigfachen Dienst" (Bd. II, Das 
innere Leben der altprotestantischen Orthodoxie, S. 34f .). 

*) DaB Luther mit Jak. 2, 24 nichts anzufangen wufite, nimmt nicht wunder, 
wenn man bedenkt, daB sich ihm schon 1518 in der Heidelberger .Disputation das 
Problem menschlichen Seins vor Gott nur in der Alternative ,,Glau"be oder Werke 
des Gesetzes ?" stellt: ,,Non ille iustus est, qui multum operatur, sed qui sine opere 
multum credit in Christum" (Conclusio 25). Und dazu die Probatio. ,,Sine opere 
sic volo intelligi, non quod iustus nihil operetur, sed quod opera eius non faciunt 
eius iustitiam, sed potius iustitia eius facit opera. Sine enim opere nostro gratia et 
fides infunditur, qua infusa iam sequuntur opera . . . quia opera, quae ex tali fide 
facit, non sua sed Dei esse novit, Ideo non se per ilia iustificari aut glorificari 
quaerit, sed Deum quaerit: sua sibi sufficit iustitia ex fide Christi . . ." (W.A. 1, 
354. 364.) Dieser Alternative hat er mit einer Grundlichkeit nachgedacht, die 
wohl kaum ihresgleichen in der Kirchengeschichte hat. Sogar die ,,lex facta in 
spiritu" ist kein AnlaB gottlichen WohlgefalleL^', weil die Rechtfertigung in kemer 
Weise sich an Gesetz und Gesetzeswerk, sondern allein an Christus gewinnen laBt : 

71 



Es bleiben noch. die beiden Schlufiverse, die sachlich. eine Ver- 
scharfung der Paranese darstellen, V. 25 durch. einen zweiten Schrift- 
beweis, V. 26 durch ein seelsorgerlicb.es und theologisches Urteil : 

,,Est autem quaestio non, utrum lex vel opera rationia iustificent, sed an lex facta 
in spiritu iustificet. Respondemus autem, quod non, et quod homo, qui per omnia 
legem virtute Spiritus Sancti impleret, tamen debeat implorare misericordiam 
Dei, qui constituit non per legem, sed per Christum salvare. Opera nunquam 
reddunt cor quietum" (W.A. Tischreden 1, Nr. 85). Allein der Glaube rettet und 
rechtfertigt, ,,quod per earn sic conglutineris Christo, ut ex te et ipso fiat quasi 
una persona . . . Ita, ut haec fides Christum et me arctius copulet, quam maritus 
est uxori copulatus . . ." (W.A. 40, 1, 285 f.). Und darum ,,Gratia dicit: ,Crede in 
hunc,' et iam facta sunt omnia" (Conclusio 26 der Heidelberger Disputation; 
W.A. 1, 354). Aber diese ,,facta" des Glaubens denn ,,per fidem infunditur 
dilectio legis" rechtfertigen nicht, weil sie nicht unsere Werke skid nach Luthers 
Auffassung: ,,nullum opus, nullum meritum affert ei hereditatem, sed sola nativi- 
tas." Der Mensch erlangt nur durch Passivitat, nicht durch Aktivitat die himm- 
lischen Giiter: ,,Atque ita mere passive, non active contingit ei haereditas . . . 
Nihil enim f acit ad hoc, ut nascatur, sed tantum patitur. Itaque passive, non active 
pervenimus ad ista aeterna bona, remissionem peccatorum, iustitiam, resur- 
rectionis gloriam et ad vitam aeternam" (W. A. 40, 1, 597, 16). 

Mit dieser Sicht, die den Lebensvorgang der Rechtfertigung nicht mehr in 
der Vereinigung der beiden von Gott gewollten Pole ,,Ruf und Antwort" zu be- 
greifen vermag und damit die Gefahr heraufbeschwort die sie gerade bannen 
will ! , das irrationale Geheimnis menschlichen und christlichen Seins durch ein 
im Grunde rationales Verstandnis der Alleinwirksamkeit Gottes zu zerstoren und 
die Leugnung des Geistes vorzubereiten mit dieser Sicht kann unmoglich zu- 
sammengeschaut werden, ,,an Abraham sit iustificatus ex operibus? Sicut dis- 
putat Jacobus in sua Epistola" (W.A. 43, 231, zu Gen. 22, 12). Darum wirft Luther 
Jakobus es als FehlschluB vor, aus Gen. 22, 12 zu folgern: Abraham sei zuvor 
nicht gerecht gewesen" und ,,nun erst gerecht geworden nach diesem Gehorsam". 
,,Quia enim dicitur: Nunc video te iustum, vult inde colligere, quod prius non 
fuerit iustus. Sed facilis est responsio quam ipsa verba ostendunt. Aliud enim est 
esse iustum, etiam Grammatice loquendo aliud cognoscere iustum, Abraham fuit 
iustus fide, antequam cognoscitur a Deo talis. Igitur male Jacobus concludit 
quod nunc demum iustificatus sit post istam oboedientiam, per opera enim, tan- 
quam per fructus cognoscitur fides et iustitia. Non autem sequitur, ut Jacobus 
delirat: Igitur fructus iustificant. Sicut non sequitur: ego agnosco arborem ex 
fructu" (W.A. 43, 231). Luther schiebt bier Jakobus eine Ansicht zu, die er 
gar nicht vertritt. Es ist schon bei der Exegese der Verse 22 und 23 erortert worden, 
dafi Jakobus Gen. 22 als greifbare Konkretisierung des Glaubens versteht, der 
schon Gen. 15 als mit dem Gehorsam vereinter Glaube Abrahams Gottes Recht- 
fertigungsspruch erwirkte. Was Luthers These von der Erkenntnis des Gerecht- 
fertigten in Gen. 22 im Unterschied zur Rechtfertigung selbst in Gen. 15 
angeht er widmet der Darlegung dieser These einen unverhaltnismaBig grofien 
Raum in seiner Auslegung , so ist sie exegetisch und theologisch unhaltbar. Die 

72 



,,Desgleichen die Hure Rahab, ist sie nicht auf Grund von Werken 
gerechtfertigt warden, well sie die Boten aufnahm und liefi sie einen anderen 
Weg hinaus i" (V. 25). 

Voraussetzung der Eechtfertigung des Glaubenden durch Gott gerade auch 
in Gen. 15, 6 ist, daB Gott ihn erkennt als das, was er ist. Und wenn Luther seine 
Behauptung: ,,Abraham ist gerecht gewesen durch den Glauben, ehe derm er von 
Gott gerecht erkannt wird", mit der Erklarung zu stiitzen versucht: ,,Vidit 
Deus, ibi faciunt duplicem cognitionem, unam aeternam et invisibilem qua Deus 
videt res, antequam existerent; alteram, qua intuetur res praesentes omnes crea- 
turas vidit Deus, antequam fierent: et iam cum factae sunt, etiam videre sive 
cognoscere dicitur. Ad eundem modum hie loquitur Deus: mine cognovi, hoc est: 
mine probo et in effectu video te timere Deum" (W. A. 43, 231), so ist das eine 
gekiinstelte Eintragung in den Text von Gen. 15 und 22, die sich nicht einmal 
durchfuhren lafit. Denn dann hatte Gott in Gen. 15 nur die ,,Idee" der Gerechtig- 
keit Abrahams vor sich gesehen, sie ware also in Abraham noch nicht wirklich 
existent gewesen; dagegen spricht der einfache Wortlaut, der sagt, Abraham habe 
sich glaubend dem Herrn iibereignet und uber dies Verhalten habe Gott das Urteil 
der Gerechtigkeit gesprochen. Und in Gen. 22 hatte dahn Gott die wirklich exi- 
stente Gerechtigkeit Abrahams ,,erkannt''. Aber nach Gen. 22, 1 stellte Gott ja 
gerade eine Gerechtigkeit auf die Probe, die er bereits kannte, deren Bewahrung 
in einer neuen Situation er nur priifen und ,,sehen" wollte, aber nicht die ,,rechten 
Friichte" einer ihm bisher nur ,,ideell" bekannten Glaubensgerechtigkeit Abra- 
hams. Calvin versucht V. 24 mit reformatorischem Rechtfertigungsverstandnis 
gerecht zu werden: Gerechtfertigt wird der Mensch durch Werke, d. h. aus den 
Friichten wird seine Gerechtigkeit erkannt und als giiltig erwiesen." 
Ebenso Melan chthon : es wird nicht nur ,,iustitia fidei, sed etiam iustitia operum" 
von Gott gefordert. Aber die ,,bona opera" gef alien Gott wegen ihrer Unvoll- 
kommenheit nicht aus sich heraus, sondern ,,postquam personae placent", sie ge- 
horen also nicht in den Eechtfertigungsakt (nach Engelland, a. a. O. S. 371). 
Bengel erkennt die providentielle Sicherung gegen die perversitas humana, die 
die PauHnische Verkiindigung des ,,sola fide" mifibraucht. ,,Diversus erat character 
Jacobi et Pauli . . . Neque tamen idcirco inter se pugnare censendi sunt, ut facile 
censere posset, quisquis aut Paulo aut Jacobo seorsum sese addixerit. Summa 
potius cum reverentia et simplicitate et sine fastidio verborumque tortura utriusque 
doctrinam ut apostolicam a Christo eiusque Spiritu profectam, suscipere debemus. 
Uterque enim et vera et dextra scripserunt, sed alio alioque modo, ut qui etiam 
cum vario hominum genere negotium haberent" (Gnomon zu Vers 14). Aber des 
Jakobus Aufgabe ist nach ihm, den wahren lutherisehen Glaubenshegriff, der wohl 
allein rechtfertigt, aber nicht allein bleibt, wach zu halten: ,,degeneres Lutheri 
discipulos, qui fidem solam, non Paulinam, sed ab operibus.desolatam pro vexillo 
habent, praevidens hoc loco notavit Scripture" (Gnomon zu Vers 24). J. Ger- 
hard umschreibt V. 24 ganz reformatorisch-traditionell: ,,Fides cooperatur 
Abrahami operibus non in actu iustificationis, Abraham enim jam turn erat iusti- 
ficatus, sed in exercitio et declaratione iustitiae acceptae . . . fidem et opera oportet 
ease coniuncta, verus enim Christianus is demjjm censendus, qui fidem in Christum 

73 



Das neue Beispiel aus der Schrift naeh dem summarisclien AbschluB 
von V. 24 iiberrascht. Warum wahlt Jakobus es ? Wohl weniger, um 
auch eine Frau anzufiihren (so Bengel). Jakobus kennt genau seine Leute 
in den judenchristlichen Gemeinden. Sie werden seinem Hinweis auf 
Abraham entgegenhalten : was fiir den Erzvater Abraham gilt, gilt nicht 
fur uns kleine Leute ; an Abraham diirf en wir uns nicht messen. Diesem 
fiir einen frommen Juden naheliegenden Einwand muB der Apostel nun 
noch begegnen. Es ist ein Zeichen fiir seinen seelsorgerlichen Ernst und 
fiir das Gewicht, das er seiner Belehrung fiir das geistliche Leben der 
Gemeinden zumiBt, mit welcher Hartnackigkeit Jakobus immer wieder 
jeden Fluchtversuch vor seinem Wort versperrt. Er steht darin seinem 
judenchristlichen Mitapostel Paulus und dessen Bohren im Romer- 
und Galaterbrief nicht nach. Jedem av&p<o7ro<; hat er in V. 24 seine Recht- 
fertigungslehre verbindlich gemacht, sofern er zum erwahlten Volke 

publice profitetur ac operibus professione illi consentaneis eandem demonstrat." 
Erst Schlatter ubernimmt den Vers in seinem Vollgehalt: ,,Handeln muB der 
Mensch nach Gottes Anweisung, dadurch wird ihm Gottes Gnade zuteil . . . Zu 
streiten, ob das Werk oder der Glaube unentbehrlicher sei, ist Kinderei. Wer 
Jesus liebhat, der hat beide Worte im Herzen: das des Paulus und das des Jako- 
bus." Ebenso Kiib el : ,,Es ist klar, daB aus den Werken, nicht aus dem Glauben 
allein, der Menscb. als das, was er ist, als Gerechter anerkannt wird." Man stimmt 
heute in der Exegese weithin darin uberein, daB in V. 24 (wie auch in den Versen 
vorher) von ,,Gegenwartsrechtfertigung die Eede ist und solche auf Grund der 
Werke Abrahams zugesprochen wird." Man versucht auch nicht mehr die gegen- 
satzlichen Formeha und Auffassungen bei Jakobus ,,als Polemik gegen Pseudo- 
pauUnismus oder als MiBverstandnis des Paulus" zu verharmlosen bzw. zu ent- 
werten". Aus der beiden gemeinsamen Fiihlung mit der synagogalen Tra- 
dition kann durchaus diese besondere Behandlung der Frage mit ahnlichen Wen- 
dungen erklart werden. ,,Man bleibt zunachst vor der Antinomie der Texte stehen, 
ohne ihre Zusammengehorigkeit zu verstehen: Eine innere Gleichung zum Pau- 
Mnischen Rechtfertigungsglauben und sehier neuen Erkenntnis Uegt bier nicht vor. . . 
Schwerlich konnte Jakobus Abraham wie Paulus einen TUCTeiiovu im TOV 
Sixatouvra TOV a.ae$rt (Rom. 4, 5) nennen, er ist ibm viehnehr ehi Frommer, 
dessen Werke anerkannt werden" (Schrenk, Sixaioco bei Jakobus hl.Theol. Worter- 
buch zum N. T., II, S. 223). Aber bedeutet theologischer Gegensatz notwendig 
Spaltung un Geist und hi der Wahrheit ? Wie ware dann die Begegnung und das 
Auseinandergehen der beiden Apostel auf dem Apostelkonvent (Act. 15, 1 35) 
ernst zu nehmen, auf dem die theologischen Gegensatze nicht ,,ausgeghchen" und 
,,bereinigt" wurden, aber man dennoch zu gegenseitiger Anerkennung und gemehi- 
samem Handehi kam ? XJberholt ist jedenfalls die Auffassung: ,,V. 24 steht mit 
Rom. 3, 28 wirklich nicht hi Einklang, aber nicht weil ehie verschiedene Lehre 
gelehrt whd, sondern weil beide apostolische Manner volhg disparate Lehr- 
objekte haben, welche sie gleichwohl mit demselben Namen bezeichnen" (Vihnar). 

74 



Gottes gehort. DaB damit niclit nur der ,,Heros" des Glaubens, sondern 
auch der durchschnittliche ,,kleine" Mensch der Gemeinde gemeint sei, 
muB die Gemeinde nun noch ,,erkennen" (V. 20) an dem Beispiel des 
wahrlich durchschnittlichen ,,kleinen" Menschen Rahab, der kanaanai- 
schen Heidin und Hure aus Jericho. 1 ) Das Beispiel Rahabs ist tra- 
ditioneller jtidischer Frommigkeit ebenso vertraut wie die Gestalt 
Abrahams (vgl. Hebr. 11). Nun wiederholt Jakobus den an Abraham 
durchgefuhrten Schriftbeweis an der Geschichte dieser Heidin (Jos. 2). 
Auch Rahab glaubte und bekannte ihren Glauben ubereinstimmend 
mit dem Glaubensbekenntnis der Kundsch'after aus dem Volke Israel 
(Jos. 2, 9ff.). Aber ihr Glauben macht sie willig zum Gott gefallenden 
Tun. Sie rettet die Kundschafter Israels vor ihren heidnischen Lands- 
leuten: ein entschlossenes, nicht ungefahrlich.es Verhalten, das fiir ihre 
Verhaltnisse ebenso die Bereitschaft zur Selbstverleugnung und zum 
Einsatz fiir Gottes Belange 33 durch Glauben" (Hebr. 11, 31) zeigt wie 
die Hingabe Isaaks dur.ch den glaubenden Abraham. Um dieses wirken- 
den Glaubens willen wird Rahab die Errettung aus dem Gottesgericht 
tiber Jericho und das Leben in der Gemeinschaft des Gottesvolkes zu- 
gesprochen und gewahrt (Jos. 2, 14; 6, 22 ff.). ,,TJnd sie wohnt in Israel 
bis auf diesen Tag, darum daB sie die Boten verborgen hatte," d. h. 
j,dureh den Glauben ward sie nicht verloren mit den Unglaubigen" 
(Hebr. 11, 31). ,,Nicht, was Rahab dachte und erkannte und als Ge- 
wiBheit empfangen hatte, rettete sie, sondern nur dies, daB sie den 
israelitischen Mannern ihr Haus offnete und das Leben sieherte" 
(Schlatter). Wiederum bestreitet Jakobus nicht, daB der Glaube der 
,,Mitarbeiter" (V. 22) an diesem Wollen und Wirken war; aber die 
Wiirdigkeit, aus der Verwerfung Jerichos gerettet und in die Lebens- 
gemeinschaft seines Heiligtums und Volkes versetzt zu werden, d. h. 
ihre Stxoaoixn?, wurde ihr von Gott nur darum zuerkannt, weil ihr Glaube 

J ) ,,Wohlbedachterweise hat er zwei so unterschiedliche Personen miteinander 
verbunden, um den Beweis desto schlagender zu machen, daB kein einziger, welcher 
Lage, welchem Volke oder Stande er angehoren mochte, jemals ohne gute Werke 
zu den Gerechten oder Glaubigen gezahlt worden sei ... Wer immer als gerecht 
beurteilt werden will wenn auch nur, urn unter den Letzten noch ein Platzchen 
zu finden , der muB mit guten Werken sich als gerecht erweisen" (Calvin, a. a. O., 
S. 34), freilich niit seinem Verstandnis dessen,- was Jakobus beweisen will: ,,Wir 
behaupten, daB bier iiberhaupt iiber den Weg, auf dem man Gerechtigkeit erlangt, 
gar nicht verhandelt werde. Wir gestehen wohl zu, daB in der Tat zur Gerechtig- 
keit gute Werke verlangt werden; aber wir sprechen ihnen die Kraft ab, Gerechtig- 
keit zu bringen, weil sie doch vor Gottes Uxieil nicht bestehen konnen." 

75 



Es bleiben noch die beiden SchluBverse, die sachlich eine Ver- 
scharfuiig der Paranese darstellen, V. 25 durch einen zweiten Schrift- 
beweis, V. 26 durch ein seelsorgerlicb.es und theologisches TJrteil: 

,,Est autem quaestio non, utrum lex vel opera rationia iustificent, sed an lex f acta 
in spiritu iustificet. Respondemus autem, quod non, et quod homo, qui per omnia 
legein virtute Spiritus Sancti impleret, tamen debeat implorare misericordiam 
Dei, qui constituit non per legem, sed per Christum salvare. Opera nunquam 
reddunt cor quietum" (W.A. Tischreden 1, Nr. 85). AHein der Glaube rettet und 
rechtfertigt, ,,quod per earn sic conglutineris Christo, ut ex te et ipso fiat quasi 
una persona . . . Ita, ut haec fides Christum et me arctius copulet, quam maritus 
est uxori copulatus . . ." (W.A. 40, 1, 285 f.). Und darum ,,Gratia dicit: ,Crede in 
hunc,' et iam facta sunt omnia" (Conclusio 26 der Heidelberger Disputation; 
W.A. 1, 354). Aber diese ,,facta" des Glaubens denn ,,per fidem infunditur 
dilectio legis" rechtfertigen nicht, weil sie nicht unser e Werke sind nach Luthers 
Auffassung: ,,nulluni opus, nullum meritum affert ei hereditatem, sed sola nativi- 
tas." Der Mensch erlangt nur durch Passivitat, nicht durch Aktivitat die TifmTn- 
lischen Giiter: ,,Atque ita mere passive, non active contingit ei haereditas . . . 
Nihil enim f acit ad hoc, ut nascatur, sed tantum patitur. Itaque passive, non active 
pervenimus ad ista aeternd; bona, remissionem peccatorum, iustitiam, resur- 
rectionis gloriam et ad vitam aeternam" (W. A. 40, 1, 597, 16). 

Mit dieser Sicht, die den Lebensvorgang der Rechtfertigung nicht mehr in 
der Vereinigung der beiden von Gott gewollten Pole ,,Ruf und Antwort" zu be- 
greifen vermag und damit die Gefahr heraufbeschwort die sie gerade bannen 
will ! , das irrationale Geheimnis menschlichen und christlichen Seins durch ein 
im Grande rationales Verstandnis der Alleinwirksamkeit Gottes zu zerstoren und 
die Leugnung des Geistes vorzubereiten mit dieser Sicht kann unmoglich zu- 
sammengeschaut werden, ,,an Abraham sit iustificatus ex operibus? Sicut dis- 
putat Jacobus in sua Epistola" (W.A. 43, 231, zu Gen. 22, 12). Darum wirft Luther 
Jakobus es als FehlschluB vor, aus Gen. 22, 12 zu folgern: ,,Abraham sei zuvor 
nicht gerecht gewesen" und ,,nun erst gerecht geworden nach diesem Gehorsam". 
,,Quia enim dicitur: Nunc video te iustum, vult inde colligere, quod prius non 
fuerit iustus. Sed facilis est responsio quam ipsa verba ostendunt. Aliud enim est 
esse iustum, etiam Grammatice loquendo aliud cognoscere iustum, Abraham fuit 
iustus fide, antequam cognoscitur a Deo talis. Igitur male Jacobus concludit 
quod nune demum iustificatus sit post istam oboedientiam, per opera enim, tan- 
quam per fructus cognoscitur fides et iustitia. Non autem sequitur, ut Jacobus 
deh'rat: Igitur fructus iustificant. Sicut non sequitur: ego agnosco arborem ex 
fructu" (W.A. 43, 231). Luther schiebt bier Jakobus eine Ansicht zu, die er 
gar nicht vertritt. Es ist schon bei der Exegese der Verse 22 und 23 erortert worden, 
daB Jakobus Gen. 22 als greifbare Konkretisierung des Glaubens versteht, der 
schon Gen. 15 als mit dem Gehorsam vereinter Glaube Abrahams Gottes Recht- 
fertigungsspruch erwirkte. Was Luthers These von der Erkenntnis des Gerecht- 
fertigten in Gen. 22 im Unterschied zur Rechtfertigung selbst in Gen. 15 
angeht er widmet der Darlegung dieser These einen unverhaltnismafiig grofien 
Raum in seiner Auslegung , so ist sie exegetisch und theologisch unhaltbar. Die 

72 



,,Desgleichen die Hure Rahab, ist sie nicht auf Grund von Werken 
gerechtfertigt warden, well sie die Boten aufnahm und lief} sie einen anderen 
Weg hinaus*" (V. 25). 

Voraussetzung der Rechtfertigung des Glaubenden durcli Gott gerade auch 
in Gen. 15, 6 ist, daB Gott ihn erkennt als das, was er ist. Und wenn Luther seine 
Behauptung: ,,Abraham ist gerecht gewesen durch den Glauben, ehe denn er von 
Gott gerecht erkannt wird", mit der Erklarung zu stiitzen versucht: ,,Vidit 
Deus, ibi faciunt duplicem cognitionem, imam aeternam et invisibilem qua Deus 
videt res, antequam existerent; alteram, qua intuetur res praesentes omnes crea- 
turas vidit Deus, antequam fierent: et iam cum factae sunt, etiam videre sive 
cognoscere dicitur. Ad eundem modum hie loquitur Deus: nunc cognovi, hoc est: 
mine probo et in effectu video te timere Deum" (W. A. 43, 231), so ist das eine 
gekiinstelte Eintragung in den Text von Gen. 15 und 22, die sich nicht einmal 
durchfuhren laBt. Denn dann hatte Gott in Gen. 15 nur die ,,Idee" der Gerechtig- 
keit Abrahams vor sich gesehen, sie ware also in Abraham noch nicht wirklich 
existent gewesen; dagegen spricht der einfache Wortlaut, der sagt, Abraham habe 
sich glaubend dem Herrn iibereignet und fiber dies Verhalten habe Gott das Urteil 
der Gerechtigkeit gesprochen. Und in Gen. 22 hatte dahn Gott die wirklich exi- 
stente Gerechtigkeit Abrahams ,,erkannt' c . Aber nach Gen. 22, 1 stellte Gott ja 
gerade eine Gerechtigkeit auf die Probe, die er bereits kannte, deren Bewahrung 
in einer neuen Situation er nur prufen und ,,sehen" wollte, aber nicht die ,,rechten 
Friichte" einer ibm bisher nur ,,ideell" bekannten Glaubensgerechtigkeit Abra- 
hams. Calvin versucht V. 24 mit reformatorischem Reehtfertigungsverstandnis 
gerecht zu werden: Gerechtfertigt wird der Mensch durch Werke, d. h. aus den 
Friichten wird seine Gerechtigkeit erkannt und als giiltig erwiesen." 
Ebenso Melanchthon: es wird nicht nur ,,iustitia fidei, sed etiam iustitia operum" 
von Gott gefordert. Aber die ,,bona opera" gef alien Gott wegen ihrer Unvoll- 
kommenheit nicht aus sich heraus, sondern ,,postquam personae placent", sie ge- 
horen also nicht in den Rechtfertigungsakt (nach Engelland, a. a. O. S. 371). 
Bengel erkennt die providentielle Sicherung gegen die perversitas humana, die 
die PauHnische Verkundigung des ,,sola fide" mifibraucht. ,,Diversus erat character 
Jacobi et Pauli . . . Neque tamen idcirco inter se pugnare censendi sunt, ut facile 
censere posset, quisquis aut Paulo aut Jacobo seorsum sese addixerit. Summa 
potius cum reverentia et simplicitate et sine fastidio verborumque tortura utriusque 
doctrinam ut apostolicam a Christo eiusque Spiritu profectam, suscipere debemus. 
Uterque enim et vera et dextra scripserunt, sed alio alioque modo, ut qui etiam 
cum vario hominum genere negotium haberent" (Gnomon zu Vers 14). Aber des 
Jakobus Aufgabe ist nach ihm, den wahren lutherischen Glaubensbegriff, der wohl 
allein rechtfertigt, aber nicht allein bleibt, wach zu halten: ,,degeneres Lutheri 
discipulos, qui fidem sol am, non Paulinam, sed ab operibus desolatam pro vexillo 
habent, praevidens hoc loco notavit Scripture" (Gnomon zu Vers 24). J. Ger- 
hard umschreibt V. 24 ganz reformatorisch-traditionell: ,,Pides cooperatur 
Abrahami operibus non in actu iustificationis, Abraham enim jam turn erat iusti- 
ficatus, sed in exercitio et declaratione iustitiae acceptae . . . fidem et opera oportet 
esse coniuncta, verus enim Christianus is demum censendus, qui fidem in Christum 

73 



Das neue Beispiel aus der Schrift nach dem summarisclien AbschluB 
von V. 24 tiberrascht. Warum wah.lt Jakobus es ? Wohl weniger, um 
auch eine Fran anzufiihren (so Bengel). Jakobus kennt genau seine Leute 
in den judenchristlichen Gemeinden. Sie werden seinem Hinweis auf 
Abraham entgegenhalten : was fur den Erzvater Abraham gilt, gilt nicht 
f iir uns kleine Leute ; an Abraham diirf en wir uns nicht messen. Diesem 
fiir einen frommen Juden naheliegenden Einwand mufi der Apostel nun 
noch begegnen. Es ist ein Zeichen fiir seinen seelsorgerlichen Ernst und 
fiir das Gewicht, das er seiner Belehrung fiir das geistliche Leben der 
Gemeinden zumiBt, mit welcher Hartnackigkeit Jakobus immer wieder 
jeden Fluchtversuch vor seinem Wort versperrt. Er steht darin seinem 
judenchristliehen Mitapostel Paulus und dessen Bohren im Romer- 
und Galaterbrief nicht nach. Jedem av&pea7ro<; hat er in V. 24 seine Recht- 
fertigungslehre verbindlich gemacht, sofern er zum erwahlten Volke 

publice profitetur ac operibus professione illi consentaneis eandem demonstrat." 
Erst Schlatter ubernimmt den Vers in seinem Vollgehalt: ,,Handeln muB der 
Mensch nach Gottes Anweisung, dadurch wird ihm Gottes Gnade zuteil . . . Zu 
streiten, ob das Werk oder der Glaube unentbehrlicher sei, ist Kinderei. Wer 
Jesus liebhat, der hat beide Worte im Herzen: das des Paulus und das des Jako- 
bus." Ebenso Kubel: ,,Es ist klar, daB aus den Werken, nicht aus dem Glauben 
allein, der Mensch als das, was er ist, als Gerechter anerkannt wird." Man stimmt 
heute in der Exegese weithin darin uberein, daB in V. 24 (wie auch in den Versen 
vorher) von ,,Gegenwartsrechtfertigung die Rede ist und solche auf Grund der 
Werke Abrahams zugesprochen wird." Man versucht auch nicht mehr die gegen- 
satzlichen FormeLa und Auffassungen bei Jakobus ,,als Polemik gegen Pseudo- 
paulinismus oder als MiBverstandnis des Paulus" zu verharmlosen bzw. zu ent- 
werten". Aus der beiden gemeinsamen Fiihlung mit der synagogalen Tra- 
dition kann durchaus diese besondere Behandlung der Frage mit ahnlichen Wen- 
dungen erklart werden. ,,Man bleibt zunachst vor der Antinomie der Texte stehen, 
ohne ihre Zusammengehorigkeit zu verstehen: Eine innere Gleichung zum Pau- 
linischen Rechtfertigungsglauben und seiner neuen Erkenntnis h'egt hier nicht vor. . . 
Schwerlich konnte Jakobus Abraham wie Paulus einen TUCTEUOVTI im TOV 
SLxatouvTa TOV cxaepv] (Rom. 4, 5) nennen, er ist ihm vielmehr ein Frommer, 
dessen Werke anerkannt werden" (Schrenk, Stxaioto bei Jakobus in : Theol. Worter- 
buch zum N. T., II, S. 223). Aber bedeutet theologischer Gegensatz notwendig 
Spaltung im Geist und in der Wahrheit ? Wie ware dann die Begegnung und das 
Auseinandergehen der beiden Apostel auf dem Apostelkonvent (Act. 15, 1 35) 
ernst zu nehmen, auf dem die theologischen Gegensatze nicht ,,ausgeglichen" und 
,,bereinigt" wurden, aber man dennoch zu gegenseitiger Anerkennung und gemem- 
samem Handeln kam ? tJberholt ist jedenfalls die Auffassung: ,,V. 24 steht mit 
Rom. 3, 28 wirklich nicht in Einklang, aber nicht weil eme verschiedene Lehre 
gelehrt wird, sondern weil beide apostolische Manner vollig disparate Lehr- 
objekte haben, welche sie gleichwohl mit demselben Namen bezeichnen" (Vihnar). 

74 



Gottes gehort. DaB damit nicht nur der ,,Heros" des Glaubens, sondern 
auch der durchschnittliche , 3 kleine" Mensch der Gemeinde gemeint sei, 
muB die Gemeinde nun noch 3 ,erkennen" (V. 20) an dem Beispiel des 
wahrlich durchsehnittlichen ,,kleinen t Menschen Rahab, der kanaanai- 
schen Heidin und Hure aus Jericho. 1 ) Das Beispiel Rahabs ist tra- 
ditioneller jiidischer Erommigkeit ebenso vertraut wie die Gestalt 
Abrahams (vgl. Hebr. 11). Nun wiederholt Jakobus den an Abraham 
durchgefiihrten Schriftbeweis an der Geschichte dieser Heidin (Jos. 2). 
Auch Rahab glaubte und bekannte ihren Glauben ubereinstimmend 
mit dem Glaubensbekenntnis der Kundschafter aus dem Volke Israel 
(Jos. 2, 9ff.). Aber ihr Glauben macht sie willig zum Gott gefallenden 
Tun. Sie rettet die Kundschafter Israels vor ihren heidnischen Lands- 
leuten: ein entschlossenes, nicht ungefahrlich.es Verhalten, das fur ihre 
Verhaltnisse ebenso die Bereitschaft zur Selbstverleugnung und zum 
Einsatz fiir Gottes Belange ,,dureh Glauben" (Hebr. 11, 31) zeigt wie 
die Hingabe Isaaks dur.ch den glaubenden Abraham. Um dieses wirken- 
den Glaubens willen wird Rahab die Errettung aus dem Gottesgericht 
iiber Jericho und das Leben in der Gemeinschaft des Gottesvolkes zu- 
gesprochen und gewahrt (Jos. 2, 14; 6, 22ff.). ,,TJnd sie wohnt in Israel 
bis auf diesen Tag, darum daB sie die Boten verborgen hatte," d. h. 
,,durch den Glauben ward sie nicht verloren mit den Unglaubigen" 
(Hebr. 11,3-1). ,^Nicht, was Rahab dachte und erkannte und als Ge- 
wiBheit empfangen hatte, rettete sie, sondern nur dies, daB sie den 
israelitischen Mannern ihr Haus offnete und das Leben sicherte" 
(Schlatter). Wiederum bestreitet Jakobus nicht, daB der Glaube der 
,,Mitarbeiter" (V. 22) an diesem Wollen und Wirken war; aber die 
Wiirdigkeit, aus der Verwerfung Jerichos gerettet und in die Lebens- 
gemeinschaft seines Heiligtums und Volkes versetzt zu werden, d. h. 
, wurde ihr von Gott nur darum zuerkannt, well ihr Glaube 



x ) ,,Wohlbedacliterweise hat er zwei so unterscMedliclie Personen miteinander 
verbunden, um den Beweis desto schlagender zu maclien, daB kein einziger, welcher 
Lage, welchem Volke oder Stande er angehoren mochte, jeinals ohne gute Werke 
zu den Gerechten oder Glaubigen gezahlt worden sei . . . Wer immer als gerecht 
beurteilt werden will wenn aucb. nur, um unter den Letzten noch ein Platzchen 
zu finden , der mufi mit guten Werken sicb als gerecbt erweisen" (Calvin, a. a. 0., 
S. 34), freilich mit seinem Verstandnis dessen,- was Jakobus beweisen will: ,,Wir 
behaupten, daB bier iiberhaupt iiber den Weg, auf dem man Gerechtigkeit erlangt, 
gar nicht verhandelt werde. Wir gestehen wohl zu, daB in der Tat zur Gerechtig- 
keit gute Werke verlangt werden; aber wir sprechen ihnen die Kraft ab, Gerechtig- 
keit zu bringen, weil sie doch vor Gottes Urteil nicht bestehen konnen." 

75 



den Willen zum Werk einschloB und mit sich brachte. Wie auch dem 
neutestamentlichen Zollner Zachaus und der neutestamentlichen Dirne 
(Luk. 19 und 7) ihre Friichte der BuBe und ihr Werk der Liebe die 
Riickgabe des Gestohlenen, das Dankopfer der Salbung zum AnlaB 
fiir Jesus werden, ihnen den rechtskraftigen und gewiBmachenden 
Zuspruch der Siindenvergebung und der Rettung zuzusprechen, der die 
gottliche Rechtfertigung ist. Nur Jesum liebender und Gottes Willen 
tuender Glaube empfangt zu eigentlichem Besitz und in personlicher 
GewiBheit, was er glaubend ergreift und sich aneignet. 1 ) ,jlhr sind viele 

*) ,,Die in Gottes Lieben begriindete Wiederliebe ist die Gottebenbildlichkeit 
des Menschen. Die Liebe ist die Einheit aller seelischen Funktionen des Menschen. 
Liebe ist Erkennen, Wollen und Fiihlen und nur die Liebe ist das. Liebe ist 
Geistigkeit als personliche . . . Person ist die . . . das Vernunft-Ich, die Individuali- 
tat . . . umspannende Liebe. Gibt es doch kein anderes wahrhaft personhaftes 
Verhalten als die Liebe. Personsein im vollen Sinn und Lieben ist eins. Denn 
Personsein ist ... ein Verhaltnis, etwas nicht vom Ich aus, sondern nur vom 
Ich-Du aus zu Begreifendes" (E. Brunner, Gott und Mensch, S. 91f.). Erst der 
in dieser echt personhaften Bewegung der GottesKebe befindliche Mensch ,,emp- 
fangt" das gottliche Ja als GewiBheit: die Bechtfertigung. Vgl. dazuMark. 11, 25-26, 
wonach die GewiBheit des Stehens im Stande der Versohnung abhangig gemacht 
wird von der Bereitschaft zur Versohnung mit dem Nachsten. 

Hierher gehort auch die reformatorische Verhandlung iiber die zur Reeht- 
fertigung notwendigen ,,Werke" der Bufie: die contritio bzw. attritio cordis, die 
confessio oris und die satisfactio operis. Luther und die Bekenntnisschriften sind 
im Recht, wenn sie diese Voraussetzungen als ,,opera legis", als menschliche An- 
strengungen und Vorbereitungen, die innerhalb ernes als Pflichtverhaltnis ver- 
standenen Verkehrs mit Gott die Rechtfertigung ,,erwerben" sollen, bestreiten. 
Damit ist aber dem neutestamentlichen Tatbestand noch nicht Geniige getan. 
Eine Reehtfertigung ohne Reue, Siindenbekennntis und Genugtuung ist nicht der 
Lebens- und Schopfungsvorgang ,,im Geiste", den die Heilige Schrift als ,,Reeht- 
fertigung" kennt. Fur sie vollzieht sich das ganze Christusgeheimnis des glaubigen 
und liebenden Menschen auch in diesen Akten des Glaubigen. Auch Luther ist 
dieser Sachverhalt durchaus vertraut, wenn er z. B. sagen kann: ,,Siinde bekennen 
und gerecht sein ist em und dasselbe" (W.A. 3, 409, 33). ,,Confessio enim opus 
fidei praecipium, qua homo negat se et confitetur Deum ac ita negat et confitetur, 
ut etiam vitam et omnia neget, antequam se affirmet. Moritur enim in confessione 
Dei et abnegatione sui. Quomodo enim potest fortius se abnegare quam moriendo 
pro confessione Dei ? Tune enim relinquit se, ut stet Deus et confessio eius" (Romer- 
briefvorlesung II, 245, 18); und: ,,Tota nostra operatic confessio" (Hebraerbrief- 
vorlesung 1517-1518, ed. Hu-sch-Riickert, 138, 6), und zwar als Gnadentat des uns 
erlosenden Gottes: ,,te laudant, confitentur, sanctificant, magnificant: quod 
tamen totum est opus tuum in eis" (Hebraerbriefvorlesung, 1517-1518, 138, 12). 
,,Confessio und Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, sind identisch" (Der confessio- 
Begriff des jungen Luther, 1513-1522, Erich Vogelsang in Luther- Jahrbuch 1930, 

76 



Siinden vergeben, denn sie hat viel geliebt . . . Und er spracli zu ihr : 
Dir sind deine Siinden vergeben." ,,Siehe Herr, die Halfte meiner Giiter 
gebe ich den Armen, und so ich jemand betrogen habe, das gebe ich 
vierfaltig wieder. Jesus aber sprach zu ihm: Heute 1st diesem Hause 
Rettung widerfahren." In beiden Fallen bewirkte der Glaube die Ret- 
tung (Luk. 7, 50), aber nicht der Glaube ,,fur sich allein", sondern der 
durch Liebe wirksame Glaube: er war ,,in Christo Jesu" an den beiden 
Siindern so ,,gewichtig" (laybei), daB sie das Urteil der Versohnung, 
der Rettung und die Segnung des Friedens durch den Mund Jesu empfin- 
gen. Gottes ,,Empfangms" ist die Einheit von Gabe und Hingabe an 
die Gabe. Die Verwendung der Rahabgeschichte bestatigt riick- 
wirkend die Eichtigkeit der Auslegung von V. 22 und 23, wonach Jako- 
bus das Opfer Abrahams nicht als einen ,,H6hepunkt" (so Otto Michel, 
Der Brief an die Hebraer, 1936, S. 168), sondern als die einfache Er- 
scheinung und Bewahrheitung des Glaubens aufgefafit hat, der ihn schon 



S. 91 ff .). Danach ist auch fur Luther die ,,Rechtfertigung allein durch den Glauben" 
nicht ohne das ,,opus fidei" der Reue und Beichte vollzogen und die Apologie 
der A. C. hat dasselbe bekanntlich unermiidlich ausgesprochen. Aber die theo- 
logische Formulierung Luthers und der lutherischen Bekenntnisse, die das ,,sola 
fide" dann kontradiktorisch zur Wirksamkeit des im geistgewirkten Rechtferti- 
gungsprozesse stehenden Menschen fafit, gibt diesen erkannten und erlebten 
Sachverhalt der Reformatoren nicht wieder. Katholische Theologen von heute 
Tvissen besser um dies Geheimnis der Rechtfertigung als Gottes Werk als spat- 
mittelalterliche Theologie. Sehr fein hat Romano Guardini diesen neutestament- 
lichen Sachverhalt ausgesprochen: nach ihm ist z. B. die Reue ,,ein Ort, wo der 
Dornbusch brennt", wo das Geheimnis des lebendigen Gottes am Werk ist. ,,Die 
Reue entspricht im Menschen der Verzeihung in Gott. Zum lebendigen Gott, der 
fahig ist, zu verzeihen, gehort der lebendig glaubende Mensch, der fahig ist, zu be- 
reuen. Beides ist ein einziges Geheimnis heiligen Lebens. Und die 
Reue ist selbst Gabe. Wenn der Mensch mit seiner Reue zu Gott kommt, ist der 
lebendige Gott schon in ihm, und hat ihm die Reue geschenkt" (Vom lebendigen 
Gott, 1936, S. 61ff.). Das ist doch wohl nichts anderes als das, was Paul Althaus 
mit dem Satz meint: ,,Unser Geben an Gott ist nur uneigentlieh unser Geben. Er 
.steht nicht nur vor uns, wenn wk ihm geben wollen, er steht auch hinter unserem 
Geben. Auch unser sogenanntes Geben an Gott ist im Ernste nur ein Nehmen von 
ihTn. Die Rechtfertigungslehre bedeutet also eine einfache Anwendung des Satzes 
von der Alleinwirksamkeit Gottes" (Theologische Aufsatze II, S. 161), freilich 
die ,,Alleinwirksamkeit" Gottes nicht rational verkurzt als Determioismus und 
reine Passivitat des Menschen, sondern als das Geheimnis gottlicher Schopfung 
im Miteinander und Zueinander von Gott und Mensch ,,begriffen" ! So ,,begriffen" 
.gilt das Wort Augustins: ,,Cum deus coronat merita nostra pibi] aliud coronat 
quam munera sua." 

77 



nach Gen. 15, 6 Gott-recht machte und rettete. Gen. 22 1st nichts 
,,Neues", es 1st das ,,Alte" von Gen. 15, 6, wiederholt in neuer Kon- 
kretisierung, wie auch Rahabs Einsatz fur die Israeliten die konkrete 
Gestalt des Glaubens an Gottes Jawort zu ihr ist, der ihr Gottes Ja zur 
personlichen Gabe und Erfahrung macht. Hatte ihrem Glauben diese 
konkrete Gestalt des Einsatzes fur Gottes Volk gemangelt (Jos. 2, 20), 
ware sie nicht gerechtfertigt worden, so wenig, wie Simon den Zuspruch 
der Vergebung der Slinden empfangen durfte! Denn ,,du hast mir nicht 
Wasser gegeben zu meinen FiiBen . . ., du hast mir keinen KuB ge- 
geben . . ., du hast mein Haupt nicht mit Ol gesalbt ..." Der Mangel 
an Liebe offenbart Gottes Auge den Mangel des Willens und des Herzeris, 
ganz dem zu gehoren und von dem sich beschenken zu lassen, den der 
Glaube erkennt und ergreift, wogegen der Reichtum der Liebe den 
Glaubenden als den bestatigt, als den er sich ausgibt: als einen Men- 
schen, der im Glauben lebt von und fiir Gottes Gnade; denn nur er kann 
Reichtum der Liebe haben, weil in sein Herz ,,die Liebe Gottes aus- 
gegossen ist durch den Heiligen Geist" (Rom. 5, 5). Darum gibt Gott 
allein der Liebe (aus Glauben) die GewiBheit seiner Liebe: die GewiBheit 
der Vergebung und den GenuB Seines Friedens. Diese Verkiindigung 
des Lukas ist auch die des Jakobus, wenn er lehrt, Abraham und Rahab 
seien ,,auf Grund von Werken gerechtfertigt worden", weil Abraham 
seinen Sohn Isaak opferte und Rahab die Kundschafter Israels verbarg 
und rettete. 1 ) Durch den neuen Schriftbeweis ist die Gemeinde unbedingt 



1 ) Wenn Schlatter zu Luk. 7, 47, a<pe<ovrai cd a(zapTiai auryjs cm TjyaTryjaev 
bemerkt: ,,Ein AnstoB an der kausalen Kraft dieses ,weil' entsteht nur dann, wenn 
die bewegten, hin und her laufenden Beziehungen des lebendigen Verkehrs 
in eine Reihe erstarrter Begriff e verwandelt werden. Freilich war Jesus nicht 
deshalb der Vergebende, weil seine FiiBe gekuBt, gesalbt und mit Tranen gewaschen 
wurden. Er war es durch das, was er selber in seiner Sendung durch den Vater in 
jener Vollmacht war, die ihm das Recht gab, auf Erden zu sagen: ,Dir ist vergeben.' 
Hatte iVm die Frau nicht in. dieser seiner Volhnacht erkannt, so hatte sie ihm nicht 
ihre gliihende laebe zugetragen. Nun hat er aber diese vor sich, und nun ist die 
Frage die, wie er sie werte, ob er sie sich wohlgefallen lasse, obwohl es die Liebe 
einer Verschuldeten war. Wie soil er die Liebe entwerten und zertreten, wenn sie 
das ist, was er schaffen will und was er selbst geschaffen hat ? Er hat sie nicht ver- 
nichtet, sondern dadurch wirksam gemacht, dafi er ihr seme Gabe gab. Dadurch 
bekommt dieses ,weil', ,weil sie viel liebte', hochst reales Gewicht ... Es ist das 
,weil', mit dem Jesus der Siinderin ihre Liebe als den Grund beschrieb, durch den 
sie die Vergebung empfangt und behalt," so ist damit auf mehrere Hintergriinde 
hingewiesen, die es reformatorischer und nachreformatorischer Theologie bis heute 
verwehrten, sich die Gedanken des Jakobus anzueignen (Schlatter, Das Evan- 

,78 " ' ..... . ,. .... 



gewiesen, die Anschauung des Apostels vom Glauben und von der Reeht- 
fertigung als fur sie gultig anzunebmen. V. 26 nimmt mit seiner SchluB- 
folgerung in scbarferer Formulierung V. 17 auf und stellt die Gemeinde 
vor ein seelsorgerlicb.es Urteil, das ibr zum gottlicben BuBruf werden 
muB: 

,,Denn gleichwie der Leib ohne Geist tot ist, also ist auch der Glaube 
ohne Werke tot 1 ' (V. 26). 

Durch die vorangegangenen Auseinandersetzungen und Schrift- 
beweise wird noch einmal der bereits ausgesprochene Gedanke aus V. 17 
unterstricben und durcb ein anschauliches Gleichnis vor die Seele der 
Gemeinde gestellt: der Glaube ,,fur sich allein" ist nutz- und wirkungslos 
im gottlichen Gericht. Jakobus spricht vom Nutzen des gegenwartigen 
Glaubens im kunftigen Endgericht, von der Reehtfertigung des Glauben- 
den, die, in der Recbtfertigung des Eschaton zur Offenbarung kommt. 
Mit diesem Gebrauch des Glaubens" und der ,,Rechtfertigung" wird 
erkennbar, daB Jakobus das Recbtfertigungsgescbehen wie die ubrigen 
neutestamentlichen Zeugen versteht: als das im Geist geschehende 
gegenwartige Geheimnis gottlichen Gerichtshandelns am Menschen ,,in 
Christo", das in der Verhandlung des Endgerichts nach den gleichen 
MaBstaben 'und Ordnungen wie im alten Aon vollzogen zu seiner 
endgiiltigen 5 ,Enthullung", ,,Erfullung" und ,,Erscheinung" gebracht 
wird durch den, dem das Gericbt seit Himmelfahrt und Pfingsten 
,,gegeben ist": Christus. 1 ) Das von Jakobus benutzte Gleichnis hat seit 
der reformatorischen Beschaftigung mit V. 26 oft Ablebnung gefunden, 
well man es von falschen tbeologischen Voraussetzungen aus und mit 
einem unklaren Blick fur das-Wollen des Jakobus falsch verstand. 2 ) 

gelium des Lukas, 1931, S. 263f.). Diese Kritik Schlatters an dem ,,atiologischen 
Denken" der Reformatoren, das aus der gottlichen Lebensbewegung der Recht- 
fertigung ,,eine Veranstaltung macht, deren kausale Struktur nunmehr aufgezeigt 
werden kann' (Ernst Wolf), hat H. E. Weber als Neutestamentler und Dogmatiker 
an der Entwicklung ref ormatoriseher Verkiindigung zu orthodoxer Rechtf ertigungs- 
theorie (iustificatio imputativa!) dargestellt (vgl. ,,Von der Reformation zurOrtho- 
doxie", 1. Halbband, 1937). 

x ) Es zeigfc sich bei Jakobus wie bei Paulus : ,,daB Sixai6co ein eschatologischer 
Terminus bleibt und dafi das Gerechtsprechen Gottes, das im Kreuze erfolgt, das 
jetzt geglaubt wird und als Gegenwartsgabe feststeht, als endgultiger, vollendeter 
Freispruch im Endgericht erwartet wird" (Schrenk, Theol. Worterbuch z. N. T. II, 
S. 222). 

2 ) ,,Er gibt ein Gleichnis: sicut corpus non vivit sme anima, ita fides nihil 
est sme operibus . . . Wie ein arme similitude ist das ! Conf ert fidem corpori, 

79 



Was aber wollte Jakobus sagen ? Ein Gleichnis, das einen Gedanken 
veranschaulichen soil, den Gedanken des Regungslosen; rnit cdcrcrep 
leitet der Apostel den Satz ein. Die Regungslosigkeit und Unwirksamkeit 
eines Glaubens fur den Christen, der ihn hat, und fiir Gott, der ihn an- 
sieht, soil veranschaulicht werden, nicht das innere Verhaltnis von Glau- 
ben und Handeln. Eben das interessierte freilich Luther zu seiner Zeit 
in erster Linie, und darum las er jene Absicht der Erklarung in den 
Jakobustext hinein und stiefi sich an Kanten, die gar nicht vorhanden 
waren. Viele Ausleger sind ihm bis in die Neuzeit darin gefolgt. 1 ) Aber 
des Apostels Interesse konzentriert sich auf die Veranschaulichung 
eines regungslosen Glaubens vor dem Richtstuhl des lebendigen Gottes 
wie in V. 15 f. auf die eines nutzlosen Glaubens. So wie der menschliche 
Leib ohne den Lebensgeist regungslos und im Begriff ist, in den Zustand 
der Verwesung uberzugehen, so ist der Glaube des Christen, wenn er ge- 
trennt vom Wirken ist, regungslos; dann aber taugt er nichts fiir das 
Sein vor Gott im Gericht, und der Glaubende droht in das Nichtsein 
der Verdammnis und des ewigen Todes uberzugehen, wo sich auch der 
Glaube zersetzt; wer nicht hat, dem wird auch genommen, was er hat: 
Glauben und Glaubensbesitz. Denn er ist glaubend tot in seinen Siinden. 
Die nur empfangene, aber nicht verwaltete, mit Willen, Pleifi und Liebe 
vermehrte Gnade, sich selbst verzinsend durch den hingebenden Einsatz 
dessen, der sie im Glauben als das Kapital gottlichen Liebens und Lebens 
in Christus zu eigen erhielt sie rettet nicht, befreit nicht, beschenkt 
nicht, sie verdammt und macht arm an geistlichen und himmlischen 
Giitern. Wo der Gehorsam des Glaubens mangelt, schwmden die Gaben 
des Geistes. Wo die Liebe im Glaubenden erkaltet, da weichen die Engel 
des Herrn, die sich um die lagern, die ihn furchten. Sowenig wie in 
V. 14. 17. 19 leugnet der Apostel in diesem Vers, daB Glauben, Erkennt- 
nis und Besitz gottlicher Gnadengaben in der Gemeinde gegenwartig 



cum potius fides animae fuisset comparanda!" (W.A. Tischreden, Bd. 5, Nr. 5443, 
S. 157). ,,Die Werke konnen unmoglich als den Glauben beseelend gedacht werden, 
vielmehr sind die Werke das in die auflere Erseheinung Tretende, wahrend der 
Glaube die innere Triebfeder ist," kritisiert ein Exeget der Neuzeit, Luthers Kritik 
aufnehmend (Paul Feine, a. a. O., S. 408). 

x ) Auch das Bemuhen Vilmars um den Nachweis: Jakobus stellt die Werke 
dem Geist und den Glauben dem Leib gleich," kommt sosehr der Versuch einer 
neuen positiven Interpretation der Stelle anzuerkennen ist nicht aus dem Bann- 
kreis der alten, f alschen Fixierung des Verses heraus, die eine theologische Deutung 
des Verhaltnisses von Glaube und Werk dort zu finden meint. 

80 



sind. Das Aufregende, Gefahrliche und Verderbliche ihrer Situation 
besteht gerade darin, daB all das da ist, aber nichts niitzt, sich nicht 
regt. Genaeinde mit ,,totem" (Mauben im Sinne des Jakobus kann sehr 
gesegnete, kirchlich intakte und selbstbewuBte Gemeinde sein. Auch 
Paulus kennt sehr wohl einen solchen vom Herrn der Kirche geschenkten, 
aber nutzlosen Glauben, der kein ,,Wesen" des Gottlichen, nicht das 
Bild des Sohnes im Glaubenden hervorbringt : ,,TJnd wenn ich weis- 
sagen konnte und wuBte alle Geheimnisse und alls Erkenntnis und hatte 
alien Glauben, also daB ich Berge versetzte, und hatte der Liebe nicht, 
so ware ich nichts "(1. Kor. 13, 2). Die Gabe Gottes ,,existiert" fiir 
Gottes richterliches Urteil nur dann im Menschen, wenn er als Wollender 
und Denkender in ihr existiert. Das aber ist seine Sache, so zu wollen 
und zu denken, die ihm niemand abnimmt, auch nicht Gott! 1 ) Er kann 
nur darum bitten, daB ihn Gottes Gnadengegenwart so bewege und 
locke, daB er nichts Lieberes denkt und will, als ,,in Gott" und ,,in 
Christo" zu denken und zu wollen. Wo dieses Gebet unterlassen wird, da 
wird das Kapital des Glaubens wirkungslos, ,,tot" sein, nicht ,,an sich", 
aber fur mich. Der Glaubende wird kein Gehorchender und darum kein 
Gerechtfertigter und Geheiligter, der den Herrn ,,sehen" darf. Das aber 
c-ist diabolische Stoning apostoHschen Auftrags und apostolischer Ver- 
^undigung, die auch fiir Paulus nicht nur darin bestand, Glauben zu 
wecken lisd-das Geheimnis des Evangeliums kundzutun, sondern ,,unter 
alien HewHe den Gehorsgm des Glaubens aufzurichten unter seinem 
Namen" (Rom. 1, 5). 2 ) Mii dieser Zielsetzung verstand der Lehrer der 



x ) Auch Lusher kennt ein Glauben ohne Liebe: ,,Reliqua autem fides, quae 
miracula facit, donum est del liberale in ingratos dispersum, qui in suam gloriam 
operantur, quae operantur . . . de quibus 1. Kor. 13, 2 si habuero omnem fidem" 
(W.A. 2, 567). Es fehlt freilich die befriedigende theologische Erklarung dafur. Es 
drangt sich unabweisbar die Frage auf : rechtfertigt dieser Glaube von 1. Kor. 13, 2 
nun oder rechtfertigt er nicht? Wenn ja: wieso kann Gott die Glaubenden 
rechtfertigen, die ilire eigene Ehre suchen? Wenn nein: warum? Eechtfertigt Gott 
nicht ,,soia fide", der doch als ,,ein freies Geschenk Gottes" vorhanden ist? Fur 
das Gehehnnis der Existenz des Gerechten im Glauben gilt das gleiche, was Brunner 
fiber das Geheimnis des Menschen der Stinde im Zeugnis der Heiligen Schrift 
feststellt: ;,Nichts ist der Bibel ferner als der Determinism us, hochstens der 
Indeterminismus !" (a. a. O. S. 141). 

2 ) ,,Paulus gelangt bis zu dem Satz, den ihm viele nicht abnehmen wollen: 
Schaffen wir nun das Gesetz ab ? Nein, wir richten es auf! Nun aber durch das Ge- 
setz des Geistes des Lebens!" (Theodor Brandt, Paulus, ein Knecht Jesu Christi, 
1939 S S.96). 

6 Lackmann, Sola fide 81 



Rechtfertigungslehre des Romerbriefes sein Amt und das Evangelium 
nicht anders, als es sein Mitapostel Jakobus im 2. Kapitel seines Briefes 
verwaltet hat. 1 ) 

1 ) Eduard Thurneysen hat jiingst eine gemeindetiimliclie Auslegung des 
Jakobusbriefes vorgelegt, die mir erst kiirzlich bei einem Aufenthalt in der Schweiz 
zuganglich wurde. (Eduard Thurneysen, Der Brief des Jakobus, 1941, Reinhardt 
Basel) Mau wird ihm entscbeidende Satze seiner Auslegung mit Dankbarkeit ab- 
nekmen miissen: ,,Der Apostel Paulus stebt binter ibm mit seinem ganzen Romer- 
und Galaterbrief. Kein Wort streicht er ab von dem, was dort zu lesen steht (S. 111). 
,,Unsere Werke, unser Regen und Bewegen in einem neuen, von Gott geschaffenen 
Leben ist das Zeichen dafiir, daB Gottes Heil iiber uns aufgegangen ist, das Zeicben 
dafur, daB wir wahrhaftig in das Licht eines neuen Tages, des Tages Jesu Christi, 
hineinscbreiten. Wir waren nocb in der Nacbt des alten Lebens, wenri wir dieses 
Zeicben, das Zeicben der guten Werke, nicbt bei uns batten" (S. 113). ,,Abraham 
ist durcb seia Werk als Glaubiger gerecbtfertigt worden" (S. 117). Trotzdem muB 
sicb aber dem Exegeten von beute die Frage aufdrangen: warum wird bei Thur- 
neysen grundsatzlich docb nicht Luthers Losung des theologischen Problems 
,,Glaube und Werke", ,,Rechtfertigung und Heiligung" iiberbolt? Warum wird 
Lutbers grundsatzlicb.es Vorbeiseben an der Verkiindigung der Recbtfertigung 
bei Jakobus doch nur in die Bemerkuhg einer ,,unniutigen Stunde" umgedeutet ? 
Nicbt nur die vom Zeugnis der Heiligen Schrift heute gestellte tbeologische Auf- 
gabe, aucb das der Christenheit heute von der ,,Welt" und Weltgeschichte riick- 
sichtslos vor die FiiBe gelegte Problem des ,,Humanum" und der ,,Humanitat u 
lafit sich durch diese Deutung des ,,Sola fide" nicht bewaltigen. Wir iiberlassen 
damit nur die gegenwartig so neu aufgebrochene Idee des ,-,Humanismus" -den 
simplen oder feinsninigen Versuchen, mit oder ohne ,,Religion" sich selbst zu 
rechtfertigen. . Gloria Dei, vivens homo" (Irenaus, Adversus Haereses) wjie 
das ,,sola fide" sich verwirklicht und zu verkiindigen ist, hat die reformatorische 
Ejrche mit einer Antwort ,,ohne Horner und Zahne" heute nicht zuletzt der 
romisch-katholischen Christenheit! darzustellen (vgl. den katholischen Losungs- 
versuch bei Henri de Lubac, Die christliche Idee vom Menschen und das Ringen 
um euien neuen Menschen, Dokumente, Internationale Beitrage zu kulturellen 
wod sozialen Fragen, Heft 1 3, 1948). Sie kann es sich dabei durchaus leisten, 
auch bei Augustmus und augustinischer Schrifterkenntnis ganz neu in die Schule 
zu gehen und von ihm ,,das paradoxe In- und Nebeneinander von gottlichem 
und menschlichem Faktor im Heilsprozefi" zu lernen, von dem Walter von Loewenich 
in sebier Schrift ,,Menschsein und Christsein bei Augustin" (Chr. Kaiser, Miinchen, 
1947) mit Recht bemerkt, daB es ,,dem reformatorisch geschulten Theologen 
fast als bedenklich erscheinen konnte. Jedenfalls liegt in diesem starken anthro- 
pologischen Interesse geradezu der Unterschied zwischen der augustinischen und 
der reformatorischen Gnadenlehre, welch letztere ganz und gar in der Front- 
stellung gegen den Semipelagianismus der spatmittelalterlichen Theologie zu 
sehen ist und in der Entschiedenheit dieses Abwehrkampfes die anthropologischen 
Fragen weniger beriicksichtigt. So geht etwa Luther in seiner gewaltigen Schrift 
gegen Erasmus kaum auf sie ein. Fraglich ist nur, ob man hier bei Augustin 

82 



von" einer letzten Unklarheit oder von einer hoheren Einsicht sprechen muB. 
Entgegen der iiblichen protestantischen Interpretation neigt unsere Darstellung 
zu letzterem" (S. 31). Es wird damit auf dogmatische Weise festgestellt, was 
wir als das Ergebnis unserer Exegese und der bisherigen exegetischen Bemuhungen 
um Jakobus 2 ansehen: die anthropologische Aussage itn ,,sola fide" muB ernster 
und gewichtiger genommen werden, als es in der bisherigen tb.eologiscb.en Be- 
scbreibung und kircblichen Verkiindigung dieses Zentralgebeimnisses christlicher 
Existenz gesehehen ist und geschehen konnte, ohne damit auch nur einen Grad 
von der Strenge des paulinischen und reformatoriscben Dogmas zu weichen: 
Scopedv Tfj auTOu x^pift - sv TO) auTou ai'(iaTi - npbq TTJV evSet^iv T% SixatocuvTj? 
auTOU - el? TO elvat auT6v Sixoaov xal Sixoaouvra TOV ex matevx; 'lyjcrou (Romer 
3, 2426). 

Inzwiscben ist von Paul Altbaus, ,,Die christliche Wahrheit", Lehrbuch der 
Dogmatik, 2. Bd. 1948, ersebienen. Altbaus findet Aussagen zu unserem Thema, 
die den Ring orthodoxer Recbtfertigungstbeologie an einigen Stellen betrachtlich 
zu sprengen scheinen. So kann er von dem ,,bedingenden Zusammenhang, in 
dem Reehtfertigung und Erneuerung mitebiander stehen", sprecben. Gottes 
Rechtfertigungsurteil ,,gescbiebt nicht obne den Blick auf das, was Gott aus 
dem Sunder macben will und wird. Die Recbtfertigung bleibt ein synthetischer 
Akt; die Erneuerung ist keinesfalls zureichender Grund der Reehtfertigung; 
aber die beginnende und kommende Erneuerung gehort in den Zusammenhang, 
in dem allein die Reehtfertigung moglich, obne den sie nicht moglich ist. In diesem 
Sinne kann man sagen, dafi die Erneuerung zu den Bedingungen der Recht- 
fertigung gehort. . . Nicht wir haben Bedingungen zu erfullen, sondern Gott setzt 
sein Rechtfertigen in einen bedingenden Zusammenhang" (2. Bd. S. 449). Diese 
Satze werden dann freilich in voller tjbereinstimmung mit der reformatorischen 
und orthodoxen Schau entfaltet: der neue Gehorsam ist ,,sakramentale" Ver- 
siegelung der empfangenen Reehtfertigung fur den Glaubenden, Halt einer ecbten 
HeilsgewiBheit. ,,N6tig zum Heile" und doch nicht ,,Ursache des Heils", ... 
,,das endliche Heil Tpird uns nicht ohne den Ernst der Hingabe an Gottes Willen 
im Handehi zuteil" (S. 461 f.). Aber ,,in dem Artikel von der Reehtfertigung 
haben die Werke nichts zu suchen". Es kann nicht unausgesprochen bleiben, 
daB diese Satze weniger aussagen, als von der Heiligen Schrift in dieser Sache 

" bezeugt wird. Der stiickhafte neue Gehorsam hat eben nicht nur fur die Heils- 
gewiBheit des Glaubigen, sondern auch fur das Ergehen des gottlichen Urteils, 
daB ihm die totale ,,fremde Gerechtigkeit" des Gekreuzigten und Auferstandenen 
zugeeignet sei also fur das Rechtfertigungsurteil! , konstitutive Bedeutung; 
ja, jenes ware nicht moglich, wenn dieses nicht gelten wurde! Weil Gott nur 
so gerecht spricht, indem er den Gehorsam des Glaubenden fordert und schenkt, 
darum geschieht's, daB der Gehorsame semes Glaubens und seiner Reeht- 
fertigung gewiB werden darf. Das Werk des Glaubens wurde uns nichts auf Erden 
fur unsere Rettung bedeuten, wenn es nicht zuerst dem rettenden Gott im Himmel 
bei unserer Rettung etwas bedeutete. Darum gehort der 66 von der Bedeutung 
des Lebens im Glauben" auch in den 61 von der ,,Rechtfertigung", BO wahr 
Jakobus 2 zu Romer 3 gehort und umgekehrt. 



83 



Zweiter Teil 

Das Problem 



Es ist nach der vorangehenden Auslegung von Jak. 2 die Frage zu 
stellen: ist das Problem der Auslegung dieses Schriftzeugnisses ledig- 
lich ein katholisches oder evangelisches Lehrproblem oder ist es eine 
von Gott der Kirche vorgelegte Streitfrage, die nicht auf eine theologische 
rational darstellbare Losung, sondern auf eine Glaubensantwort 
hinaus will, die sich nur durch zwei einander widersprechende theo- 
logische Satze ,,bezeichnen", aber eben nicht ,,fassen" laBt ? Die 
Kirche wiirde dann mit dem Problem der gottlichen Rechtfertigung 
(ohne sich zum Agnostizismus zu bekennen oder sich des Mangels an 
theologischer Griindlichkeit schuldig zu machen) an den gleichen Stand- 
ort der Demut verwiesen wie mit dem Problem der Zweinaturenlehre 
oder des Heiligen Abendmahls. 



1. Spannungseinheit im Zeugnis der Schrift und in der 
Theologie der alten Kirche 

Die Frage, ob, inwieweit und inwiefern Gott in seinem rechtfertigen- 
den Urteil iiber den Menschen das, was er tut, sein gnadiges Handehi 
und das, was der Mensch tut, sein verantwortliches Wirken in An- 
schlag bringt, ist so alt wie die Kirche Jesu Christi, ja, wie das Volk des 
Alten Bundes. Mcht in der Form der Fragestellung des sechzehnten 
Jahrhunderts, aber als die Bezeugung, Anerkennung und Bestreitung 
der logischen Antinomie, daB dem rechten Handehi des Menschen neben 
dem rechten Handehi Gottes an ihm eine entscheidende Bedeutung fur 
sein zeitliches und ewiges Schicksal und fiir die Verwirklichung seines 
eigentlich menschlichen Wesens zukomme. Schon der alttestamentliche 
Kanon enthalt das Problem in dem oft unvermittelten Nebenein- 
ander von , 3 prophetischer t und ,,priesterlicher" Verkiindigung. Leviticus, 

85 



Deuteronomium, eine ganze Reihe von Psalmen (vgl. 1. 15. 18. 119), 
Spruche Salomonis, aber auch Amos und Micha, Esra, Nehemia, Jesus 
Sirach erkennen dem menschlichen Handeln und Verhalten eine Be- 
deutung und Entscheidung zu, die auf logisehem und philosophis'chem 
Wege nicht mit der prophetischen Verkiindigung zu einem einheitlichen 
System zu verbinden 1st. Dieselbe Beobachtung machen wir an den 
Lehr- und Lebenszeugnissen der Urchristenheit im Neuen Testament. 
Matthaus, Johannes (Apokalypse, Brief e, aber auch das Evangelium), 
Judas und Petrus (im 1. Petrusbrief), ganze Kapitel der Paulusbriefe, 
das Thema des Apostelkonzils, Jakobus stellen dem unbefangenen Leser 
eine Denkaufgabe, die er wohl in ein dogmatisches System verwandeln, 
jedoch nicht losen kann. Schon der Streit um die kanonische Geltung 
der zwei Johannesbriefe, der Johannesapokalypse und des Jakobus- 
briefes weist auf diese Not, das Urteil der Kirche entscheidet sich fiir 
das schlichte Miteinander und Nebeneinander der Gegensatze im heuti- 
gen neutestamentlichen Kanon. 

Die apostolischen Vater (Pastor Hermae, Ignatius, Clemens Ro- 
manus) schliefien sich mit ihrem theologischen und seelsorgerlichen 
Denken jener Entscheidung der Kirche an. Unverkiirzt und durch keine 
Dialektik oder Rhetorik aufgehoben, lassen sie wie die Dokumente 
des apostolischen Zeitalters die Antinomien nebeneinander stehen. 
Der Mensch wird ,,Gott-recht" allein aus der Gnade Jesu Christi, die dem 
Glaubenden zugeeignet wird; dem entspricht aber das Korrelativ der 
,,Gott-rechten" Verfassung des Glaubenden, der durch Liebe Gott recht 
wird. ,,Beides," sagt Ignatius (Eph. 14, 1), 5J in Einheit werdend ist 
Gott." Die Gruppe der Nazaraer, in der man den Standpunkt der ersten 
judenchristlichen Gemeinde hi Jerusalem wiedererkennen darf, unter- 
streicht mit ihrer Annahme der Paulusverkiindigung zu einem hebra- 
ischen Matthaus-Evangelium und mit der betonten Forderung, das 
Gesetz zu halten, den gleichen Sachverhalt. Mit Marcion tritt der erste 
Versuch in der Kirche auf, jene urchristliche Antinomic aufzulosen. 
Paulus wird zum Gegner der alteren Apostel, das Gesetz zum Wider- 
sacher des Evangeliums, der marcionitisch-paulmische Kanon zum Wort 
Gottes, zum Evangelium der Kirche Christi erklart. Die Kirche hat 
diesem Versuch entschlossen widerstanden. Als Ertrag dieses Wider- 
standes fixieren die latemische und die griechische Kirche Ende des 
dritten Jahrhunderts den neutestamentlichen Kanon der Kirche, der 
Jakobus, die Johannesapokalypse und die Johannesbriefe, aber eben 
auch das Matthaus-Evangelium als apostolische Richtschnur der Ver- 

86 



kiindigung tind des Wandels einschlieBt, und erklaren damit den Versuch 
einer sogenannten ,,paulinischen" Rechtfertigungslehre als Beschreibung 
des Evangeliums fur widerchristlich. 

Die Theologie des Westens und des Ostens behandelt das Problem 
traditionell in den Bahnen der apostolischen Vater, ohne es dogmatisch 
zu durchdringen; denn im Mittelpunkt der theologischen Reflexion 
stehen in diesen Jahrhunderten zunachst die groBen ,,objektiven" 
Themen der Offenbarung und der Gnade: das Trinitatsgeheinmis, das 
Christusgeheimnis, das Geheimnis der Kirche und ihrer Gnadenmittel, 
deren Lpsung die providentielle Vorbereitung aller um den Rechtferti- 
gungskomplex kreisenden Fragen der kommenden Kirchengeschichte, 
aber auch ihre ,,L6sung" ist, ein theologisches Denk- und Lebens- 
gesetz der Kirche! Alle ,,neuen" Probleme der Theologie und des christ- 
lichen Lebens sind Entf altung der alten Wahrheit und nur im Zusammen- 
hang mit den vorangehenden Entfaltungen sachgemaB zu ,,entf alten". 

Bei Origenes und Tertullian finden wir den Beginn emer ,,nova 
vita" als Bedingung der Rechtfertigung des Glaubenden durch Gottes 
Gnadenhandeln. Der aus der Heiligen Schrift gewonnene Begriff des 
meritum wird jetzt entwickelt. Ganz unbekiimmert heifit es bei Cyprian 
iiber die Seligkeit des Menschen, sie sei ,,eine Sache, die in die Macht des 
Handehiden gelegt sei, eine Sache ebenso schwer wie leicht" (De op. et 
eleom. 26). 

Augustinus erhalt im Kampfe gegen Pelagius die Aufgabe zuge- 
wiesen, die altkirchliche Antinomie gottlicher Gnade und menschlicher 
Verantwortung theologisch zu durchdenken und gegen haretischen MiB- 
brauch zu sichern. Er hatte wie spater Luther auch eine hochst 
personliche und geschichtliche Erfahrung in dieser Sache. Freilich ist 
des Reformators Problematik nicht Augustuis Problematik. Es ist nicht 
angangig, seine Antworten einfach fiir das sechzehnte Jahrhundert zu 
iibernehmen, wie umgekehrt Luthersche Antworten nicht notwendig bei 
Augustin zu suchen, zu finden oder zu vermissen sind. Dazu sind die 
Situationen der Anfechtung, die Verantwortung des Leibes Christi, die 
Stadien des ,,laufenden" Evangeliums durch die Welt- und Geistes- 
geschichte zu verschieden. Aber das darf man wohl sagen, daB Augusthius 
das Vergangene bestatigt und der Kirche die zukiinftige Bewaltigung 
auch der reformatorischen Probleme vorgezeichnet hat, in dem Sinne, 
ihr die Bahnen zu zeigen, in denen ihre neuen, ,,modernen" Antworten 
werden verlaufen miissen, wenn sie dem Gott und dem Menschen der 
Heiligen Schrift dienen will. Es ist bekannt, daB auch Luther diese 

: - ' 87 



Meiming seiner Zeit vertreten hat. Ob es wohl getan war von ihm, 
Augustins Bahnen fiir weite Strecken seiner Antworten auf die Frage der 
Rechtfertigung in der Kirche des sechzertnten Jahrhunderts dann doch 
zu verlassen ? Wir werden uns der Frage am Ende unserer Untersuchung 
erinnern. 

Nach Augustinus wird der Sunder Gott recht, weil er ,,in Christo" 
Glauben hat, der sich abkehrt von dem Ich des Sunders, den geopferten 
und lebendigen Christus sich zu eigen macht und so in seiner konkreten 
geschichtlichen Situation, sich richtend und Gott liebend (zugleich mit 
dem Nachsten!), den Willen Gottes tut. Indem der Mensch so glaubt 
und handelt, rechtfertigt ihn Gott, d. h. Gott schenkt ihm ErlaB der 
Schuld um Christi willen und das neue Leben des Menschen vor Gott 
,,in Christo". Die Klammer, die Gottes Rechtfertigungshandeln und das 
rechte Verhalten des Glaubenden umspannt, ist die Gnade Jesu Christi. 
,,In Christo" tun wir Gott recht und rechtfertigt uns Gott ,,propter 
Christum". Immer wieder entfaltet Augustin diese Rechtfertigungslehre 
aus dem Apostelwort Gal. 5, 6: ,,In Christo Jesu valet fides, quae per 
dilectionem operatur." Auch der bereits - vorgefundene Begriff des 
,,meritum" wird verwandt: die Verdienste des Gerechtfertigten und die 
Kronung mit dem ewigen Leben sind Verdienst des Herrn und Krqming 
der Gnadengeschenke Gottes. 1 ) Diese ,,rectitudo" des ,,iri-(ibrjsto" unJT 
,,propter Christum" Glaubenden und ,,Gott-gerechten" i^gAugustrn 
entschieden gegen jene ,,humana benevolentia" in derllircirenbehauptet, 
die im Widerspruch zu Paulus und seinem ,,Mitapostel Jakobus" einem 
auf Christus Vertrauenden, aber in seinen Siinden Beharrenden die gott- 
liche Rechtfertigung zuerkennt. Paulus und Jakobus geben Zeugnis von 
einer Rechtfertigung, die nicht durch einen Glauben ohne Werke 
moglich ist. Wer das bestreitet, bezichtigt beide Apostel der Luge. Aber 
die apostolischen j,manifestissima et apertissima testimonia" des Paulus 
und Jakobus konnen nicht falsch sein (Enchir. 18, 67 f.). 



J ) ,,Intelligenduin est igitur etiam ipsa hominis bona merita esse del munera, 
quibus cum vita aeterna redditur, quid nisi gratia pro gratia redditur ?" (Enchird. 
28. 107). ,,O si cognoscant se homines homines, et qui glo iatur, in Domino glorie- 
tur!" (Conf. lib. 9, 34). ,,Non enim quisquam praeter istam fidem, quae est in 
Christo Jesu, reconciliatus est" (Ennarrat. in Ps. 104, 10). Vgl. auch dazu: ,,Gott 
lohnt im Menschen seine eigenen Werke, die Werke, die in ikm ihren Ursprung 
haben" (H. Graffmann, Das Gerichtn. d. Werken im Matthaus-Evangelium, Theol. 
Aufsatze f. Karl Barth, S. 132). 

88 



2. Theologischer Stillstand im mittelalterlidien Denken 

Den GrundriB dieser Augustinisclien Verkniipfung von Gottes 
Werk und dem verantwortlichen Verhalten des Menschen vor Gott im 
Wunder der Christusgnade des Leibes Christ! haben Friihscholastik, 
mittelalterliche Theologie und Frommigkeit beibehalten. Mit, in und 
unter dem Tun Gottes handelt der Mensch der gnadigen Erwahlung, 
so ist er Gott recht, empfangt Gottes Jawort und die Gaben der Kind- 
schaft. JSTicht die Hohe und Tiefe der Konzeptionen Augustins wurden 
bewahrt. Wann ist je die Kirche als Ganzes die Hohenwege ihrer Vater 
und Lehrer gegangen ? Es "bleibt iiberhaupt vorlaufig bei der ,,privaten" 
Losung des Problems im Augustinischen Denken. Ein Verktindigung, 
Seelsorge und Leben normierendes Dogma der Kirche, welche Be- 
ziehung zwischen Gottes Handeln und menschlichem Verhalten in der 
jjRechtfertigung" des Menschen bestehe und wie sie zu denken sei, gibt 
es noch picht. Man orientiert sich, individuell auswahlend, an den 
,,Sentenzen" der Kirchenvater und Kirchenlehrer zu den einzelnen Loci 
der Heiligen Schrift. Die durchschnittliche Haltung christlichen Lebens 
und kirchlicher Frommigkeit freilich immer wieder korrigiert und 
aktiviert durch den stellvertretenden Dienst der Orden und Heiligen! 
"ist auf die Formel zu bringen : der Wille Gottes in Gesetz und Evangelium 
ist der frjapme Mensch des Glaubens und der Liebe. Er allein hat die 
VerheiBung^dieses und des zukiinftigen Lebens. Im SchoBe der heiligen 
Kirche wird dieser Menseh geschaffen, erzogen und erhalten. So har- 
moniscE und ,,mechanisch" hier das Verhaltnis von gottlichem Gnaden- 
handeln und menschlicher Verantwortung gegeneinander ausgewogen 
erscheint bis zur Verflachung einer ,,Do ut des"-Beziehung in der Volks- 
frommigkeit, das BewuBtsein einer ,,auBerordentlichen" Gnaden- 
berufung zum frommen Werk durch den frommen Gott s im Dieriste 
seines Reiches und mit dem Ziel der visio beatifica seiner Heiligen und 
Auserwahlten, geht der Christenheit doch nie verloren. Dafiir ist ebenso 
die stete Liturgie des Gottesdienstes z. B. die regelmaBige conclusio 
eines Gebetes zu Gott Vater ,,per Dominum nostrum Jesum Christum 
Filium tuum: Qui tecum vivit et regnat in unitate Spiritus Sancti Deus: 
per omnia saecula saeculorum" wie der spekulative Versuch der 
Anselmschen Satisfaktionslehre, das Geheimnis der Inkarnation und 
die GewiBheit des Glaubenden vor Gott zu begrtinden, zwingender Be- 
weis, wobei gut zu wissen ist, daB der groBe Kirchenlehrer und Augu- 
stin war darin sein Vorbild seine Dogmatik in steter kontemplativer 

89 



Hingabe an den dreieinigen Gott und in seelsorgerlicher Bemiihung um die 
HeilsgewiBheit der Seelen getrieben hat. 1 ) Die Hochscholastik fiihrt die 
Denkarbeit Augustins und Anselms zu unserem Thema fort, Bonaventura 
in biblizistischer Konzentration, Thomas von Aquino mit dem erst- 
maligen Bemiihen, das zusammenhanglos nebeneinanderstehende Ge- 
fiige der Vatersentenzen mittels der neu entdeckten aristotelischen 
Philosophic in ein Denksystem zu fassen. Die Liebe des Ewigen, die 
sich als gottformiges Handeln, als das Tun des Ewigen fur Gott und 
Menschen darstellt beiBonaventura; derMensch als die causa secunda, 
die von Gott, der causa prima, in Bewegung gesetzte Eigenbewegung 
der menschlichen Geistesseele in Richtung auf ihren Endzweck Gott 
bei Thomas: es ist und will sein die Fortsetzung der Augustinischen 
Schau des Menschen vor Gott : der recht Handelnde empfangt Gnade 
der Begnadete handelt recht. Die Unterscheidung von ,,meritum ex 
condigno", das Christus allein hat und gibt, und ,,meritum ex congruo", 
das der in. Christus Gerechtfertigte bringen darf, ist bei dem Aquinaten 
durchaus noch keine 3 ,Spielerei", sondern der demiitige Versuch, jene 
logische Anthiomie, die von der Heiligen Schrift und Lehre und Frommig- 
keit der alten Kirche durchgehend bezeugt wird daB Gottes Gnaden- 
handeln des Menschen Verantwortung nicht aufhebt, vielmehr fordert 
und schafft! in philosophischen Kategorien darzustellen. Wer das 
bestreitet, hat Thomas nie gelesen oder nicht verstanden. 2 ) 



*) ,,Nempe quid misericordius intelligi valet, quam cum peccatori tonnentis 
aetemis damnato et unde se redimat non babenti Deus pater dicit: accipe Uni- 
genitum meum et da pro te; et ipse Filius: tolle me et redime te" (Cur deus homo, 
2, 20). Dazu aus dem Gespracb eines Sterbenden mit Gott, den Anselm berat: 
,,Und wenn er sagt, daB du ein Sunder bist, so sprich: Herr, ich stelle den Tod 
unseres Herrn Jesu Christi zwischen dicb und meine Siinde. Und wenn er dir sagt, 
du habest die Verdammnis verdient, so antworte: Ich setze den Tod unseres Herrn 
Jesu Christi zwiscben dich und meine bosen ,Verdienste' und erklare sein Verdienst 
fiir das meine, das icb baben sollte und nicbt babe" (Nacb Cbemnitz, Loci tbeologici, 
H, 227). 

2 ) ,,Es kann nur ein Verdienst des Menschen bei Gott gemafi der Voraus- 
setzung einer gottlichen Anordnung geben, d. h. dergestalt, daB der Mensch durch 
seine Werktatigkeit das gewissermaBen als Lohn gewinnt, wozu ibm Gott des 
Wirkens Kraft zugeteilt hat" (Summa tbeol. Prima Secundae, 114. Untersuchung, 
l.Art.). 

90 



3. Der Ruf des Evangeliums nach personaler Existeriz 

Noch hat freilich bei ihm die Frage nicht die Gestalt angenoinmen, 
wie wir sie seit der Reformation als ,,moderne" Menschen kennen. Aber 
sie meldet sich an in der mittelalterliehen Kirche, Theologie, Frommig- 
keit, Kunst, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, als die Frage nach 
dem Subjekt ,,Mensch", nach dem individuellen Geist, nach der per- 
sonlichen Erf ahrung, nach der menschlichen yerantwortung. Der 
deutsche Geist mag zur Stellung dieser Frage besonders pradestiniert 
sein. Aber das Problem ist nicht deutsch, auch nicht allein zeit- und 
geistesgeschichtlich motiviert. Es ist JEntfaltung des Evangeliums in 
einem neuen, bisher noch ungewandelt verbliebenen Sektor allgemein- 
menschlichen Denkens und Erlebens, der nun auch um seine christliche 
und wahrhaft menschliche Erlosung und Verwandlung zu ringen hat. 
Die objektive Gabe des Evangeliums, die Gegenwart des Sohnes und des 
Heih'gen Geistes in der Heilsordnung seiner Kirche, die Sammlung seines 
Volkes unter alien Volkern des Abendlandes das alles wurde bis jetzt 
geschichtliches Ereignis in der Geschichte der Kirche, der Theologie 
und der Frommigkeit drangt mit gottlicher Zielstrebigkeit zur Er- 
losung und Formung des einzelnen Ich. Die Gnade verlangt nach der 
Person und die Person verlangt nach der Gnade! Wie findet Gott semen 
Ort in rnir und wie finde ich meinen Ort in ihm ? Es ist die Frage nach 
der Selbst- und nach der Gottes- GewiBheit des christlichen Men- 
schen, weiterhin nach der personalen Verwirklichung dessen, wozu ihn 
Gott in seinem objektiven Heilshandeln gemacht hat und machen will. 
Der Mensch ,,ist" nicht, wie ein Stem ,,ist". Der Mensch als Mensch 
,,ist" nur, wenn er erkennen, wollen, begehren, tun, also sein will, 
was er ist. Das Erwachen, das Zu-sich-selbst-kommen des Begnadeten, 
so wie auf dem Gemalde Michelangelos (selbst ein riesiges Symbol der 
beginnenden Neuzeit!) Adam, beruhrt vom Finger Gottes, zu ,,sich 
selbst kommt" und sich erhebt als Gestalt der Schonheit und Kraft 
das ist -die gewaltige geistige Bewegung, die nun unaufhaltsam in Mystik, 
Humanismus und Renaissance, geboren im SchoBe der Kirche, genahrt 
von den ewigen Kraften in Gottes Wort und den heiligen Sakramenten 
durch Zeiten und Menschen geht. Es wird das Schicksal des Abendlandes 
bedeuten, ob diese Bewegung den Menschen nur noch tiefer und liebe- 
voller in den SchoB des dreieinigen Gottes bettet oder in den diabolischen 
Strudel der Selbst vergotterung und Gotteslasterung hineinzieht. Hier 
beginnt das Zeitalter der ,,abendlandischen Entscheidung" ! Und man 

91 



entscheidet sich in den ersten Anfangen des Durchdenkens und Durch- 
leidens transzendentalen Personalismus' und gottlichen Aktivisnms' des 
Einzelnen nicht anders, als es in der Linie altchristlichen und biblischen 
Denkens liegt: ob nun der Kiinstler Michelangelo Buonarroti in Beten 
und Fasten sich der rettenden und heilenden Barmherzigkeit des Ge- 
kreuzigten in die Arme wirft und als ihr Gefangener seine Sibyllen und 
Propheten in der Sixtinischen Kapelle schafft, jene demiitigen und nach- 
denkenden, bewegten und bewegenden, schopferischen und fuhrenden 
Gestalten erlosten und geheiligten Menschentums ; oder ob der heilige 
Abt Bernhard von Clairvaux der Verwirklicher kontemplativen 
Lebens und demiitigen Sichgeniigenlassens an der Liebe Gottes, aber 
zugleich der ungekronte Herrscher iiber Papste, Konige und Volker 
predigt: ,,Es ist not und du muBt erst glauben, daB du Vergebung der 
Siinde nicht haben konntest denn allein durch Gottes Gnade, und danach, 
daB du auch sonst hernach keine guten Werke haben und tun konntest, 
wenn Gott dir's nicht gibt, endlich, daB du das ewige Leben mit keinen 
Werken verdienen kannst, wenn dir dasselbige auch nicht ohne Ver- 
dienst gegeben wird" (Sermo in annunt. b. Mariae, 1, 2. MSL 183) 
es ist die alte und ewige Antinomic, an der sie leiden, aber nicht zer- 
brechen, die sie ertragen, aber nicht auflosen. 



4. Verlust der urchristlichen Spannungseinheit in der 
spatmittelalterlichen Kirche 

Doch die Auflosung bereitet sich vor, und wird damit ,,confusione 
hominum et providentia Dei" zur Vorbereitung undjSchopfung des 
Problems der Reformation und der Neuzeit. Die Klammer namlich, die 
das Gnadenhandeln Gottes und das verantwortliche Wirken des Men- 
schen im Ereignis der Rechtfertigung zusammenhielt, das ,,Christus 
extra nos", ,,in nobis", ,,propter Christum" und ,,in Christo" des Paulus, 
des Augustin, des Anselm von Canterbury und des Thomas droht zu zer- 
brechen: jenes augustinische Gebet, daB der Mensch sich als Mensch er- 
kennen und allein in Christo sich als Gerechtfertigter riihmen mochte," 
beginnt iiberhort zu werden. Die Tragik der Entwicklung sofern wir 
die gottliche Fiihrung nach ihrer menschlich-historischen Seite einmal 
so bezeichnen diirfen besteht in dem Zusammenfallen der Frage nach 
dem Subjekt und der Person des Menschen im Heilsvorgang mit der 

92 



Herrschaft des Nominalismus und des aristotelischen Formalismus im 
spaten Mittelalter. Seit Duns Scotus, Occam und Biel tritt an die Stelle 
der realistischen Einheit von Gott und Mensch im glaubigen Umgang 
kirchlicher Verkiindigung und Sakramentsfrommigkeit eine Diastase 
von Gott und Mensch und eine Herrschaft des Begriffs, die eine Steige- 
rung und Uberschatzung der menschlichen Krafte sowie ein Gegeniiber 

* 

von Gott und Mensch erzeugt, das auf die Botschaft, die Kirche und den 
Menschen selbst zerstorend wirken muB, um so mehr, als die Forderung 
des Zeitgeistes im Spatmittelalter auf Geltung und Durchsetzung des 
Subjektiven und Individuellen solche Betonung begiinstigen muBte. 
Das Subjekt des naturlichen ,und des begnadeten Menschen, dem,dp.ch 
sein Subjektsein allein als Anteil an Gott in der Gemeinschaft des Leibes 
Christi zu eigen wird, verselbstandigt sich nun derart, daB sein Umgang 
mit Gott zwangslaufig den Charakter des Handels (,,Jahrmarkt" wird 
es Luther nennen!), der Umgang Gottes mit ihm aber den Charakter 
des ,,verborgenen Gottes" und des Richters annehmen muB. D. h. aber: 
christliches Glauben und Handehi muB ein Hin und Her zwischen Hoch- 
mut und Zweifel, zwischen Vergotzung und Verachtung der Kirche, 
zwischen Heuchelei und Angst sein. An dem Miteinander von Gottes 
Tun und Menschen-Tun andert sich nichts. Aber die ehemals als Offen- 
barung des mit seinem Volke vereinten Christus gedachte und gelebte 
Antinomic muBte mit dem Augenblick widerchristlich, gottlos, anmaBend 
und unwahr werden, da sie nicht mehr der Erfahrung des ganz fur Gottes 
Willen verschlossenen Sunders und des allein in der Christusgemeinschaft 
wiedergewonnenen Gottes entsprang. Es hieBe den historischen Sach- 
verhalt verfehlen, wenn behauptet wiirde, das kirchh'che Dogma habe 
jemals eine Lehre vertreten, die jener spatmittelalterlichen, der Christus- 
Umklammerung entglittenen Prommigkeitshaltung entsprochen hat. 
Aber das muB freilich gesagt werden: das durchschnittliche Denken 
und Handeln war von einer Gottes- Anschauung und einem Menschen- 
bild bestimmt, das die traditionelle Christus-Klammer um Gottes Werk 
und christliches Wirken sprengte und damit auch den Inhalt der Klam- 
mer, namlich die bisherige Form der christlichen Existenz des abend- 
landischen Menschen, aufloste. Die Tats ache dieser Auflosung tritt 
in den religiosen, sozialen und politischen Zustanden des beginnenden 
sechzehnten Jahrhunderts zutage: die weithin unterchristliche Gottes- 
beziehung von Priestern und Laien, die Ehrfurchtlosigkeit im kirchlichen 
Leben, der Mangel an geheiligtem Christenwandel im kirchlichen Volk 
und in den Orden, der Mechanismus der religiosen Praxis bis in das 

93 



Heiligtum hiriein, die sozialen Mifistande inmitten der christlichen Ge- 
sellschaft und Staaten, der weit verbreitete Zweifel an der Wahrhaftig- 
keit und Giiltigkeit der gelebten kirchlichen und christlichen Existenz. 
1520 kann Luther schreiben : ,jWir finden ihrer viele, die da beten, fasten, 
stiften, dies und das tun, ein gut Leben fiihren vor den Menschen, welche, 
so du fragst, ob sie auch gewiB seien, daB es Gott wohlgefalle, was sie 
also tun, sprechen sie : Nein. Sie wissens nicht oder zweifeln daran. Dar- 
iiber sind auch der groben Gelehrten etliche, die sie verfiihren und sagen, 
es sei nicht not des gewiB zu sein : die doch sonst nichts anderes tun denn 
gute Werke lehren . . . Es sind viele dariiber toll geworden und vor 
Angst in alien Jammer gekommen" (W.A. 6, 205. 208). Die Christenheit 
schreit naclr einer Neubegrundung ihrer fragwiirdig gewordenen christ- 
lichen Existenz, nach der Wiedergewimmng des Wurzelbodens, aus dem 
gottliche Wiirde und menschliche Verantwortung eines kathoUschen 
Christen gewachsen waren. Aber dieser Ruf nach der Reformation der 
Kirche an Haupt und Gliedern ergeht in der Gestalt einer ganz neiien, 
der Kirche und Menschheit von Gott aufgegebenen Selbstbeshinung, 
auf die wie wir zu zeigen versuchten die Geistesgeschichte der 
Kirche und die Verkiindigung des Evangeliums seit Jahrhunderten in 
geheimnisvoller Vermischung von gottlichen und menschlichen Kraften, 
von Segen und Much hinbewegt wurde. Es ist die gottgewirkte Selbst- 
besinnung des corpus mysticum Christi: wie wird der Mensch der Gnade 
Christi, seiner selbst und Gottes gewiB als Mensch vor Gott und hi Gott 
und kommt somit Gott zu seinem Recht in ihm und der Mensch zu 
sein ein Recht in Gott ? Ware die Zeit der Reformation nur eine Stunde 
der Erneuerung der Kirche und des Christentums gewesen wie es 
ofter solche Stunden in der Geschichte der Kirche gegeben hat und geben 
wird , bestiinde kein AnlaB, sich ihrer mehr als mit Ehrfurcht und 
Dankbarkeit gegeniiber vergangenen Wohltaten Gottes im Leben der 
Kirche zu erinnern. Weil sie aber der Beginn der gottlichen Stunde ist, 
in der der Christenheit auf Erden und durch sie der ganzen Mensch- 
heit! die Frage gestellt und beantwortet werden soil, was es um den 
wahren Menschen vor Gott und in Gott sei, damit aber der 
Christenheit und der ganzen Menschheit durch sie! in neuer und 
weit vollkommenerer Weise denn bisher das ewige Evangelium Gottes 
geoffenbart werden soil, darum ist das Verstandnis der Reformation 
und das Horchen auf ihre Stunde das Kriterium fur die Kirche, ob. sie 
Dienerin ihres Hauptes und der nach Heiligung und Weisung rufenden 
Menschheit ist. Denn von welcher Frage wird der Christus Gottes und 

94 



die ganze Menschheit auch wenn sie es anders ausdriickt! mehr 
bewegt denn von dieser: Was 1st es um den wahren Menschen vor Gott 
und in Gott ? 



5. Der reformatorische Auftrag : Riickkehr und Fortschritt 

Als Werkzeug fur den Dienst einer Neubegriindung der christlichen, 
katholischen Existenz des Menschen und fiir den Ausruf des; Neuen 
im Evangelium nicht eines neuen Evangeliums! , wofiir die Zeit 
nunmehr erfullt ist im weltgeschichtlichen Plan Gottes, wird Martin 
Luther berufen. Es ist nunmehr zu fragen, ob er diesen Dienst an der 
Kirche und Menschheit dem Evangelium gemaB vollzogen hat, wie es 
die Heilige Schrift bezeugt und die Kirche in Lehre und Leben auf- 
genommen hat. Bemiihen wir uns, den ,,Sehakt" Luthers im sechzehnten 
Jahrhundert und in der Kirche des Spatmittelalters zu gewinnen, der 
uns des Reformators Auftrag und Grenzen zu erkennen gibt, um die er 
selbst sehr wohl wuBte, wenn er etwa ,,nicht eben wiinschte, daB meine 
Biicher langer als dieses Jahrhundert hindurch, dem sie ge- 
dient haben, dauern mogen" .(Annotationes in aliquot capita 
Matthei, 1538). , 3 Haec causa est, quare meos libros non cupiam ultra 
hoc seculum, cui servierunt, extare. Deus dabit aliis secuHs suos ope- 
rarios sicuti fecit semper" (W. A. 38, 448). 

Im Sermon von den guten Werken lesen wir: ,,Hiitet euch vor den 
falschen Propheten . . . das sind alle, die durch viele gute Werke (wie 
sie sagen) Gott sich wohlgefaUig machen wollen, und Gott seme Huld 
gleich abkaufen, als ware er einTrodler und Tagelohner, der seine 
Gnade und Huld nicht umsonst geben wollte, das smd die verkehrtesten 
Menschen auf Erden. Zweifeln wir aber daran oder haltens nicht 
dafiir, dafi Gott uns hold sei, an uns Gefallen habe, oder vermessen 
uns allererst durch und nach den Werken ihm zu gef alien, so ist's 
lauter Triigerei, auswendig Gott geehrt, uiwendig sich selbst als einen 
Abgott gesetzt . . . unter tausend nicht einer ist, der nicht sein Trauen 
darein (m die Werke) setzt, vermemt dadurch Gottes Huld zu er- 
langen und seiner Gnade zuvorzukommen, einen Jahrmarkt daraus 
zu machen, welches Gott nicht leiden kann, der seine Huld umsonst 
versprochen hat, will, daB man an derselben anhebe durch eine 
Zuversicht und in derselben alle Werke vollbringe, wie sie genannt 
sind" (W. A. 6, 210f.). In diesem Ausschnitt sind alle Probleme der Zeit 

95 



und die Losung, die Luther fur sie zu geben hat, enthalten. 1. Man will 
ein Mensch Gottes sein. 2. Man will seiner selbst als Mensch Gottes ge- 
wiB sein. 3. Man will Gottes Gnade und Wohlgefallen. 4. Man bemiiht 
sich um diese SelbstgewiBheit als Mensch Gottes und der Gnade durch 
die Verrichtung der 33 guten Werke" des Kirchenchristen. 5. So wird der 
Umgang mit Gott ein Geschaft zwischen Gott und Mensch, eine Laste- 
rung, der Heiligkeit und der Liebe Gottes in der Gnade des Christus. 
6. Man wird vermessen oder verzweifelt. 7. Man lebt in einer Illusion 
der Gottes- und SelbstgewiBheit oder im Verzicht darauf. 8. Das ist 
der ,,verkehrte Mensch". 1 ) Die Kritik an diesem ,,verkehrten Menschen" 
faBt Luther in der einen Feststellung zusammen: die 33 Umklammerung" 
des denkenden und handelnden Menschen durch den gekreuzigten und 
auferstandenen Christus fehlt seinen Zeitgenossen. Darum der 
lasternde Trodelhandel mit Gott im 3 ,frommen Werk", darum das Leben 
in der Illusion der Gottes- und SelbstgewiBheit oder der Verzicht auf sie, 
darum die Verwandlung alles dessen, was bisher christliche Pflicht, 
Sitte, Wiirde und Nutzen des Menschen war, in unwahrhaftigen und 
nutzlosen 33 Betrieb". Luther zitiert iiber diesem ,,verkehrten Menschen" 
seiner Zeit Sap. Salom. 5, 6 : ,,Sie haben Gottes Weg nicht erkannt, und 
die Sonne der Gerechtigkeit ist uns nicht aufgegangen" (W.A. 6, 208). 2 ) 
Fur diese Wunde gibt es nur eine Salbe: die Neugriindung der christ- 
lichen Existenz in der Person des gekreuzigten, auferstandenen und zur 
Kechten Gottes regierenden neuschaffenden Christus. ,,An seiner Huld 
anheben" nennt es Luther. Denn allein in der Christus-Umhiillung 
unseres Leibes und unserer Seele wird der Mensch Gottes als seines Vaters 
und Herrn, aber auch seiner selbst als Mensch und als Person gewiB, 
die weiB, was er will und nicht will; was er kann und was er nicht kann; 
wozu er da ist und wo er hin geht. Denn 35 in Christo" und , 3 propter 
Christum" werden ihm alle Wunden geheilt, die ihn nicht zur Gottes- 
und SelbstgewiBheit kommen lassen, die die Zierde des wahren Menschen 
nach Gottes Bilde ist, die Wunden der Schuld, der Siinde, des Todes, 
der religiosen und sittlichen Ohnmacht, des Mitmenschen, des sozialen 
Unrechts, des Ratsels der Weltgeschichte. ,,Siehe, also muBt du Christum 
in dich bilden und sehen, wie in ihm Gott seme Barmherzigkeit dir vor- 

x ) Vgl. dazu die iibereinstimmende Fragestellung in Art. IV und XX der 
Confessio Augustana Invariata. 

2 ) Vgl. C. A. XX : ,,Wer nun meinet, solches (,,mit Gott versohnen und Gnade 
erwerben . . .") durch Werke auszurichten und Gnade zu verdienen, der verachtet 
Christum und suchet einen eigenen Weg zu Gott wider das Evangelium." 

96 



halt und anbietet ohne alle deine vorkommenden Verdienste und aus 
solchem Bild seiner Gnaden sehopfen den Glauben und Zuversicht der 
Vergebung aller deiner Sunden. Darum hebt der Glauben nicht an den 
Werken an, sie machen ihn auch nicht, sondern er muB aus dem Blut, 
Wunden und Sterben Christ! quellen und flieBen . . ." (W.A. 6, 216). 
Durch diese Predigt und Seelsorge gewinnt Luther der Christenheit 
das biblische und katholische Geheimnis christlichen Lebens aus der 
Wahrheit zuriick und schenkt ihr ganz neu die echte, weil gottliche 
'' Moglichkeit des Menschen, einsam und verantwortlich vor der Majestat 
Gottes stehend Gottes, seiner selbst, der Kirche und der ganzen Welt 
froh und gewiB zu werden. ,,Weil ich Gottes Wort habe, so habe ich 
Christum bei mir samt alien lieben Engeln und alien Heiligen von Anf ang 
der Welt" (Wochenpredigten iiber Matth. 5 7 15301532, W.A. 32, 
500 ff.). ,,Durch Christum wird alles im Herzen siiBe und bringet zum 
Leben und ewigen Freuden." Aber mit dieser Auskunft ,,Christus solus" 

^ . 

ist noch nicht die Menschheitskrise des Abendlandes iiberwunden. 
Luther sagt nun seiner Zeit auch, wie der Mensch ,,in Christus allein" 
Gott und sich selbst linden und gewinnen kann, namlich nur so, ,,daB 
man an seiner Huld anhebe durch eine Zuversicht", d. h. allein 
durch den Glauben. 1 ) Was versteht Luther unter dieser conditio sine 
qua non der Rechtfertigung,- durch die Gott zu seinem Recht und Ort 
im Menschen und der Mensch zu seinem Recht und Ort in Gott kommt : 
,,allein durch den Glauben" ? Der Glaube ist nach Luther durch Christus 
(mittels des zugesprochenen Worts und verwalteten Sakraments) ge- 
weckte, liebende Vereinigung des denkenden und wollenden Menschen 
mit dem gegenwartigen, in ihm wesenden Christus der Passion, der 
Ostern, der Himmelfahrt und der Pfingsten und: das gleichzeitige 
Nein der ,,abnegatio sui, mortificatio carnis" zu dem alten ,,Ich" des 
Unglaubens und der Stinde in Reue und BuBe. 2 ) Wir'mussen auch darin 

1 ) Auf das Problem der fides theologica und der fides fiducialis ia Lathers 
Glaubensbegriff braucht im Rahmen unserer tJberlegungen nicht naher eingegangen 
zu werden. Nur am Rande sei bemerkt, dafi bier aus poleinischen Griinden bei 
Luther Uberbetonungen der fides fiducialis festzustellen smd, aber keinesfalls 
sein Glaube nur durch. ,,affektive Momente" bestimmt ist. Das lafit sich mit 
Leichtigkeit aus seinem Schrifttum und aus den Bekenntnisschriften nach- 
weisen. 

2 ) ,,Glaub in Christum, in welchem ich dir zusage alle Gnade, Gerechtigkeit, 
Friede und Freiheit; glaubst du, so hast du, glaubst du nicht, so hast du nicht. 
Derm das dir unmoglich ist mit alien Werken der Gebote . . ., das wird dir leicht 
und kurz durch den Glauben. Wenn die Seele Gottes Wort festiglich glaubt, so 

7 Lackmann, Sola fide 97 



ganz dem Reformator folgen: diese Christus j,glaubende", d. h. ihn 
lobende und liebende, unser altes ,,Ich" hassende Verschenkung und 
Hingalbe des Herzens ist ausschlieBlich die angemessene Haltung, die 
dem Menschen zu seiner ,,Rechtfertigung" verhilft, d. h. zu seinem per- 
sonhaften Stand und Wesen ,,in Gott", als ein Mensch, der Gott recht 

halt sie ihn fiir wahrhaftig, fromin und gerecht, damit sie ihm tut die allergroBeste 
Ehre, die sie ihm tun kann, denn da gibt sie ihm recht, da lasset sie ihm recht, da 

ehret sie seinen Namen und lasset mit sich handeln, wie er will . . . Wenn denn Gott, 

s 

sieht, daB ihm die Seele Wahrheit gibt und also ehret durch ihren Glauhen, so 
ehret er sie wiederum und halt sie auch fur fromm und wahrhaftig und sie' ist auch 
fromm und wahrhaftig durch solchen Glauben, denn daB man Gott die Wahrheit 
und Frommigkeit gebe, das ist recht und Wahrheit und macht recht und wahrhaftig, 
dieweil es wahr ist und recht, daB Gott die Wahrheit gegeben wird. Nicht allein 
gibt der Glaube so viel, daB die Seele dem gottlichen Wort gleich wird aller Gnaden "'"" 
voll, frei und selig, sondern vereinigt auch die Seele mit Christo als eine Braut mit 
ihrem Brautigam. Aus welcher Ehe f olgt, wie St. Paulus sagt, daB Christus und die 
Seele eln Leib werden, so werden auch beider Giiter, Fall, Unfall und alle Dinge 
gemein; das, was Christus hat, das ist eigen der glaubigen Seele; was die Seele hat, 
wird eigen Christi" (W.A. 7, 24-25). ,,Wenn wirs recht ansehen, so ist die Liebe . 
das erste oder eher zugleich mit dem Glauben. Denn ich mochte Gott nicht trauen, 
wenn ich nicht gedachte, er wolle mir gunstig und hold sein, wodurch ich ihm wieder 
hold und bewogen werde, ihm herzlich zu trauen und alles Guten zu ihm zu ver- 
sehen" (W. A. 6, 210). ,,So du siehst, daB dir Gott hold ist ... muB dein Herz suB 
und Gott wiederum hold werden und also die Zuversicht aus lauter Gunst und 
Liebe heranwachsen, Gottes gegen dich und deine gegen Gott. Also lesen wir noch 
nie, daB jemandem der Heilige Geist gegeben sei, wenn er gewirkt hat, aber alle- 
zeit, wenn sie haben das Evangelium von Christo und die Barmherzigkeit Gottes 
gehort. Aus demselben Wort muB auch noch heute und allezeit der Glaube und 
sonst nirgends herkommen. Denn Christus ist der Fels, da man Butter und Honig 
draus saugt" (W.A. 6, 216). ,,Dominus et magister noster Jesus Christus dicendo 
,,Poenitentiam agite etc." omnem vitam fidelium poenitentiam esse voluit. 
Non tamen solam intendit interiorem, immo interior nulla est, nisi foris operetur 
varias carnis mortificationes. Manet itaque poena, donee manet odium sui (id 
est poenitentia vera intus) scilicet uspue ad introitum regni coelorum. Nulli 
prorsus remittit deus culpam, quin simul eum subiiciat humiliatum in omnibus 
sacerdoti suo vicario" (Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum, 1517; 
W.A. 1, 233). ,,0 wenn wir wuBten, was Strafe solch willige Schamrote zuvor- 
kame und wie einen gnadigen Gott sie macht, daB der Mensch ihm zu Ehren 
sich selbst so vernichtet und.demiitigt. Es ist kein Fasten, kein Beten, kein Ab- 
laB, kein Wallen, kein Leiden nimmer so gut, als diese willige Scham und Sehand, 
darin der Mensch recht . ... demiitig, das ist der Gnaden begreifig wird. Ich 
weiB auch nicht, ob der einen rechten, lebendigen Glauben habe, der nicht so viel 
leiden oder sich zu leiden begeben will, daB er vor einem Menschen zu Schanden 
wird und ein solch klein Stiick von dem heiligen Kreuz nicht tragen will" (Von der 
Beicht, ob der Papst Macht habe zu gebieten 1521, W.A. 8, 176f.). 

98 



1st und dem Gott sein Recht widerfahren la'Bt mit der Verleihttng aller 
Kindschaftsgaben propter Christum. 1 ) Auch mit dieser Forderung 
hat Xuther das Evangelium der Heiligen Sclirift und der Kirche Jesti 
Christ! von jeher wieder auf den Leuchter gestellt. ,,Sola fide" das 
ist nicht nur lutherisch, panlinisch oder reformatorisch, das ist urchrist- 
lich, katholisch, kirchlich, ja, der Adel wahren Menschentiims; denn so 
dient der Mensch dem obersten Gesetz semes Lebens, das ihn zum 
Menschen, d. h. zum Bilde Gottes macht: indem er glaubend zum 
Tempel Gottes wird und glaubend aufhort, eine Behausung Satans zu 
sein, sola fide! ,,Dieser Glaube, Treue, Zuversicht des Herzens griind- 
lich ist wahrhaftige Erfullung dieses ersten Gebotes, ohne welchen sonst 
kein.Werk ist, das diesem Gebot moge genugtun . . . Derhalben spricht 
wohl St. Augustinus, daB des ersten Gebotes Werk seien Glauben, 
Hoffen und Lieben" (W.A. 6, 209f.). 2 ) 



1 ) In Richtung auf das ,,genuin refonnatorisclie Verstandnis der Rechtferti- 
gung als synthetisch-forensisch" bei H. E. Weber (Von der Reformation zur 
Orthodoxie) umschreibt Ernst Wolf ,,die reformatorisch-existentielle Fassung" 
des ,,sbla fide" als die ,,sachgemaCe Entsprechung zum Eaulinischen ,ia-Christo'j 
beide legen dasselbe Zeugnis ab" (,,Verkundigung und Forschung, Theol. Jabxes- 
bericht 1940, S. 165). Man mochte sebulich wunschen, daB dariiber in lutherischer 
Theologie von heute nicht mehr yerhandelt werden miiBte! 

2 ) Derselbe Sunder, der durch Gottes Barmherzigkeit ohne jede Spur oder 
Moglichkeit von Verdienst ex iniusto iustus fit, gewinnt damit und in demselben 
Augenblick ohne Anheben eines neuen Aktes die Kraft, als Kind Gottes zu exi- 
etieren, zu wandeln und zu handeln. Ohne Anheben eines neuen Aktes! Ohne daB 
eine zweite Einwirkung Gottes, etwa das weitere Glied einer zeitlich verlaufenden 
Heilsordnung, notig ware, die man dann als sanctificatio von der iustificatio be- 
grifflich trennen miiBte." ,,Die nova vita will freffich mit hineingenommen 
werden~ aus Luthers Fulle in seine Rechtfertigimgsformel. Das Schopferisehe des 
neuen Verhaltnisses zu Gott, das mussen wir auch erfahren, daB wir auffahren mit 
Fliigeln wie Adler" (Martin Rade, Luthers Rechtfertigungsglaube, seine Bedeutung 
fiir die 95 Thesen und fur uns, 1917, S. 9 u. 29). Das ist der ganze und lebendige 
Luther. Wir weisen mit Nachdruck darauf hin, um dem MiBverstandnis unserer 
Kritik vorzubeugen, als richte sie sich gegen die falsch verstandene forensische 
Rechtfertigungslehre lutherischer Orthodoxie, die weder mit Artikel IV der Apologia 
Melanchthons noch mit dem Verstandnis Luthers ubereinstimmt^ wonach die 
Glaubensgerechtigkeit so zu denken ist, ,,ut eadem iustitia Deus et nos iusti simus, 
sicut eodem verbo deus facit et nos sumus quod ipse est, ut in ipso simus, et suum. 
esse nostrum esse sit" (Operationes in psalmos 1519 1521, W.A. 5, 144). 

7* 99 1 



6. Mangel der theologischen Verstandigung bei Luther 

Dennoch miissen wir an dieser Stelle der reformatorischen Botschaft 
einhalten und fragen, ob hier das ,,sola fide" wirklich evangeliseh 
(d. h. als Entfaltung der Frohbotschaft des apostolischen Zeugnisses im 
Neuen Testament) und wirklich katholisch (d. h. als Aufnahme der 
Lehre und des Lebens der allgemeinen und apostolisehen Kirche aller 
Zeiten) zur Geltung gebracht wurde. Unsere Frage setzt nicht an der 
Stelle ein, wo Luther sagt: ,,Von dem Glauben und keinem anderen 
Werk haben wir den Namen, daB wir Christusglaubige heiBen als vom_ 
Hauptwerk . . . Trauen festiglich, daB er Gott wohlgefalle, ist nicht 
moglich denn ehiem Christen, mit Gnaden erleuchtet und befestigt" 
(W.A. 6, 206), aber dort, wo er sagt, wie er dieses rechtfertigende ,,sola 
fide" verstanden wissen will, namlich als Gegensatz zu jeder Haltung 
und als AusschluB jedes Wirkens des Subjekts Mensch, die fur 
Gott AnlaB sein konnten, den Menschen als ,,Gott-gerecht" freizu- 
sprechen, anzunehmen und zu bestatigen. Luther behauptet namlich, 
das ,,in Christo" und ,,propter Christum" ,,sola fide" Gott recht werden 
konne nur die Bedeutung haben: ,,ein Christ ist, der rein ist von alien 
Werken und hangt allein an Christus." , 3 Unsere Macht und Starke steht 
nicht in unserem Werk und Glauben, sondern daB du deinen Glauben 
an das Wort hangst, das unsere Heiligkeit und unser Sieg ist." Luther 
radikalisiert also seine Abwehr des Menschen seines Jahrhunderts, der 
Gott etwas bringen will sei es nun seine Glaubens- und Liebeshaltung, 
sei es ein Werk der Reue und BuBe , das Gott den Spruch der Recht- 
fertigung entlockt, in der Weise, daB selbst der Glaubens- und Liebesakt 
des Christen als ein ,,Uberkommenwerden" von den Kraften des Heiligen 
Geistes kein eigentlich verantwortliches Werk des Menschen ist, das 
,,in sich" fur den Rechtfertigungsakt Gottes ins Gewicht fallt. ,,Propter 
Christum" empfangt der Glaubende den Freispruch Gottes nicht, weil 
er als ein Glaubender vor Gott steht und wirkt, sondern weil er als der 
Glaubende sich ganz auf Christum geworfen hat. Weil der Glaube 
Hangen an Christo, nicht weil er die Haltung des Glaubens ist, darum 
ist der Glaubende Gott recht und ist der Glaubende seiner, selbst als 
Mensch Gott gewiB. Luther weiB wohl darum, daB der Glaube ,,das 
allererste, hochste, beste Werk" des Menschen ist; daB tagliche Reue 
und BuBe, Sterben mit alien Siinden und bosen Liisten im Namen 
Christi ,,iiber alle guten und bosen Werke geht"; daB der Glaube 
,,exercitia et opera", allerlei ,,auBerliche Totungen des Fleisches" bei 

100 



sich hat; denn ,,stehet die Gereehtigkeit im Glauben, so 1st klar, daB er 
allein alle Gebote erf iillt und alle ihre Werke rechtfertig macht, sinte- 
mal niemand rechtfertig ist, er tue denn alle Gottes Gebote. Wiederum 
konnen die Werke niemand rechtfertigen vor Gott ohne den Glauben". 1 ) 
Aber Luther vermag diese Wendungen nur ,,absque ullo respectu 
meritorum aut iustificationis" (De votis monasticis Lutheri indicium, 
1521, W. A. 8, 604) zur Darstellung des rechtfertigenden Glaubens zu ge- 
brauchen, der von allem, was die Person ist, denkt, will, tut, absieht 
auf die ,,aliena iustitia" des leidenden und lebendigen Christus , 3 extrin- 

*) W.A. 6, 211. Vgl. auch zu Rom. 1, 17 aus der Romerbriefvorlesung ,,in 
solo evangelic revelatur iustitia Dei (i. e. quis et quomodo sit et fiat iustus coram 
Deo) per solam fidem, qua Dei verbo creditur . . . Iustitia enim Dei est causa 
salutis. Et hie iteruxn iustitia Dei non ea debet accipi, qua ipse iustus est in 
se ipso, sed qua nos ex ipso iustificamur, quod fit per fidem evangelii . . . Et 
dieitur ad differentiam iustitiae hominum quae, ex operibus est" (Romerbrief- 
vorlesung, Luthers Werke, 5. Bd., ed. Erich Vogelsang, S. 2231). ,,Tum dices: 
Ego sum omnium miserrimus in terris, et non est infortunatior me. Et das 
machet einen demiitigen Menschen et facit Raum, ut veram remissionem acci- 
pias. Ubi ista humilitas non praecedit, non est remissio peccatorum. Ideo hoc 
Evangelium pertinet ad veros Christianos qui peccatum vere sentiunt" (W.A. 
32, 165). 

Rade hat also recht: ,,So einfach, wie manche Lutheraner sich's denken, ist 
das mit der HeilsgewiBheit fur Luther nicht! Der iustus nach Gottes Gnaden- 
willen, nach Luthers Gnadenverstandnis ist zwar seines Heiles gewiC, hat aber 
diese Gewifiheit nur, indem, er den stetigen Kampf gegen seine Siinde als ein ihm 
auferlegtes Kreuz im Glauben tapfer auf sich nimmt . . . Luther sollte einen Glauben 
lehren, der die guten Werke nicht einsehlosse ? Was Gott f ordert von dem Sunder, 
der sich im Glauben zu ihm bekehrt, ist ja gar nichts andres als seine herzliche und 
wahre Reue mit dem Vorsatz, ,hinfiirder das ELreuz Christi' zu tragen und die 
Werke der Kasteiung semes Fleisches, der Liebe und Barmherzigkeit gegen den 
Nachsten zu iiben." Diesen evangelischen, unaufgebbaren Standpunkt Luthers 
hat Paul Althaus in seinem Aufsatz ,,Ethos und Heil" in ,,Protestantische Rund- 
schau", Jahrgang 21, Nr. 1-2, 1944, S. 14ff. auch im Bliek auf die romische Ver- 
dienstlehre iiberzeugend aus Luthers Schrifttum dargestellt. ,,Thematisch vom 
Verdienste reden, und das tut erne ,Lehre vom Verdienste' heifit eben doch 
auf alle Falle das Evangeh'um verdunkeln" (S. 22). Das Problem, wie nun trotz 
Luther doch anders von der Bedeutung des Werkes fur die Rechtfertigung gelehrt 
werden muB, als es Luther vermag, -wird freilich von Althaus nicht angeriihrt. 
Immerhin weist der Satz: ,,Das neue Ethos ist also nicht nur Erweis und Ubung 
des Glaubens und auf diese Weise mittelbar Zeugnis des Heilsstandes, sondern es 
ist das Heil selbst. Es ist die Seligkeit, von der Liebe Gottes zur Liebe und zur 
Freiheit bewegt sein und werden," in die Richtung, in der uns heute von der Schrift 
aufgegeben ist, iiber Luther hinaus weiterzudenken. 

101 



se.ce", der unsere Gerechtigkeit ist ~,,intrinsece"'. Die Fides .ist -,, res et 
substantia" des Christen, alle ,,exercitia et opera" sind nur ,,usus suae 
substantiae", die , 3 res et substantia" der fides aber ist Christus. 
,,IUi non habent (opera) pro usu, sed pro ipsa substantia", ,,ipse caput,. 
primum et novissimum, Alpha et 0" (W.A. 8, 604). ,,0pus non potest 
doceri, nisi laedas fidem, cum fides et opera in re iustificationis extreme 
adversentur." ,.Non ergo damnamus rem votorum . . . sed doctrinam 
et praeceptum eiusdem damnamus . . ." (W.A. 8, 600. 616). 

,, Fides nostra est infirma et tamen est potens, quia es ist ein klein 
Geistlein im Herzen, das heiBt gemitus inennarrabilis und Spiritus 
Sanctus dazu, der es versteht. Die tun es." ,,Hoc natura sine Spiritu 
Sancto non potest; die kan nit weyter denn opera. Dicere igitur: Ego 
sum filius Dei,- et non dubitare etiam, cum desint bona opera, siciit 
semper omnibus desunt, das ist so groB, daB man sich davor entsetzet 
und kann es prae magnitudine nicht glauben" (W. A. Tischreden, 
1. Bd., Nr. 425. 437). Wir verstehen das reformatorische Anliegen gegen- 
uber einem gelebten Verstandnis des meritum, des opus, der caritas, ja 
selbst der fides, das das Christus-Wirken in diesen Haltungen und Hand- 
lungen des Menschen in ein ,,selbstandiges Dasein" menschlicher 
Fahigkeiten und Leistungen verwandelt, die ,,Grund und Inhalt -pro- 
duktiv aus sich selbst herausholen" (Adolf Schlatter, Gottes Gerechtig- 
keit, 1935, S. 151). ,,Remissio peccatorum est nostris adversaris impossi- 
bilis intellectu, quia sie sind in' der qualitate verstockt," erklart Luther 
iiber Tisch (1533). 1 ) Wir spiiren auch den verzehrenden Eifer um Gottes 
Haus und Gemeinde in diesen bohrenden und das gegenwartige Existenz- 
verstandnis des Christen abwehrenden Formeln. Mit Ehrfurcht- und 
Dankbarkeit beugen wir uns vor der Christusliebe und der Gott allein 



1 ) ,,Primum magna res est, quod corde capere debeo, quod mihi sint peccata 
mea remissa. Das mag mir eine wunderliche iustitia sein et alia quam omnium 
luristarum et prudentium saeculi huius. Qui dicunt lustitiam debere esse in corde 
hominis. Evangelium autem dicit: Iustitia sol nicht allerding in corde sein. Sed 
ut cogitemus, quod iustificemur et a peccatis liberemur per remissionem" (W.A. 32, 
161. 162). ,,Ideo ista est sublimis praedicatio, ut credamus, daB unser Heil und 
Trost stehe auBerhalb unser, Quod sim iustus, acceptus, sapiens et tamen adsinfc 
peccata, iniustitia et in conscientia memoria peccati, terror mortis" (W.A. 32, 162). 
,,Si enim soil remissio peccatorum wahrliaftig sein, so muB auch die Siinde 
rechtschaffen sein" (W.A. 32, 164). ,,Pius bene tentatus videt summam pecca- 
torum infirmitatem et nihilitatem satisfactionis. Der siehet eine rechtschaffene 
Verzweiflung et videt deinde veram remissionem" (W.A. 32, 164). 

102 



- ehrenden Demut, des -E-ef ormators, die sein bleibender Dienst an Kirche 
und Menschheit 1st. 1 ) 

Dennoch konnen wir nicht zugeben, die Neuentdeckung des ,,Ghristus 
solus", des ,,propter Christum", des ,,sola fide" fordere die Konsequenz, 
die altkirchliche logische Antinomic von Gottes Gnadenhandeln und 
verantwortlichem Denken, Wollen und Wirken des Menschen aufzu- 
losen, ,,als hobe das nienschliche Wirken das gottliche und das gottliche 
das menschliche auf" (Sclilatter, Der Brief d. Jakobus, 1932, S. 42). 
Luther hat diese Antinomic, die er als Glied der Kirche vorfand, aber 
in ihrer damaligen Anwendung verwerfen muBte, fiir die christliche 

1 ) Lutliers theologische Starke, die in- dem Augenblick zur theologischen .. 
Schwache wird, da sie sich weigert, die Christusbezogenlieit und Christusgemein- 
schaft des Glaubenden auch als eine anthropologische Aussage ernst und wichtig 
zu nehmen, die als Christus-Aussage Gewicht hat, lassen deutlich nachstehende 
Gedanken aus seiner Predigt iiber Matth. 9, 18 26 (in der Kirchenpostille) er- 
kennen: ,,Fromme Leute machen, gehort dem Evangelic nieht zu, sondern es 
macht nur Christen. Es ist viel mehr, ein Christ zu sehi, denn fromm sein. Es 
kann einer wohl fromm sein, aber nicht eui Christ. Ein Christ weiB von seiner 
Frommigkeit nichts zu sagen, er findet in sich nichts Gutes noch Frommes. Soil 
er fromm sein, so muB er sich nach einer anderen und fremden Frommigkeit um- 
sehen . . . Darum heifit einer nicht ein Christ daher, daB er viel tut, sondern darum, 
daB er von Christo was nehme, schopfe und lasse sich nur geben. Wenn einer von 
Christo nicht mehr nimmt, so ist er kein Christ mehr, so daB des Christen Name 
nur im Nehmen bleibe, und nicht im Geben oder tun, und daB er von Niemandem 
sonst nehme denn von Christo. Wenn du darauf siehst, was du tust, so hast du 
schon den christlichen Namen verloren. Es ist wohl wahr, daB man gute Werke 
tun soil, andern helfen, rateh und geben, aber davon wird keiner eiri Christ ge- 
nannt und ist er auch darum kein Christ. Deshalb muB man einen Christen 
dabei erkennen, daB er nur von Christo nehme und Christum in sich habe; und 
das bringt das Wort eigentlich mit sich. Gleichwie ehier weiB heiBt von der Weise, 
die an ihm ist . . ., so auch Christ von Christo, den er in sich hat und von dem er 
Gutes empfangt. So nun einer ein Christ genannt wird von Christoj so wird er je 
von semen Werken nicht ein Christ genannt; so folgt auch zugleich daraus, daB 
keiner ein Christ durch die Werke wird. Christus ist ein ander Ding und etwas 
Hoheres denn Gesetz und Menschengebot. Er ist Gottes Sohn, der allein zu geben 
und nicht zu nehmen bereit ist. Wenn ich so geschickt bin, daB ich Vhm nehme, so 
habe ich ihn, habe ich denn ihn, so werde ich billig ein Christ genannt. Tue du 
nur das Herz auf und halte ihn dafur, so wirst du alles haben: er quillt und flieBt 
aus und kann nichts anders denn nur geben, flieBen und quellen, wenn du es nur 
glauben kannst. Dann hast du recht den Namen, daB man dich einen Christen 
heiBt, so doch, daB du ein Christ seiest mit Nehmen; wo aber nicht, und du willst 
: ihm viel geben, so bisf'du kern Christ. Wir sollen Christen werden, ehe wir 
irgendein Werk tun" (W.A. 10, 1 H 430 ff. 439). 

103 



Existenz iiberhaupt ausdriicklich zerbrochen, indem er die Heils- 
bedeutung des mensch.lich.en Tuns, das meritum jedes Verstandnisses 
fiir Gottes Rechtfertigungsurteil und die SelbstgewiBheit des Gerecht- 
fertigten leugnet, ja, es sogar zum Kennzeichen des Gerechtfertigten 
erklart, daB ihm das Wirken nichts fur das Ja Gottes zu ihm und sein 
Ja zu Gott bedeute, es sei denn das sichtbare Siegel Gottes unter sein 
bereits gesprochenes und empfangenes Ja im Glauben. Glaube und Liebe 
aus Glauben ,,beides in Einheit werdend ist Gott", wie es Ignatius 
formulierte , die Verarbeitung dieser Sicht des Problems in die Bot- 
schaft des ,,Christus -solus" und ,,propter Christum" und ,,sola fide" 
ware die vollkommene, evangelische und katholische Losung gewesen, 
die echte Erneuerung des Alten und die ganze Antwort auf die Frage 
des ,,modernen" Menschen, der ringt um sein ewiges und wahres ,,Zu- 
sich-selbst-kommen" vor Gott und Menschen. Wohl wissen wir das 
Rrngen um den theologischen Begriff des Christengeheimnisses von dem 
geistlichen Leben des Reformators zu unterscheiden. Es kann sich auch 
nicht darum handeln, die Luthersche Lehre von der Rechtfertigung allein 
durch den Glauben irgendwie abzuschwachen oder in der Richtung des, 
Tridentinums zu ,,modifizieren". Wir begreifen auch Not und Gebot 
wehdender und erneuernder Stunden in der Geschichte des Reiches 
Gottes und der Kirche, die vorhandenen religiosen Anschauimgen und 
theologischen Begriffe als unbrauchbar und belastet abzutun und um 
ganz neue ,, Begriffe" fiir das elementar neu sich erschlieBende Gottes- 
geheimnis zu ringen, ein Vorgang, den uns z. B. alttestamentliche Wissen- 
schaft am prophetischen Denken aufgezeigt hat. Aber das ,,Neue" des 
Heih'gen Geistes wird sich in der Kirche Christi doch immer als Ver- 
arbeitung der alten Sache (wenn auch nicht ihrer alten Begriffe!) be- 
wahren und darstellen miissen, sofern es sich um eine neue ,,An-sicht" 
des Geheimnisses Christi (darinnen die Kirche doch auch als Ganzes 
,,von Klarheit zu Klarheit" fortschreiten darf !), aber eben nicht um ein 
neues Evangelium, einen neuen Gott und einen neuen Menschen 
handeln soil. Das ,,Christus solus" und ,,sola fide" war die Antwort des 
alten Evangeliums auf die neuzeitliche Gottesfrage der Christen- und 
Menschheit im sechzehnten Jahrhundert, die der Reformator stell- 
vertretend zu durchleben, zu stellen und zu beantworten hatte als 
Werkzeug Gottes. Aber das theologische Verstandnis dieser beiden 
Perlen, das , 3 das Handeln aus dem Glauben ausscheidet und nichts als 
das Glauben iibriglaBt", das ,,aus dem Handeln ein Adiaphoron macht, 
einen wertlosen Vorgang, der unser Wollen und unser Geschick nicht 

104 



zu beruhren vermoge," und die Wiedergewinnung der altkirchlichen 
Klainmer des Christus Gottes zu einer Einschrumpfung des Menschen 
und seiner Personalitat vor Gott, zu einer Irrelevanz der ethischen 
Verantwortlichkeit fiir Zeit und Ewigkeit gebraucht dieses Ver- 
standnis des Christus solus" und des ,,sola fide" wiirde auf ein neues 
Evangelium, einen neuen Gott und einen neuen Menschen hinweisen, 
unbekannt der Kirche, schadlich der Welt, fremd der Heiligen Schrift. 
Luther aber hat das ist nicht zu bestreiten bei aller Wurdigung 
des Glaubenswerkes mit einer grundsatzlichen Skepsis vom Werk gegen- 
uber der Herrlichkeit des Glaubens geredet, die zur Lehre erhoben als 
polemische Notwendigkeit wollen wir sie gelten lassen die Gottes- 
wirklichkeit und das Menschenbild der Heiligen Schrift verzeichnet. 1 ) 

*) Vgl. zu den obigen Zitaten A. Schlatter, Gottes Gereehtigkeit, S. 153; auch 
.Der Jakobusbrief und die Johannesbriefe f. Bibelleser ausgelegt, 1893; S. 62: 
,,Unsere alteren evangelischen Lehrer, Luther voran, haben nie daran gezweifelt, 
daB uns das Werk notwendig sei, aber sie haben AnstoB genommen an dem Wort, 
daB uns Gott aus unseren Werken rechtfertige, daB er uns um deswillen, was wir 
tun, die Siinden vergeben und das ewige Leben zuteile. Sie fiirchteten, das ziehe 
uns vom Glauben ab . . ." Aber: ,,Der Rechtfertigungsgedanke gab gleichzeitig 
der Frage ihr voiles Gewicht, wodurch auch auf der Seite des Menschen sein Ver- 
halten gegen Gott die Richtigkeit erhalte und das- Merkmal der Gerechtigkeit be- 
sitze" (Schlatter, Die Theologie der Apostel, S. 115). Und: ,,Das menschliche 
Wollen und Wirken entsteht aus dem gottlichen, da Gott noch groBere Gnade 
gibt als die, die er uns dureh die Schopfung gewahrt hat. Wirksam werdendes, 
schaffendes Wort ist Geist . . . Der Menseh wirkt daher Gottes Gerechtigkeit, wenn 
er als Werkzeug und Diener in Gottes Wirken hineingestellt wird. Dann schafft er 
nicht eine eigene von ihm erdachte, sondern die von Gott gewollte und gewirkte 
Gerechtigkeit. Das geschieht, wenn der Menseh durch Glauben dem Christus eigen 
ist". Es gab nie einen Glauben, der nicht gesagt hatte: ,,alles durch Glauben, 
nur durch Glauben" (Der Brief d. Jakobus, S. 42. 51. 105). Darum: ,,Es wird 
offenbar, daB die Auslegung nicht klar sah, als sie den Gegensatz zwischen dem 
Glauben und dem Wirken zu ihrem leitenden Gedanken machte" (Gottes Gerechtig- 
keit, S. 79). Vgl. auch Heinrich Graffmann, Das Gericht nach den Werken im 
Matth.-Evangelium, Festschrift f . Karl Barth, 1936, S. 124ff . : ,,Man kann also 
ebensowenig den Glauben gegen die Werke ausspielen wie die Werke gegen den 
Glauben. Beide diirfen nicht voneinander getrennt werden, wenn sie nicht ihre 
Echtheit verlieren sollen." Nach herkommlichem evangelischem Denken ,,er- 
scheint jede positive Bewertung der Werke durch Gott ausgeschlossen. GewiB 
sollen durch die Gnade Gottes und den Glauben des Menschen gute Werke nicht 
uberfliissig werden, aber diese folgen nach der herkommlichen Darstellung der 
reformatorischen Theologie aus dem Glauben, der allein MaBstab der Beurteilung 
durch Gott sein kann, von selbst und ohne Gebot wie die Friichte aus einem guten 
Baum." Dagegen: ,,Es ist doch wohl eine Fehldeutung des Wortes Jesu, daB ein 

105 



7. Luthers MiSverstandnis von Jakobus 2 als Ausdruck 
eines theologischen Kurzschlusses 

Damit stehen wir bei der ausschlaggebenden Beobachtung, die 
unsere Bedenken gegen Luthers Verstandnis des ,,sola fide" zu einer 
,,offiziellen" Infragestellung macht, wie sie der Reformator sich selbst 
und der Kirche zur dauernden Pflicht gemacht hat. (,,Wer meine Biicher 
zu dieser Zeit ja haben will, der lasse sie ihm bei leibe nicht sein ein . 
Hindernis, die Schrift selbst zu studieren . . . ee W.A. 50 S. 658). Luther 
weicht der Infragestellung seiner Auffassung des ,,Christus solus" und 
des ,,sola fide" durch das Wort Gottes aus und in seiner Gefolgschaft 
die gesamte ref ormatorische Theologie, trotz ihrer relativ anderen Ent- 
scheidungen. Luther unterwirft sich nich j . dem Zeugnis von der Recht- 
fertigung und vom Glauben im Brief der Apostels Jakobus. Das gesamte 
Problem wird in Luthers Auseinandersetzung mit diesem kanonischen 
Zeugnis sichtbar. Als der Reformator sich mit dem Jakobusbrief be- 
schaftigt, tritt er an eine theologische Frage heran, die seine Zeitgenossen 
bisher so wenig bewaltigt haben, wie er sie bewaltigen wird. Da hat z. B. - 
der Doktor der Theologie an der Sorbonne Jaques Lefevre 1512 einen 
Kommentar zu den Briefen des Paulus veroffentlicht, in dem er sich 
liber das Verhaltnis des Jakobus zu Paulus auslaBt und mit humanisti- 
scher Gewandtheit die Losung der theologischen Frage umgeht. : S) Einst 
gab es zwei Parteien, von denen die eine auf Werke baute, die andere 
auf den Glauben, ohne nach den Werken zu fragen. Jakobus lehnte ~. 
diese ab, Paulus jene. Und du, wenn du Weisheit besitzest, setze dein. 
Vertrauen nicht auf deinen Glauben, nicht .auf deine Werke, sondern 
auf Gott und betrachte, um das gottliche Heil zu erlangen, als wesent- 
Kch den Glauben des Paulus und fiige zu ihm die Werke nach Jakobus, 
denn sie sind ja die Zeichen eines lebendigen und fruchtbaren Glaubens" 
(nach Joseph Chambon, Der franzosische Protestantismus, 1939, S. 23 f .). 
Luther, solcher humanistischen Gewandtheit abhold, schickt sich an, 
den gordischen Knoten einfach durchzuhauen. Der Jakobusbrief wird 
rundweg als ein nichtapostolischer Judeutraktat abgelehnt. Denn er 
bezeugt nicht das ,,Christus solus" und ,,sola fide" Luthers, fordert 

guter Baum gute Friichte trage, wenn man sich dieses Fruchttragen zu mechaniscli 
oder ,organisch' vorstellt. Sie kommen jedenfalls nicht so von selbst, daB sie nicht 
mehr befohlen zu werdeu brauchten, daB der Mensch fur sie nicht verantwortlich 
ware." So aufmerksam diese Ausfiihrungen machen, an das Problem der refor- 
matorischen Bechtfertigungs- und Glaubenslehre fiihren sie noch nicht heran! 

106 



. das menschliehe - Tun zur Erlangung der Rechtfertigung und .wider?, 
spricht der Paullnischen Rechtfertigungslehre, wie Luther sie versteht. 
Er setzt seinen Doktorhut daran, daB die Harmonisierung von Jakobus 
und Paulus so unmoglich ist wie die Vereinigung von Gottes Werk'und 
des Menschen Werk, Glauben und Handeln als einer Grundlage fur 
den gottlichen Rechtfertigungssprueh. Uber den Verfasser hat er seine 
Privatmeinung, aber seine Verkiindigung hat ,,keine evangelische Art 
an sich" und mu6 Luther fiir die Kirche Jesu Christi ablehnen, denn sie 
ist Gesetzespredigt. 1 ) Erschiitternde Tragik, mit welcher Entschlossen- 

x ) ,,Sanct Paulus Epistel, sonderlich die zu den Romern, Galatern, Ephesern, 
.und Sandt Petrus erste Epistel, das sind die Biicher, die dir Christum zeigen, und 
alles lehren, das dir zu wissen not und selig ist ... Darum ist Sanct Jacobs Epistel 
eine recht stroherne Epistel gegen sie" (W.A. Deutsche Bibel, 6. Bd., S. 10). 
,,Die Epistel S. Jacohi lobe ich und halte sie doch fiir gut, darum, daB sie gar 
keine Mensehenlehre setzt und Gottes Gesetz 'hart treibt. Aber, daB ich meine 

- Meinung drauf stelle, doch ohne jedermanns Nachteil, achte.ich sie fiir keines 
Apostels Schrift. Stracks im Gegensatz wider S. Paulus und alle anderen 
Schriften, gibt sie den Werken die Pvechtfertiguhg. Sie will Christenleute lehren 
und gedenkt nicht einmal in solch langer Lehre des Leidens, der Auferstehung, 
des Geistes Christi. Er nennt Christus etliche Mai, aber er lehrt nichts von ih'm . . . 

~ Das ist'der rechte Pruf stein, alle Biicher zu tadeln, wenn man sieht, ob sie Christus 
treiben oder nicht . . . Aber dieser Jakobus tut nicht mehr, denn treibet zu denv 
Gesetz und seinen Werken, und wirft so unordentlich eins ins andere. Er hat 
wolleri denen wehren, die auf den Glauben ohne Werke sich verlieCen, und ist 
der Sache zu schwach gewesen, will es mit dem Gesetz treiben ausrichten, das 
die Apostel mit Reizen zur Liebe ausrichten. Darum kann ich ihn nicht unter 
die rechten Hauptbiicher setzen, will aber damit niemand wehren, daB er ihn 
setze und hebe, wie es ihn. geliistet. Denn viel gutef Spriiche sonst darinnen 
. sind" (W. A- Deutsche Bibel, 7.' Band, _S,, 385 ff.). ,,Nullam syllabam ,habet de 
Christo . . . Ich halte, daB sie irgendein Jude gemacht hat . . ., dieweil er hat ge- 
hort, daB die Christen also sehr auf den Glauben in Christum dringen, hat. er 
gedacht: Halt, du willst ihnen begegnen und schlecht die opera treiben! . . . De 
passione et resurrectione Christi sagt er nicht ein Wort" (Tischreden, Bd. 5, Nr. 
5443, S. 157). Eui iiberraschendes, alleinstehendes Zeugnis iiber Jakobus findet 
sich in einer Predigt iiber Jak. 1, 16 21, wo Luther von der ,,Christus- und Evan- 
geliumspredigt" an dieser Stelle spricht und bemerkt: ,,Merke, daB er (Jakobus) 
dem miindlichen Wort oder gepredigten Evangelic die Kraft gibt, daB es kann 
unsere Seelen selig machen, gleichwie es auch St. Paulus zu den Bomern am 1. Kap. 
V. 16 mit gleichen Worten preiset" (W.A. 41, S. 590). Aber seine grundsatzliche 
Ansicht ist doch wohl in folgenden AuBerungen festgehalten (vgl. auch O. Albrecht 
in der Einleitung zu Bd. 7 Deutsche Bibel, S. XXXII, der feststellt, ,,daB diese 
mildere Stimmung nicht von Bestand war" !) : ,,Multi valde sudant, ut concordent 
Jakobum cum Paulo . . . Pugnantia sunt : fides iustificat, fides non iustificat. Wer die" 
zusammen reimen kann, dem will ich mein Pirreth aufsetzen und will mich einen 

107 



heit und SelbstgewiBheit das altkirehliche In- und Miteinander von 
Gottes-Tun und Menschen-Tun, das den Menschen Gott recht macht 
und ihn zu seiuem wahren Selbst vor und in Gott kommen lafit, von 
Luther zuriickgestoBen wird, selbst in dem Einwand des Wortes der 
Heiligen Schrift, von dem er, der Doktor der Heiligen Schrift singt: 
,,Das Wort sie sollen lassen stan . . ." I Erschiitternde Tragik der Kirchen- 
und Geistesgeschichte kommender Jahrhunderte besonders im deut- 
schen Raum! , wie das gewaltige Problem des Menschen, seiner 
Wiirde, seiner Aufgaben, seiner Ziele, statt in der rechten Spammngs- 
einheit von Gott und Mensch bewaltigt und uberwunden zu werden 



Narren lassen schelten" (Tischreden, Bd. 3, S. 253, Nr. 3292). ,,Papistae tantum 
accipiunt Jacobum pro iustitia operum, quod iudicio est non esse apostoli scriptum, 
praesertim cum appellet fidem corpus, corpora vero animam, quod plane absurdum 
et contra scripturam. Ich werde einmal mit dem Jekel den offen heizen. Possumus 
eum ornare et excusare, sed profecto difficulter" (Tischreden, Bd. 5, S. 382, Nr. 
5854). Jeckel wollen wir schier aus der Bibel stoBen hier zu Wittenberg, derm 
er redet nichts von Christo, ne una quidem syllaba nisi in principio et praeludio. 
Videtur contradicere Paulo nee de evangelic nee de lege recte loquitur. Ich halt 
es sei ein Jud gewest, der hab gesehen, daB die Christen so viel de fide sagen, und 
hab die Epistel darwider gemacht: Ei es soil nit alles der Glaub sein, es muBten 
auch Werk etwas sein. Es ist der Papisten Epistel. Sie nehmen sich keiner so heftig 
an als der, Paulum lassen sie wohl stehen" (Tischreden, Bd. 5, S. 414, Nr. 5974). 
,,Quod autem Jacobi Apostoli epistola inducitur: ,Fides sine operibus mortua 
est,' primum stjlus epistolae illius longe est infra Apostolicam majestatem nee cum 
Paulino ullo modo comparandus, deinde de fide viva loquitur Paulus. Nam fides 
mortua non est fides, sed opinio" (W. A. 2, 425). ,,Darum will ich ihn nicht 
haben in meiner Bibel in der Zahl der reehten Hauptbucher ... Ein Mann ist 
kein Mann in weltlichen Sachen, wie sollt derm dieser Einzehie nur allein wider 
Paulum und alle andere Schrift gelten?" (W.A. Deutsche Bibel, Bd. 7, S. 386). 
In seinen Randbemerkungen zum Neuen Testament von 1530 finden sich beispiels- 
weise folgende Notizen: zu V. 21: ,,Ist nicht Abraham durch Werke gerecht . . ., 
wo steht das geschrieben? Fides non operatur sed cooperatur, quia, opera sunt 
auctores, durch die Werke ist der Glaube vollkommen geworden ja, das reimet 
sich fein." Zu V. 24: ,,Falsum." Zu V. 25: ,,Hebraer 11 aliter." Zu V. 26: ,,O em 
schon Gleichnis, wende dich, Freiheit." ,,Das fiir Luthers Bibeliibersetzung charak- 
teristische (sola) zeigt sich wirksam in der abgestuften Rangordnung der Schriften, 
in der Zasur des Registers, welches die bezifferten 23 Hauptschriften abgrenzt 
gegen die 4, die ans Ende gestellt skid, im Eingang der Vorrede zum Hebraerbrief 
und in der wiederholten Minderschatzung des Jakobusbriefes . . . Dabei ist Luther 
iiberzeugt, daB sein kritisches Verfahren (mit Riicksicht auf fides sola) kein wHl- 
kiirliches Einlegen ist, sondern ein wahrhaf tiges Auslegen, Herausstellen des Kernes 
des Wortes Gottes" (0. Albrecht zu Luthers Vorreden, W. A. Deutsche Bibel, 
Bd.7, S. XXXIV). 

108 



(lurch die reformatorische Botschaft des ,,Christus solus" .und ,,sola 
fide", nun wie eine wachsende Lawine durch die Geschichte rollt und 
alte, erkampfte und erbetete Wahrheiten der Menschheit mit sich reiBt 
und zudeckt ; wie der krampfhaft von sich selbst wegsehende, nach dem 
Christus Gottes ausgestreckte Mensch notwendig nach und nach das 
Gleichgewicht verliert, statt es zu gewinnen, und mehr und mehr nicht 
nur Gott und das Evangelium, sondern auch sich selbst und die Herr- 
schaft iiber die Welt und die Dinge einbiiBt, ja in die unendliche Gleich- 
gewichtsstorung des Nihilismus stiirzt, je mehr er sich rrniht, den ,,Men- 
schen an und fur sich" oder ,,Gott an und fur sich" zu retten! 



8. Losungsversuche gegen und neb en Luther 

Denn seit den Tagen des Reformators setzt der Widerspruch und 
das Bemtihen unter Beibehaltung des Lutherschen Auftrags in der 
Christenheit ! , zu der altkirchlichen Antinomie zuriickzufinden, 
ein. DaB das Tridentinum (vgl. Sessio VI) widerspricht, verwundert 
nicht. Zur Vollmacht dieses Widerspruchs im Raum der Kirche ist 
freilich unerlaBlich, daB nicht nur alte Wahrheit bewahrt oder wieder- 
gewonnen, sondern auch neue Unwahrheit abgetan und neue Entfaltung 
des Evangeliums angenommen wird ! Der Kirche mangelt bis 1530 noch 
ein verbindliches und autoritares Dogma iibef die R/echtfertigung des 
Sunders, wie es die neue Zeit verlangt. Ohne Verarbeitung des Luther- 
schen Christus- und Glaubenszeugnisses bleibt die Kirche gefangen in 
alten Siinden, belastet mit alter Schuld, riickstandig gegeniiber den 
Forderungen der Zeit, die ,,Kairos" Gottes fiir das Evangelium ist. 
Denn das Evangelium ist das Geheimnis der Geschichte, ihre geheime 
Bewegung, ihre Not und ihr Segen, ihre Sehnsucht und ihr Ziel; die 
Kirche aber soil Augen dafiir haben, das zu sehen, und Ohren, das 
zu horen, wenn sie denn die Wohnstatte dessen ist, durch den und 
zu dem alles geschaffen ist und in dem alles seinen Bestand hat: 
Christus, der Erstgeborene vor alien Kreaturen (Kol. 1, 1517). Eine 
Kirche, die nur das Nein zur reformatorischen Erneuerung hervorbringt 
und nicht auch das Ja der BuBe und des Dankes, wird diese Augen 
und Ohren nicht haben. Denn sie war und ist blind und taub fur die 
Wahrheit. 

Im reformatorischen Umkreis ist Luther von Anbeginn mehr oder 
weniger deutlich widersprochen oder Erganzung seiner Lehre gefordert 

109 



worden. Die altkirchliche Spainmngseinheit von Gesetz und Evangelium, 
Glauben und Wirken steht der Zeit noch zu nahe vor Augen; anderer- 
seits hindert die Christusentleerung des religiosen Lebens die begreifende 
Begegmmg mit der alten Wahrheit, laBt auf halbem Wege stehenbleiben 
oder ganz mnkehren. In Luthers nachster Nahe wird der erste Korrektur- 
versuch unternommen von seinem Freunde Melanchthon, dem er- 
ganzenden Synthetiker uud Systematiker neben dem Reformator, der 
selbst von ihm urteilt: ,,Ich habe Magister Philipps Bucher lieber denn 
die meinigen; ich bin dazu geboren, daB ich mit Rotten und Teufeln 
muB kriegen und zu Felde liegen. Darum meine Biicher viel sturmisch 
und kriegerisch sind. Ich muB die Klotze und Stamme ausreuten, 
Dornen und Hecken weghauen, die Pfiitzen ausfiillen und bin der grobe 
Waldrechter, der Bahn brechen und zurichten muB. Aber Magister 
Philipp fahrt fein sauberlich und stille daher, bauet und pflanzet, saet 
und begieBt mit Lust, nachdem ihm Gott gegeben hat seine Gaben reich- 
lich. der seligen Zeit!" Melanchthon formuliert kiihn in der Apologie: 
,,Wer Glauben und gute Werke hat, der ist gerecht . . . Weiter sagen 
wir, daB die guten Werke wahrlich verdienstlich und meritoria sein." 
So wird denn auch sogleich eine summarische Auslegung von Jakobus 2 
gegeben mit dem Ziel des Nachweises : Jakobus ist St. Paulo nicht 
entgegen" und ,,Der Spruch Jakobi ist nicht wider uns". 

Der Versuch zeigt tieferes Verstandnis fur die Apostelschrift und 
den notwendigen Kampf der reformatorischen Auslegung gegen den 
zeitgenossischen MiBbrauch des Briefes. Jakobus gibt apostolisches 
Christuszeugnis. ,,Jakobus laBt den Glauben nicht auBen, sondern 
redet vom Glauben, damit laBt er Christum den Schatzbund, den Mittler 
bleiben, dadurch wir vor Gott gerecht werden, wie auch Paulus, da er 
die Summe setzt christlichen Glaubens, setzt er Glauben und Liebe zu- 
sammen (1. Tim. 1)." Jacobus recte negat nos tali fide iustificari, 
quae est sine operibus." 

Die Gegner verkennen die Christusbezogenheit der Jakobus- 
forderung. ,,Darum irren die Widersacher weit, wenn sie aus dem Spruche 
(2,24) schlieBen wollen . . ., daB Jakobus dieswolle, daB wir durch unser 
Werk einen Zugang zu Gott haben ohne den Mittler und Versiihner 
Christum ... St. Jakobus hat zuvor gesagt von der geistlichen Wieder- 
geburt (V. 18), daB sie durch das Evangelium geschieht . . ., darum ist 
seine Meinung nicht, daB wir durch unsere Werke sollten neu geboren 
werden . . . Nicht partim Christus partim opera nostra sunt propitiator" 
(Apologie, Art. IV, Von der Rechtfertigung). Man versteht, wie unmog- 

110 



lich es sein mufite nach rein,menschlichen Gesetzen geistiger Ver- 
standigung und geistiger Bewegungen betraclitet! , diesen Zeit- 
genossen das unverkurzte Jakobuszeugnis zu vermittem, zumal .auch 
der reformatorische Ausleger bei aller Ergriffenheit durch das Elemen- 
tare des ,,Neuen" ein Kind seiner Zeit und Kirche und ihrer Schwa- 
chen bleibt. Melanchthon versucht das ,,Unmdgliche". Aber es ist der 
Versuch einer ,,mtherischen" Auslegung, die dem apostolischen Zeugnis 
nicht gerecht wird. Das Wirken gehort nach Melanchthons Exegese 
von Jak. 2 nicht in den gottlichen Akt der Rechtfertigung. Nicht um 
den ,,modus iustificationis", um den ,,Effekt" der Rechtfertigung (opera, 
quae fides efficit) handelt es sich bei Jakobus. Die Werke sind bei ihm 
,,Friichte" des Glaubens, Demonstration der ,,gelebten Wirklichkeit des 
Glaubens" (Barth), die Gott nur im rhetorischen Sinne als ,,m criteria" 
gef alien um Christi willen. Denn 3J die Werk sind viel zu gering dazu, daB 
uns Gott um ihretwillen gnadig sein soil, wo er uns nicht um Christus 
-willen gnadig ware." ,,Iustificari significat hie non ex impio iustum 
effici, sed usu forensi iustum pronuntiari . . ., iustificatur homo non 
solum ex fide, sed etiam ex operibus, quia 'certe'iusti pronuntiantur 
homines habentes fidem et bona opera. Nam bona opera in sanctis 
sunt iustitiae et placent propter fidem. 1 ) Melanchthon konstruiert also 

*) Auf diesem Wege hatte auch Luther gelegentlich versucht, sich mit Jakobus 
zu versohnen: Jacobus versatur in loco Morali, non in Theologico, sicut fere totus 
estmoralis. Moraliter loquendo verum est fidem sine operibus esse mortuam, i. e. si 
non operator fides aut si fidem non sequantur opera foris. Hoc enim modo fides 
non potest esse sine operibus, i. e. non potest non operari aut nulla est fides ibi. 
Sed nos hie in loco Theologico sumus, ubi de iustificatione coram Deo loquimur. 
Hie dicimus. fidem solam pro iustitia reputari coram Deo, sine operibus et meritis" 
(W.A. 30, 2, 664). Und in einer Tischrede gegen die Waldenser: ,,Articulum iusti- 
ficationis non habent sincere; fatentur quidem iide et gratia salvari homines, sed 
fidem qualitatem illam regenerantem intelh'gunt. Non soh* fidei in Christum tri- 
buunt. Aliter exponunt fidem et gratiam quam nos et operibus simul tribuunt 
iustitiam dicentes Jac. 2, 20. Qui locus si ad moralia et praedicationem legis 
appUcatur, est optimus; si autem in articulo iustificationis collocaverimus, est non 
tarn ineptus quam impius" (Tischreden, 3. Bd., S. 37, Nr. 2864). Melanchthons 
Auslegung geht freih'ch schon einen Schritt iiber Luther hinaus.! Dieser unmogliche 
Versuch Melanehthons, mit reformatorischem Denken Jakobus zu verarbeiten, 
dem Luther noch widerstand, verrat an bedeutsamer Stelle etwas von dem ,,ratio- 
nalen Denken, beherrscht vom Bedurfnis der Erklarung", das Hans Emil Weber 
im 1. Bd. semes Werkes ,,Reformation, Orthodoxie und Bationalismus" schon in 
der Rechtfertigungslehre der Apologie als Gefahrdung des von Luther gemeinten 
gottlichen Geheimnisses tier ,,Rechtfertigung" findet. Unsere Frage an Weber ist, 
,ob diese Zerlegung des gottlichen, von Luther providentiell erlebten Geschehens 

111 



einen Jakobus und eine apostolische Verkiindigung, die wie Luther 
im Rechtfertigungsgeschehen das Handeln vom Glauben trennt. Der 
Mensch vor Gott 1st kein Wirkender .sondern: ein ,,Glaubender". 
Wo immer sich Melanchthon friiher oder spater mit Jakobus beschaftigt, 
fuhrt er diesen ,,heiBen Kampf gegen jede Motivation des Rechtferti- 
gungsurteils aus dem Verhalten des Menschen" (H. Engelland, 
Melanchthon, Glauben und Handeln S. 371), nenne sich das Verhalten 
Glauben" oder ,,Werk". Es diinkt ihn eine Bestreitung des ,,Christus 
solus" und eine Bedrohung der GottesgewiBheit und SelbstgewiBheit 
des Menschen, die das Geschenk der reformatorischen Kirche an das 
einzelne Subjekt ,,Mensch" im ,,Christus solus" und ,,sola fide" ist. 
Jakobus sagt nicht, dafi unsere Werke die Herzen zur Ruhe bringen 
und Gottes Zorn iiberwinden." Und Melanchthon meint mit dieser Aus- 
legung den ,,einfaltigen Verstand" des Jakobus wiederzugeben. Aber 
Luther sah doch tiefer, wenn er von der Jakobus-Exegese seines Freundes 
in der Apologie urteilte, er handelt ,, nicht mit einem Ernst" (W.A. Tisch- 
reden, 3. Bd. S. 254). Das Schema der kommenden orthodoxen 
Jakobus- Auslegung findet sich vollkommen ausgefiihrt in Melanchthons 
Methode und Fragestellung. Die Exegese des Wortes Gottes wird dem 
dogmatischen Vorurteil der Reformation unterworfen. Man hat nicht 
die Kraft der Zusammenschau der Gegen- Satze" in der Einheit des 
Geistes. Das GewiBheitsproblem verdrangt ganz die Frage nach der 
Rolle des personalen Willens im Rechtfertigungs-Ereignis. Die Auf- 
losung der objektiven rechtfertigenden Heilstat Gottes (Christus- und 
Geistesgemeinschaft in den heiligen Sakramenten), innerhalb deren 
die reformatorische s ,Rechtfertigung" nur eine Seite, namlich die 
personale und subjektive, in Geist und Herz des begnadeten Menschen 
ist, in die subjektive Erfahrung oder Gesinnung des mit ,,Christus allein", 
,,sola fide" umgehenden frommen Protestanten deutet sich an. Das An- 
liegen des Jakobus: was der Mensch fur Gott und darum fur sich tue, 
muB zuriicktreten. Dennoch muB hervorgehoben werden zusammen- 

in starre Begriffe und Momente nicht ein Erbe ariatotelischen Denkens ist, dem die 
reformatorischen Theologen bei aller Kritik der Scholastik ebenso verfallen sind 
wie ihre Gegner, worin dann aucb. ein Grund zu sehen ware, warum die Theologen 
beider Kirchen bis zu denen des Tridentinums und der Orthodoxie in der 
Sache der Rechtfertigung und der Auslegung der Schrift so hoffnungslos aneinander 
vorbeireden muBten, ein MiBverstandnis, das erst durch modernen Christ-Katholi- 
zismus und evangelische Sakramentsfrommigkeit und Christusgemeinschaft zur 
Aufhellung kommt. 

312 



stimmend mit Luthers eigenem Urteil iiber sich: ,,ego sum crudior et 
stupidior" , Luther steht allein mit seiner Antipathie gegen Jakobus. 
Bereits 1520 hat Karlstadt in einer Vorlesung iiber den Jakobusbrief den 
Keformator angegriffen. Aber auch Zwingli, Calvin und Bullinger 
schatzen Brief und Zeugnis als apostolisch und christlich. Besonders 
fallt Calvins besonnene Stellungnahme, die fast modernen Blick fiir die 
individuellen historischen Auftrage der Apostel verrat, angenehm auf. 1 ) 
Es finden sich bei ihm sogar Satze iiber die Rechtfertigung, die der 
Wiedergewimmng der im Christus gebundenen, altkirchlichen Anti- 
nomie von Glauben und Werke naherzukommen scheinen als Luthers 
Formulierungen, wie etwa in der Institutio von 1559: ,,Wir werden 
nicht ohne Werke, aber dennoch nicht durch Werke gerechtfertigt, 
da ja in der Teihiahme an Christus, durch welche wir gerechtfertigt 
werden, nicht weniger die Heiligung als die Gerechtigkeit enthalten 
ist" (III, 16, 1). Bei naherem Zusehen vgl. auch im einzelnen seine 
Exegese von Jakobus 2! kommt seine Anschauung freilich auf die 
Melanchthons und der lutherischen Orthodoxie hinaus. Major und 
Menius stellen acht Jahre nach Luthers Tode den Satz von der Not- 
wendigkeit guter Werke zur SeHgkeit auf, von Amsdorf mit dem be- 
zeichnenden Einwand abgewiesen: ,,die Erneuerung sei eine ganz und 
gar von der Rechtfertigung getrennte Sache." Das Wirken wird nur 
noch als eine Polge des Rechtfertigungsurteils betrachtet und vom 
rechtfertigenden Glauben getrennt. Der Glaube, der GotF recht wird, 
wirkt nicht. 2 ) Zwei Jahre spater pragt die Synode zu Eisenach im 
antinomistischen Streit den sich reichlich windenden und in den Gott 



1 ) ,,Ich meinesteils finde keinen ausreiclienden Grund, ihn abzulehnen, und 
nehme ihn voller Zustimmung auf. Denn den Anschein, als wiirde im zweiten 
Kapitel die Lehre von der Rechtfertigung allein aus Gnade erschiittert, werden wir 
seines Ortes leicht zerstreuen ... Es ist doch gewiB nicht von alien biblisehen 
Schriftstellern zu f ordern, daB ihre Lehre genau die gleichen Gegenstande behandle. 
Welch ein Unterschied ist zwischen dem Psalter und den Spriichen! . . . Mir geniigt 
es zur Anerkennung des Briefes vollkoinmen, daB er nichts eines Apostels Un- 
wiirdiges enthalt: ist er doch gesattigt von mannigfachem Lehrstoff, dessen Be- 
deutung fiir alle Seiten des Christenlebens klar zutage liegt" (Auslegung des Jako- 
busbrief es, Einleitung). 

2 ) Merkwiirdig, daB der Widerspruch zwischen der Eechtfertigung im End- 
gericht, die doch nur die Offenbarung der ,,heimlichen" Rechtfertigung des 
Glaubenden ist und das Wirken des Glaubenden (auch nach lutherischer Lehre) 
verlangt, und der Rechtfertigung des Glaubenden, ohne ein Wirkender zu sein, 
nicht gesehen bzw. ertragen wird! 

8 Lackmann, Sola fide i 113 



Alten und Neuen Testaments einen unmoglichen Zwiespalt hinein- 
verlegenden Satz, gute Werke seien ,,in foro legis et de idea" zur Selig- 
keit no tig. Andreas Osiander versucht gegeniiber den bereits falsch 
verstandenen ,,forensischen" Auffassun,gen der Zeitgenossen das 
Ganze der Rechtfertigung (Akt und Effekt, objektive und subjektive 
Seite) als den dynamischen Akt des einwohnenden Christus zu be- 
schreiben, wobei das rechte Tun des Willens Gottes mitgesetzt ist in der 
Mitteilung der Gott-gerechten menschlichen Natur Christi, die sich der 
Glaubende zu eigen macht : keine Losung des Problems, aber sich. doch 
weit iiber die Schultheologie der Epigonen Luthers erhebend. Aber sein 
Schwiegersohn biiBt die ,,Ketzerei" mit dem Tode. 1 ) Die Konkordien- 
formel hat nicht nur nicht weitergefuhrt, sie hat auch jene Epoche der 
Orthodoxie vorbereiten helfen, von der Vilmar sagt, sie habe ,,juri- 
stische Begriffe statt der gottlichen Sachen" vertreten. 2 ) AuBerlich 
gesehen, wird Luthers Lehre aufgenommen. Es ist ,,Pauli Lehre, dafi der 
Glaub allein gerecht macht ohne Werke". Bei Jakobus handelt es sich 
nur darum, ,,woran und wobei ein Christ entweder bei sich selbst oder 
an anderen erkennen und unterscheiden moge einen wahren lebendigen 
Glauben von eineni gefarbten toten Glauben". Man beruft sich auf 
Melanchthons Jakobus-Auslegung jn der Apologie; aber die Heils- 
bedeutung der opera vor Gott als ,,meritoria" propter Christum, die 
doch von Melanchthon im Horen auf Jakobus wenigstens noch zuge- 
standen wird, tritt bereits hinter die Unterscheidung des lebendigen 
und toten Glaubens unter den Menschen zuriick. So gerat man immer 
mehr in die Sackgasse ,,protestantischer Glaubensgerechtigkeit", wo 
man sich festrennt mit einem ,,Glauben allein", der sehr bald verdachtige 
Ahnlichkeit aufweist mit der Werkgerechtigkeit der spatmittelalter- 
lich.cn Kir che. ,,Die Extreme beruhren sich!" Dennoch, das Fragezeichen 
bleibt auf gerichtet : die Verfasser der Konkordienformel miissen sich 
sehr ausfiihrlich behaupten gegen das Verstandnis des Glaubens, ,,ut 

x ) Vilmar hat Osiander die langst fallige Ehrenrettung zuteil werden lassen! 
(Vgl. Dogmatik II, 57). 

2 ) Da6 die Formel der lutherischen Rechtfertigungslehre nicht ,,geniigend 
die schopferische Tatsache, die in Luthers Rechtfertigungsglauben gegeben ist 
(Martin Rade, a. a. O. S. 4), deckt und darum heute veraltet ist, ja schon in der 
Orthodoxie miBverstanden worden ist, befriedigt nicht allein als Erklaruug fruh- 
zeitiger Entleerung des Evangeliums in ,,reformatorischer Theologie". Unaus- 
gesprochene Wahrheit entleert auf die Dauer auch die ausgesprochene Wahr- 
heit der besten theologischen Formel: aucb. dies gottliche Gesetz ist bei der Ent- 
wicklung lutherischer Rechtfertigungstheologie in Anschlag zu bringen! 

114 



iustificet, necessariam esse praesentiam bonorum operum; aut ad 

iustificationem vel in articulo iustif icationis esse necessariam praesentiam 

bonorum operum, vel bona opera esse causam sine qua non, quae per 

particulas exclusivas ex articulo iustif icationis non excludantur" 

(z. B. gegen Paul Eber, der fur die necessitas praesentiae bonorum 

operum eintritt). 1 ) Aber alle Problematik wird ausgeschaltet, der 

,,orthodoxe" Standpunkt setzt sich durch, damit zugleich eine Ent- 

wicklung des ,,Christus solus"- und des ,,sola fide"-Verstandnisses, die 

immer weiter von Lehre und Erfahrung Luthers wegfuhrt. Das Jakobus- 

Problem wird orthodox gemeistert. Aus der Christusgemeinsehaft bei 

Luther, die der Glaube nicht herstellt, sondern deren subjektive ,,Ver- 

wirkliehung" er nur ist als Gabe des einwohnenden Christus und .des 

Heiligen Geistes (hierhin gehort wirklich ganz lutherisch Kierkegaards 

Devise: ,,Die Subjektivitat ist die Wahrheit"), wird die historische und 

moraHsche Beziehung des orthodoxen ,,Glaubigen" zu dem Gekreuzigten, 

dessen Leiden, Verdienst und Gerechtigkeit er fur wahr und giiltig halt. 

Aus dem Glauben als ,,Brautring" der hochzeitlichen, Christus-eigenen 

Seele wird die intellektuelle Annahme einer orthodoxen Lehre von der 

remissio peccatorum und der imputatio iustitiae des Gekreuzigten; das 

Leuchten und Brennen der fides in den bona opera bei Luther wird zur 

moralischen Verpflichtung des Glaubigen, der ,,neben" dem Glauben 

auch ,,gute Werke" haben muB. 2 ) Entschlossen eigene Wege, die 

zwischen Rom und Wittenberg hindurch fuhren und heute ernst- 

hafter Beobachtung wert sind, werden damals lediglich von den 

Arminianern, Spcinianern und Mennoniten beschritten. Die Recht- 

fertigung wird synthetisch-forensisch verstanden, aber nur der Glaube, 

', der von der Gottesliebe und dem Gehorsam gegen Gottes Gebot 

- begleitet ist, empfangt den gottlichen Freispruch und das Geschenk 

des ewigen Lebens. Gleichwohl gilt ,,opera non sunt mefitoria." 

(Socin, Bibliotheca fratrum Polonorum, T. II, S. 603.) 



x ) ,,Die so hochst unverstandig als Schulgezank bekrittelten protestan- 
tischen Lehrstreitigkeiten des sechzehnten Jahrhunderts drehen sich in ihrem Kern 
eben um dieses Problem: wie ist es moglich, neben der Rechtfertigungslehre die 
ethische Verpflichtung in. ihrer ganzen Strenge aufrechtzuerhalten ? Der Streit 
wurde nur darum so fanatisch, so uiiheilbar, weil man dabei auf eine Antinomie 
stieti, die logisch iiberhaupt nicht aufzulosen ist" (Karl Holl, a. a. O. S. 17). 

2 ) Schon die selbstverstandliche Art, wie Johann Gerhard, der doch noch viel 
Lehr- und Lebensgut der reformatorischen Kirche in seinen Lehr- und Erbauungs- 

8* . . . 116 



9. Das Ringen um Wiedergewinnung der urchristlichen 
Antinomic in evangelischer Verantwortung 

(18. und 1 9. Jahrhundert) 

In neuer Kraft bricht die Frage in den groBen Fuhrern des Pietis- 
mus auf : Heinrich Miiller, Scriver, Spener ; schon vorbereitet durch das 
,,wahre Christentum" lutherischer Mystik bei einem Johann Arndt 
'inmitten entstehender Orthodoxie. ,,Du muBt allein in dem Willen 
Gottes wandeln, auf daB du den Segen Gottes erlangst, ins Gelobte 
Land und Reich Gottes kommst . . . ; mit Christi Vollkommenheit ge- 
schmuckt gef alien alle deine Werke Gott wohl" (vier Biicher vom wahren 

s 

Christentum, Buch I, S. 28, StraBb. Ausgabe). ,,Du muBt dir deine 
BuBe einen rechtschaffenen Ernst sein lassen, oder du hast keinen recht- 
schaffenen Glauben, welcher taglich das Herz reinigt, andert und bessert. 
Du sollst auch wissen, daB der Trost des Evangeliums nicht helfen kann, 
wo nicht rechtschaffene, wahre Reue und gottliche Traurigkeit voran- 
geht, wodurch das Herz zerbrochen und zerschlagen wird . . ." Zugleich 
aber die lutherische Warming: 53 Du muBt dich aber wohl versehen, daB 
du ja deine Werke oder anfangenden Tugenden oder Gaben des neuen 
Lebens nicht mengst unter deine Rechtfertigung vor Gott. Denn da 
gilt keines Menschen Werk, Verdienst, Gabe oder Tugend, wie schon sie 
auch seien, sondern der hohe, vollkommene Verdienst Jesu Christi, 
durch den Glauben ergriffen" (Vorrede). So konnte Luther nicht reden, 
und doch ist alles aus dem ,,Christus solus" des Reformators gewonnen. 
Man kommt nicht weiter und spurt doch, daB man weiterkommen muB. 
Darauf weisen Forderungen wie ,,rechtschaffener Ernst deiner BuBe", 
,,rechtschaffener Glaube", ,,rechtschaffene Reue und gottliche Traurig- 
keit" hin: hier geht es uber Luthers Beschreibung und Wiirdigung des 
Glaubens und uber seme Begriindung, warum die fides sola AnlaB der 
Rechtfertigung fur Gott ist, unweigerh'ch hinaus. Bezeichnend, wie ver- 
schieden Johann Arndts lutherische Zeitgenossen iiber sern Buch urteileri. 
Lucas Osiander: ,,ein Buch aus der Holle." Valentin Andrea: ,,die 



schriften bewahrt, in der Auseinandersetzung mit Bellarmin bestreitet und ,,nach- 
weist", dafi es im Jakobusbrief nicht um die iustificatio coram Deo, sondern um die 
,,declaratio iustitiae coram hominibus per opera" gene, stellt dar, daB es in der 
Dogmatik der Tbeologen jetzt endgultig zu einem ,,KurzschluB" gekommen ist, 
der die gottliche Wahrheit verdunkelt (vgl. Loci theologici, Tom. Ill, Loc. 16, 
De iustificatione per fidem, u. Tom. IV, Loc. 17, De bonis operibus, Cap. 82). 

116 



Posaune des Jahrhunderts." Wesley, aber auch Albrecht Bengel (ein 
besoiiderer Verehrer Luthers, aber auch Johann Arndts!) zerf alien 
mit dem lutherischen Herrnhut uber der alten Behauptung des majo- 
ristischen Streites, daB die guten Werke notwendig seien zur Seligkeit. 
Die Betonung der psychologisch miBverstandenen Wiedergeburt, des 
BuBernstes und der aufriclitigen Bekehrung bringen theologische 
Momente aus der Heiligen Schrift und der alten Kirchenlehre zur Gel- 
tung, die fruher oder spater sich zu einer Erganzung des lutherischen 
Dogmas verdichten miissen. Bengel ist sich bereits bewuBt, daB dieKirche 
nicht bei Luther stehenbleiben kann, vielmehr nur die Summe ihrer Er- 
fahrungen mit ihrem Herrn und seinem Schriftwort also vor Luther 
und nach Luther Anleitung ihrer Verkundigung und ihres Lebens sein 
darf. Die Uberordnung der Heiligen Schrift iiber die Kirche und den 
einzelnen Kirchenlehrer, die historische Einordnung jedes biblischen 
Schriftstellers und eine dementsprechende Auslegung werden durch 
Bengel neu gefordert und geiibt. Er iibt offene Kritik an Luthers Ein- 
schatzung des Jakobusbriefes und an der Isolierung des ,,sola fide"- 
Prinzips. Seine sowohl von Luther wie der gesamten orthodoxen Aus- 
legung abweichende Exegese fuhrt bedeutend weiter, ohne bereits 
Wiedergewinnung der altkkchlichen Antinomie und Losung des Jakobus- 
Problems zu sein. 1 ) Erwahnt sei auch der allerseits als Phantast ab- 
getane Swedenborg: er unterscheidet den ,,gottlichen Glauben, der BuBe 
tut, und den menschlichen Glauben, der nicht BuBe tut und doch an 
Zurechmmg glaubt" (Gottl. Offenbarung I, S. 47). Das Problem bohrt 
in der Kirche. Der Jakobusbrief kommt allgemein zu kanonischen und 
evangelischen Ehren, wenn er auch noch nicht gehort wird. Ein neues 
Stadium ist anzusetzen zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. 
"Oberwindung und EinfluB des achtzehnten Jahrhunderts, der entschie- 
dene Christozentrismus Schleiermachers und die neu zur Heiligen Schrift 
fiihrende Erweckungsbewegung fordern eine christus- und wort 



1 ) Vgl. seine Grundsatze der Kommentierung: ,,ut sinceritas textus conser- 
vetur, restituatur, vindicetur; ut propria vis linguae eius, qua scriptor aliquis 
sacer utebatur, declaretur; ut circumstantiae, quas sermo quilibet respexit, expli- 
centur; ut errores et abusus postea exorti restinguantur . . . In quolibet genere, 
quae siBguli lectores e Scriptura hauriunt, urdversi inter se communicare possunt 
ac debent, ore praecipue, nee non literis; sed ita, ut ne ipsius Scripturae usus per- 
petuus imminuatur aut obruatur . . . Scriptura ecclesiam sustentat; ecclesia 
Scripturam custodit. Quando viget ecclesia, Scriptura splendet; quando ecclesia 
aegrotat, Scriptura situm contrahit" (Praefatio zum Gnomon N. T. 4. 5). 

11T 



gebundene Auslegung der Schrift unter Beriicksichtigung ihrer histo- 
rischen und begriffsgeschichtlichen Voraussetzungen. Die Eomantik 
erschlieBt neues Erleben und Verstehen der Kirche. Das ,,Christus solus" 
und ,,sola fide" Luthers wird unter neuen Umstanden neu gewonnen, 
aber auch neu verstanden und umstritten. 

Schleiermacher gibt ganz reformatorisch auf die Frage, ,,was wir 
unter der Gerechtigkeit aus dem Glauben zu verstehen' haben," zur 
Antwort: ,,daB wir das Leben Christi in uns haben . . . und uns mit 
ganzlichem AusschluB des Gesetzes hierauf allein verlassen . . ., das 
Wachstum des Lebens Christi in uns, das Absterben des alten Menschen, 
das ist unsere Gerechtigkeit." Genuin lutherisch wird das dahin erlautert : 
es ,,gibt kein Wohlgefallen Gottes an dem Menschen durch Werke 
und wir konnen gleich hinzufiigen des Gesetzes, weil Werke nicht 
anders geschatzt werden konnen als nach einem Gesetz ( !) , sondern 
nur durch den Glauben," der als ,,unsere urspriingliche Lebenstatig- 
keit" das menschliche Aufnehmen des ,,Christus in uns" ist. ,,Der Glaube 
ist nur jenes sich seinenrEinfluB hingeben; und er ware also gar nicht, 
wenn er ihn nicht her vorriefe." Der Glaube ist also mehr als ,,irgendeiri 
Anerkennen oder Wissen um das, was Christus gewesen ist". Das war 
,,eine der Haupttriebfedern jener Erneuerung der Kirche, alle falschen . 
Stiitzen niederzureiBen, auf die sich sonst noch miBleitete Christen ver- 
lassen hatten, und diese Gerechtigkeit aus dem Glauben allein wieder 
aufzurichten". 1 ) Wir konnen im Rahmen unserer tjberschau Schleier- 
machers MiBverstandnis der lutherischen ,,Rechtfertigung" infolge semer 
anderen christologischen und anthropologischen Voraussetzungen auBer 
acht lassen. Wichtig fur unsere tJberlegung ist die Feststellung, daB.hier 
hinter Aufklarung und Orthodoxie zuriickgehend der ZusammenschluB 
des Glaubenden mit ,,Christus allein" als AnlaB und Vollzug der gott- 
lichen Rechtfertigung in den -Mittelpunkt des kirchlichen Denkens und 
Wollens geriickt wird. DaB die nahere Bestimmung dieser reformatori- 
schen Lehre im Bekenntnis der Kirche noch nicht endgiiltig, ja ent- 
wicklungsfahig sei, hat Schleiermacher ebenso gewuBt wie die ,,eine 
groBe Sicherstellung fiir alle Zeiten dariiber, daB wir wahrhaft nur im 
Glauben an Christum zusammenhalten, wenn in der ganzen Ent- 
wicklung der Lehre und der Anordnung des Lebens kein anderes Zeugnis 
gelten darf, als was sich in den (heiligen) Schriften ausspricht . . . Ent- 
steht ein Streit dariiber, ob etwas im einzelnen richtig gelehrt und ge- 

!) Predigten iiber Gal. 2, 16 18 und 2, 1921. 
118 



ordnet ist in der christlichen Kirche oder nicht: so gibt tins die aposto- 
lische Schrift das MaB, nach welchem dies beurteilt werden kann . . . ; 

*-- ' - ". - / 

-wir sollen, dem Geist Gottes nicht vorgreifen noch ihm MaB und Ziel 
stecken, sondern das Wort des Apostels bedenken: Wenn aber einer ~ 
anders halt, so wird es ihm Gott weiter offenbaren." 1 ) Dem 5J Christus 
solus" und dem ,-,sola fide" gesellt sich auch das reformatorische ,,sola 
scriptura" wieder bei. Neue Freiheit der Schau wird geschenkt, aber auch 
neue Gemeinschaft mit der Kirche aller Zeiten. Der Kirchengeschichtler 
August Neander schreibt 1822 eine Schrift ,,Paulus und Jakobus, die 
Einheit der evangelischen Christen in verschiedenen Formen". August 
Tholuck gibt 1856 seme Erklarung der Bergpredigt nach Matthaus her- 
aus, die sich durch ausfiihrliche Kenntnis der vorreformatorischen und 
altku-chlichen Ausleger, durch Darstellung der Einheit von Altem und 
Neuem Bunde und Erklarung aus dem Schriftganzen auszeichnet. , 3 Es 
ist die Aufgabe unserer Zeit . . ., Christum im Zusammenhange mit der 
alttestamentlichen Religionsstufe zu begreifen ..." Der Zweck der Berg- 
predigt ist, 33 die neue Reichsokonomie als die tiefste Erfullung der alten 
zu bezeichnen". 2 ) Mit einem Schlage steht man wieder vor der alt- 
Mrchlichen Antinomie von Gottes Werk und menschlichem Wirken. 
. ^Die Rede macht nicht vom Tticrrsiistv, sondern vom Ttoieov das Heil 
des Menschen abhangig" (S. 34). , 3 Nur die betatigte Willenseinheit 
mit Gott verbiirgt den Eingang in das Reich Gottes" (S. 454). ,,Das 
Bedenken, daB die Werke als Norm des Gerichtes angegeben sind, kehrt 
auch in anderen Reden Christi wieder" (S. 34). ,,Die vollkommene-Selig- 
keit muB mit der vollkommenen Erfullung der sitthchen Forderungen 
Gottes zusammenf alien, weil vollkommene Sehgkeit gleich vollkommene - 
Gemeinschaft mit Gott ist" (S. 40). Diese Feststellungen liber das recht- 
fertigende Urteil Gottes und seine Bedingungen im Endgericht fordern 
Riickschliisse fiir die Rechtfertigung des Gla,ubenden. 'Die ,,iustitia 
sup'erabundans" des Glaubenden kann nicht sein eine ,,iustitia fidei 
opposita iustitiae legis", sondern ist ,,iustitia legis opposita iustitiae hypo- 
critae Pharisaeorum". 3 ) Der Glaube, der die Rechtfertigung erwirkt, 
muB.auch die von Christiis kommende Kraft enthalten," das zu erftillen, 
was er fordert" (S. 41). Diese VerheiBung hegt bereits in der Christus- 

x ) Predigt iiber 1. Petr. 3, 15 zum 25. Juni: Die t)bergabe des Bekenntnisses 
als Verantwortung iiber den Grand der Hoffnung. 

2 ) Die Bergpredigt, Vorrede u. S. 15. 

3 ) Nach Abr. Scultetus, Exercitationes evangelicae iiber die ersten 10 Kap. d. 
Matth.., 1624. ' : ' ' "".>.'.' 

. 119 



gemeinschaft, aus der der Glaubende seinen Glauben gewinnt. Denn 
,, Jesus 1st nicht nur gekommen, um 'die Forderungen zu steigern ohne 
die gesteigerte Kraft zu verleihen ... In der durch ihn zu geschehenden 
TtXTjpcoaru; v6(Jt,ou liegt auch eine VerheiBung" (S. 42), namlich die, daB der 
Glaubende der den Willen Gottes Tuende und darum der ,,in Christo" 
und ,,propter Christum" Gott Wohlgefallende ist. 1 ) Das ist nicht mehr 
Luthers und Melanchthons Verstandnis. Tholuck spricht selbst aus, daB 
,,hier das lutherische Dogma eine weitere Durchbildung zu erfahren hat" 
(S. 39, wo zwar zunachst von dem dem qualitativen und quantitativen 
Gradunterschied der Werke entsprechenden Gradunterschied der Selbst- 
befriedigung und Seligkeit der Glaubigen die Rede ist; aber hier wird 
das Ganze des Gottesverhaltnisses, wie es Luther gesehen hat, schon 
in anderer Weise bestimmt. Der gottliche Blickpunkt bei dem Recht- 
fertigungsurteil ist nicht mehr der Christus extra nos, an dem der 
Glaubende ,,hangt", sondern der Glaubende, der ,,in Christo" als 
Glaubender Gottes Gesetz erfiillt!). Fast zur gleichen Zeit kommt Rudolf 
Stier in seiner Auslegung des Jakobusbriefes zu ahnlichen t)berlegungen. 
,,Die Wahrheit Gottes, die Heilslehre fiir uns hat gar manchmal in der 
Sache selbst zwei Seiten." 2 ) Der Begriff ,,sola fide" ist zweideutig. Es 
gibt ,,in der menschlichen Sprache fiir gottliche und geistliche Dinge 
fast kein Wort, das ohne alle Moglichkeit des MiBverstandnisses oder 
MiBbrauchs fest ware (a. a. 0. S. 144). Bekanntlich hat nur Luther 
sich erlaubt, das bedenklich miBverstandliche Streitwortlein ,,allein 
durch den Glauben" im Romerbrief beizufiigen. Hatte doch Luther, so 
gut und recht auch seme Meinung dabei war, lieber das Wort Gottes 
nicht eigenmachtig so zugespitzt! Mehr noch ist zu wiinschen: hatten 
doch die Streiter um die reine Lehre nach ihm sich vor dem Worte, 
das wiederum geschrieben steht bei Jakobus, beugen und daraus ver- 
stehen gelernt die groBe Gefahr der einseitigen Systemsprache ! Wir 
wissen, daB ein arger MiBverstand und MiBbrauch der lutherischen 
Lehre vom Glauben die Kirche verfuhrt und zerstort hat, daB derselbe 
sich leider bis heutigen Tages immer wieder findet" (a. a. 0. S. 144f.). 

x ) Der Wille Gottes ist die Kraft, mit der er \virkt, daB ich vollbringen konne, 
was er fordert. So gesehen, hat er einen anderen Namen: er heiBt die Gnade. 
Wenn also Wille Gottes geschieht, dann ist's Gabe und Werk dieses Willens selber . . 
und ist mein Werk . . . und meins durch das Seine . . . und Seines in mir . . ., 
und alles ist ein Geheimnis der Einheit" (Romano Guardini, Vom lebendigen 
Gott, zur 3. Bitte des Heiligen Vaterunsers, S. 54). 

2 ) Der Brief Jakobi, 1860, S. 144. 

120 



Auch Stier weicht von den Reformatoren ab. ,,Der bloBe Glaube ohne 
vorheriges Verdienst der Werke rechtfertigt darum, well er fiir die 
Zukunft kein bloBer Glaube bleiben kann. Wenn der Schacher nicht 
stiirbe, so wiirde er wahrlich nicht wieder die alten Taten tun" (a. a. 0. 
S. 148). Gott erkennt in dem Glaubenden den Willen zum gottgemaBen 
Wirken ; darum ist er ihm recht. Bereits das Glaubendurf en ist Teilnahme 
des Wiedergeborenen am Leben des Gottes Willen erfullenden Christus. 
3 ,In der Begnadigung selbst ist die Aufrichtung zum neuen Leben ent- 
halten." 

Jakobus kommt immer mehr zur Geltung, die reformatorische An- 
schauung des Glaubens, der Christusgemeinschaft des Glaubenden und 
des gottlichen Urteils wandelt sich: Gott schafft den Glaubenden als 
Wirkenden und Gerechten durch das Werk Christi an ihm. 

Der Beitrag der Bibeltheologen zum Problem wird von den Kon- 
fessionstheologen der lutherischen Kirche im neunzehnten Jahrhundert 
erganzt: die Isolierung des Subjektiven im Rechtfertigungsvorgang und 
die Herstellung des rechtfertigenden Gottesverhaltnisses lediglich durch 
den personalen Akt des glaubigen Menschen wird mit der Wieder- 
gewinnung des sakramentalen objektiven Gnadenhandehis Gottes in und 
mit der Kirche uberwunden. Die Gottes- und SelbstgewiBheit des ver- 
antwortlichen Menschen vor Gott erhalt wieder ihre reformatorische 
und katholische Grundlage. 

Nach A. F. C. Vilmar ist die Rechtfertigung ,,ein reiner Gnadenakt 
Gottes, nicht abhangig von irgendwelcher in dem Menschen liegenden 
Bedingung . . . ; die Vollziehung der Wiedergeburt . . ., unsere Sehgkeit 
soil nicht erst erworben werden, sondern sie ist schon vorhanden," 
seit der heiligen Taufe. 1 ) Die Rechtfertigung durch den Glauben ist 
lediglich die personale ,,Aneignung der Wiedergeburt". Der Glaube ist 
,,weder Ursache noch Veranlassung noch auch im eigentlichen Sinne 
Bedingung der Rechtfertigung . . .; der Glaube macht uns weder ge- 
recht noch selig, sondern ist nur unser Zustand, welcher uns befahigt, 
dessen teilhaftig zu werden, was Gott ohne unsern Glauben bereits . . . 
in der Heiligen Taufe an uns langst getan hat" (a. a. 0. S. 157. 161). 
Der Glaube ist also das ,,Zu-sich-selbst-kommen tc des in Christus neu- 
geschaffenen Menschen, der ,,wesentliche Inhalt unseres SelbstbewuBt- 
seins, durch den alle unsere Geistestatigkeiten, das Denken wie das 
Wollen . . . bestimmt werden" (a. a. 0. S. 143), aber zugleich das ,,Zu- 

J ) Vilmar Dogmatik, 57, 42, S. 155ff. 

121 



sich-selbst-kommen" Gottes im Menschen; denn durcli den Glauben 
nimmt der Mensch das neue Ebenbild Gottes, den neuen Adam Christus 
als ,,sein eigenes Ich an" (a. a. 0. S. 157). 

Diese Gedanken Vilmars bringen entscheidende Klarung. Das Rin- 
gen um die SelbstgewiBheit des Menschen wird wieder in dem Raum be- 
handelt und zu losen versucht, in dem es entstand und.VerheiBung'der 
Losung hat: im Raum des neuschaffenden Gotteswerkes an Menschen 
der Kirche. Vilmar ist sich dieses klarenden Beitrages auch ganz bewuBt. 
Ausfiihrlich verbreitet er sich dariiber, daB die ,,Rechtfertigung als der 
eigentliche Lebenskeim der Wiedergeburt in der Taufe bereits verliehen" 
ist und ,,die Wirkung des Heiligen Geistes, welche in der Taufe in den 
Menschen gelegt wird, eben das zum Ziele habe, den Menschen dieser an 
ihm bereits vollzogenen Gnadenhandlung bewuBt zu machen, dieselbe 
dem Menschen zur Aneignung zu bringen". Darum kann der ,,Akt der 
Rechtfertigung nur an dem in der Kirche befindlichen Subjekt voll- 
zogen" werden. Damit wird ein SchluBstrich unter eine dreihundert- 
jahrige ,,protestantische" Verwicklung des Problems gezogen und der 
reformatorisch-kirchliche Ausgangspunkt zuriickgewonnen. ,,Die evan- 
gelische Kirchenlehre hat auf diesen Punkt weniger Auf merksamkeit 
verwendet, als sie hatte tun sollen . . . Wird die Rechtfertigung, wie nur 
zu oft geschehen ist, als isolierte Lehre und demnach auch als isolierter 
Akt dargestellt, so gewinnt es den tauschenden und gefahrlichen An- 
schein, als sei die Seligkeit an einen Individualvorgang, welcher auch 
auBerhalb der Kirche stattfinden kb'nne, gebunden, und sei mithin der 
von den Katholiken oft erhobene Vorwurf nicht ohne Grund: durch die 
Rechtfertigung werde das ganze christliche Leben lediglich in die Sub- 
jektivitat, in das personliche Verhaltnis des Einzehien zu Gott und zum 
Heiland, anstatt in die Objektivitat, in Gottes Heilsinstitut verlegt . . ." 
(a. a. O. S. 171 f.). 

Freilich wird auch von Vilmar ubersehen, daB gerade die Vor- 
bedingung des objektiven gottlichen Gnadenhandelns das Subjekt und 
seine Selbsttatigkeit setzt und nun doch die Fortsetzung und Durch- 
setzung der gottlichen Gnade von erfiillten Bedingungen, die dem Sub- 
jekt im Raum der Gnade gestellt werden, abhangig gemacht wird. Das 
Zu-Stand-und-Wesen-kommen der Rechtfertigung verlangt ein ver- 
antwortliches Verhalten des Menschen. Das ist Wiirde und Erfiillung 
des Menschseins im Akt der Gnade. Wenn Vihnar den Glauben in diesem 
Zusammenhang nur als geistgewirkte Willigkeit reiner Rezeptivitat fiir 
den Christus beschreibt, dem als solchem keine gottliche Anerkenhung 

122 



zuteil wird 5J wir konnen nur mittels einer Gedankenverkurzung 

- sagen : der Glaube ist unsere Gerechtigkeit . . . Die Gerechtigkeit steht 
allezeit bei Gott, niclit bei den Menschen" (a. a. 0. S. 161) , so steht 
er mit diesen Anschauuhgen ganz in der Nachfolge Luthers und refor- 
matorischer Theologie, ohne indes die'Wahrheit idealistischen Denkens 
und der neuen Schrifttheologie zu verarbeiten. Mit.Jakobus kann er 
folgKch auch nicht viel anfangen, wenn er ihn auch besser als Luther 
zu verstehen sucht und meint. Der Brief ist ,,gerichtet an solche, welche 
noch auf der untersten Stufe christlicher Erkenntnis stehen", em 
,,Vocationsbrief", aber von der Rechtfertigung und dem Glauben im 
Sinne des Apostels Paul us handelt er nicht. 1 ) Es wird fur die Zukunft 

. der Wahrheit entscheidend sein, wie sich diese Erkenntnisse der Kon- 
fessionstheologen mit den Ergebnissen der neuen Bibeltheologen ver- 
einigen. 2 ) 

1) Vgl. dazu CoU. Bibl. N. T. II, S. 467 ff. u. Dogmatik, a. a. O. S. 163f. 

2 ) Ahnlich wie bei Vilmar liegen die Dinge bei Wilhelm Lohe: tJber Luthers 

* ,,sola fide"-Begriff kommt er nicht hinaus, wenn auch die Spannung zwischen 
Bechtfertigung und Heiligung, die Annahme einer Belohnung des Menschen auf 
Grund der Werke neben der Glaubensgerechtigkeit, die remissio und imputatio 
propter Christum ist, ihn von Luther unterseheiden. Wie Vilmar die gesetzmaBige 
Entwicklung der Rechtfertigungslehre im geistlichen Leben der Kirche verfolgen 
und auf neue ,,Entwicklungen" des Dogmas hinweisen konnte allerdings nicht 
mit Riicksicht auf die Rechtfertigungslehre Luthers, die er fur abgeschlossen und 

" unubertrefflich hielt , so hat sich auch Lohe zur Weiterentwicklung des Dogmas 
und zur Vervollstandigung der Bek'enntnisse durch Enthullung. neuer Seiten des 
Schriftzeugnisses bekannt: ,,Es wird hier wiederholt und ausdriicklich zugegeben, 
daB auch die Konfessionen und Symbole noch manche Frage off en gelassen haben, 
fiber welche erst der gegenwartigen oder nachfolgenden Zeit entscheidendes, helles 
Licht vorbehalten ist . . . Was uns iiberliefert ist aus dem Kampf der Zeiten, was 
achtzehn Jahrhunderte errungen und gewonnen, darui sind billig wir einig, das 
halten, dafiir eifern wir, das stellen wir nicht erst wieder in Frage, das nehmen wir 
als ein erwachsenes, lebendiges Gewachs, das nun neue, nicht wieder alte Bliiten 
zu treiben hat" (W. Lohe, Unsere kirchliche Lage im protestantischen Bayern usw., 
1850, S. 19. 23). Ein echter Lutheraner ist ,,nicht der, welcher durch die Leistungen 
der Vergangenheit alle Arbeit abgeschlossen glaubt und eben damit, ohne es zu 
denken, der lutherischen Kirche die Lebensfahigkeit abspricht, indem er ihr Wachs- 
tum und Fortschritt zur Vollendung nimmt; sondern der scheint der lutherischen 
"Kirche am treuesten zu dienen, welcher in Einem Sinn und Geist mit den Vatern 
auf der betretenen -Bahn vorwarts geht" (Agende fiir christl. Gemeinden d. luth. 
Bekenntnisses. 2. Aufl. 1852, Vorwort). ,,Denn dem sogenannten Lutheraner, 
d. i. dem wahren kathoUschen Christen gehort die gesamte Vergangenheit vor und 
nach Luther: ihm muB auch die Zukunft gehoren. Alles^ist sein, was wahr und 
. schriftmaCig ist, wann, wo und wie es gesagt wird," und die norma normata des 

123 



10. Die exegetische Bemiihung Adolf Schlatters 

Der entscheidende VorstoB zu einem neuen Verstandnis der refor- 
matorischen Hechtfertigungslehre 1st die exegetische Arbeit Adolf 
Schlatters. Sein Kommentar zum Matthaus-Evangelium, die zweimalige 
Auslegung des Jakobusbriefes, der Kommentar zum Romerbrief und 
den Brief en an die Korinther und ,,Die Theologie der Apostel" sind 
strenge, sachliche und darum wohl bis heute oft uberhorte Kritik an dem 
theologischen Verstandnis des ,,sola fide" in der Kirche der Reformation. 
Die Frage nach der Stellung des verantwortlich denkenden und wollen- 
den Menschen im Heilshandeln Gottes an ihm wird durch das ent- 
schlossene neue Horen auf das einheitliche Zeugnis Alten und Neuen 
Testaments aus der reformatorischen Einengung befreit und damit das 
Problem des Menschen iiberhaupt, das seit Luther die Christenheit . 
weiter bewegt, so umfassend in Angriff genommen, wie es die Neuzeit 
fordert. Luther wird nicht verworfen, aber seine theologischen Losungen 
sind erganzungsbediirftig. Das Christus solus" bleibt gewahrt: ,,Wird, 
der Mensch zum Christus gerufen, so hat er allein mit dem Christus zu 
tun und sein ganzes Leben mit allem, was er denkt und tut, geht nun 
von Christus aus und wird durch den Glauben an ihn bestimmt." 1 ) 
Der Glaube allein ist ,,das vom Menschen verlangte, unbedingte ge- 
forderte Verhalten"; aber Gott stellt den Glauben ,, durch seine Ge- 
rechtigkeit her", d. h. durch das Wirken Christi im Menschen (a. a. 0. 
S. 151. 139). Der Glaubende wird als Christi Eigentum Gott gehorsam 
und darum Gott recht und Gottes gewiB. ,,Wo der Glaube an den Christus 
entsteht, ist der Mensch in den Bereich der gottlichen Gerechtigkeit 
hineingestellt. Nun ist sein Verhaltnis zu Gott so geworden, wie der 
gerechte Wille Gottes es schafft" (a. a. O. S. 139). Denn der Glaubende 
ist der wollende und wirkende Mensch, der ,,in Christus" Gottes Willen 
will und Gottes Werk wirkt. Darum ist er der Gerechtfertigte und Prei- 
gelassene Gottes. ,,Die Freilassung ist ein fortgehendes Handehi des 
Christus, das er an den Einzelnen dadurch vollzieht, daB er sie zum Glau- 
ben erweckt ; und da die Freilassung die Weise ist, wie Gott rechtfertigt, 
ist auch die Rechtfertigung in Christus gegenwartig. Sie ist durch Semen 

sechzehnten Jalirhunderts ist ihm nicht in dem Sinne der norma nonnans kon- 
gruent, daB ,,diese in jener erschopf t und es Gott selbst nicht mehr erlaubt ware, 
seiner Kirche noch etwas zu geben, was man im Normaljahr 1580 entweder nicht 
hatte oder nicht beachtete" (Der evangelische Geistliche, 2. Bd., S. XI). 
!) Gottes Gerechtigkeit, 1935, S. 153. 

124 



Tod geschehen und geschieht fur jeden dann, wenn durch den Christus 
in ihm der Glaube entsteht" (a. a. 0. S. 144). Der Glaube 1st also im 
Vollsinn ,,unsere Gerechtigkeit", indem er die Transformiemng dessen, 
was Christus ist und hat und will, in den menschlichen WUlen und in das 
menschliche Handeln ist. ,,Der Mensch wird durch den Glauben nicht 
nur ein Wissender, sondern er selber ist nun das, was der Glaube, mit 
dem .er sich Jesus ergab, aus ihm macht. Ist er aus Glauben, so formt 
sein Glauben sein ganzes Denken und Wollen, und er steht unter der 
Regel, daB das, was nicht aus dem Glauben komme, Siinde sei" (a. a. O. 
S. 149 f.). Darum gilt der Satz: ,,Nur dadurch, daB der Glaube mit den 
Werken vereint ist, wird die Gerechtigkeit erlangt." J ) Das Gehor fiir die 
Botschalt des Jakobus ist gewonnen, aber auch der Abstand vom refor- 
matorischen Verstandnis des ,,sola fide". ,,Was Jakobus sagt, steht 
weit iiber dem, was bisher befestigter und wirksamer Besitz unserer Kir- 
chen, auch unserer evangelischen, geworden ist. Sie haben sich ernsthaft 
dadurch geschadigt, daB sie Jakobus nur ganz oberflachlich Gehor 
gewahrten" (a.a.O. Vorwort). Die radikale Diastase von Gott und Mensch 
im Rechtfertigungsgeschehen, in dem die aliena iustitia Christi extra 
nos den Sunder heiligt, ihn Gott zueignet, der sich als Bettler in ihren 
Mantel hiillt, d. h. glaubt, wird nun erkannt als das Ganze der Christus- 
gemeinschaft des Glaubenden, der zum ,,Teilhaber am gottlichen Wir- 
ken", zum ,,Tater des Wortes" und dadurch und somit zu einem Frei- 
gesprochenen, einem ^jGerechtfertigten" wird. Allein durch Glauben: 
,,Wahrend zum Gesetz die Werke gehoren, ist das, was Christus dem 
Menschen bringt, in ihm wirkt und von ihm verlangt, das Glauben . . . 
Aus dem Glauben kann nie ein Ruhm werden. Der Glaubende riihmt 
den, dem er glaubt, nicht sich selbst." 2 ) Zwei verschiedene Darstellungen 
des ,,sola fide" ! Dort der Verzicht auf jegliche Gott bewegende Aktivitat 
des Sunders und der Blick auf den Heiligen von Karfreitag und Ostern, 
den Menschen, der ,,iustificat Deum"; hier die Gleichzeitigkeit des neu- 
geborenen Sunders mit dem Heiligen, die ihn zum Heiligtum und Eigen- 
tum Gottes macht ; dort das Stillesein vor dem Werk des einen Gerech- 
ten, hier die Bewegung des von Gott ,,emgenommenen" Gerechten, 
der als Glaubender Gott recht ist. Zwei Auffassungen, die logisch be- 
trachtet sich gegenseitig auszuschlieBen scheinen, und doch nur die 
gottliche Riickfuhrung der Kirche zu der alten Antinomic von Gottes 

1 ) Der Brief des Jakobus, 1932, S. 52. 
a ) Gottes Gerechtigkeit, S. 140. 150. 

125 



Gnade und menscHichem Wirken sind, die unser diskursives Denken 
nicht ,,fassen" kann, die uns aber der Geist Gottes erkennen und be- 
wahren lehrt in der Gemeinschaft derHeiligen. Zugleich aber auch das 
gottliche Angebot, nunmehr die vollstandige Antwort des Evangeliums 
auf die moderne Frage seit der Reformation geben zu konnen: wie der 
einzelne Mensch seiner selbst und Gottes und der Welt gewiS werde 
worin ja alle ethischen, wirtschaftlichen, politischen und religiosen- 
Fragen der Neuzeit enthalten sind , aber auch wie der Einzelne vor 
Gott eine Statte werde, wo Gott sich wiederfindet. 1 ) 

1 ) Parallel diesen Bemuhungen Adolf Schlatters um ein neues und vollstandiges 
Verstandnis der biblischen Rechtfertigungslehre ,,allein durch den Glauben" lauft 
auch der Versuch der analytischen Rechtfertigungslehre Karl Holls: das gott- 
gemaBe rechte Verhalten des Glaubenden, den Gott rechtfertigt, 1st ideell schon im 
gottlichen Rechtfertigungsurteil enthalten, wird aber erst im Glaubensleben 
nach und nach ,,verwirklicht". ,,Wenn Gott den Sunder in dem Moment, in dem er 
nur Sunder ist, fur gerecht erklart, so antizipiert er das Resultat, zu dem er selbst 
den Menschen fuhren wird. Sein Kechtfertigungsurteil ist analytisch" (Karl Holl, 
Die Rechtfertigungslehre im Lichte der Geschichte des Protestantismus, S. 9). 
Sicherlich ist Holls kausale Begriindung der Rechtfertigung erne ,,neue Konstruk- 
tion der Rechtfertigungslehre Luthers" (Vgl. dazu W. Walther in: Neue kirchl. 
Zeitschrift, 1923, S. 50ff.). Sie entspricht auch nicht-dem biblischen Tatbestand. 
Dennoch sind solche Versuche einer Neugewinnung und Neugriindung der Recht- 
fertigungslehre Luthers der dogmatischen und exegetischen Entwicklung ent- 
sprechender als das Bemuhen einer einf achen Repristination der Gedanken Luthers, 
zumal es dabei allzuoft nach dem Wort Riickerts geht: ,,Des Glaubens Bilder 
sind unendlich umzudeuten, das macht so brauchbar sie bei so verschiednen 
Leuten." Oder aber die Begriffe reformatbrischer Scholastik Luther hat zuerst 
vor ihnen gewarnt! legen sich wie eine undurchdringliche. Mauer yoi: das Worb 
Gottes. Selbst Emil Brunner ,,Vom Werk des Heiligen Geistes", drei Vor- 
lesungen, 1935, S. 27 ff ., aus denen ich dankbar gelernt habe , dem sich ,,eine 
bloBe Wiederholung der iiberlieferten Formulierungen verbietet ebensosehr von 
der Seite der bibh'schen Lehre wie von der geistigen Situation der Gegenwart 
her" und dem sich ,,unabweisbar die Frage nach dem Zusammenhang des~gott-. 
lichen und menschlichen Tuns im Glauben" stellt (a. a. 0. S. 3 u. 42), iiber- 
windet noch nicht die traditionelle Bedeutungslosigkeit des konkreten Glaubens- 
gehorsams fur den gottlichen Zuspruch der vollkommenen iustitia aliena Christi 
an den Glaubenden. Nicht bestritten wird mit Luther und Calvin :wir 
besitzen die unsichtbare Gerechtigkeit Christi nur zugleich mit einem empirischen 
Abglanz derselben in unserer konkreten Existenz, beides in der Einheit des Heiligen 
Geistes geschehend ,,sola fide", der ,,aus Christo und den Christen ein Kuchen 
und ein Leib" (Luther) macht. Aber und das sagt Brunner nicht eben diese 
Einheit von verborgener Gerechtigkeit Christi und empirischer Gerechtigkeit 
des Glaubenden, die nichts ,,Zweites" und ,,Spateres", nur Darstellung der heun- 
' lichen deiformitas und ,,participatio substantiae Christi" (Calvin) hier und jetzt 

126 



"* 11. Reformatorische Rechtfertigungslehre als bleibende 

Aufgabe des Wortes Gottes 

~Die Kirche ist die vollstandige Antwort auf die Frage der Recht- 

-fertigung und darin das wahre Evangelium fur unsere Zeit und 

Menschheit noch schuldig. Weder -in der Conf essio Augustana noch 

- im Tridentinum ist sie enthalten und~konnte sie nach Lage der Dinge 

. nicht enthalten sein. Wenn die Kirche das nicht an der Hilflosigkeit 

und Unsicherheit der christlichen Welt von heute wahrnimmt, sollte sie 

es vom Worte Gottes und seinen Zeugen vernehmen, die nach der Er- 

fullung der reformatorischen Sendung rufen, ,,mit .dem Angriff zuriick- 

stoBend bis zur Reformation". 1 ) Eine Repristination vergangener theo- 

logischer 'Anschauungen kann eben dazu nicht helfen, sowenig man 

- ohne sie auskommen wird. Es ist ,,unm6glich, heute Luthers Theologie 

einfach zu wiederholen. Die neue Geisteslage fordert eine neue Gestalt 

des christlichen Dogmas" (Paul Althaus). Mehr noch: Erfiillung des 

Begonnenen, das der Herr der Kirche und der Menschheit vor vier- 

hundert Jahren durch das Wort des Apostels Paulus in Bewegung ge- 

setzt hat und nunmehr zur gottlichen Vollendung bringen will durch 

das Wort des Apostels Jakobus. Durch das ganze Wort das ganze 

Evangelium fur die Menschheit unseres Zeitalters und der Zukunft, die 

darauf wartet, warten soil nach dem gottlichen Plan der Geschichte, 

der nur einen GrundriB hat: Christus, ,,das Geheimnis seines Willens" 

(Eph. 1, 9). Diesen ,,Christus allein", der nur durch Glauben das 

^tfanszendentale Ich" des Menschen vor Gott und in Gott wird, als das 

Evangelium Gottes an die Welt zu wahren, ist die bleibende evangelische^ 

und kathohsche Sendung Luthers und -der reformatorischen Bekennt- 

nisse. Wie diese Befreiung des Menschen zu seinem wesenhaften ,,Ich" 

durch ,,Glauben allein" zu denken und zu verwirklichen sei, das wartet 

noch der dogmatischen Bestimmung (,,sententialiter determinare") aus 

, Vdem Zeugnis der Heiligen" Schrift Und aus der Erfahrung der Kirche, 

-^einer Bestimmung, die hinausgeht tiber die Position und Negation der 

.Bekenntnisse des "sechzehnten Jahrhunderts. 2 ) Nicht eher wifd das Gift 

ist, vom Geist gewirkt, der den Herrn verklart und uns in ihm dies Ganze 
ist die Gerechtigkeit des Neuen Bundes, die von Gott kommt und vor ihm gilt, 
-weder tridentinisch noch reformatorisch, aber wie wir meinen -neutestament- 
ich verstanden: ,,eine Kraft Gottes" ,,aus Glauben in Glauben" (Rom. 1, 16 f.). 

J ) H. E. Weber, a. a. 0. S. 107. 

2 ) Nicht als Korrektur des ,,articulus stantis et cadentis ecclesiae", den auf- 
zustellen und fiir alle Zeiten f estzuhalten der Auftrag Luthers und der Kirqhe der 



des neuprotestantischen Modernismus im Leibe der Kirche neutralisiert 
werden konnen, und erst dann wird der Auftrag reformatorischer Frage- 
stellung erfiillt sein. Nicht zuletzt gegeniiber dem Tridentinum. 

Karl Holl schloB 1905 einen Yortrag iiber ,,Die Rechtfertigungs- 
lehre im Liclit der Geschichte des Protestantismus" mit der Feststellung: 
j,Antinomien bleiben zuriiek. Es 1st theoretisch ein Widerspruch, daB 
der Mensch sich zugleich als mitinbegriffen unter der alles urrifassenden 
Macht Gottes ftihlen und sich doch als ein Ich Gott gegenuberstellen 
soil. Keine Logik vermag diese Antinomien aufzuheben. Wir sind hier 
an einer Grenze menschlichen Erkennens. Man tut besser, sie zu respek- 
tieren und die Widerspriiche nebeneinander stehen zu lassen, als die 
Kraft der einzelnen Gedanken durch doch nie wirklich gelingende Aus- 
gleichsversuche zu schwachen.'*' Wir meinen, das Zeugnis des Jakobus 
von der Rechtfertigung beglaubige diese Feststellung, und es sei an der 
Zeit, daraus die esegetischen, dogmatischen, kirchengeschichtlichen und 
seelsorgerlichen Folgerungen zu ziehen. Das Ausweichen Tor dieser im. 
Wort Gottes gebotenen Aufgabe ist im Zeitalter, da Theologen und 
Mchttheologen ? Kirche und Welt nach Neubesinnung und Neuordnung 
der Kirche. kirchlichen Lebens und kirchlichen Auftrags rufen, schwer- 
wiegender als alle Angriffe und Fehlschlage. J3 Die moderne Luther- und 
auch Calvin-Renaissance hat eben als Renaissance darin ihren hochst 
bedenklichen Fehler, daB vielfach an die Stelle eigener exegetischer Be- 
muhung ein ,Lutherus disit' oder 3 Calvinus dixit { tritt . . . Wir waren 
keine rechten Zeugen als Theologen und keine rechten Theologen als 
Zeugen. "wenn wir nicht die Fortschritte der Exegese dankbar bejahten." 1 ) 

Eeformation war und ist; als neue dogmatisclie Fassung der ,,Rechtfertiguiig alleiii 
durcli den Glauben", die dnreli das Zeugnis der Heiligen Schrift, durcli die Er- 
fahrungen der Kirche seit 1530, durcli die Kontroverse mit der romisch-katholischen 
Haresie von heute gefordert ist. ,,Es gilt, der gewonnenen reinen, reichen Lehre die 
voile Anwendung nach alien Seiten hin zu geben . . . Man sei nicht zu engherzig 
im Festhalten gewisser seit der Reformation bestehender Formen und AuJ3erlich- 
keiten. Manche Thesis ist ohne Antithesis, manche Antithesis ohne Thesis geblieben. 
Mancher JVfiCbrauch ist samt dem frommen Gebrauch dahingeworfen worden. 
Manches ist bloB aus Polemik wegge-worfen worden, und man hat nicht beachtet, 
daJ3 nach uberflussig gewordener Polemik das Weggeworfene wieder aufgenommen 
werden durfte" (Lohe, Drei Bucher von der Kirche, S. 150). ,,Wir bedurfen 
keiner neuen Reformation, sondern der Fortf uhrung der alten" (Martin Rade, 
a. a. O. S. 32). 

x ) Karl Ludwig Schmidt in ,,Jesus Christus im Zeugnis der Heiligen Schrift 
und der Kirche", 1936, S. 31. ,,Selbst die konfessionelle Theologie der jungsten 
Zeit ist dieser Aufgabe (sc. ,die Bekenntnisschriften im Akt des exegetischen Nach- 

128 



Die lutherische Kirche wurde sich unglaubwurdig vor ihren Vatern und 
mit ihrer Trennung von der romisch-katholischen Christenheit machen, 
wenn sie nicht ein off enes Ohr fiir das neue Reden ihres Herrn aus seinem 
Wort hat und jederzeit zu dem Eingestandnis bereit 1st, ,,daB man in 
anderen Jahrliunderten nicht nur irrig und verwirrend auf Gottes Wort 
gehort hat und die Geschichte der Kirche nicht erst im Jahre 1517 
begann," wir also willig sein mussen, ,,den Abwehrkampf der Refor- 
mationszeit daraufhin zu prufen, ob er in vollem MaBe und iiberhaupt 
berechtigt war." 1 ) ,,Die reine Kirche behalte, was sie hat. Sie nehme es 
ferner mit jedem Irrtum genau. Sie spreche nein, eia einf aches, ruhiges, 
festes, leidenschaftsloses Nein zu allem, was nicht wahr ist. Sie bleibe 
sich gleich in diesem Zeugnis von Anf ang bis zum Ende. Sie spreche aber 
auch ja, ein einf aches, ruhiges, frohliches Ja zu allem, was wahr ist s 
es finde sich, wo und auf welcher Seite es will . . . Sie verfahre im Sinne 
der Wahrheit immer concedendo, wo sie's kann, und negando, wo es 
nicht anders ist. Sie vergebe der Wahrheit keinen Tiittel . . ." 2 ) Man 
wittere an dieser Stelle nicht Umsturz oder Undank, nicht theologischen 
Eklektizismus oder protestantische Eigenwilligkeit. Was wir erstreben 
und worum wir bitten, ist allem, daB sich die Kirche und ihre Theologie 
in die gottliche Bewegung des Wortes Gottes und des Geistes hinein- 
nehmen lasse, die sie unaufhorlich ,,in alle Wahrheit leiten" wollen und 
keinen Stillstand dulden, weil ihre Bewegung die Kirche mit heiliger 
Zielstrebigkeit immer naher ihrer herrlichen Zukunft bringen will, von 
der geschrieben steht: ,,Dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich 
erkannt bin" (1. Kor. 13, 12). Wir vertreten den ,,Fortschritt" der 
Kirche, der nichts anderes ist als das Vorwartsschreiten des Brautigams, 
der naht, sich seine Braut zu holen, ,,bereitet als eine geschmuckte 
Braut ihrem Mann" (Offbg. 21, 2). Zu diesem Schmuck der Braut wird 
auch die Mehrung der Erkenntnis dessen gehoren, dem sie entgegen- 
harrt und in dem alle Schatze der Erkenntnis verborgen liegen. 

vollzugs als Schriftauslegung zu lehren') oft auffallend aus dem Wege gegangen, 
indem sie das Auseinanderklaffen von exegetiseher Forschung und dogmatisclier 
Lehre innerhalb ein und derselben Kirche oft mit einer wahrhaft unerlaubten 
Unbekummertlieit ertrug. Durcb. diese ganze Situation.ist die rechte Stellungnahme 
zum Anspruch der Bekenntnisschriften nicbt erleichtert; und man wird guttun, 
diese Stellungnahme sicb Scbritt fur Schritt in aller exegetiscben Sorgfalt zu er- 
arbeiten, indem man zunachst bei einem einzekien entscbeidenden Lebrstuck der 
Bekenntnisschriften einsetzt" (Schlink, a. a. O. S. 13). 

*) Hans Asmussen, Die Kirche und das Amt, 1939, S. 9. 16. 

*) Lobe, Drei Bucher von der Kirche, S. 157. 

9 Lackmann, Sola fide 129 



,,Es versteht sich von selber, daB man beim Vorwartsschreiten der 
Vorsicht bedarf und den Leitfaden der alien Zeit in der Hand behalten 
muB. Auch kann man ja freilich fehlen und irren, und muB dalier auch ; 
Warnung, ja Vorwurf und Geschrei zur Linken und zur Rechten be- 
achten, anhalten im Lesen und Forschen und Beten. Der Herr aber wird 
es dennoch den Aufrichtigen gelingen lassen und die Bichtung segnen, 
welcher wir angehoren" (Lohe). 

Alles, was seine Wahrheit verdunkelt, moge er hinwegtun; alles, 
was die ,,magnalia Dei" preist, fordern und segnen. Wo immer die eine 
heilige, allgemeine und apostolische Kirche in des Sohnes Namen den .. 
Vater bittet, da gifr Du den Heiligen Geist der Wahrheit, der den Sohn 
verklare in uns und uns in Dir! 

,,Lux crescit in dies: per adversa ad victoriam enititur veritas: 
multis de rebus posteritas aliter iudicabit. O Deus, Tuo iudicio stat 
caditve, quiquid stat vel cadit : quod per me operari dignatus es, .tuere : 
lectorum et mei miserere . . . Tibi est Gloria et esto in perpetuum" 
(Bengel). 1 ) 

1 ) Nach AbschluB der Arbeit liegt mir das Tagebuch eines evangelischen Geist- 
lichen ,,Metanoeite" von Hans Lutz (1947) vor, indem es heifit: ,,Glauben und Ge- 
horsam gegen den Willen Gottes gehoren untrennbar zusammen . . . Diesen Ge- 
horsam anerkennt Gott und belohnt ihn, obwohl er immer unwurdiger Gehorsam 
ist. Das Heil wird uns nicht ohne den Ernst der handelnden Hingabe an Gottes ,' 
Willen zuteil. Das ist doch aber nichts anderes als: die guten Werke sind heils- 
notwendig. Ja, sie sind das Heil selbst, soweit es auf Erden anbricht . . . Allein 
durch Glauben, diese Formel setzt ja immer voraus, dafi Glaube gleich ist Glaube 
und gute Werke . . . Ich poche nicht auf die Werke, sondern auf die Gnade; diese 
Gnade aber bat sicb an die Werke gebunden. D. h. sie mrd mir nicht ohne die 
Werke zuteil. In diesem Sinne ist es durchaus moglich, zu sagen, dafi die Werke 
die Gnade verdienen. Sie verdienen sie unverdientermaJBen, aber nach der Ordnung 
Gottes. Das ist okumenisch-christliche Lehre. Glaube, Gnade, Rechtfertigung und 
Heil sind in beiden Konfessionen untrennbar miteinander verwoben, und zwar ik 
gleicher Weise. Wo noch Unterschiede gelehrt werden, handelt es sich um ungeklarte 
Begriffe, die nach Klarung der Untersehiede einebnen. Wir durfen da nicht mehr 
die Pormulierungen des sechzehnten Jahrhunderfcs gegeneinander aufmarschieren 
lassen, die aus einer konkreten Situation entstanden und deshalb mit bestiinmten 
Schwergewichten belastet sind, in der Sache selbst aber weniger divergieren, als es 
den Anschein hat" (S. 139). Wenn ich die Losung der konfessionellen Kontroverse 
auch nicht fur so emfach halte, wie Lutz sie sich darstellt, so ist doch dem ange- 
deuteten Wege in der Sache des Problems von Herzen zuzustimmeu. 



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